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'MTV Icon: Metallica' – 2003 huldigte die Elite des Nu Metals und Pop-Punks ihren Ikonen

Sum 41, Limp Bizkit, Avril Lavigne, Korn, Staind, aber auch Snoop Dogg – sie alle spielten live Metallica-Songs. Und Chester Bennington erzählte, wie wichtig die Ikonen für ihn waren.

von Noisey Staff
06 September 2017, 12:33pm

Fotos: Screenshots via YouTube aus den Video "Limp Bizkit Plays Sanitarium" | "KoRn - One (cover)"

Im Mai 2003 zeigte MTV eine Show, die heute wie kaum etwas anderes die damalige Zeit voller Pop-Punk und Nu Metal widerspiegelt. Fast genau einen Monat bevor Metallica mit ihrem Release von St. Anger weltweit die Köpfe ihre Fans immer und immer wieder gegen einen Kochtopf aka die Snare von Drummer Lars Ulrich schlagen sollten, wurden sie in einer TV-Gala als Ikonen geehrt. MTV Icon widmete sich ganze 90 Minuten lang den Thrash-Metal-Helden. Hochkarätige Musik-Acts, pathetische Reden, kreischende Zuschauer – das war eine ganze Awardshow einzig und allein für Metallica.

Und da damals schwere Gitarrenmusik noch richtig groß war und die heute nur belächelten oder auf Rock-Disko-Floors gefeierten Bands die Charts beherrschten, war natürlich auch die komplette MTV-Rock-Prominenz anwesend. Sum 41, Limp Bizkit, Avril Lavigne, Korn, Staind, aber auch Snoop Dogg – sie alle performten live Metallica-Songs. Diese Auftritte sind aus heutiger Sicht fast schon surrealer Zeitgeist der 00er Jahre. So sitzen wir vor YouTube, schauen uns die Show 14 Jahre später an und fragen uns ständig: Zur Hölle, das ist wirklich alles passiert?

Sum 41 schworen mit ihrem Metallica-Medley dem Pop-Punk ab

An diesem Abend durften Sum 41 die Show mit einem Medley der Metallica-Songs "For Whom The Bell Tolls", "Enter Sandman" und "Master of Puppets" einleiten. Eine große Sache, die man als Pop-Punk-Truppe leicht hätte verkacken können. Doch die einstigen Fun-Punker hatten schon ein Jahr zuvor mit Does This Look Infected? gezeigt, dass die ewige Hausparty vorbei war. Jetzt wurde nicht mehr fröhlich in den Pool gesprungen, sondern angepisst über gesellschaftliche Missstände aufgeklärt. Vielleicht klang deswegen die Stimme des Sängers Whibley so angenehm rau, ohne eine halbgare James Hetfield-Imitation zu sein. Dass parallel Metallica den Saal betraten und erstmals der neue Bassist Robert Trujillo vorgestellt wurde, macht die ganze Performance ganz nebenbei zu einem historischen Metal-Moment.


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Staind vertonen mit "Nothing Else Matters" den feuchten Traum eines jeden Lagerfeuer-Gitarristen

Staind saßen zu dieser Zeit noch als gefeierte Götter im Nu Metal-Olymp. "It's Been Awhile" verhalf ihrem Album Break the Cycle zu über 700.000 verkauften Einheiten allein in der ersten Woche. Zahlen, für die Rock-Bands heute irre lachend ihre Gitarren ins Feuer werfen würden. Und wo wir schon mal bei Gitarren und Feuer sind. Als Sänger Aaron Lewis gefühlvoll auf einer Akustikgitarre "Nothing Else Matters" schmetterte, wurde er zum unsterblichen Vorbild aller Lagerfeuer-Gitarristen, die bis in alle Ewigkeiten ihre Mitmenschen mit ebendieser Cover-Version quälen werden.

Avril Lavigne macht das beschissene "Fuel" noch ein bisschen beschissener

Wir wissen nicht, warum sich Avril Lavgine ausgerechnet einen Song des verhassten Albums Reload aussuchte, aber wir wissen, dass ihr Cover von "Fuel" einen ohnehin schon nervtötenden Song dann noch ein bisschen schlimmer klingen ließ. Lavigne war damals dank "Complicated", "Sk8er Boi" und "I'm with You" ein absoluter Pop-Punk-Star. Eigentlich sehr cool, dass sie bei dem ganzen Testo-Zirkus ihre Stimme für die Metal-liebenden Frauen erhob. Trotzdem glich ihre Performance eher einer Karaoke-Einlage, für die auch Metallica-Gitarrist Kirk Hammett nur ein verschmitztes Lächeln übrig hatte. Vielleicht erkannte er da auch zum ersten Mal aus der Sicht des Zuschauers, wie beschissen der Song einfach ist.

