10 Fragen

10 Fragen an eine Person mit Borderline-Persönlichkeitsstörung, die du dich niemals trauen würdest zu stellen

Bist du eine Gefahr für andere Menschen? Sind alle Borderlinerinnen Nymphomaninnen? Wie hält es dein Freund mit dir aus?

von Paul Hertzberg
23 Juni 2018, 9:45am

Alle Fotos: Viktoria Grünwald

Louisa kann ihren Emotionen nicht trauen. "Ich muss die immer hinterfragen", sagt sie. "Ich darf mich nicht von meinen Gefühlen leiten lassen." Deswegen versuche sie, nie im Zorn einen Kontakt abzubrechen, nie jemandem zu schnell ihre Zuneigung zu gestehen. Also schläft sie noch eine Nacht darüber, dann, am nächsten Morgen, überprüft sie, ob die Gefühle noch da sind.

Louisa ist Borderlinerin. So wie ihr geht es 2,7 Prozent der deutschen Bevölkerung. Borderliner leiden an instabilen Emotionen und extremen Stimmungsschwankungen. Das belastet ihre Beziehungen und ihre Selbstwahrnehmung. Louisa sagt über sich selbst, sie wisse nicht, welcher Teil von ihr ihre Krankheit, welcher ihre Persönlichkeit ist. "Deswegen heißt es auch Borderline-Persönlichkeitsstörung", sagt sie. "Weil deine ganze Persönlichkeit irgendwie gestört ist."

Louisa ist 22 Jahre alt und studiert Spanisch und Englisch, um irgendwann als Übersetzerin zu arbeiten. Seit einem Jahr hat sie einen Freund und befinde sich im Moment, so sagt sie, in einer stabilen Phase. Trotzdem vergesse sie ihre Krankheit keine Sekunde lang. Sie sagt: "Es ist manchmal so anstrengend, sich bewusst zu sein, dass man krank ist." Wir haben Fragen.

VICE: Wie sehr brauchst du Medikamente, um zu funktionieren?
Louisa: Vor zweieinhalb Jahren war ich im Krankenhaus und wurde dort medikamentös eingestellt. Seitdem nehme ich jeden Tag Antidepressiva. Die Depression gehört zu meiner Krankheit, neben einer Angststörung und einer Sozialphobie. Die Pillen helfen mir, morgens aus dem Bett zu kommen. Gleichzeitig kann ich jederzeit Beruhigungsmittel nehmen. Damit kann ich mich runterbringen, falls Selbstverletzungs- oder Suizidgedanken aufkommen. Die Medikamente haben aber Nebenwirkungen. Wenn ich zu wenig Wasser trinke, zittern meine Hände wie bei einer Alkoholkranken, die das nächste Glas Wodka braucht. Außerdem stellen sich meine Pupillen schwer auf die richtigen Lichtverhältnisse ein. Am Anfang war das, als wäre es sehr hell und alle bis auf mich hätten eine Sonnenbrille auf. Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt.

Was war das Schlimmste, was du getan hast, bevor du Medikamente genommen hast?
Der schlimmste Abend, den ich je erlebt habe, muss von außen völlig unspektakulär ausgesehen haben. Ich habe mich nicht verletzt und auch niemanden attackiert. Ich war alleine zu Hause und wie gelähmt vor Angst. Erst wegen des Gedankens, am nächsten Tag zur Arbeit gehen zu müssen, dann vor mir selbst, weil ich nicht mehr wusste, ob ich mir etwas antun würde. Ich kann mich an kaum etwas von diesem Abend erinnern, bis auf dieses intensive Panikgefühl. Irgendwann habe ich es geschafft, meine Therapeutin anzurufen. Da bin ich ins Krankenhaus gekommen.

