Die DNA der Gorillaz

Wie die Gorillaz zum ungewöhnlichsten und verdammt nochmal größten Bandprojekt unserer Zeit wurden.

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24 Mai 2017, 4:18pm

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei Noisey Austria

In den sieben Jahren, in denen wir jetzt auf Humanz gewartet haben, hat sich unsere Haut vor Ungeduld fast so blau verfärbt wie 2Ds Haare. Kein Scheiß. Der Sauerstoff wurde knapp, Mann. Im April hat Humanz uns aber wieder aufatmen lassen. Dass sie am 2. November sogar in Wien Halt machen, schießt nochmal extra Spearmint-Frische nach. Manch einer hat es noch gar nicht verkraftet – ich habe Menschen gesehen, die beim Kartenkauf geheult haben. Wie Babys. Wer das typisch dunkle Lachen von "Feel Good Inc." oder die hämischen Affengeräusche aus "Clint Eastwood" noch im Kopf hat, der versteht das.

Ihr nehmt die Gorillaz scheiß ernst? Ja? Tun wir auch. Richtig ernst. Die Anfänge der Gorillaz haben trotzdem einen satirischen Ursprung. Vielleicht erinnert ihr euch noch daran, als Frontman aka Genie Damon Albarn und seinem guten Freund Jamie Hewlett beim Reinziehen von MTV (R.I.P.) aufgefallen ist, wie unerträglich austauschbar – fast schon generisch – die damaligen Künstler auf MTV geworden waren (ihr wisst schon, als der Sender tatsächlich noch Musikvideos ausgestrahlt hat). Weil Genies ihre Ideen nicht nur Ideen bleiben lassen, sondern sie auch umsetzen, überlegten sie sich eine virtuelle Comic-Band, die jedes Klischee mittelmäßiger Bandgruppierungen auseinandernehmen sollte.

Jamie Hewlett ist nicht nur von besonderem Humor gesegnet, sondern auch Comiczeichner und so waren 2D, Murdoc Niccals, Noodle und Russel Hobbs geboren. Jamie hat richtige Charaktere geschaffen – Menschen aus Fleisch und Blut waren über beide Ohren in die Comicfiguren verknallt. Um das Projekt greifbarer zu machen, wurde die bisher nur auf dem Papier existierende Band mit detailliert ausgearbeiteten Persönlichkeitsprofilen beziehungsweise Biographien auf deren Website hochgeladen – noch bevor ein einziger Song veröffentlicht wurde. Was Albarn und Hewlett angreifen, hat nun mal Hand und Fuß.

"Mit großartigem Hate musste sich Damon nicht wirklich herumschlagen, denn wie traurig ist es bitte, eine Comicfigur zu flamen?"

Der Sänger 2D erfüllt die Rolle des Frontmans in stereotyper Punkmanier, gefolgt von Bassist Murdoc, der die Band eigentlich leitet, aber zu hässlich ist, um an der Spitze zu stehen. Es sind solch feinen Streiche, die der Gesellschaft den Spiegel vorhalten. Dann sind da natürlich noch die Gitarristin Noodle, eine durchgedrehte, prä-adoleszente Asiatin, mit einer Inselbegabung zum Gitarre spielen und als Schlusslicht der hünenhafte Schlagzeuger Russel Hobbs, der trotz seiner eindrucksvollen Erscheinung eher ruhig und zurückhaltend bleibt. Da sind Virtuosen am Werk.

Damit war die Grundlage für eine musikalische Spielwiese geschaffen, bei der Damon aka 2D keine Genre-Grenzen gesetzt waren. Eine feste Bandbesetzung gab es nämlich nicht, es wurde mit immer wechselnden Musikern (D12, Ike Turner) und Producern (DJ Danger Mouse, Tom Girling, Jason Cox) gearbeitet, die dann temporär in die Rolle ihrer jeweiligen Comicfigur schlüpften. Mit großartigem Hate musste sich Damon nicht wirklich herumschlagen, denn wie traurig ist es bitte, eine Comicfigur zu flamen? Außerdem: Kein Mensch kann ein so flexibles, aber unaufhörlich starkes und gesellschaftskritisches Musikprojekt angreifen. Richtig. Zumindest niemand nennenswertes.

2000 veröffentlichten Gorillaz dann ihre erste EP Tomorrow Comes Today, den internationalen Durchbruch verbuchten sie aber ein Jahr später mit der Singleauskopplung "Clint Eastwood" ihres Albums Gorillaz. Weltweit wurden sieben Millionen Tonträger abgesetzt, das brachte ihnen den Guinness Weltrekord der erfolgreichsten virtuellen Band ein. Ein Nachmittag MTV wurde zum Fokus der Musikwelt, die Augen auf Affen, die Erwartungen hoch.

Klingt ja jetzt alles sehr chillig und Hollywood-mäßig, da kann sich keiner beschweren. Aber wie genau gelang dieser sehr explosive Aufstieg in den Charts-Himmel? Dass Damon Albarn Teil des Poprockgiganten Blur war beziehungsweise ist, hat vielleicht einen minimalen Teil dazu beigetragen. Oder dass er ein musikalisches Genie ist, das eine ganze Generation mit nervigen Lagerfeuerliedern beschenkt hat. Aber abgesehen davon, ist das Ganze vielleicht doch nicht so offensichtlich.