Snoop Dogg versucht sich an einer Rap-Version von "Sad But True" – und scheitert

Ein Rapper covert einen Metal-Song: in Zeiten von Nu Metal keine Blasphemie, sondern absolut konsequent. Nur schade, dass sich Snoop Doggs Camp vorher offensichtlich keine Mühe gegeben hatte, einen Beat aus der Instrumental-Version zu basteln, sondern er einfach nur faul auf den Song rappt – Timing-Probleme und schiefer Singsang inbegriffen. Snoops nölende Stimme, die sonst jeden Westcoast-Beat veredelt, klingt auf den harten Gitarrenriffs wie eine hartnäckig summende Mücke. Man will ihm irgendwann einfach nur eine knallen. Traurig, aber wahr.

Korn verwandeln "One" in einen epischen Breakdown

Nachdem alle eine Zeit lang leiden mussten, wurde es dann verfickt episch. Da standen doch tatsächlich Linkin Parks Sänger Chester Bennington und Blink 182-Drummer Travis Barker nebeneinander und erzählten, wie sehr Metallica sie beeinflusst hätten. Und dann sagten sie auch noch Korns Cover von "One" an. Un-fass-bar. Diese Minute sollte man verdammt nochmal ins All schießen, um außerirdischen Lebensformen zu zeigen, was für Rock-Fans Anfang der 00er relevant und groß war.

Jonathan Davis sang mit zerbrechliche Stimme die Anti-Kriegs-Ballade von 1989 und schlug damit eine Brücke von der Teen Angst und Frustration seiner Generation zu der des Kalten Krieges. Dazu knarzte der Bass Korn-typisch so aggressiv, dass kurz Trujillo eingeblendet wurde, der mit seinen Lippen ein stilles "Wow" formte. Der Song entlud sich schließlich in einem stumpfen Breakdown, zu dem Davis so hart headbangte, dass er kurz vor einem Schleudertrauma zu stehen schien. Am Ende gab es Standing Ovations von Metallica, die in diesem Moment vielleicht verdammt stolz waren, eine neue Generation von Metalheads inspiriert zu haben.

Für Limp Bizkits Version von "Sanitarium" stehen alle auf

Nach Korn durfte das andere Szene-Schwergewicht ran: Limp Bizkit coverten "Sanitarium". Wieder eine Kombination die schnell in die tief sitzende Hose gehen kann, aber Fred Durst zeigte hier, warum er damals einfach zurecht der Nu-Metal-Posterboy war. Gefühlvoll in der Strophe, ausbruchsartig aggressiv in der Hook. Da wippt sogar Lars Ulrich begeistert mit dem Knie. Im anschließenden Breakdown werden wir schmerzhaft daran erinnert, dass es ja mal zum guten Ton gehörte, einen wild scratchenden DJ in der Band zu haben. Vielleicht liegt es an unserer Nostalgie-Brille, aber obwohl das im Original eigentlich immer noch ein Metallica-Song ist, klingt das alles trotzdem extrem stimmig. Wir würden jetzt auch gerne wie der Rest des Saals stehen und "Sanitarium, leave me be!" mitschreien.

Metallica dürfen selbst ran

Zum Finale durften die Ikonen nochmal selbst ihre Songs spielen. Doch nicht bevor in einem Video James Hetfield ihr bald erscheinendes Album als "Wir sind so verliebt in das Album, es ist krank, haha" lobte und Lars Ulrich sagte, dass er weiß, dass dieses Album die Köpfe von Leuten sprengen wird. Wie recht er doch hatte – nur nicht im positiven Sinne.

Den Ansager gab der Schauspieler Sean Penn, der auch gleich die Geschichte erzählte, wie er mal mit Metallica im gleichen Hotel war, ihren Tourbus gesehen hatte und dachte: "Metallica ist ein zu offensichtlicher Name, die werden es nie schaffen." Alle lachten. Wie knapp wir alle eigentlich an einer Auflösung der Band vorbeigeschrammt waren, wusste damals noch keiner. Erst der Dokumentarfilm Some Kind Of Monster, der auch genau in der Zeit dieser Show-Aufzeichnung gedreht wurde, offenbarte 2004, wie fertig die gefeierten Helden eigentlich waren.

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