Mitglieder des North Dublin Bay Housing Crisis Committee | Fotos von Deirdre Brennan

Generation ohne Bleibe: Die europäische Wohnungskrise spitzt sich zu

Die Gentrifizierung macht vor keiner Großstadt Halt. Junge Menschen sind besonders gefährdet, obdachlos zu werden. Wir haben mit Hausbesetzern, Aktivisten und Betroffenen in Dublin und Berlin gesprochen.

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Juli 13 2017, 5:00am

Mitglieder des North Dublin Bay Housing Crisis Committee | Fotos von Deirdre Brennan

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Sarah lebte seit drei Jahren in ihrer Wohnung in Dublin, als sie eine SMS von ihrem Vermieter bekam: Sie müsse raus, die Schwester des Vermieters wolle einziehen. Verzweifelt ging Sarah zu einer Wohnungsbesichtigung nach der anderen, doch meist bekam sie noch nicht einmal einen Rückruf. Andere Bewerber boten oft Tausende Euro in bar als Vorauszahlung. Da konnte die 29-Jährige nicht mithalten: Sie war alleinerziehend, in Teilzeit im Einzelhandel angestellt und auf staatliches Wohngeld angewiesen. Sie zog schließlich zu einer Freundin, doch die war schwanger und hatte schon einen Jungen, der etwas älter war als Sarahs Sohn. Sie teilten sich eine kleine Dreizimmerwohnung.

"Direkt nach meinem Auszug wurde meine alte Wohnung wieder ins Netz gestellt", erzählt mir Sarah im März, ein Jahr nach der SMS von ihrem Vermieter. Wir sitzen in einem Starbucks in einem Industrievorort von Dublin. Es war ihr zu heikel, mich in der Notunterkunft zu treffen, in die sie vor ein paar Tagen gezogen ist: ein von den Behörden gezahltes Hotelzimmer.

Sarahs Vermieter bot ihr die Wohnung eine Woche nach dem Auszug wieder an – für 450 Euro mehr Monatsmiete. Dabei hatte die Dreizimmerwohnung in einem schlechten Viertel schon vorher 1.000 Euro gekostet. "Schon das konnte ich kaum bezahlen", sagt sie. "Ich musste all meine Sachen einpacken und bei Freunden unterstellen. Ich habe aufgehört zu zählen, wie viele Wohnungen ich besichtigt habe." Ein Anwalt sagte ihr, sie könne den Vermieter wegen unrechtmäßiger Kündigung verklagen. "Aber ich habe auf Sofas übernachtet, ich habe ein Kind und ich musste arbeiten gehen. Mir hat dazu einfach die Energie gefehlt." Für eine Sozialwohnung mit zwei Zimmern, die sie besichtigte, verlangten die privaten Vermieter 1.100 Euro im Monat. Der Putz bröckelte von den Wänden und im Treppenhaus schrie die ganze Zeit eine Frau. Während ihrer erfolglosen Suche stiegen die Preise weiter. Sie erinnert sich an ihre Kindheit in der Sozialwohnung, die ihre Mutter inzwischen auch besitzt. Damals waren Sozialwohnungen nicht gerade gefragt, heute könnte der Kontrast nicht größer sein: Sarah steht seit sechs Jahren auf einer Warteliste für eine Wohnung in Swords, einer Satellitenstadt nördlich von Dublin. Letzte Woche habe man sie per Post informiert, dass noch "mehr als Tausend" vor ihr auf der Liste stehen.

Sarah, eine alleinerziehende Mutter, die aus ihrer Wohnung geworfen wurde und seither keine bezahlbare Mietwohnung in Dublin findet. Sie steht mit dem Rücken zur Kamera, damit ihr Arbeitgeber sie nicht erkennt.

Sarah ist Teil einer Generation junger Irinnen und Iren, die miterlebt hat, wie die irische Immobilienblase geplatzt ist, und die heute nur schwer eine Wohnung findet. Der Wirtschaftsboom, der Irland den Spitznamen "keltischer Tiger" einbrachte, endete 2008. Seither steigt die Zahl der Obdachlosen in Irland und besonders in Dublin. Hierbei spielen viele Faktoren eine Rolle, darunter stagnierende Löhne, steigende Mieten und massive Kürzungen der staatlichen Sozialprogramme. Jobangebote konzentrieren sich mehr in städtischen Gegenden, in denen bezahlbarer Wohnraum fehlt. Immer mehr Familien bewerben sich um Notwohnungen und eine wachsende Anzahl junger Menschen ist von der Obdachlosigkeit bedroht. Allein im letzten Jahr ist die Zahl der Obdachlosen in Irland um ein Viertel gestiegen, davon leben die meisten in Dublin. Multinationale Unternehmen wie Google und Facebook haben ihre Firmensitze in die Stadt verlegt und so die Nachfrage weiter in die Höhe getrieben. Also steigen die Mieten weiter, während Wohnungen immer mehr zur Mangelware werden.


