Anzeige
Politik

Putins Geheimwaffe: heiße Frauen im Parlament

In Russland gibt es immer mehr junge, gut aussehende Frauen, die für die Regierung tätig sind. Allerdings hat das nicht viel mit Gleichberechtigung oder Chancengleichheit zu tun, sagen politische Beobachter. Eigentlich soll ihr gutes Aussehen nur von...

von Josephine Huetlin
10 November 2016, 8:00am

Seit ihrem Amtsantritt als Sprecherin des russischen Außenamts hat sich die 40-jährige Maria Zakharova wegen zwei Dingen einen Ruf bei den russischen Medien gemacht: den unverblümten, sarkastischen Angriffen auf den Westen und ihrem guten Aussehen. Ein Blogbeitrag formulierte es so: „Die Aufmerksamkeit wird darauf gelegt, wie unerschrocken dieses zarte Geschöpf im Bunker des Informationskrieges sitzt und Russland vor allen möglichen Angriffen verteidigt." Der Sternbetitelte Zakharova 2015 mit der Überschrift: „Sexy, klug und biestig—Putins PR-Wunderwaffe."

Außerdem erschienen im Stern mehrere „sexy Selfies" von Zakharova (obwohl ihr Account privat ist, hat sie mehr als 40.000 Follower auf Instagram): In den weniger wilden Schnappschüssen demonstriert sie ihre Vorliebe für roten Lippenstift, High-Heels und Leopardenprints, in anderen posiert sie in engen Nike-Shorts und einem passenden Sportoberteil.

Mehr lesen: „Ich akzeptiere keine Grenzen"—Nadja Tolokonnikowa von Pussy Riot im Interview

Es ist nichts dagegen einzuwenden, dass mächtige Frauen zu ihrer Weiblichkeit stehen und sie auch gerne zur Schau stellen. Viele sehen in Zakharovas sexy Selbstdarstellung allerdings kein feministisches Statement, sondern vielmehr den Versuch, von der neuerdings sehr aggressiven Propaganda des Kremls abzulenken, die sie verkörpert. „Sie ist unverschämt und gibt Hassparolen von sich", erklärt mir Andrei Kolesnikov, Vorsitzender des russischen Programms für Innenpolitik und politische Institutionen am Carnegie Moscow Center. „Findest du sie hübsch? Dann hast du sie noch nie persönlich getroffen. Ihr Aussehen passt nicht zu dem, was sie sagt."

Zakharova ist nicht die einzige Frau in der russischen Politik, die in den letzten Jahren in ein patriotisches Sexsymbol verwandelt wurde. Seit Putin 2012 wiedergewählt wurde, finden die politischen Machtkämpfe in Moskau hinter verschlossenen Türen statt. Je leiser die Forderungen nach professionellen Politikern werden, so die politische Beobachterin Tatiana Stanovaya, desto weiter steigen die „weiblichen Bühnenfiguren auf und nehmen eine immer wichtigere dekorative Rolle ein."

Neben Zakharova meint Stanovaya damit vor allem Maria Kozhevnikova—eine Schauspielerin, die bereits für den Playboy posierte und sich mit 27 Jahren einen Sitz im russischen Parlament gesichert hat—und Natalia Poklonskaya, die 2014 Generalstaatsanwältin der Krim wurde.

Maria Kozhevnikova, Mitte. Foto: Dgeise | Wikimedia Commons | Public Domain

„Wenn eine Frau an die Macht kommt, ist das für Putin keine Bedrohung. Deswegen können Frauen ohne Weiteres befördert werden. Die russische Bevölkerung ist noch immer sehr konservativ und nimmt Frauen nicht besonders ernst", erklärt mir Stanovaya. Wenn eine Frau in der Lage ist, die Aufmerksamkeit mit ihrem guten Aussehen auf sich zu ziehen, dann bedeutet das in der Logik Russlands, dass sie eine ideale Verfechterin für Putins Regime abgibt. Nehmen wir zum Beispiel Kozhevnikovas Antwort auf die Frage nach den Protesten gegen die umstrittenen Parlamentswahlen aus dem Jahr 2011: „Ich habe Putin schon mehrere Male aus der Nähe gesehen und muss sagen, dass dieser Mann eine sehr starke Ausstrahlung hat", sagt sie. „Ich habe gesehen, wie sich Leute verändert haben, wenn sie in Putins Nähe waren—nicht aus Angst, sondern weil sie sein ruhiges, starkes Selbstbewusstsein spüren konnten. Aus diesem Grund hat der Westen verständlicherweise auch Angst vor ihm." Sie meinte auch, dass die Proteste vermutlich von anderen Ländern finanziert wurden, was auch Putin damals behauptete.

Wenn eine Frau an die Macht kommt, ist das für Putin keine Bedrohung.

In diesem Jahr haben die russischen Wähler auch die 21-jährige Maria Katasonova kennengelernt. Sie gehört der rechtsnationalen Rodina- oder Vaterlandspartei an, die sich während dem US-Wahlkampf mehrmals zu Wort gemeldet hat, um ihre Liebe zu Donald Trump und ihren Hass auf die „Betrügerin Hillary" kundzutun. Bei einem Protest vor der amerikanischen Botschaft in Moskau trug Katasonova ein rotes Spitzenkleid und hielt ein Schild hoch, auf dem ein Foto von Hillary Clinton mit dem Wort WAR neben einem Foto von Donald Trump mit dem Wort PEACE zu sehen war. Die Reaktion der USA auf Katasonovas Auftritt war spärlich und es tauchten auch keine Moskowiter auf, um den Protest zu unterstützen. Ihre Fans in den sozialen Medien waren allerdings ganz begeistert, als die Bilder von Katasonova später im Internet erschienen.

