Ungewollte Schwangerschaft

Wieso ich mein Tinder-Date zur Abtreibung begleitet habe

Später erhielt ich eine Nachricht von ihr: "Wie fändest du es, ein Baby zu haben?"

von Nate, aufgezeichnet von Vanessa Sadecky
23 Mai 2017, 10:18am

Illustration von Adam Vogt

Geht es um die ungewollte Schwangerschaft eines One-Night-Stands oder einer Affäre, herrschen in Serien wie 'Grey's Anatomy' und 'Downton Abbey' Klischees vor: Die Frau trifft einsam ihre Entscheidung. Dem Mann ist es entweder egal, ob er Vater wird, oder er setzt die Frau massiv unter Druck, damit er es nicht werden muss. Wie verbreitet dieses Szenario im realen Leben ist, ist schwer zu überprüfen. Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen über die Gründe für Abreibungen (wird eine Behinderung wie das Down-Syndrom diagnostiziert, treiben 90 Prozent der Frauen ab). Und es gibt Studien über die Häufigkeit von Abtreibungen (weltweit treibt laut WHO etwa jede fünfte Schwangere ab). Aber die Umstände bleiben dabei im Dunkeln.

Nate*, 25, hat versucht, mit der ungewollten Schwangerschaft einer flüchtigen Bekanntschaft umzugehen. Das ist seine Geschichte:

Ein Jahr nachdem ich von Berlin in die Schweiz gezogen bin, habe ich mich bei Tinder angemeldet. Ich war verzweifelt. Ich hatte ein Jahr lang Null Intimität erlebt. Ich fühlte mich super alleine, hatte gleichzeitig Schlafstörungen und einen Doktorvater, der mein Selbstwertgefühl ausradiert hatte. Ich fühlte mich alleine, kannte an meinem neuen Wohnort niemanden näher. Wegen des andauernden Schlafmangels fühlte sich jeder Tag an, als hätte ich eine Nebelwand vor mir und in der Nacht war ich panisch, weil ich nicht schlafen konnte. Ich hatte das Gefühl, dass es für mich keine Hoffnung gäbe, hier jemanden zu finden, in den ich mich verlieben könnte. Ich wollte zuerst nicht tindern, weil ich es blöd fand. Ich habe es dann demonstrativ nur als Ablenkung beim Kacken benutzt.


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An einem Wochenende plante ich mit einem Freund eine Wanderung. Ich lud eines meiner Matches ein. Sie sagte zu und wir trafen uns zu dritt am Bahnhof. Sie sah nicht aus wie auf den Fotos. Ich merkte auch schnell, dass sie angestrengt versuchte, cool und intellektuell rüberzukommen. Beim Wandern zog ein Gewitter auf. Sie rückte immer näher zu mir, was mir unangenehm war. Ich fühlte mich überhaupt nicht zu ihr hingezogen und versuchte Abstand zwischen uns zu bringen.

Am nächsten Wochenende schrieb ich ihr dann aber trotzdem, ob sie abends zu mir kommen wolle. Ich aß gerade alleine auf dem Balkon und hielt die Einsamkeit nicht mehr aus. Sie lebte nur ein paar Straßen von mir entfernt. Außerdem hatte mein Freund, der mit auf der Wanderung war, mich gefragt, ob er ihre Nummer haben könne, was sie irgendwie attraktiver machte. Ich weiß, das klingt dumm und hormongesteuert – und das war es auch.


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Dann kam sie an, wir kifften und sie rückte immer näher und näher. Ich dachte mir, "OK, so einfach komme ich nicht mehr dazu, mit jemandem herumzumachen." Bevor ich mich versah, hatten wir Sex. Ich habe sie vorher noch gefragt, ob sie verhütet, oder ob ich ein Kondom benutzen soll. Sie sagte: "Mach dir keine Sorgen, ich werde nicht schwanger." Ich fragte nicht weiter nach.

So ging das über Wochen. Es war für mich eine Pseudobeziehung, weil ich wusste, dass es enden würde, weil sie in zwei Monaten nach Berlin ziehen würde. Sie nervte mich, ein Clubgirl aus Berlin, das gleichzeitig religiös war und sich aufregte und nicht diskutieren wollte, wenn ich nicht ihrer Meinung war. Ich habe trotzdem immer versucht, nett zu sein. Das hat ihr die falschen Signale gesendet. Sie verliebte sich. Bevor sie zurück nach Berlin ging, fragte sie mich das erste Mal, ob ich eine Beziehung mit ihr wolle. Ich sagte ihr so einfühlsam wie möglich, dass ich mir das nicht vorstellen könne.

Wochen später erhielt ich eine Nachricht von ihr. Es gäbe da etwas, über das wir uns Sorgen machen müssten: "Wie fändest du es, ein Baby zu haben?", schrieb sie. Meine Antwort war klar: Ich wollte wirklich wirklich wirklich kein Kind. Ich hatte ihr vorher mal gesagt, dass ich irgendwann mal eine Familie gründen möchte. Aber irgendwann war definitiv nicht jetzt. Schon gar nicht mit einer Frau, die ich kaum kannte, geschweige denn liebte. Wir telefonierten und es schien, als hätte sie sich für eine Abtreibung entschieden.