Auch bei VICE: Die kriminellen Möglichkeiten in Zeiten der britischen Immobilienkrise


Die aktuelle Krise in Dublin ist Teil eines europaweiten Problems. Laut einem kürzlich erschienenen Bericht der FEANTSA (Europäischer Verband der nationalen Vereinigungen im Bereich der Obdachlosenhilfe) steigt die Obdachlosigkeit in fast allen europäischen Ländern. In London ist die Anzahl der Familien in temporären Unterkünften seit 2010 um 50 Prozent gestiegen. In Athen ist eine von 70 Personen obdachlos. Die Gründe mögen sich von Ort zu Ort unterscheiden, aber die hohen Wohnkosten sind überall ein Problem.

Und von denen ist gerade die Jugend betroffen. In Kopenhagen etwa ist die Jugendobdachlosigkeit seit 2009 um 75 Prozent gestiegen. Chloé Serme-Morin von der FEANTSA schreibt auf dem Nachrichtenportal Euractiv: "In allen EU-Ländern gefährden hohe Wohnkosten, Überbevölkerung und Wohnungsmangel junge Menschen stärker als andere Altersgruppen. Für junge Menschen, die in Armut leben, wird die Situation unerträglich: In Deutschland geben 65 Prozent von ihnen mehr als 40 Prozent ihres Einkommens für Wohnkosten aus, in Dänemark tun das 58 und in Großbritannien 40 Prozent. Der EU-Durchschnitt liegt bei 40 Prozent."

Junge Aktivisten reagieren inzwischen auf diese besorgniserregende Entwicklung. Sie protestieren, teilen Rat für Hausbesetzer und unterstützen Menschen in ihrer Umgebung mit direkten Aktionen. Kaum jemand scheint noch zu glauben, dass die Regierungen Lösungen für die Wohnkrise bieten werden. Um diese neue Generation von Aktivisten kennenzulernen, spreche ich mit jungen Menschen in zwei Städten: in Dublin, wo das Problem seit geraumer Zeit besteht und gerade einen neuen Höhepunkt erreicht, und in Berlin, wo sich die Zeichen der Krise trotz der relativ progressiven Mietenpolitik häufen.

Megan Woods, eine Aktivistin der Gruppe Home Sweet Home, die das Apollo House in Dublin besetzt hat.

Am Abend des 15. Dezember 2016 besetzten Obdachlose, Künstler und Aktivisten das Apollo House, ein leer stehendes öffentliches Bürogebäude mitten in Dublin. Früher war dort das Ministerium für Sozialschutz untergebracht. Die Gruppe nannte sich Home Sweet Home und wollte daraus eine Unterkunft für die Obdachlosen der Stadt machen. Sie kümmerten sich um Heizung, Strom und Wasser und machten die Küchen benutzbar. Als ich zum ersten Mal als freiwillige Helferin in das Gebäude kam, lebten an die 40 Personen dort – mehr durften es laut einem Gerichtsbeschluss nicht sein. Die Aktivisten waren gezwungen, Menschen wegzuschicken, die Obdach suchten.

Weniger als eine Woche nach dem Beginn der Besetzung ordnete der High Court an, dass die Bewohner das Gebäude bis zum 11. Januar verlassen mussten. An diesem Tag bildeten Hunderte Demonstranten eine Kette um das Haus, bis seine Bewohner es am nächsten Tag freiwillig räumten. Hausbesetzer hatten in Irland bis dahin meist wenig öffentliche Aufmerksamkeit bekommen, doch die Besetzung des Apollo House machte landesweit Schlagzeilen und wurde zum Sinnbild einer verbreiteten Sorge: dass Wohnraum, vor allem für junge Menschen, kaum mehr bezahlbar ist.