Katasonova wurde laut dem politischen Beobachter Yuri Krupnov durch die Krise in der Ostukraine bekannt. Damals arbeitete sie als Beraterin von Evgeny Fedorov, dem Anführer der russischen nationalen Befreiungsbewegung. „Die stylischen Bilder von Maria als traditionelle patriotische Russin waren überall im Netz und in den Nachrichten."

Die Fotos, die Krupnov meint, zeigen Katasonova in einem feuerroten Feld mit einem Gewehr über der Schulter und einem blonden geflochtenen Zopf. Ein YouTube-Video, das weite Kreise im Netz zog, zeigt sie in einem luxuriösen weißen Pelzmantel. Zunächst wünscht sie den Zuschauern fröhliche Weihnachten, bevor sie mit einem nuklearen Weltkrieg droht, wenn Russland den Patt in der Ukraine verlieren sollte.

Katasnova behauptet, dass diese Fotos und das Video während ihrer Reise zur Unterstützung der Separatisten in Donezk gemacht wurden, aber Krupnov denkt, dass viele dieser Fotos und Videos gestellt sind—solche Praktiken sind tief in der russischen Politik verwurzelt.

Maria ist in meinen Augen eine sehr symbolische Figur", sagt er. „In Russland gibt es keinen echten politischen Wahlkampf, deswegen ist dieser ganze Pathos auch sehr doppelsinnig. Der Wahlkampf funktioniert genau wie das Showgeschäft: Es ist schwer zu sagen, was fake ist und was echt."

Folgt Broadly bei Facebook, Twitter und Instagram.

Tatsächlich schaute Putin eine Woche vor den Parlamentswahlen im September auf dem roten Platz in Moskau vorbei, um ein Foto mit einer Horde junger Frauen in Hochzeitskleidern zu machen. Die Fotos spiegelte die sogenannten „langweiligsten Wahlen" des Jahres seltsamerweise perfekt wider. Die Wahlbeteiligung war, laut Bloomberg, nur sehr gering, weil „Putin ein politisches Klima und ein System geschaffen hat, in dem es nicht mehr notwendig ist, die Wahl zu manipulieren. Die Nachrichten werden streng kontrolliert. Den letzten verbliebenen unabhängigen Fernsehsendern wird regelmäßig gezeigt, dass sie spuren müssen." Wenn sich niemand mehr für Politik interessiert, wirken hübsche Bilder mächtiger als Worte—oder wie die staatlichen Medien wissen: hübsche Bilder schmücken das Kleingedruckte.

„Sie annektiert dein Herz", meinte der Kreml-treue Fernsehsender RT, als die Staatsanwältin Natalia Poklonskaya 2014 zur Generalstaatsanwältin der Krim ernannt wurde. Sie lenkten die Aufmerksamkeit auf ihre blonden Haare, „ihre großen blauen Augen und ihr mädchenhaftes Aussehen", das laut dem Autor des Artikels, „die Welt beeindruckt hat." Das Feature befasste sich nur am Rande mit Poklonskayas 12-jähriger beruflicher Erfahrung und legte den Fokus stattdessen lieber auf die Tatsache, dass sie zu einer „Sensation in der japanischen Animeszene" geworden ist.

Poklonskaya sagte zwar, dass sie hoffe, dass ihr Aussehen „ihre Gegner täuscht" und beschwerte sich auch darüber, dass all die Aufmerksamkeit auf ihr Äußeres ihre Arbeit untergraben würde, doch das Internet war trotzdem schon nach kurzer Zeit voller Bilder von der 34-jährigen ukrainischen Staatsanwältin—die von dem ukrainischen Innenministerium beschuldigt wurde, den Putsch angeführt zu haben und deswegen nach ihrer Ernennung auf die ukrainische Fahndungsliste gesetzt wurde. In einem Foto riecht die „First Lady der Krim" an einem Blumenstrauß und trägt dazu rote High-Heels. In einem anderen lehnt sie auf einem roten Samtsofa und sieht verführerisch in die Kamera—ein starker Kontrast zu den späteren Anschuldigungen, dass Poklonskayas Gerichtshof schwere Menschenrechtsverletzungen gegen Bewohner der Krim begangen haben soll.

Mehr lesen: In Russland ersetzen Untergrund-Sexpartys den fehlenden Sexualkundeunterricht

Dieser Bruch kommt Putin nicht ungelegen. Als Mitglieder von Putins Partei Einiges Russland haben Maria Kozhevnikova und Natalia Poklonskaya bei den Wahlen in diesem Jahr beide einen Duma-Sitz bekommen. Die junge Maria Katasonova hat es dagegen nicht in die Duma geschafft. Eigentlich ging man davon aus, dass ihre Partei, die rechtsnationale Rodina-Partei, überhaupt keinen Sitz bekommen würde. „Die Rodina-Partei ist ein willkommener Störfaktor, der die Stellung der KPRF [der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation] und von Gerechtes Russland [einer sozialdemokratischen Partei] untergräbt", sagt Kolesnikov. In anderen Worten: Die Kandidaten, die für die Rodina-Partei antreten, „spielen, so gesehen, auf der Seite von Einiges Russland."

„Putins Regime basiert auf einer monopolitischen Vorherrschaft mit starken patriarchalen Zügen", sagt Stanovaya. „Der Einzug schöner und attraktiver Frauen in die Politik unterstreicht Putins Position als Alpha-Männchen nur und stärkt ihn in seiner Rolle als Vater der Nation."


Foto: Kremlin.ru | Wikimedia Commons | CC-BY 4.0