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häusliche Gewalt

Warum Männerhäuser immer wichtiger werden

“Niemand verdient es, von dem Menschen verletzt zu werden, der ihn eigentlich lieben sollte.”

von Annamarya Scaccia
03 Juli 2017, 9:14am

Foto: The Family Place

Häusliche Gewalt trifft – ebenso wie sexualisierte Gewalt – auch Männer. Nur geredet wird darüber kaum. Die amerikanische Organisation The Family Place hat Anfang Mai 2017 das erste Männerhaus im US-Bundesstaat Texas gegründet und ist bereits jetzt hoffnungslos überbelegt. Das große Medienecho blieb bisher trotzdem aus. Der Mann als Opfer scheint stellenweise immer noch ein Tabu zu sein.

Als The Family Place vor knapp vier Jahrzehnten gegründet wurde, war das Thema im öffentlichen Diskurs quasi nicht vorhanden. Mit der Zeit begannen allerdings immer mehr männliche Opfer die Angebote des Familienzentrums aus Dallas in Anspruch zu nehmen. Vor nicht all zu langer Zeit noch hat die Hilfsorganisation die wenigen Männer, die zu ihnen kamen, noch gemeinsam mit ihren Kindern in Hotels untergebracht, wo sie Essen und verschiedene Beratungsangebote in Anspruch nehmen konnten. Allerdings erwies sich das Konzept als zu kostspielig für die kleine Organisation, sagt Paige Fink, die Geschäftsführerin von The Family Place.

Der Grund: Es kamen einfach zu viele männliche Opfer häuslicher Gewalt zu ihnen. Zwischen 2015 und 2016 stieg die Zahl der von The Family Place unterstützten Männer von 10 auf 32. In diesem Jahr rechnen die Organisatoren nun sogar mit mindestens 50 Männern.

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Auch in Deutschland gehören Beratungsangebote und Unterkünfte speziell für Männer, die Opfer von häuslicher Gewalt wurden, nach wie vor zur Seltenheit. Schätzungen zufolge kommen in Deutschland auf knapp 400 Frauenhäuser mit über 6.000 Plätzen nur eine Hand voll Männerhäuser, von denen einige wie in Leipzig oder Dresden nur auf drei Bewohner mit ihren Kindern ausgelegt sind. Natürlich wird auch die Zahl an Frauenhäusern unbedingt benötigt – die Mehrheit der Opfer häuslicher Gewalt sind noch immer Frauen –, doch auch Männer melden sich immer stärker zu Wort.

"Wir haben die Unterkunft gegründet, weil wir der Überzeugung sind, dass kein Mensch Angst vor dem Menschen den sie lieben haben sollte oder in seinen eigenen vier Wänden befürchten muss, dass er verletzt wird", sagt Fink von The Family Place. Sie sagt, dass ihr Vorhaben auch aus den umliegenden Gemeinden sehr viel Zuspruch bekommen habe.


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The Family Place betreibt keine gemischten Unterkünfte, weil es allgemein üblich ist, Frauen in reinen Frauenhäusern unterzubringen, um die weiblichen Opfer vor einem erneuten Trauma zu schützen. Wie Fink festgestellt hat, verlassen aber auch immer mehr Männer missbräuchliche Beziehungen auf der Suche nach Sicherheit und Stabilität und wenden sich in dem Fall an die Organisation. "Wir konnten beobachten, dass der Bedarf zunimmt", sagt sie.

Experten schätzen, dass jedes fünfte Opfer von häuslicher Gewalt ein Mann sein könnte.

In Deutschland wurde das erste Männerhaus schon 1995 eröffnet. Der Gründer, Horst Schmeil, der selbst Opfer häuslicher Gewalt wurde, machte damals aus seinem Reihenhaus in Berlin-Spandau kurzerhand das Gewaltschutzhaus mit acht Plätzen. Im November 2008 ist das Männerhaus dann in einen stillgelegten Gasthof im brandenburgischen Ketzin umgezogen. Ausgelastet sei das Männerhaus allerdings nicht, wie die ZEIT berichtet, was auch daran liegen könnte, dass es noch immer weitestgehend unbekannt ist.

In den USA sieht die Situation deutlich anders aus. Das Männerhaus von The Family Place mit 21 Plätzen war rund sechs Wochen nach der Eröffnung schon ausgelastet, sagt Fink. Die Bewohner sind überwiegend Männer mit kleinen Kindern. Wenn man sich die Statistiken in den USA ansieht, ist das nicht weiter überraschend. Obwohl Frauen – vor allem transsexuelle, schwarze und hispanische Frauen – noch immer am Stärksten von der Gewalt durch einen Intimpartner bedroht sind, melden sich auch immer mehr Männer zu Wort und berichten von ihren Missbrauchserfahrungen. Das amerikanische Gesundheitsamt geht davon aus, dass jeder vierte Mann in den USA schon mal von einem Intimpartner vergewaltigt, körperlich misshandelt und/oder gestalkt wurde. Unter Frauen ist es jede Dritte.