Megan Woods, eine 26-jährige Filmemacherin, hat die Besetzung dokumentiert. Sie sagt, die viele Unterstützung für die Hausbesetzer habe ihr das Gefühl gegeben, "Zeugin einer Bewegung zu sein". Während des kurzen Bestehens des Projekts arbeiteten 750 Personen in Tag- und Nachtschichten, über 4.000 meldeten sich als Freiwillige. Neben Sachspenden gingen etwa 180.000 Euro an Spendengeldern ein und bekannte irische Musiker wie Hozier und Glen Hansard solidarisierten sich mit dem Projekt. "Wir haben viel bewegt", sagt sie.

Einige Stockwerke des Gebäudes waren der Behandlung von Alkohol- und Drogensüchtigen vorbehalten, eine weitere Etage diente dazu, die zahllosen Sachspenden zu sortieren. Motivierte Freiwillige, darunter viele ehemalige Obdachlose und erfahrene Sozialarbeiter, halfen den Bewohnern, sich häuslich einzurichten.

Woods sagt, ihre Generation werde immer wütender. Sie selbst habe sich früher nicht getraut, über die Wohnungsproblematik zu sprechen, weil das Thema zu persönlich gewesen sei. Als Kind habe sie sich als Außenseiterin gefühlt, weil ihre Mutter ständig umziehen musste. Vor der Immobilienkrise war das ungewöhnlich. "Jetzt sehe ich, wie meine Freunde dasselbe durchmachen", sagt sie.

Sie mietet ein WG-Zimmer, aber das fühle sich an wie "Geld zerreißen und in ein schwarzes Loch werfen". Die Vorstellung einer weiteren Krise macht ihr Sorgen. Tatsächlich sieht die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Irland bereits große Risikofaktoren für einen Crash – darunter eine erneute Immobilienblase. "Ich sehe die Kräne und die Neubauten. Ich beobachte, wie alles wieder von vorn losgeht."

Wenn sie Geld hätte, sagt sie, würde sie versuchen, einen Kredit für eine eigene Wohnung zu bekommen. Das wäre tatsächlich heute schon fast eine realistischere Option, als weiterhin zur Miete zu wohnen. Seit 2014 liegt die Inflation bei annähernd 10 Prozent, in den letzten Monaten sogar bei bis zu 13,5 Prozent.

Samuel Awe, hier mit anderen Aktivisten, organisiert Events, um über Obdachlosigkeit zu informieren, und eine Nachbarschaftswache, die Menschen auf der Straße hilft.

"Ich werde in dieser Stadt nie wieder eine Wohnung mieten", sagt Emer*. Ich treffe die 28-jährige Künstlerin, die gerade ihr Studium abgeschlossen hat, im Februar. Seit drei Jahren wohnt sie in besetzten Häusern in Dublin. "Ich müsste dafür Dokumente fälschen." Weil es so viel Konkurrenz gibt, müssen Wohnungsinteressierte inzwischen umfangreiche Referenzen früherer Vermieter, Einkommensnachweise und eine Reihe anderer Dokumente vorlegen. Emer ist überzeugt, keine Chance zu haben, da sie seit mehreren Jahren in besetzten Häusern lebt und vor Kurzem auf Sozialhilfe angewiesen war. Wir sitzen in einem Café im Norden Dublins, gegenüber wuchert auf einem leeren Grundstück das Unkraut. Emer ist gerade aus Oakland zurück, wo ein Brand in einem stillgelegten Lagerhaus, dem Ghost Ship, zahlreiche Besucher einer Party tötete.

"Viele selbstverwaltete Projekte wurden danach geschlossen. Bekannte von mir haben Freunde verloren. Viele hatten Angst", sagt sie. "Mir fielen so viele Parallelen zwischen Dublin und Oakland auf. Die von dem Tech-Boom verursachte Gentrifizierung. Die ganze Atmosphäre."

Ihr erstes besetztes Zuhause war die vor kurzem geräumte "Squat City" in Dublin. Auf dem Gelände in einem innenstädtischen Arbeiterbezirk werden inzwischen Wohnungen für Tausende Studenten gebaut. Emer hatte bis dahin sieben Jahre lang zur Miete gewohnt, nachdem sie mit 18 ihr Elternhaus auf dem Land verlassen hatte. Irgendwann geriet sie trotz kontinuierlicher Zahlungen mit der Miete in Verzug und ihr Vermieter setzte sie auf die Straße. "Sie haben mich gnadenlos rausgeschmissen", sagt sie. "Wenn du durchs Netz fällst, fängt die Besetzerszene dich auf." Ihre Eltern hatten sich kurz vor dem Crash 2006 getrennt. Um die Scheidung zu finanzieren, mussten sie zu miserablen Konditionen eine Hypothek auf ihr Haus aufnehmen und es letztendlich zum schlechtmöglichsten Zeitpunkt verkaufen. "Ich wäre längst wieder nach Hause gezogen", sagt Emer – doch es gibt kein Zuhause. Ihr Vater wohnt mit seiner neuen Frau zur Miete und zu ihrer Mutter hat sie keinen Kontakt.