Davor habe ich mich jahrelang selber verletzt. Erst habe ich mich mit kleinen Dingen gekratzt, mit einer Schere oder mit der Klinge eines Bleistiftanspitzers, die ich ausgebaut habe. Irgendwann habe ich zu Rasierklingen gegriffen, die Wunden wurden größer und die Narben auch. Ich schneide mich nicht mehr, aber ich weiß, was es mir geben würde, es zu tun: Schmerz schüttet Glücksgefühle aus. Der Körper macht das sicher, um mit der Situation besser klarzukommen. Mir haben die Schmerzen geholfen, Schmerz besser zu ertragen. Wenn du Schmerzen hast, beweist das dir selbst, dass du noch da bist.

Wie viele Menschen nehmen deine Krankheit nicht ernst?
Meine Krankheit nehmen die Menschen ernst. Das Problem ist, dass sie mich häufig nicht ernstnehmen. Wenn ich eine Entscheidung treffe, fragen sie mich, ob ich nicht noch einmal eine Nacht darüber schlafen möchte. Das alles impliziert, dass meine Gedanken überzogen, oder meine Gefühle zu extrem seien. Beides gehört zu den Merkmalen einer Borderline-Erkrankung, aber es ist sehr schwer, den Menschen klarzumachen, dass ich trotzdem fundierte Entscheidungen treffe und nicht nur spontane Ideen habe. Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt. Aber ich musste lernen, für meine Ideen zu kämpfen.

Wie viele Freundschaften hast du wegen deiner Krankheit verloren?
Einige. Aber nicht, weil ich sie vergrault habe, sondern wegen meiner Passivität. Bei vielen habe ich mich nicht mehr gemeldet, weil ich mir eingebildet habe, sie könnten mich ohnehin nicht leiden. Andere habe ich nicht mehr nach Treffen gefragt, weil ich Angst davor hatte, zurückgewiesen zu werden.

Es gibt unterschiedliche Borderline-Erkrankte. Ich gehöre zu den stillen. Ich richte die Krankheit gegen mich selbst, denke viel über sie nach und verzweifle daran. Es gibt aber auch die lauten Borderliner. Die sind extrovertiert, explodieren schnell und fangen viel Streit an. Diese Borderliner prägen auch das Bild der Krankheit in der Öffentlichkeit.

Wie hält es dein Freund mit dir aus?
Dafür braucht es zwei Sachen. Zum einen musste ich lernen, alles zu kommunizieren. Ich zwinge mich, alle meine Gedanken mit meinem Freund zu teilen, auch die, bei denen ich annehme, dass sie Blödsinn sind. Er bestärkt mich dann, sagt mir, dass das völlig normal ist, und dass zwischen uns alles in Ordnung ist. Zum anderen habe ich gelernt, mit meiner Krankheit umzugehen. Ich war früher extrem eifersüchtig. Wenn mein Freund nur mit einem Mädchen geredet hat, wusste ich, dass sie ihn mir ausspannen will oder er auf sie steht. Inzwischen kann ich mir klarmachen, dass das nicht so ist.

Ich muss eben alle meine Gefühle kritisch hinterfragen. Die positiven genauso wie die negativen. Letzteres fällt mir aber deutlich schwerer. Ich möchte andere Menschen ja mögen.


Auch bei VICE: Wie einsame Menschen über Apps virtuelle Beziehungen führen


Bist du eine Gefahr für andere Menschen?
Nein. Und alle Borderliner, die ich kenne, sind es auch nicht. Das ist eine Idee aus Horrorfilmen, in denen die Borderlinerin als eifersüchtige Psychopathin ihren Ex-Freund und dessen neue Freundin absticht. Mich fragen Menschen tatsächlich immer wieder, ob das stimmt. Dann sage ich, dass sie am besten alles, was sie in den Medien oder in Filmen über Borderline gelernt haben, vergessen sollen.

Tatsächlich sind viele Borderliner sehr empathisch. Ich kann mich sehr gut in Menschen hineinversetzen, die Schwierigkeiten haben. Ich weiß ja, wie es sein kann, wenn man gerade Stress hat. Ich kann deswegen sehr gut für jemanden da sein und emotionalen Support geben.

