Wie man auf einem Festival im Freien pinkelt, wenn man eine Vagina hat
Illustration: Sander Abbema
Festival Guide

Wie man auf einem Festival im Freien pinkelt, wenn man eine Vagina hat

Es gibt viele Momente, in denen ich froh bin, keinen Penis zu haben. Urinieren ist keiner davon.
Lisa Lotens
Amsterdam, NL
SA
illustriert von Sander Abbema

Dieser Artikel ist Teil des VICE Guides für Festivals, alle Texte findet ihr hier .

Die Sonne scheint, überall sieht man nackte Beine und die Festivalsaison ist in vollem Gange. Zeit für uns Frauen, uns nach langen Tagen im Freien ein Herz zu fassen und uns zwischen benutzten Kondomen und leeren Flaschen in Büsche zu hocken, um unsere übervollen Blasen zu entleeren. Warum? Weil es einfach keinen Sinn ergibt, sich über das halbe Festivalgelände zu schleppen, um anschließend eine halbe Stunde vor einem überhitzten, unhygienischen Festivalklo anzustehen.

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Auch wenn es im ersten Moment naheliegender und einfacher scheint, ist es eine ziemliche Herausforderung, im Freien zu pinkeln – zumindest dann, wenn man keinen Penis besitzt. Erst musst du einen abgeschiedenen Ort finden, an dem wirklich kein Passant einen Blick auf deinen Hintern erhaschen kann. Und anschließend musst du auch noch versuchen, in der Hocke die Balance zu halten, während mehrere Hektoliter Alkohol in deinem Blut umherschwappen.

Ich war einmal in einem Museumseingang wildpinkeln, weil es wirklich nicht anders ging. Als durch die Gegensprechanlage plötzlich eine Stimme schalte, die mir einen strengen Vortrag hielt ("Ich kann Sie da übrigens sitzen sehen. Das ist ein öffentliches Gebäude, raus hier!"), habe ich mich so erschreckt, dass ich mir auf meine eigenen Schuhe gepinkelt habe. Ein Museum ist zwar kein Festival, ich habe diesen Anlass aber trotzdem genutzt, mich intensiver mit dem Thema "Urinieren in der Öffentlichkeit – für Vagina-Inhaberinnen" auseinandergesetzt. Nun möchte ich meine gesammelten Weisheiten mit euch teilen.

Kleidung

Wenn du eine Person bist, die regelmäßig im Freien pinkelt, wirst du ohne Zweifel gut darüber nachdenken, ob du wirklich einen Jumpsuit oder eine Latzhose zu einem Festival anziehen willst. Nicht nur, weil du dich – im Falle des Jumpsuits – bis auf dein Unterhöschen ausziehen musst und aller Welt deine Brüste zeigst. Im Falle der Latzhose besteht die Gefahr, dass einer deiner Schultergurte aus Versehen in eine Urinpfütze fällt. Um dieses Szenario zu vermeiden, bleib auf der sicheren Seite und trage eine Hose. Wenn du das Risiko noch weiter verringern willst, trage einen kurzen bis mittellangen Rock und keine Unterwäsche. Es spart einiges an Mühe.

Stadt oder Land

Wenn du in einer Stadt unterwegs bist und deine Blase sich bemerkbar macht, kann ich dir empfehlen, dich so schnell wie möglich aus der Menge rauszuquetschen und deinem metaphorisch gesprochenen Pipi-Kompass zu folgen, der dich in einer urbanen Umgebung unumgänglich zu geparkten Autos führt. Wenn sich in deiner Nähe sehr viele Fußgänger befinden, hocke dich am besten zwischen diagonal geparkten Autos. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand sich die Zeit nimmt, seinen Kopf um 180 Grad zu drehen, um zwischen die Autos zu linsen, ist gering.

Solltest du dich in der freien Natur befinden, suche dir auf jeden Fall einen ebenen Ort. Das vermindert die Gefahr, dass du umknickst und mit heruntergezogener Hose einen Hügel hinabrollst. Außerdem erhöht es die Wahrscheinlichkeit, dass du niemandem auffällst.

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Schuhe

Vergiss nicht: Schuhe sind zum Laufen da und nicht, um bei Festivals auf sie drauf zu pinkeln. Manchmal ist es hart, sich an diese primäre Funktion deiner Schuhe zu erinnern. Besonders wenn du mit verzerrtem Gesicht angestrengt versuchst, auf den Boden zwischen deinen Schuhen zu zielen, obwohl deine Blase kurz davor ist zu platzen.