Sie erzählt mir von der sogenannten Squatters' Convergence, die 2014 von den Bewohnern der Squat City veranstaltet wurde. Mehr als 100 Aktivisten aus ganz Europa kamen, um sich auszutauschen, die Situation in ihren Städten zu vergleichen und neue Projekte anzustoßen. Sie habe sich mit einer Gruppe Franzosen über "große Aktionen" unterhalten, wie deren Besetzung eines Schlosses, oder die Besetzung der Villa eines ehemaligen Generals aus Katar durch die Londoner Autonomous Nation of Anarchist Libertarians (ANAL). Emer sorgt sich über die große Zahl selbstorganisierter und kreativer Räume, die inzwischen aus Dublin verdrängt worden sind. So musste im letzten Jahr das beliebte Kreativzentrum Block T mit seinen 70 Ateliers und Werkstätten dicht machen. Sorgen machte ihr auch, wie viele ihrer Freunde kurz vor der Obdachlosigkeit stehen.

Als ich im April erneut mit Emer spreche, sagt sie, sie sei in den vergangenen Monaten zweimal aus besetzten Häusern in gefragten Stadtvierteln geräumt worden. Wegen der Besetzungen muss sie vor Gericht, und gleichzeitig muss sie ohne festen Schlafplatz einem Vollzeitjob nachgehen. Ihre Gesundheit habe unter den teils traumatischen Erfahrungen gelitten, so dass sie sich nun trotz allem auf die Suche nach einer Mietwohnung begeben hat.

Emers Generation ist in der Zeit des "keltischen Tigers" aufgewachsen und muss nun mit dem Crash klarkommen. "Sie haben uns unser Leben lang von dem Immobilienboom vorgeschwärmt", sagt sie. "Aber genau als wir erwachsen wurden, haben sie uns den Teppich unter den Füßen weggezogen." Das erzeuge eine ungeheure Wut.

"Jetzt erkennen sie die Wohnungsnot als reales Problem, aber uns Hausbesetzern war das schon lange klar", sagt Emer. Erst jetzt wachse in Irland das Bewusstsein dafür, wie eng die aktuelle Krise mit systemischen ökonomischen und sozialen Problemen zusammenhängt. Inzwischen seien Spekulation und Leerstand geläufige Themen unter jungen Dublinern. "Normale Leute aus der Mittelschicht merken: 'Scheiße, das kann auch mich treffen.'"

"Ich engagiere mich jetzt in verschiedenen Gruppen, einerseits wegen meiner eigenen Erfahrungen, aber auch weil ich an meine zukünftige Familie denke", sagt Meireka Radford.

Viele, mit denen ich spreche, sind aufgrund eigener Erfahrungen mit der Obdachlosigkeit zu Aktivisten geworden. Samuel Awe zum Beispiel lebt in Dublin, seit er im Alter von sieben mit seiner Mutter in die Stadt zog. Seine Familie flog aus ihrer Mietwohnung und musste zwei Monate lang auf den Sofas von Freunden schlafen. Dieses Phänomen wird auch "versteckte Obdachlosigkeit" genannt. Awe, der aus Nigeria stammt, hat letztes Jahr die Initiative Love Your Neighbour gegründet, die mit Veranstaltungen
das Bewusstsein für die Obdachlosigkeit schärft und Menschen, die auf der Straße schlafen, mit einer speziellen "Nachbarschaftswache" hilft. "Wenn wir als kleine Gruppe das hinbekommen, sollten ein paar richtige Organisationen oder Leute in Machtpositionen erst recht viel bewirken können", meint Awe.

Viele in Awes Generation hatten ihr politisches Erwachen, als sie bei dem Referendum zur gleichgeschlechtlichen Ehe 2015 zum ersten Mal abstimmten durften. Er und viele andere, mit denen ich spreche, sind vom Krisenmanagement der Regierung enttäuscht. Sie sehen kaum eine Chance, in absehbarer Zeit bei ihren Eltern auszuziehen.

