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Penisstrohhalme und Plastikschleier: Die Geschichte des Junggesellinnenabschieds

Neonfarben, Leuchtarmreifen und ein riesiger Plastikschleier—wir haben versucht herauszufinden, wo das moderne Grauen begann.

von Emma Do
10 Oktober 2016, 7:08am

Photo by Aleksandra Jankovic for Stocksy

Der Junggeselinnenabschied ist die Zeit im Leben einer Frau, in der sie Prosecco durch einen Penisstrohlhalm schlürft, während sich ihre Freundinnen an einem Stripper reiben—doch es war nicht immer so. Tatsächlich taumeln die modernen Traditionen eines Junggesellinnenabschieds volltrunken auf den Schultern von Ritualen, die so alt sind wie die Ehe selbst.

Ganz egal, ob du planst, dich in einem schicken Weingut abzuschießen oder in einem Restaurant zu feiern, in dem dir alle anderen Gäste die Pest an den Hals wünschen (oder selbst wenn du Zeit deines Lebens überhaupt nicht heiraten willst)—hier ist die Geschichte einer modernen Tradition, die wir kennen und lieben/hassen gelernt haben.

Das Ende der Mädchenjahre

Um die Bedeutung antiker vorehelicher Rituale verstehen zu können, muss man wissen, dass man damals noch weit davon entfernt war, seine Sexualität so offen zur Schau zu stellen, wie es heutzutage bei Junggesellinnenabschieden üblich ist (ganz egal, wie sehr sich das Fernsehen auch anstrengt, um antiken Kulturen mehr Sexappeal zu verleihen). Früher waren voreheliche Rituale eher ein formeller Anlass, der den Übergang vom Mädchensein zur Frau markierte.

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Nehmen wir zum Beispiel mal die Proaulia—eine Zeremonie aus dem antiken Griechenland (7.-8. Jahrhundert v. Chr.), bei der die Braut den Göttern Gaben und Opfer dargebracht hat. Eine besonders wichtige Rolle spielte dabei Artemis, die jungfräuliche Göttin der Kinder und der jungen Tiere.

In der Regel wurden ihr von der Braut eine Haarsträhne sowie ein paar Kleidungsstücke und Spielsachen aus ihrer Kindheit geopfert, was sowohl das Ende ihrer eigenen Kindheit symbolisierte als auch die Kinder, die sie irgendwann bekommen würde. Mit den Gaben sollte der Göttin aber auch dafür gedankt werden, dass sich die Braut nun auf ihrer Reise von den jungfräulichen Gefilden ins Eheleben befand.

Ähnlich ist es auch bei dem traditionellen marokkanischen Bad, dem Hamam, das eine Reinigung der zukünftigen Braut mit einschloss und zwei bis fünf Tage dauern konnte. Dieses Ritual wird auch heute noch praktiziert—es nicht zu machen, soll angeblich Unglück bringen.

Während man Weihrauch verbrannte, bekam die marokkanische Braut Ratschläge von Freundinnen und weiblichen Verwandten, die ihr erklärten, wie man sich sinnlich und verführerisch gegenüber seinem Mann verhält. Anschließend teilte die Braut traditionell Orangen und Honig mit ihren unverheirateten Freundinnen, um ihnen Glück bei ihrer eigenen Suche nach einem Mann zu wünschen.

Man nahm an, dass Männer etwas verlieren würden, wenn sie heiraten. Frauen konnten dagegen angeblich nur gewinnen.

Mehndi, eine hinduistische Zeremonie, wird von vielen Leuten als der Ursprung der Brautparty betrachtet. Im Grunde war das Ganze ein großes Fest mit Essen und Tanz. Außerdem wurden die Hände und Füße der Braut mit Henna bemalt. Diese Tradition geht auf das 15. Jahrhundert zurück und existiert auch heute noch. Hierzu wird der Puder aus der Mehndi-Pflanze mit Wasser zu einer sattroten Paste vermischt. Angeblich soll die Mehndi widerspiegeln, wie stark die Ehe sein wird: Je dunkler die Farbe, desto stärker wird die zukünftige Verbindung sein.

SEX!

Westliche Junggesellinnenabschiedsfeiern, wie wir sie kennen, haben sich aus dem klassischen Junggesellenabschied heraus entwickelt, der seinen Ursprung in den 50er-Jahren in den USA hat. Lange Zeit nahm man an, dass das Konzept von „der letzten Nacht in Freiheit" überhaupt keinen Sinn für Frauen machen würde, weil das Leben einer Frau ja erst anfing—und nicht aufhörte—, wenn sie endlich verheiratet war.

