Popkultur

Ich habe aus Versehen gestohlene Platten gekauft und ihren Besitzer gefunden

Durch den Vinyl-Hype werden viele Sammler und DJs zu Diebstahlopfern. Wie die Diebe vorgehen, wie viel Platten wert sind und warum die Polizei selten helfen kann.

von Niklas Fucks
28 August 2017, 5:20am

Collage: Johann Steer | Hintergrund: imago/Müller-Stauffenberg; Foto Hand: Seniju | FlickrCC BY 2.0

Es ist ein heißer Sommertag Anfang Juli in Bonn: Familien flanieren durch die Innenstadt, Jugendliche kiffen am Rhein, ich stehe in einem staubigen Ramschladen nahe des Hauptbahnhofs und stöbere durch alte Schallplatten. Mein Blick bleibt auf dem Boden haften: Da stehen etwa 20 Singles, jede in einer durchsichtigen Schutzhülle. Schon die erste suche ich seit Ewigkeiten: "Be Thankful for What You Got" von William DeVaughn – ein Soul-Klassiker. Dazu kommt eine breite Palette aus obskurem türkischem Folkrock, deutsche Disco-Experimente aus den 80ern, sogar einige ganz aktuelle Neuerscheinungen. "Wie viel willst du für die hier?", rufe ich hinter den Tresen. "Boah, die sind in einem super Zustand, unter 5 Euro das Stück wird das nix", schallt es zurück. Am Ende nehme ich den ganzen Haufen für 50 Euro. Zu Hause stelle ich fest, dass das Paket sogar einen Wert von einigen Hundert Euro hat – und dass es sich um Diebesgut handeln muss.

Dafür gibt es mehrere Indizien: Die Auswahl der Raritäten wurde sehr genau zusammengestellt, alle Platten sind "DJ-tauglich". Ihr Top-Zustand und die Tatsache, dass auch einige neue Platten dabei sind, lassen darauf schließen, dass die Scheiben bis vor kurzem in der Sammlung eines aktiven Diggers standen. Digger sind Musikliebhaber, die Stunden in Plattenläden und im Internet verbringen, um seltene Alben oder Singles zu finden. Und wer auch immer diese Scheiben vor mir besaß, hätte sie wahrscheinlich nicht für einen Schleuderpreis an einen Laden mit dem Namen "Cash Crash" verkauft.


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Schallplatten werden oft gestohlen. Die Polizei führt zwar zwar keine gesonderten Statistiken für Plattendiebstahl, aber jeder, der Vinyl liebt und besitzt, hat eine Geschichte von einem Freund oder Freundesfreund. Es gibt dabei vier Muster:

1. Geklaut, wenn keiner guckt: Manche entwenden Reggae-Raritäten aus Autos, andere nehmen einen Umzugskarton aus dem Treppenhaus mit und verticken die Platte für einen Euro noch auf der Straße (wahre Geschichte!).

2. Geklaut aus dem Plattenladen: Der Ladendiebstahl ist der Klassiker und hat es mit dem Film "High Fidelity" auch ins Kino geschafft. Ein anscheinend inspirierter Berliner machte allerdings so oft die Finger lang, dass die einige Betreiber einiger Läden vor zwei Jahren Fahndungsfotos von ihm in den Geschäften aufhingen.

3. Geklaut aus der DJ-Booth: Wenn es eine Legende wie Kerri Chandler erwischt, dann kann es auch dir passieren – und Chandler war sogar gerade beim Auflegen, als der Dieb zugriff.

4. Geklaut aus der eigenen Wohnung: Geschieht vergleichsweise seltener, aber welcher Plattenbesitzer kennt nicht die Paranoiaschübe, wenn die Airbnb-Gäste des Mitbewohners gerade aus der Tür sind und man eine bestimmte Single nicht findet?

Wie meine 20 neuen Platten ihrem Vorbesitzer abhanden gekommen sind, weiß ich zu dem Zeitpunkt noch nicht, aber ich fühle den Schmerz dieses Menschen. Also tue ich, was man 2017 tut, um ein schlechtes Gewissen zu bereinigen: Ich poste etwas im Internet. In einer aktiven Digger-Gruppe auf Facebook veröffentliche ich ein paar der Tonträger und frage, ob jemand im Rheinland diese Singles vermisst.

Mein Aufruf, um den rechtmäßigen Besitzer der Platten zu finden

Knappe 12 Stunden später meldet sich Johnny. Johnny war Anfang des Jahres in Bonn und ist nach einem DJ-Gig in der Bahn eingedöst. Als er wieder aufwachte, waren sein Rucksack und eine Kiste mit etwa 50 raren Singles weg. Er schickt mir eine Liste mit den gestohlenen Platten, auf der sich alle finden, die nicht auf meinem Foto zu sehen waren. Außerdem erinnert er sich an mit Bleistift gekritzelte Preise und jeden Kratzer. Es sind also zweifelsfrei Johnnys Platten, Sherlock Internet hat den Fall gelöst.