Awe erzählt, sogar sein ehemaliger Vorgesetzter in einem Bekleidungsgeschäft habe sich kein eigenes Haus leisten können, obwohl er mit seiner Partnerin 60.000 Euro im Jahr verdiente. "Ich wusste sofort, dass ich nicht ausziehen kann", sagte er. "Wenn sogar Familien mit zwei Verdienern sich kein Haus leisten können ... wie soll ich da irgendwas schaffen?"

Meireka Radford, ein Mitglied von Home Sweet Home, vor dem Apollo House in Dublin

Meireka Radford ist 24 und lebt mit ihrer Mutter und drei Geschwistern im Norden Dublins. Sie hat mehrere Wochen lang im Apollo House geholfen. Als das Projekt losging, war sie sofort zur Stelle, denn auf ihrem zweistündigen Arbeitsweg sah sie ständig Menschen, die in Hauseingängen schliefen. Auch für sie war als Kind ein Dach über dem Kopf keine Selbstverständlichkeit. Ihre Mutter, die ebenfalls im Apollo mithalf, wartet seit 17 Jahren auf eine Sozialwohnung. Die Familie musste schon achtmal umziehen, ständig begleitet von der Angst, wieder auf der Straße zu stehen. Sie waren bereits dreimal obdachlos.

"Meine Mutter kämpft schon immer mit der Wohnungsnot", sagt Radford. "Das Thema ist uns also sehr wichtig."

Um ihre Zukunftsaussichten zu verbessern, studiert Radford seit kurzem wieder. Neben ihrem Marketingstudium leistet sie aber noch "hin und wieder" fünfstündige Schichten in dem Stadion Croke Park. Sie erhält eine Förderung von 160 Euro pro Woche, die in Irland jedem zusteht, der seit mehr als neun Wochen arbeitslos ist und nach einer mindestens zweijährigen Pause wieder studiert. Für jeden Tag, den sie arbeitet – ob 2 oder 8 Stunden – werden ihr davon aber 18 Euro abgezogen. Das heißt, dass sie mit ihren 5 Arbeitsstunden im Stadion netto nur noch 28 Euro verdient. Das ist weniger als der Mindestlohn von 9,25 Euro pro Stunde. Ihr blieb keine Wahl, als wieder in die winzige Wohnung zu ziehen, in der ihre Familie lebt, seit sie das Haus verloren hat, in dem sie jahrelang zur Miete wohnte. Ihre Mutter kümmert sich zu Hause in Vollzeit um den siebenjährigen pflegebedürftigen Bruder. Sie teilt sich ein Bett mit ihrem Sohn, damit die anderen Kinder in eigenen Betten schlafen können.

"Ich möchte arbeiten", sagt Radford. "Ich war immer unabhängig, habe mir alles selbst erarbeitet, aber meine jetzige Situation hat mir das alles genommen."

Radford sieht für ihre Generation keine Aussichten auf ein sicheres Zuhause. Sie kann sich nicht vorstellen, je ein Haus kaufen zu können. Laut Eurostat lebten 2014 fast die Hälfte (47,9 Prozent) aller 18- bis 34-Jährigen in der EU bei ihren Eltern. In den USA sieht es nicht anders aus: Dem Pew Research Center zufolge haben dort zuletzt 1940 so viele junge Erwachsene bei ihren Eltern gewohnt.

"Die Leute im Apollo haben mich zum Weitermachen motiviert. Ihre Kraft und Entschlossenheit haben mich ermutigt, mich weiter einzubringen. Es hat mir klargemacht, wie extrem die Krise ist", sagt Radford. "Ich engagiere mich jetzt in verschiedenen Gruppen, einerseits wegen meiner Erfahrungen und denen meiner Mutter, aber auch weil ich an meine zukünftige Familie denke. Ich will nicht, dass meine Kinder so aufwachsen müssen wie ich, ohne jegliche Stabilität."

Ein Graffiti in Berlin, wo der Zustrom neuer Einwohner, fehlender Wohnraum und Gentrifizierung die Mieten für viele unbezahlbar gemacht haben. Foto von Tobias Kruse

Nach meinen Gesprächen mit den irischen Aktivisten fahre ich nach Berlin. Ich will ergründen, wie die Wohnungskrise und der Widerstand dagegen in Europas wirtschaftsstärkstem Land aussehen. In einer hellen Wohnung in einer der Stalinbauten auf der Karl-Marx-Allee, die jetzt einem der größten Wohnungsunternehmen der Stadt gehört, erholt sich der 25-jährige Filip* von der Party des Vorabends. Er hatte das fast dreißigjährige Bestehen eines nahe gelegenen Besetzerprojekts gefeiert. Filip ist ein Mietaktivist, der Humangeografie studiert und als Stadtplaner arbeitet. Sein Bett hängt im Wohnzimmer mit Seilen von der Decke. Dort sitzt er und schaut mit dem Fernglas über das Panorama von Berghain nach Ostbahnhof.