Kauf dir vor deinem nächsten Festivalbesuch also besser ein paar dieser blauen Schuhschoner, wie sie Ärzte im OP tragen. Wenn du keine auftreiben kannst, dann trag alles, nur keine Birkenstocks. Es ist nie eine gute Idee, in durchgeweichten Sandalen von einer Bühne zur nächsten zu stapfen. Oder, um es mit den Worten meiner Mutter zu sagen: "Menschen, die es geschafft haben, nicht in ihre Schuhe oder Sandalen zu pinkeln, haben es sich verdient, glücklich und sorgenfrei bis zum Sonnenaufgang zu tanzen."


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Zelt

Es ist etwa neun Uhr morgens. Du bist endlich in deinem Zelt, da meldet sich plötzlich deine Blase, die die letzten Stunden verdächtig ruhig war. Das Problem: Die nächste Toilette ist mindestens zehn Minuten zu Fuß entfernt. Zum Glück hast du beim Plastikbecherschlussverkauf im Supermarkt zugeschlagen, damit du nachts etwas zum Reinpinkeln hast. Du hast zwar Schwierigkeiten, dein Zelt zu öffnen und Ausschau zu halten, ob du auch wirklich ungestört bist, schließlich findest du aber doch die verdammten Becher. Du schließt den Reisverschluss deines viel zu kleinen Zelteingangs und drückst den Plastikbecher gegen deine Vagina. Es läuft, und läuft – deine Blase scheint egoistischer Weise beschlossen zu haben, sich bis auf den allerletzten Tropfen zu entleeren. Du füllst den Becher also bis zum Rand und öffnest den Reißverschluss am Zelteingang. Du stolperst und der stark riechende Urin schwappt über den Becherrand, sodass du im Endeffekt doch noch eine Pfütze aus Pisse in deinem Zelteingang hast. Doch du nimmst eine wichtige Erfahrung aus diesem Debakel mit: Das nächste Mal besorgst du dir einen Eimer, keine Becher, und kaufst dir ein Zelt mit einem ordentlichen Eingang.

Tiere und Natur

Die Wenigsten pinkeln gerne in Gesellschaft, deswegen ist es nur nachvollziehbar, wenn du dir eine besonders abgeschiedene Stelle suchst und dich weit ins Gebüsch zurückziehst. Das erhöht allerdings auch die Wahrscheinlichkeit, auf unliebsame Tiere (Moskitos) oder Pflanzen (Brennesseln) zu stoßen. Glaube mir, beides möchstest du nicht in der Nähe deines Hinterns haben. Solltest du trotzdem mit juckenden Hautstellen von deinem Pinkelabenteuer zurückkommen – ich habe Mal gelesen, dass es helfen soll, die Stiche mit einer frischen Kartoffelhälfte abzureiben.

Auch fließendes Gewässer solltest du auf der Suche nach Erleichterung tunlichst meiden. Davon abgesehen, dass Ufer nicht gerade blickgeschützt sind, hast du leider zu viele Wodka-Lemon inhaliert, um noch länger für deine Balance garantieren zu können. Und möchtest du die "legendäre Festivalgeschichte" sein, bei der eine betrunkene Frau mit heruntergelassenen Hosen aus einem Fluss gerettet werden musste? Nein? Na siehst du.

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Die letzten Tropfen

Kennst du diese Leute, die sehr viel Wert auf Hygiene legen und deswegen immer mit Taschentüchern, Deo, antibakteriellem Handdesinfektionsgel und Rasierklingen auf einem Festival ankommen? Du und ich sind da anders. Wir sind die Art von Menschen, die nach den Wildpinkeln mit ihren haarigen Beinen und ihrem Hintern wackeln, um auch die letzten Urintropfen abzuschütteln.

Und weißt du was? Es bedeutet, dass du ein guter Mensch bist. Weil Taschentücher nicht gerade umweltfreundlich sind. Lass dir also keine Schuldgefühle einreden. Wir sind nicht eklig, wir machen uns nur Sorgen um die Umwelt.

Pinkeltrichter

Auf manchen Festivals werden Papptrichter verteilt, die wirklich praktisch sind, wenn man weiß, wie man sie benutzt. Solltest du komplett unvorbereitet versuchen, durch einen Trichter zu pinkeln, ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich hoch, dass dir Urin in Strömen an den Beinen herunterlaufen wird. Kauf dir also einen Pinkeltrichter, bevor du deine Festivaltasche packst, und übe zu Hause, bis du selbstbewusst genug bist, einer Gruppe Männer zuzunicken und dir dann selbst einen Baum zu suchen. Es ist ein wunderbares Gefühl.

Sei nicht pingelig

Das Letzte, was du sein willst, wenn du auf einem Festival im Freien pinkelst, ist pingelig. Wenn du um 11 Uhr morgens auf dem Sleepless Floor eines Techno-Festivals bist und keine Lust hast, dich auf den einsamen Weg von der Tanzfläche zur Toilette zu begeben, pinkle einfach in den Sand. Niemand ist nüchtern genug, um es zu bemerken. Und außerdem: Es trocknet sowieso bald.

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