1:0 für Sherlock Internet

Der Bestohlene ist 40 und lebt in Berlin. In seiner Wohnung gibt es ein Zimmer nur für Platten, bis an die Decke stapeln sie sich dort. Als er das letzte Mal gezählt habe, kam er auf 3.500 Stück. Mittlerweile hat er, schätzt er, die dreifache Menge angesammelt. "Der DJ-Gig in Bonn sollte etwas Besonderes mit Freunden werden, deswegen habe ich mir Sachen mitgenommen, die mir wirklich am Herzen liegen", erinnert er sich. "Aber schon dafür musste ich mich überwinden, weil ich schon immer Sorge hatte, dass genau so etwas wie jetzt passiert."

Johnny, der seinen echten Namen nicht nennen möchte, hat der Polizei von meinem Fund berichtet und Kontakt mit dem Laden aufgenommen. Direkt nach der durchschlafenen U-Bahn-Fahrt hatte er Anzeige gegen unbekannt gestellt. Bei den neuen Ermittlungen finden die Beamten im Lager des An- und Verkaufs eine Handvoll weiterer Singles von Johnny. Knapp 20 dürften aber vorerst verschollen bleiben, darunter die zweite Single der brasilianischen Jazz-Funk-Kombo Azymuth: Sie ist praktisch unauffindbar und wenn doch, geht sie für über 200 Euro weg.

Die Betreiber des Plattenladens haben Glück. Da sie allem Anschein nach nicht wussten, dass sie gestohlene Ware zuerst ange- und dann verkauft haben, machen sie sich nicht der Hehlerei strafbar. Die Platten müssen sie Johnny aber aushändigen. "Ich bin froh, dass er seine Platten zurück hat", sagt einer der Betreiber von Cash Crash Bonn. "Für uns sind das ja Waren wie alle andere, ihm schienen die aber richtig was zu bedeuten."

Weitere gestohlene Platten, die mittlerweile wieder zurück bei Johnny sind

Dass Diebe ihre heiße Ware Läden unterzujubeln versuchen, liegt auch daran, dass Online-Portale wie Ebay oder Discogs – die weltweit größte Plattenbörse – für Polizei und Vorbesitzer leicht zu überwachen sind. Das Problem der Läden: Wenn der Anbieter nicht gerade mit einem offensichtlichen Drogenproblem oder in einer Panzerknacker-Uniform reinkommt, wird es schwer, Hehlerware zu erkennen. Der Dieb von Johnnys Platten machte auf den Cash Crash-Betreiber einen seriösen Eindruck. "Man will den Leuten ja auch nicht unterstellen, er hätte geklaute Ware dabei."

Auch Robert, ein weiterer professioneller Ankäufer, kennt diese Schwierigkeiten: "Natürlich kann ich den Leuten nicht in den Kopf gucken und im Gegensatz zum Handel von, sagen wir mal, teuren Uhren gibt es auch keine Dokumente, die den Besitz belegen. Wer bewahrt schon von jeder gekauften Platte den Kassenbeleg auf?"

Aber die Händler haben Techniken entwickelt, um Diebesgut zu erkennen. Zu Cash Crash kommen "jeden Tag" Leute, die versuchen, Gestohlenes zu verkaufen. Diese werden dann ausgefragt. "Sagt der bei drei von vier Fragen 'Keine Ahnung!', mach ich mir Gedanken", erzählt der Betreiber. Robert geht es ähnlich an: "Der Verkäufer und Käufer gehen normalerweise wenig verkrampft miteinander um als in anderen Geschäftsbeziehungen, weil sich in der Regel beide Seiten mindestens latent für Musik interessieren. Wenn dir jemand zwar seine Deutschrap-Raritäten aus den Neunzigern verkaufen will, scheinbar aber nicht weiß, wer die Stieber Twins sind, wäre das natürlich ein Verdachtsmoment."

Plattendiebstahl ist ein Verbrechen, das meistens spontan aus der Gelegenheit heraus geschieht. Zwar empfehlen sogar FAZ und Manager Magazin Vinyl als Wertanlage, aber der Beuteertrag ist oft gering: Das Gros der im Umlauf befindlichen Platten ist kaum etwas wert, vor allem im elektronischen Bereich halten nur wenige Veröffentlichungen ihren Verkaufspreis. Selbst gesuchte Platten kosten nur sehr selten mehr als 50 oder 100 Euro im Internet. Sammler müssen also keine Alarmanlage um ihr Kallax-Regal installieren. "Mal eben eine Wohnung aufbrechen und 5.000 Platten zu klauen ist ein riesiger Akt", sagt Ankäufer Robert. "Der Aufwand für Abtransport und Lagerung sowie die Tatsache, dass es für einen Laien nicht erkennbar ist, dass Platten von Shakin Stevens nix wert sind, obskure deutsche Krautrock Alben hingegen schon – das alles führt dazu, dass Juweliere langfristig als Objekt krimineller Begierde attraktiver bleiben werden."

Wer trotzdem bestohlen wird, betrauert eher den immateriellen als den finanziellen Verlust. "Ich hätte mir viele der Platten nicht unbedingt nachgekauft", sagt Johnny. "Das waren Platten, die ich in besonderen Situationen für wenig Geld gefunden habe und vielleicht nicht einmal wusste, was es war. So etwas kann man nicht einfach noch mal kaufen."

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