Logbuch

24 Stunden an Bord der 'Sea Watch 3', die nicht in Italien anlegen darf

"Warum müssen wir fast sterben, nur um ein Stück Freiheit abzukriegen?"

von Till Egen
25 Juni 2019, 2:05pm

Alle Fotos: Till Egen

Seit dem 9. Juni ist das Rettungsschiff "Sea Watch 3" mit einer internationalen Crew von 22 Personen im Mittelmeer unterwegs. Am 11. Juni kam die Crew im libyschen Küstengebiet an und nahm 53 Migranten an Bord. Derzeit sind es noch 36 Männer und sechs Frauen. Elf Geflüchtete, die von der Crew "Gäste" genannt werden, wurden mittlerweile von der italienischen Küstenwache an Land gebracht, weil sie medizinische Hilfe benötigten.

Vom ersten Tag der Mission an war auch Filmemacher Till Egen dabei. Für uns hat er einen Tag lang das Leben auf dem Schiff aufzeichnet, in Text und Bild. Sein Protokoll erreicht uns über WhatsApp, Nachfragen zu stellen ist schwer, die Internetverbindung bricht immer wieder ab. Nach drei Tagen klappt es endlich, alle Informationen sind bei uns angekommen. Am Abend, sagt Till bei unserem letzten Gespräch Dienstagmittag noch, läuft das Ultimatum der Klage gegen Italien am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ab. Die Hoffnung, dass sie die nächste Nacht an Land verbringen können, ist deshalb groß.

8.15 Uhr: Frühstückszeit. Während die meisten unserer Gäste noch schlafen, um sich von den Strapazen der Flucht zu erholen, bekommen die anderen eine Ration Tee und High-Nutrition-Kekse. Die 42 Menschen, die mit mir an Bord sind, haben wochenlang in libyschen Gefangenenlagern ausgeharrt, unter menschenunwürdigen Bedingungen.

Sie sind aus den unterschiedlichsten afrikanischen Ländern durch die Sahara nach Libyen geflohen. Welche genau, das möchte ich nicht sagen, um sie zu schützen. Viele haben Wunden von Hieben, sie berichten, in den libyschen Lagern verprügelt worden zu sein, Frauen erzählen von Übergriffen, Menschenhandel und Sklaverei. Einige haben auf der Reise Freunde und Verwandte verloren. Bei uns an Bord sind nur die, die es geschafft haben. Viele sind sichtlich unterernährt und müssen sich langsam wieder an eine umfangreichere Ernährung gewöhnen. Ein Mann sagte mir eben: "In Libyen gab's zum Frühstück eine Tracht Prügel."

Gerrettete dösen auf dem Deck der Sea Watch 3
Gerettete dösen auf dem Deck der Sea Watch 3

9.30 Uhr: Bei einem allmorgendlichen "Morning Meeting" erklären Crewmitglieder aktuelle Entwicklungen zur politischen Lage und versuchen, sich bestmöglich nach dem Wohlbefinden der teils schwer traumatisierten Menschen zu erkundigen. Unsere gesamte Crew, aber besonders das vierköpfige Ärzteteam, arbeiten unermüdlich im Schichtdienst, um den individuellen Bedürfnissen aller gerecht zu werden. Die Situation wird mit jedem Tag angespannter. Die Menschen sehen das Land, aber wir dürfen nicht anlegen. Nur zwölf Seemeilen trennen sie von der Freiheit.

Gerrettete stehen ums Essen an
Gerettete stehen für Essen an

10.30 Uhr: Um von den Erlebnissen auf der Flucht abzulenken, werden mit große Hingabe alle erdenklichen Spiele gespielt. Andere lesen oder lernen Deutsch, Französisch oder Englisch. Chad, unser Elektriker aus Oakland, hat sich Karten geschnappt und bringt einer geflüchteten Frau Blackjack bei.

Ein Crew-Mitglied und ein Gerretteter spielen Schach
Zwei Gerettete spielen Schach

11.30 Uhr: Unsere Kapitänin Carola Rackete checkt das Radar auf der Brücke. Seit einer knappen Woche fahren wir zwischen 15 und 20 Seemeilen vor der Küste von Lampedusa umher, wir müssen häufig den Kurs ändern, um Fischerbooten auszuweichen. Nebenher schweißt Moje, unser leitender Maschinist, etwas an der Eingangstür der Brücke, dem Brückenschott, herum, da der Verschlussmechanismus nicht mehr einrastet.

12.05 Uhr: Kurz bevor das Mittagessen ausgeteilt wird, schnappt sich Isaac den Rasierer und verteilt noch den ein oder anderen Haarschnitt. Isaac lächelt und sagt: "Ich genieße das wirklich, das ist mein erster richtiger Haarschnitt seit Monaten."

Isaac aus Ghana rasiert einen Mann
Isaac aus Ghana rasiert einen der Männer an Bord

13.25 Uhr: Um der unerträglichen Hitze auf dem Deck des Schiffes zu entkommen, suchen sich viele ein schattiges Plätzchen, um eine Siesta zu machen. Andere halten Ausschau, denn die Südküste der Insel Lampedusa ist in Sichtweite. Europa zu erreichen ist für fast alle hier ein Lebenstraum. Mohammed fragt mich: "Warum müssen wir fast sterben, nur um ein Stück Freiheit abzukriegen?"