Drei Tage darauf schrieb sie mir, dass sie das Baby behalten wolle. Dass sie es doch einfach bekommen könne und ich nichts damit zu tun haben müsse. Wir telefonierten wieder. Ich wusste, dass es ihre Entscheidung ist, es ist ihr Körper. Aber ich wollte ihr trotzdem klar machen, dass sie damit auch eine tiefgreifende Entscheidung über mein Leben trifft und weiß, wie ich darüber denke. Ich konnte mir nicht vorstellen, ein Kind in die Welt zu setzen und mich nicht darum zu kümmern.

Ich habe ihr gesagt, dass sie daran denken solle, wie viel besser es wäre, wenn sie erst ein Kind bekommen würde, wenn sie einen Partner hätte, jemanden, der sie liebt, und jemanden, der gerne Vater sein möchte. Sie zweifelte daran, dass sie so eine Person jemals finden würde. Sie war jung und hübsch, ich verstand nicht, warum sie so unsicher war. Sie sagte auch, dass sie nicht glaubte, wieder schwanger werden zu können. Das war nämlich der Grund gewesen, warum sie nicht verhütet hatte. Sie hatte bereits viel ungeschützen Sex gehabt und hatte den Schluss gezogen, dass sie unfruchtbar sei.

Ich war während dieser Zeit vor allem wütend auf mich selbst, weil ich keine Kondome benutzt hatte. Und auch darauf, wie sie sich verhielt. Sie schrieb einfach: "Ich sage dir dann, wie die Schwangerschaft geendet hat." Ich rief an und sagte: "Ich komme zu dir, wir reden drüber und ich unterstütze dich. Wir tragen beide die Verantwortung." Dann hat sie von sich aus einen Termin für die Abtreibung vereinbart und ich bin nach Berlin geflogen. Natürlich war da auch ein Teil von mir, der sagte, sie sei unberechenbar, ich müsse mit meinen eigenen Augen sehen, dass sie das durchzieht. Aber ich habe mir Sorgen um sie gemacht und wollte sicher gehen, dass sie die Situation nicht fertig macht. Als wir uns trafen, zeigte sie mir ein Ultraschallbild des Babys, das sie nach dem Check-up für die Abtreibung bekommen hatte. Ich war erstaunt, dass man schon den Kopf und die Hände erkennen konnte. Trotzdem zweifelte ich nicht an meiner Entscheidung: Eine Abtreibung war für mich wie eine späte Pille danach. Ich konnte nachvollziehen, dass es für sie mehr wahr. Aber mir wurde mulmig zumute, wenn sie von "unserem Baby" sprach.

Am Tag der Abtreibung tranken wir morgens gemeinsam Tee und nahmen dann die U-Bahn zum Krankenhaus. Ich fühlte mich schuldig. Weil ich fürsorglich wie ein Partner war, aber weder ihr Liebhaber noch ihr platonischer Freund sein wollte. Es dauerte lange, bis wir unser Ziel erreicht hatten, da sie in eine abgelegene Einrichtung wollte. In der Klinik bat mich die Rezeptionistin zu warten, bis der Eingriff vorüber war. Ich schaute mir in dieser Zeit irgendein Fotobuch an, ich starrte auf die Seiten, ohne die Bilder wahrzunehmen. Dann rief man mich ins Behandlungszimmer. Sie lag auf einer Pritsche und schmunzelte – eine Nebenwirkung der Narkose. Auf dem Bettlaken unter ihren Beinen war ein kleiner Blutfleck, in der Ecke stand ein staubsaugerartiges Gerät. Das war alles, was von der Prozedur übrig war. Ich fühlte mich erleichtert, war aber auch besorgt um sie, weil ich nicht erwartet hatte, dass sie so fröhlich sein würde. Sie fragte mich ein letztes Mal, ob ich mir nicht vorstellen könne, mit ihr in einer Beziehung zu sein. Ein letztes Mal antwortete ich ruhig, dass ich das nicht wolle. Dann brachte ich sie nach Hause und wartete, bis sie eingeschlafen war.

Danach ging ich zu einer Freundin. Ich dachte daran, wie scheinbar einfach eine Abtreibung in Berlin möglich ist. Auch meine Freundin hatte vor kurzem eine gehabt. All das fühlte sich ein bisschen an, als betrachtete ich mein Leben von außen und hätte keine Kontrolle darüber, was ich eigentlich tat. Die Erfahrung hat mich dennoch wachgerüttelt. Ich habe angefangen, meine Probleme anzupacken: meine Arbeit, meine Schlafprobleme, meine Einsamkeit. Ich habe aufgehört, passiv zu sein und habe Pläne gemacht. Bald ging es mir tatsächlich besser.

Sie hat mir in den darauffolgenden Monaten ab und zu geschrieben. Ich habe mich auch bei ihr gemeldet, weil es mir wichtig war, dass sie die Abtreibung gut verarbeitet. Ich habe mich ihr verbunden gefühlt. Sie schien dafür dankbar zu sein. An Neujahr schickte sie mir eine Nachricht, dass ich das Beste gewesen wäre, das ihr 2016 passiert sei. Ich wusste nicht, was ich antworten soll. Ich entschied mich für: "Danke, ich hoffe, 2017 wird für dich ein besseres Jahr."

*möchte seinen Namen nicht hier lesen, weil er denkt, dass seine Geschichte seinem Arbeitgeber missfallen könnten.

Informationen zum Schwangerschaftsabbruch in Deutschland findest du hier.

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