Foto: Victor | Pexels | CC0 [Symbolfoto]

In Deutschland gibt es keine verlässlichen Zahlen zur Gewalt gegen Männer. Die einzige Studie, die es bisher dazu gab, wurde 2004 vom Bundesministerium für Familie in Auftrag gegeben. Diese kam zu dem Ergebnis, dass 11 Prozent der befragten Männer angaben, schon einmal von einer Partnerin körperlich angegriffen worden zu sein. Allerdings stand die Studie immer wieder in der Kritik, weil die Datengrundlage mit nur 488 Befragten kaum zu belastbaren oder repräsentativen Ergebnissen führen könne. Einem Bericht des Deutschlandfunks zufolge schätzen Experten, dass sogar jedes fünfte Opfer von häuslicher Gewalt ein Mann sein könnte.

Dass immer mehr Männer über ihre Missbrauchserfahrungen sprechen, könnte aber auch damit zusammenhängen, dass das Bewusstsein für häusliche Gewalt in den vergangenen Jahren immer weiter zugenommen hat. "Wenn wir uns als Gesellschaft einig darüber sind, was wir unter häuslicher Gewalt verstehen, dann werden auch mehr Männer den Mut haben, über ihre Erfahrungen zu sprechen", sagt Ruth Glenn, die Leiterin der amerikanischen Organisation National Coalition Against Domestic Violence.

"Wenn wir Tiere aufnehmen würden, hätten wir schon längst öffentliche Gelder."

Die meisten Opfer begegnen allerdings noch immer starken Vorurteilen und der Scham, die viele davon abhält, über den Missbrauch zu sprechen. Oft würde ihnen selbst die Schuld an der Gewalt gegeben, die ihnen zugefügt wird oder sie müssten mit anklagenden Fragen rechnen, sagen die Organisationen. Außerdem würden ihre Missbrauchserfahrungen stark angezweifelt – meist würden ihnen noch nicht einmal die Polizei oder ihre eigenen Familien und Freunde glauben. Doch selbst wenn sich die betroffenen Männer Hilfe suchen, werden sie auch von den Beratungsstellen häufig abgewiesen. Einer amerikanischen Umfrage zufolge, die 2011 im Journal of Family Violence erschien und mit 302 männliche Gewaltopfern durchgeführt wurde, gaben knapp 67 Prozent an, dass sie von telefonischen Beratungsstellen und anderen Organisationen für Opfer häuslicher Gewalt abgelehnt wurden, als sie sich Hilfe suchen wollten. "Unsere Gesellschaft macht es ihnen noch schwerer, Hilfe zu finden", sagt Glenn.

Jahrzehntelange Forschung zeigt, dass es bei häuslicher Gewalt immer um das Ausüben von Macht und Kontrolle geht – unabhängig vom Geschlecht des Opfers. Allerdings führen gesellschaftliche Normen und Vorstellungen von Männlichkeit noch immer zu der falschen Annahme, dass Männer nicht "missbraucht oder vergewaltigt werden könnten", weil sie das vermeintlich "stärkere Geschlecht" sind. Vor allem dann, wenn die Täterin eine Frau ist. Hinzu kommt, dass Männer schon von klein auf dazu erzogen werden, sich selbst weder in der Rolle des Opfers zu sehen, noch über ihre Gefühle zu sprechen. "Die Gesellschaft steckt Männer noch immer in eine Schublade", sagt sie. "Sie werden immer in die Rolle des taffen, unnachgiebige Versorgers gedrängt."

Für homosexuelle Männer, die Opfer familiärer Gewalt wurden, wird das Stigma meist zusätzlich durch Diskriminierung und Homophobie verstärkt. Laut der amerikanischen Organisation National Coalition Against Domestic Violence können Vorurteile gegen LGBTQ und die fehlende Ausbildung der Mitarbeiter dazu führen, dass LGBTQ-Personen, die Opfer häuslicher Gewalt wurden, Angebote schlichtweg verweigert werden. Das wiederum kann dazu führen, dass sie sich isoliert und ausgeschlossen fühlen. Laut einem Bericht des National Coalition of Anti-Violence Program aus dem Jahr 2016 wurden 44 Prozent der befragten LGBTQ-Personen, die infolge einer Missbrauchserfahrung versucht haben, Zuflucht zu finden, abgelehnt. Knapp drei Viertel von ihnen waren homosexuelle Männer und Transfrauen.

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Hinzu kommt, dass die meisten Organisationen, die sich auch oder ausschließlich um Männern kümmern, die Opfer häuslicher Gewalt wurden, entweder ausgelastet oder unterfinanziert sind. Das macht es meist noch schwieriger, ein Männerheim zu betreiben oder den Betroffenen die entsprechende rechtliche, medizinische oder therapeutische Unterstützung zukommen zu lassen. Auch Schmeil vom Brandenburger Gewaltschutzhaus kennt dieses Problem. Gegenüber der taz sagte er: "Wir haben einfach die falsche Zielgruppe. Wenn wir Tiere aufnehmen würden, hätten wir schon längst öffentliche Gelder."

Fink von The Family Place hofft, dass sich die Situation mit der Zeit und mit dem zunehmenden Bewusstsein der Gesellschaft bessern wird und Männerheime sowie Beratungsangebote für Männer irgendwann zur Normalität gehören werden. In der Zwischenzeit wird The Family Place – und das Family Violence Prevention in Arkansas – eine führende Rolle in den USA einnehmen.

"Wir sollten im Umgang mit den Betroffenen nicht wertend sein. Wenn wir eine wertende Sprache verwenden, bringen wir die Betroffenen in eine Situation, in der sie nicht sein sollten", sagt Fink. "Niemand verdient es, von dem Menschen verletzt zu werden, der ihn eigentlich lieben sollte."

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