In Mitte habe es angefangen, sagt Filip. Der inzwischen teure Stadtteil wurde von der Financial Times kürzlich als heißer Tipp für Banker gehandelt, die vor dem Brexit fliehen. Als die Mieten hier stiegen, zog die Gentrifizierung nach Friedrichshain und Kreuzberg weiter. Während Irland mit seiner niedrigen Körperschaftssteuer Tech-Giganten wie Facebook und Google angelockt hat, gedeiht in Berlin noch eine recht authentische Start-up-Szene. Die Gentrifizierung, steigende Mieten und der mangelnde soziale Wohnungsbau führen aber dazu, dass Berliner sich vor einer ähnlichen Krise wie in Dublin fürchten.

"Die Gentrifizierung breitet sich aus", sagt Filip und zeigt durch das Fenster auf Kräne, die zwischen den schicken neuen Büro- und Wohnhochhäusern emporragen. Sie gehören zu Mediaspree, dem umstrittenen Investorenprojekt entlang der Spree, wo Büros von Firmen wie Mercedes und Zalando inzwischen die alten Lagerhallen und Fabriken ersetzen.

"Sie bauen Wohnungen für Leute mit höheren Einkommen", sagt er.

Filip, Student und Mietaktivist, hat die Demo gegen Gentrifizierung im Februar mitorgansiert. Sie hatte mehr als 1.000 Teilnehmer. Foto von Tobias Kruse

Filip ist ein Aktivist beim Bündnis Zwangsräumung Verhindern, einer Gruppe, die sich 2012 auf einer Welle des Widerstands gegen die steigenden Mieten der Stadt gründete. Am letzten Samstag im Februar marschieren Filip und Tausende andere Aktivisten durch die Straßen von Kreuzberg, um gegen die Gentrifizierung in dem Bezirk zu protestieren. Schon vor drei Wochen haben sie ganz in der Nähe mit 150 Aktivisten eine Zwangsräumung gestoppt. Kreuzberg ist in Berlin zu einem Sinnbild der Gentrifizierung geworden. Einst eine von Migranten geprägte Gegend zog es mit seinen günstigen Mieten Künstlergruppen und Kollektive an, heute prägen schicke Cafés und Bars das Bild. Auch gehen Gerüchte um, Google wolle am Kanal an der Grenze zu Neukölln einen Campus errichten. Die Gentrifizierung macht inzwischen Neukölln zum neuen Kreuzberg, vor den Cafés stehen Schilder, die auf Englisch Buddha Bowls und Flat Whites bewerben.

Die Demonstranten laufen hinter dem gelbblauen Mercedes-Laster her, den Zwangsräumung Verhindern angemietet und mit Bannern ausgerüstet haben. Auf denen steht "Zorn" und "Stop Zwangsräumungen". Eine Frau mit einer weißen Wollmütze trägt ein Schild, auf dem steht: "Sorry Hipster ... This is what democracy looks like!! Gentrification fuck it!!" Innana ist eine 21-jährige Syrerin, die 2015 aus Damaskus geflohen und nach Berlin gekommen ist. Sie hat sich mit einer deutschen Freundin spontan der Demo angeschlossen. Für ihr Zimmer in Kreuzberg zahlt sie 200 Euro, weil sie einen alten Mietvertrag übernehmen konnte. Sollte sie jemals gezwungen sein umzuziehen, wird sie sich eine andere Wohnung wohl kaum leisten können. Isabel*, eine 24-jährige Studentin, die schon ihr ganzes Leben in Kreuzberg wohnt, mietet in der Gegend mit zwei Freunden, die auch aus dem Viertel stammen, eine Wohnung. Sie zahlen pro Person 400 Euro im Monat – mehr, als sie sich leisten können. Die Miete ihrer Eltern hat sich inzwischen verdoppelt und eine Großmutter hat wegen der steigenden Mieten bereits an den Stadtrand ziehen müssen. "Wir wollen hier wohnen bleiben", sagt Isabel.