14.10 Uhr: Essenszeit. Es gibt wie so oft Reis mit Soße, wie immer serviert aus unserer Küche, die wir nur noch "Rice Kitchen" nennen. Die Crew hat genug Proviant eingekauft, bevor wir an der sizilianischen Küste abgelegt haben. Wir haben Couscous und Reis für Monate. Auch Erbsen, Knoblauch, Tomaten. Die Gäste kriegen auch mal frisches Obst – aber sie sind da teilweise gar nicht dran gewöhnt, weil sie sich in den letzten Monaten nur schlecht ernähren konnten. Nach dem Mittagessen wird abgewaschen, immer im Wechsel. "Jeder muss mal ran", sagt Saba mit einem warmen Lächeln.

Die Essensausgabe
Die Essensausgabe

15.10 Uhr: Verena, eine unserer vier Medizinerinnen, wechselt die Verbände der mehr oder weniger gut abheilenden Wunden und kümmert sich um die medizinische Versorgung unserer Gäste. In den libyschen Gefangenenlagern war Gewalt an der Tagesordnung und die schlechten hygienischen Bedingungen haben viele Infektionskrankheiten zur Folge.

16.01 Uhr: Jonas, ein weiterer Mediziner, liest einigen Leuten Geschichten vor. Literatur und persönliche Geschichten kommen bei unseren Gästen sehr gut an.

18.25 Uhr: Auf Deck werden Klamotten in dafür vorgesehenen Eimern gewaschen und auf Wäscheleinen getrocknet, die quer über das Deck gespannt sind. Zeitgleich verteilt unsere Crew frische Klamotten auf einem der unteren Decks.

Frauen bei der Klamotten-Ausgabe
Frauen und Männer bei der Klamotten-Ausgabe

19.35 Uhr: Unsere Gäste stellen sich, wie jeden Tag dreimal, in einer Reihe an, um sich ihre Essensportion abzuholen. Kante sagt mir: "Wer wirklich hungrig ist, darf sich auch mal vordrängeln. Wir sind hier alle im selben Boot. Wir sind ein faires Team." Wasser gibt es zum Glück genug. Mit einem speziellen Gerät können wir sogar aus Salzwasser Frischwasser produzieren.

20.30 Uhr: Nach dem Abwasch bilden sich kleinere Grüppchen und es wird sich leise unterhalten.

22.35 Uhr: Langsam sinken die Temperaturen. Auf dem Hauptdeck wird es ruhiger, auch wenn die Anspannung und Frustration über das Verhalten Italiens unter der Federführung von Innenminister Salvini noch spürbar ist. Einige versuchen, sich mit Karten, Dame oder Schach abzulenken.

23.25 Uhr: Schlafenszeit. Bis auf wenige Ausnahmen haben sich unsere Gäste in ihre grauen Decken gewickelt. Hermann schaut mich an und fragt: "Wie lange müssen wir noch vor der Küste Italiens im Kreis fahren?"

Ein liegender Mann schaut nachdenklich durch das Schiff
Viele Migrantinnen und Migranten lesen Bücher, um sich abzulenken

23.50 Uhr: Das Ärzteteam wird darauf aufmerksam gemacht, dass einer unserer Gäste starke Schmerzen hat. Aufgrund der begrenzten Versorgungsmöglichkeiten an Bord entscheiden die Ärztinnen, die italienische Küstenwache zu kontaktieren, um einen medizinischen Nottransport zu organisieren.

03.15 Uhr: Ein Boot der italienischen Küstenwache "Guardia Costiera" kommt aus der Dunkelheit aus Richtung Lampedusa auf uns zugebraust, um mit einem spektakulären Manöver an der Sea Watch 3 anzulegen. Ein Arzt springt an Bord, um sich selbst ein Bild zu machen.

03.25 Uhr: Nach kurzer Besprechung mit unserem Ärzteteam und Einschätzung der Lage wird entschieden, dass die italienische Küstenwache den Patienten am Festland adäquat behandeln wird. Nur kurze Zeit später wird der unter starken Bauchschmerzen leidende Patient auf ihr Boot gehievt.

Die italienischen Sanitäter hieven den Mann auf ihr Boot
In der Nacht wird ein Migrant von der italienischen Küstenwache abgeholt, weil ihn unerträgliche Bauchschmerzen plagen

03.35 Uhr: Bis auf die beiden engsten Freunde des Erkrankten scheinen unsere Gäste soweit nichts von dem Notfall mitbekommen zu haben, da die Maschinen der Sea Watch 3 über die Unruhe der nächtlichen Abholaktion hinweggetöst haben. Einige der 22 Crewmitglieder können sich jetzt ein paar wenige Stunden Schlaf gönnen, um am nächsten Tag die Versorgung der Gäste gewährleisten zu können. Gleichzeitig schlafen wir nie. Irgendwer muss immer wach sein.

Eine Frau schaut in die Kamera
Die Frauen sind an Bord an der Unterzahl, von 42 Gästen sind nur sechs weiblich

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