„Man nahm an, dass Männer etwas verlieren würden, wenn sie heiraten. Frauen konnten dagegen angeblich nur gewinnen", schreibt Beth Montemurro in ihrer Abhandlung Sex Symbols: The bachelorette party as a window to change in women's sexual expression.

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„Die Junggesellinnenabschiedsparty ist eine Gelegenheit, um seine eigene Sexualität zum Ausdruck zu bringen und als grundsätzlichen Bestandteil seiner Persönlichkeit zu akzeptieren. Bis vor nicht allzu langer Zeit nahm man noch an, dass dieser Persönlichkeitsanteil bei Frauen schlichtweg nicht vorhanden sei oder es unangebracht wäre, das Ganze in der Öffentlichkeit zur Schau zur stellen."

Doch nach dem Aufkommen der Pille in den 60er-Jahren begannen die jüngeren Generationen im Laufe der 70er-Jahre immer mehr, solche sozial und sexuell konservativen Ansichten hinter sich zu lassen. Frauen fingen an, offen über Sex zu sprechen und sexuelle Befriedigung von ihren Partnern zu erwarten. Mitte der 70er hatten bereits mehr als 65 Prozent der amerikanischen Teenager vorehelichen Sex. In Deutschland stellte man bereits Ende der 60er-Jahre fest, „dass sich die damals 16- und 17-Jährigen sexuell so verhielten wie die 19- und 20-Jährigen zehn Jahre zuvor", wie der Sexualforscher und Psychiater Volkmar Sigusch in einem Bericht aus dem Jahr 1998 feststellte. Die Entwicklung bereitete den Boden für die Junggesellinnenabschiedsfeier, wie wir sie heute kennen.

Viele Menschen glauben, dass man in seiner persönlichen Freiheit eingeschränkt ist, sobald man geheiratet hat.

Allerdings gibt es nicht besonders viele Quellen, die die Ausschweifungen vergangener Tage dokumentieren. Dafür gibt es eine Studie über männliche Stripper, die zeigt, dass Frauen seit Ende der 70er-Jahre vermehrt in Stripclubs gehen, um ihre bevorstehende Vermählung zu feiern. Stripper, heißt es dort, tranken auf „Lust" und „Gleichberechtigung", während die Frauen feierten.

Es ist offiziell.

Anfang der 90er-Jahre nahm der Trend, dass auch Frauen ihren „Junggesellenabschied" feiern, vor allem in den USA immer weiter zu. In dieser Zeit entstand dann auch der feminisierte Begriff, der anschließend über die Medien in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gelangte. Über Filme und Serien hat sich der Brauch letztendlich auch in anderen Teilen der Welt verbreitet.

2002 widmete das Wall Street Journal seine Titelseite den „Rowdy Bachelorette Parties" und interviewte hierzu Frauen, die an „einer ganzen Reihe von Ritualen" Gefallen gefunden hatten, die „so derb sind, dass jeder Mann vor rot vor Scham werden würde."

Montemurro glaubt auch, dass die Beliebtheit von Junggesellinnenabschiedsfeiern zugenommen hat, weil es eine willkommene Alternative zu „altertümlichen" und „seltsamen" Brauttraditionen war, dessen überwiegender Zweck es war, Frauen „mithilfe von Ratschlägen und Lingerie sexuell zu sozialisieren." (Wo hätte man denn sonst lernen sollen, wie man seinen Mann befriedigt?)

Diese neue Tradition, schreibt sie, war „ausgelassen, entspannt und eine Abwechslung vom Hochzeitsstress und dem Alltag."

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Und in Zukunft?

Bisher scheint sich alles um Penisse und Exzesse zu drehen. (Obwohl man natürlich auch dem Rat von Martha Stewart folgen kann und die Gelegenheit nutzen kann, um gemeinsam einen Spinningkurs zu besuchen.)

Warum hält sich dieses hypersexualisierte Thema so hartnäckig? Lauren Rosewarne, Gender-Forscherin an der Melbourne University, glaubt, dass das zum Teil auch an der Vorstellung liegen könnte, dass das Leben einer Frau durch die Ehe eingeschränkt würde.

„Viele Menschen glauben, dass man in seiner persönlichen Freiheit eingeschränkt ist, sobald man geheiratet hat und dass diese Feier die letzte Gelegenheit ist, um noch einmal über die Stränge zu schlagen", sagt sie gegenüber Broadly, „auch wenn das eine ziemlich veraltete Vorstellung von einer Ehe ist."


Foto: Valerie Hinojosa | Flickr | CC BY-SA 2.0