Einen nicht unwesentlichen Teil hat sicher auch die Arbeit von Jamie Hewlett dazu beigetragen. Mit viel Liebe zum Detail und einem leichten Hang zur geistigen Umnachtung, zieht der Zeichner ein abstruses Universum aus seinem Hirn, dessen Mittelpunkt die vier fiktiven Musiker vereint. So entscheidet sich Noodle zum Beispiel aus einer Laune heraus, ihr eigenes Album zu schreiben. Demon Dayz entsteht und der erste Song auf dem Album, den sie produziert, ist "Dare" – Gorillaz erste Single die an der Spitze der Charts landet. Ich mein, die Alte ist zehn Jahre alt … zehn! Nachlesen lässt sich das Ganze übrigens hier.



Der zweite international bekannte Song fand ebenfalls in Form einer Singleauskopplung statt. "Feel Good Inc." fand sich auf dem Album Demon Dayz wieder und wurde 2005 veröffentlicht. Musikalische Unterstützung auf dem Album gab es damals unter anderem durch MF Doom und De La Soul. Namen, die uns vor Ehrfurcht erschüttern lassen. In Großbritannien stürmte das Album bereits in der ersten Woche auf Platz 1 der Albumcharts. 2006 räumten Gorillaz bei den Grammy Awards mit "Feel Good Inc." auch eine Auszeichnung für die beste vokale Popzusammenarbeit ab. Was immer "vokale Pop-Zusammenarbeit" sein mag.

Bei den MTV European Music Awards traten Gorillaz als erste Band weltweit in Form von 3D-animierten Hologrammen auf. Die geplante Hologramm-Tour 2007-2008 war aus finanziellen, wie technischen Schwierigkeiten jedoch nicht umsetzbar. Macht nichts, jetzt sind wir zumindest alt genug, um ohne Eltern hinzugehen.

Mit "Feel Good Inc." war eine Hymne geschaffen, die jeder unverkennbar mit den Gorillaz verbindet: Ich mein, Alter, wer kennt diesen Song nicht? Und auch hier stellt sich erneut die Frage – Wie? Sich back to back musikalisch generationsübergreifend zu verewigen, hat wenig mit Glück zu tun. Ein Blick auf die UK-Charts im Mai 2005 gibt schon ein kleines bisschen mehr Aufklärung. Um den ersten Platz streiten sich hier Artists, wie Eminem mit "Mockingbird", Akon mit "Lonely", "Hate It Or Love It" von 50 Cent & The Game und "Signs" von Snoop Dogg.

Jeder, der einen Funken Grips im Schädel hat, erkennt hier ein Muster: nur HipHop-Einheitsbrei. Das soll keine Kritik an auch nur einem einzigen, der gerade genannten Songs sein (außer vielleicht an Akon), aber Gorillaz releasen ihr Album genau in dem Zeitfenster, in dem das Gerede von Schießereien und Hustlen gegen den Daily Struggle saulangweilig geworden sind.

Doch dann wird es wieder lange sehr ruhig um das Phänomen Gorillaz. Erst fünf Jahre später meldet sich Damon Albarn wieder aus der Versenkung zurück und mit im Gepäck hat er eine ganze Armada an Hochkarätern. Der beliebteste Stoner unter der Sonne – Snoop Dogg – teilt sich das Rampenlicht mit unter anderem Mos Def und De La Soul, sowie Punk- und Rockeinflüsse von Mark E. Smith und Lou Reed.

Nach dem mäßig erfolgreichen Free Download Album The Fall, dass während der Gorillaz North American Tour 2010 größtenteils in Hotelzimmern entstand und nach viermonatiger Downloadphase als erwerbliches Album in den Handel kam, dort aber den Sprung in die Top 10 verpasste, entschied sich Damon Albarn wieder für unbestimmte Zeit, in seine Versenkung zu verschwinden.

Sechs verdammte Jahre wurde es dann wieder still um die vier Comicmusiker aus dem Vereinigten Königreich. Einiges verändert sich in der Welt, fragwürdige Entscheidungen werden getroffen: England verlässt in sehr gekonnter Manier die EU und ein frauenfeindlicher, rassistischer Milliardär mit fraglichem Haarschnitt erhält die Zugangscodes für nukleare Langstreckenraketen.

Doch wenn keiner damit rechnet, taucht wieder ein kleines Stück Hoffnung am sonst so dunklen Horizont auf. Gorillaz droppen den Song "Hallelujah Money" auf dem der Londoner Poet Benjamin Clementine gefeatured wird. Eine offene Kriegserklärung an die verwerflichen Ideale unseres Lieblingspräsidenten Donald Trump. Murdock äußert sich dazu wie folgt:

"In these dark times, we all need someone to look up to. Me. That's why I'm giving you this new Gorillaz song, a lightning bolt of truth in a black night. You're welcome. Now piss on! The new album's not gonna write itself."

Und damit war das Comeback 2017 endlich ausgesprochen. Mit wie immer experimentellem und neuartigem Output schmeicheln Gorillaz in den letzten Wochen unsere Ohren. Das Virtual Reality Musikvideo zu "Saturn Barz" wird innerhalb kürzester Zeit zum meist geschautesten 360 Grad Video der Welt.

Ihr solltet euch diese verdammt großartige Diskographie einverleiben, in sie eintauchen und den Hologrammen eure BHs und Shorts ehrenden Wurfes zuschmeißen . Hahahahahahahahaha, feel good.

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