Die Filterblasen der Kanzlerkandidaten: Was Kern, Kurz und Strache auf Twitter sehen
Collage: VICE Austria
Schon wieder Wahlen!!!

Die Filterblasen der Kanzlerkandidaten: Was Kern, Kurz und Strache auf Twitter sehen

Islamfeinde, Arnold Schwarzenegger und Werner Failmann: Die Newsfeeds aus Sicht der drei Spitzenkandidaten.
13.9.17

Sebastian Kurz, Christian Kern oder Heinz-Christian Strache: Einer dieser drei wird nach dem 15. Oktober (erneut) Bundeskanzler von Österreich werden – sofern sich die Welt so weiterdreht, wie sie es derzeit tut und weder ein Atomkrieg über uns hereinbricht noch Peter Pilz einen auf Trump-Sieg macht.

Apropos: Vorlage für diesen Artikel war übrigens der Twitter-Feed des US-Präsidenten, dem CNN bereits einen ähnlichen Artikel gewidmet hat. Wie sich darin zeigt, bezieht Donald Trump seine Informationen über das Weltgeschehen beinahe ausschließlich über FOX, Twitter und ein paar extra angelegte Ordner mit Lobpreisungen.

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Typisch Trump, könnte man jetzt sagen. Aber eigentlich tut Trump nichts, was nicht auch österreichische Politiker – oder wir alle – im sozialen Netz tun: Bestätigung suchen und sich mit der völligen Gewissheit durch die eigene Filterblase bewegen, dass man auf dem richtigen Weg ist.

Wie sieht das Ganze bei unseren Kandidaten aus? Sind sie überhaupt persönlich auf Twitter? Hier eine kleine Zusammenfassung der Twitter-Aktivitäten der drei Accounts: Bundeskanzler Christian Kern gibt an, ausschließlich persönlich zu twittern und hat es so auf bisher 600 Tweets gebracht. Außenminister Sebastian Kurz twittert seine 4300 Tweets angeblich selbst, auch wenn sein Team "technischen Support leistet und sich natürlich auch um das Monitoring kümmert", wie man uns seitens der ÖVP erklärt. Und bei Heinz-Christian Strache gibt es auch auf Anfrage keine Auskunft, wer seinen Account betreut – fix ist nur, dass dieser seit 2010 insgesamt 20.500 Tweets abgesetzt hat.

Alle drei folgen Armin Wolf, Bundeskanzler Kern folgt der Tagespresse, dafür dem Standard nicht.

Laut dem Social-Media-Monitoring-Tool Storyclash wird mit den Tweets von Kurz mit großem Abstand am meisten interagiert: Hier gab es 14.410 Reaktionen (also Retweets und Faves), während es bei Strache im selben Zeitraum 4988 Reaktionen und bei Kern 4914 waren.

Aber was sehen Kern, Kurz und Strache jetzt, wenn sie Twitter öffnen? Alle drei folgen Armin Wolf und Isabelle Daniel, Sebastian Kurz folgt Arnold Schwarzenegger, Stefan Petzner und Forest Whitaker, Bundeskanzler Kern folgt der Tagespresse, dafür dem Standard nicht, FPÖ-Chef Strache folgt dem Co-Leiter der sogenannten "Identitären Bewegung" Österreich, dem Leiter der Identitären Bewegung Steiermark (Zufall, Einzelfall, man weiß es nicht) und Nicole Hosp – und keiner folgt Ulrike Lunacek. Gegenseitig folgen sie sich übrigens alle drei Kandidaten nicht.

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Unten könnt ihr selbst durch die Newsfeeds der Kandidaten scrollen.

Christian Kern

Der Bundeskanzler hält sein Twitter-Blase überschaubar und folgt nur 177 Usern. Es sind jene, denen vermutlich der Großteil der österreichischen Twitterer folgt – sofern er oder sie noch nicht geblockt wurde. Journalistinnen und Journalisten, Politikerinnen und Politiker, Pressesprecher.

Dazu kommen einige Medien (Fernsehsender, Online-Auftritte von Wochen- und Tageszeitungen), internationale Organisationen, EU-Institutionen und eine Handvoll User, die, als der Kanzler ihnen gefolgt ist, in teils echte, teils nicht ganz so echte Euphorie verfallen sind, die Benachrichtigung gescreenshottet und getwittert haben. Ich erinnere mich, ich folge ihnen auch.

Der nicht verifizierte Account mit dem Handle @SilbersteinTal (28 Follower), der denselben Namen trägt wie der inzwischen festgenommene, ehemalige SPÖ-Berater Tal Silberstein, folgt übrigens dem Bundeskanzler, aber der Bundeskanzler folgt ihm nicht (mehr) zurück.

Sebastian Kurz (ÖVP)

Die Liste von Sebastian Kurz ist nicht nur am Wahlzettel Kraut und Rüben; der ÖVP-Chef bleibt der kompletten Willkür auch mit seinem Twitter-Feed treu und folgt knapp 1000 Usern. Auch hier sind die klassischen Journalistinnen und Journalisten, Medien, Politikerinnen und Politiker zu finden.

Nicht wirklich überraschend ist auch der katholische Einschlag unter den Accounts, denen Kurz folgt – es sei denn, man hat das Aufbruch-Gerede von wegen "Zeit für Neues" ein bisschen zu ernst genommen. Kurz folgt unter anderem dem umstrittenen Nachrichtenportal Kath.net, der Katholischen Kirche Oberösterreichs, der Katholischen Presseagentur Österreich Kathpress und @Kloesterreich, wo Klöster, Stifte und Orden aus ganz Österreich twittern.

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Außerdem folgt Kurz Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron, der Modedesignerin Marina Hoermanseder und dem Satire-Account Werner Failmann. Die einzige erkennbare Linie dabei ist wahrscheinlich die zwischen Sebastian Kurz und allen anderen.

Heinz-Christian Strache (FPÖ)

Heinz-Christian Strache, der zwischenzeitlich aus der Öffentlichkeit quasi verschwundene Parteichef der Freiheitlichen, folgt mehreren Accounts, die selbst nur sehr wenige oder keine Follower haben, dafür mehrere hundert Tweets von hautsächlich FPÖ- oder AfD-Politikern geretweetet haben (wie zum Beispiel dieser oder dieser Account). Sie sind nicht unter ihrem echten Namen angemeldet und haben in ihrer Twitter-Bio EU-kritische bis -feindliche, nationalistische und ausländerfeindliche Beschreibungen stehen. Damit erfüllen sie sämtliche Kriterien eines Einzelfalls nach FPÖ-Definition.

Lange bestanden Straches Tweets nur aus Weiterleitungen zu Facebook, weshalb der FP-Chef mit Abstand weniger Follower hat als Kurz oder Kern. Konkret bedeutet das: Strache hat 19.700 Follower (bei immerhin 20.500 Tweets seit 2010), während Christian Kern 65.400 Follower und Sebastian Kurz 238.000 Follower verzeichnet.

Die Inhalte der Tweets lauteten lange Zeit "Das aktuelle FPÖ-Wirtschaftsprogramm wird gerade …" oder "Hier mein heutiges …" Seit einigen Monaten werden auf Straches Profil auch ganze Sätze gepostet.