Bist du eine Belastung für deine Freundinnen, Freunde und deine Familie?
Oft denke ich das, ja. Deswegen habe ich lange nicht mit meiner Familie über meine Psyche geredet, weil ich Angst hatte, nicht ernst genommen zu werden oder sie damit zu sehr zu belasten. Stattdessen habe ich alles in mich hineingefressen, mich in mein Zimmer verzogen und mich dort verschanzt. Das hat sich erst geändert, nachdem ich ins Krankenhaus gekommen bin. Da wurde auch meiner Familie klar, wie ernst die Sache ist. Mit 19 die offizielle Diagnose zu bekommen, hat mich bestärkt. Es gab endlich eine Begründung für das, was mir passierte.

Sind alle Borderlinerinnen Nymphomaninnen?
Das ist eines der am weitesten verbreiteten Vorurteile. Und, ehrlich gesagt das, das mich am meisten stört. Die Antwort ist übrigens nein. Bei mir ist es im Moment zum Beispiel so, dass ich kaum Lust auf Sex habe. Das liegt an den Antidepressiva, die die Libido extrem dämpfen. Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, wie es sich anfühlt, wirklich Lust zu haben. Aber natürlich unterliegt auch das dem Auf und Ab der Krankheit. Es gibt Phasen, in denen Borderliner nicht genug bekommen können. Aber das trifft auch nicht auf alle zu. Was aber sicher so ist, ist, dass Borderliner, auch wenn es um Sex geht, impulsiver sind als gesunde Menschen. Wir tun uns leichter damit, mal eben mit jemandem mitzugehen. Wir bauen schneller Bindungen zu anderen Menschen auf.

Wann erzählst du Dates von deiner Krankheit?
So schnell wie möglich. Sicher nicht im ersten Satz, aber auf jeden Fall beim ersten Date. Ich möchte denen die Möglichkeit geben, einen Rückzieher zu machen. Mit einer Borderlinerin zusammen zu sein, erfordert viel Energie und Stabilität. Das kann nicht jeder leisten. Und da hat auch nicht jeder Bock drauf. Es würde für mich auch wenig Sinn machen, das nicht zu erzählen. Jeder, der mich kennenlernt, sieht sofort die Narben an meinen Armen.

Was vermisst du von dem, was manche ein geregeltes Leben nennen?
Emotionale Stabilität natürlich. Und die Fähigkeit, Dinge zu Ende zu machen. Wenn mir etwas einfällt, muss ich es sofort tun, sonst ist es wieder weg. Und ich mache diese Dinge dann nie zu Ende, sondern alles nur zur Hälfte. Überall um mich herum liegen Dutzende angefangene Projekte. Dazu kommen die Stimmungswechsel, das permanente Hinterfragen von allem und das Nachdenken darüber, was normal ist und was nicht. Das ist wie bei einem Handy, auf dem permanent 20 Apps im Hintergrund laufen, ohne dass man sie schließt. Das verbraucht extrem viel Akku.

Borderlinerin werde ich mein Leben lang bleiben. Ich habe das Gefühl, dass das bedeutet, ein Leben lang emotional ein Teenager zu bleiben. Diese Impulsivität, dieses kindliche Freuen. Wenn ich daran denke, dass ich mit 50 noch so bin, aber mein Bekanntenkreise erwachsen und abgeklärt ist, dann habe ich Angst.

Notrufnummern für Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung und anderen psychischen Notfallsituationen bieten Hilfe für Personen, die Unterstützung brauchen – oder sich Sorgen um einen nahestehenden Menschen machen. Die Nummer der Telefonseelsorge in Deutschland ist: 0800 111 0 111. Hier gibt es auch einen Chat. In dieser Liste sind bundesweite Anlaufstellen für Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung aufgeführt.

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.