"Die Gentrifizierung breitet sich aus", sagt Filip und zeigt durch das Fenster auf die Kräne der Mediaspree, des umstrittenen Investorenprojekts entlang der Spree, wo Büros von Firmen wie Mercedes und Zalando inzwischen die alten Lagerhallen und Fabriken ersetzen.

Der Berliner Senat versucht, die kommerzielle Vermietung von Ferienwohnungen seit 2014 mit dem sogenannten Zweckentfremdungsverbot einzudämmen und nimmt dabei besonders Airbnb aufs Korn. Wer ohne Genehmigung mehr als 50 Prozent seines Wohnraums vermietet, muss mit Strafen von bis zu 100.000 Euro rechnen. So will man verhindern, dass Investoren ganze Gebäude kaufen und zu Ferienwohnungen umwandeln. Was recht drakonisch klingen mag, ist ein Versuch, eine ähnliche Entwicklung wie etwa in London zu verhindern. Dort haben die Gentrifizierung und der spekulative Ankauf von innerstädtischem Wohnraum bereits dazu geführt, dass viele Einwohner immer weiter an den Stadtrand verdrängt werden. Das Berliner Verbot hat bislang diversen rechtlichen Anfechtungen durch Vermieter und Anbieter von Ferienwohnungen standgehalten. Ein Richter urteilte, dass "die Bereitstellung von bezahlbarem Wohnraum in ganz Berlin ernsthaft gefährdet und die Verordnung somit gerechtfertigt ist."

Die Kiezdemo in Berlin Ende Februar. Foto von Dario J Laganà

Die vergleichsweise bezahlbaren Mieten Berlins locken seit einigen Jahren Scharen junger Menschen aus Städten wie Dublin und London an. Jährlich hat die Hauptstadt schätzungsweise 40.000 Neuankömmlinge. Zwangsräumung Verhindern ist eine von über 27 Gruppen aus 15 Ländern, die sich zu der etwas umständlich betitelten European Action Coalition for the Right to Housing and to the City zusammengeschlossen haben. Filip war letzten November für ein Treffen der Coalition in Dublin und hat dort Aktivisten des Irish Housing Network getroffen, gerade als die ihre Pläne für das Apollo House entwickelten. Die Begegnung habe ihn und andere Aktivisten inspiriert, für Berlin ähnliche Aktionen zu planen. Die Coalition will die europäische Wohnungskrise "nicht nur dokumentieren, sondern auch in sie eingreifen". Sie hat in den vergangenen Jahren dagegen protestiert, dass Politiker öffentliche Grundstücke auf internationalen Immobilienkongressen an Investoren verkaufen. Unter dem Motto "No People Without Homes, No Homes Without People" hat der Dachverband im Oktober 2015 eine Reihe direkter Aktionen durchgeführt.

Die Coalition recherchiert aber auch. Vor Kurzem hat sie in einem Bericht festgehalten, dass Zwangsräumungen in Frankreich seit den 1960ern kontinuierlich steigen, von einer Handvoll jährlicher Urteile auf über 123.000 im Jahr 2016. Vollstreckt werden davon inzwischen jedes Jahr 13.000. In Deutschland liegt diese Zahl laut dem Bericht bei 33.000. In Großbritannien ist der Mietsektor so schlecht reguliert, dass Vermieter oft willkürlich entscheiden, selbst auf 6 bis 12 Monate befristete Verträge nicht zu verlängern. Mieter leben so in permanenter Unsicherheit, während die Mieten weiter ansteigen. In Berlin werden jährlich zwischen 5.000 und 7.000 Räumungsbescheide verschickt. In Irland ist die Zahl der Räumungsklagen zwischen 2012 und 2014 von 300 auf über 3.000 im Quartal gestiegen.

Zimmer in einer besetzten Wohnung im Norden Dublins

Viele Aktivisten machen die kommerzielle Umnutzung von Wohnraum über Portale wie Airbnb mit für die Wohnungsnot verantwortlich. Yvonne Pearse sieht das anders. Die 31-jährige Expertin für Immobilienfinanzierung ist letzten Sommer nach mehreren Jahren im Ausland nach Dublin zurückgezogen. Sie leitet das dortige Büro von Airsorted, einem Start-up für Airbnb-Verwaltung. Das in London gegründete Unternehmen hilft Kunden, ihre Airbnb-Ferienwohnungen zu vermieten. Es unterhält nach Sydney und Edinburgh seit dem letzten Jahr auch in Dublin ein Büro. Die meisten Kunden seien Menschen, die ihre Wohnungen vermieten, wenn sie im Sommer ein paar Monate weg sind oder geschäftlich verreisen, so Pearse. Ein paar hätten Zweitwohnungen. Sie beschreibt es als ideale Möglichkeit, leerstehenden Wohnraum zu nutzen.

Die Firma fungiert im Prinzip als Makler für Kurzzeitvermietungen: Sie macht Fotos von den Wohnungen, überprüft Interessenten und organisiert Besichtigungen. Städte in ganz Europa versuchen dieser Art der Vermietung mit neuen Gesetzen beizukommen. Pearse befürchtet stärkere Einschränkungen, basierend auf der Ansicht, Firmen wie Airbnb hätten Schuld an der aktuellen Krise. Sie selbst hält diese für ein komplexeres Thema und eine Folge der staatlichen Wohnungspolitik der letzten Jahrzehnte. Airbnb hat seinen Hauptsitz in Dublin selbst in einem ehemaligen Lagerhaus, von dem es heißt, Hausbesetzer hätten darin gewohnt.

Dubliner Viertel, bei denen Einheimische noch die Nase rümpfen würden, beschreibt Pearse als besonders attraktiv für ihre Kunden. Darunter sind auch Innenstadtviertel, die in den letzten Jahren stark gentrifiziert wurden. Sie stimmt zu, dass der Mietmarkt momentan einen Aufschwung erlebt, und findet, es sei daher an der Zeit, flexiblere Mietmodelle zuzulassen. Eine ehemalige Apollo-Besetzerin berichtet, Airbnb-Zimmer in ihrer Straße würden etwa 400 Euro pro Woche kosten – so viel wie ihre Monatsmiete.

Kräne durchziehen die Skyline der Dublin Docklands, die gerade für 690 Millionen Euro zu Büro-, Geschäfts- und Wohnräumen umgewandelt werden.

Unter all den Aktivisten, denen ich auf Protesten und in besetzten Häusern begegne, beeindruckten mich die Mitglieder der Nachbarschaftsinitiativen am meisten. Sie organisieren die breiteste Unterstützung und helfen, große Aktionen wie die Apollo-Besetzung zu ermöglichen. Die North Dublin Bay Housing Group vernetzt über ihre Facebook-Seite zum Beispiel 200 Personen und berät Menschen, die bereits in Notunterkünften leben oder von Obdachlosigkeit bedroht sind. Die alleinerziehende Mutter Sarah betreut jeden Abend eine Notrufnummer und vermittelt Unterkünfte an andere Betroffene – dabei lebt sie seit ihrer Räumung vor einem Jahr auch in einer Notunerkunft und findet keine Wohnung.

Als sie und ihr Sohn das erste Mal in einer Notunterkunft übernachteten, lagen sie die ganze Nacht wach. Jetzt gelingt es ihnen einzuschlafen, auch wenn sie sich ein Einzelbett teilen müssen. Sie steht um sieben auf, bringt ihren Sohn zur Schule und arbeitet dann bis sechs, während ihr Sohn im Hort ist. Als Alleinerziehende steht ihr staatliche Unterstützung zu, außerdem Wohngeld in Höhe von 200 Euro. Viele Eigentümer vermieten aber nicht an Wohngeldempfänger. In der Arbeit weiß niemand, dass sie obdachlos ist. Dennoch geht sie weiterhin zu den Treffen der Housing Group, um anderen zu helfen – und um Lösungen für die Wohnkrise zu finden.

"Jemand hat mir gesagt: 'Ihr seid die neue Generation Obdachloser. Die der arbeitenden Obdachlosen. Du musst rausgehen und darüber reden.'"

Als Sarah sich bei den Behörden um Notunterbringung bewarb, fragten die, ob ihr Sohn nicht beim Vater unterkommen könne. Dann könne sie in eine Unterkunft für alleinstehende Frauen. "Ich habe früher Suppe an Obdachlose verteilt", sagt sie. "Die sagten: 'Wir schlafen auf der Straße, weil die Unterkünfte nicht sicher sind.' Und da wollten sie mich jetzt hinstecken."

"Als ich nach Hause kam…" Sie hält inne, schüttelt den Kopf. "Als ich ein Zuhause hatte, lag ich im Bett und musste an diese Leute denken." Andere Freiwillige hätten ihre jede Woche berichtet, wer auf der Straße gestorben war. "Man denkt nie, dass es einen selbst trifft. Ich dachte wirklich, dass ich eine Wohnung finden würde."

* Namen geändert, um die Identitäten der Personen zu schützen

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