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Ausgehen

Essen, Kotzen, Party—mein Teenagerleben mit einer Essstörung

Dein Wochenablauf ist perfekt auf das Wochenende abgeplant, doch du kannst deinen Körper nicht austricksen.

von Anonyme Autorin
23 Juni 2016, 11:20am

Dieser Artikel ist zuerst auf Noisey Alps erschienen. Alle Fotos von der Autorin.

Ende Oktober letzten Jahres kam in Österreich eine Studie heraus, die mehr Bestätigung einer kränkelnden Gesellschaft ist als eine große Überraschung: Ein Drittel aller weiblichen Wiener Schülerinnen hat bereits eine Diät gemacht. Aber auch in die andere Richtung sieht es für Österreicher nicht gut aus: Wir haben nicht nur ein Alkoholproblem sondern müssen auch aufpassen, dass wir in Sachen Übergewicht nicht aus dem Mittelfeld schießen. In Deutschland sieht das Bild nicht wirklich anders aus. Die westliche Welt bietet einem allerhand Fläche für Essstörungen und solche, die es noch werden wollen. Als ich das erste Mal mit dem Thema Essstörung konfrontiert war, waren drei Begriffe bekannt: Anorexie, Bulimia nervosa bzw. Bulimie und Adipositas, für gewöhnlich: Fettleibigkeit.

Dazu haben sich auch Binge Eating, Anorexia athletica (Sportsucht), Exercise-Bulimie und Orthorexia nervosa (Orthorexie oder Gesundheitswahn) dazugesellt. Binge Eating ist vermutlich noch die bekannteste Form: Die Betroffenen haben Phasen, in denen sie Heißhungerattacken haben, es aber nicht rauskotzen, was der Unterschied zur Bulimie ist. Sie essen auch nicht regelmäßig so viel, was das Binge Eating, grob ausgedrückt, von der Esssucht unterscheidet. Natürlich gibt es noch mehrere Faktoren, aber ich will hier nur Umrisse zeichnen. Anorexia athletica ist zwar—wie auch Exercise-Bulimie—nicht als eigenständige Krankheit anerkannt, fällt gemeinhin aber dennoch unter den Überbegriff Essstörung. Hier ist das Ziel der Betroffenen, Gewicht durch übermäßigen Sport zu verlieren. Laufen bis zum Umfallen, Kalorien mit dem eigenen Körper zerstören.

Und Orthorexia nervosa wurde von der taz einmal als „die gesündeste Krankheit" beschrieben—auf gesunde Nährung wird in diesem Fall so sehr geachtet, dass es schon wieder ungesund ist. Ungesund im Sinne von: soziale Kontakte leiden; Schuldgefühle, wenn man von seinen strengen Vorgaben abgewichen ist; und Mangelerscheinungen, die zu einem wirklichen Problem werden können. Die sozialen Kontakte sind ein generelles Problem in der Blase der Essstörungen und der Punkt, dem ich auch diesen Text widmen möchte.

Meine Freizeit war zu einem Großteil meiner Kotzerei gewidmet und alles so geplant, dass es irgendwie mit meinem sozialen Leben kombinierbar war und ich nicht, so wie viele essgestörte Menschen, der Isolation verfiel.

Auch ich war eine dieser Personen, die jahrelang mit einer Essstörung lebte, und kämpfe bis zu einem gewissen Grad auch noch immer damit, die Narben ordentlich verheilen zu lassen. Eines will ich gleich vorwegnehmen:

Dass das Nachtleben nicht das größte Problem eines Menschen ist, der unter einer Essstörung leidet, weiß niemand besser als ich selbst.

Ich habe mich nur schon sehr lange und intensiv damit auseinandergesetzt, und gerade letztes Wochenende habe ich mich daran erinnert, wie beschissen es eigentlich war, nicht nur allein in dieser Phase meines Lebens zu stecken, sondern auch zu dieser Zeit fortgehen zu wollen—wie jeder andere im Teenageralter auch.

Wer sich jetzt schon „Mimimi, geh scheißen, es gibt größere Probleme!" denkt, dem gebe ich Recht. Dem sage ich aber auch, dass ich keinen Grund sehe, warum man dieses Thema in diesem Kontext nicht auch ansprechen sollte—schließlich sind Menschen, die unter einer Essstörung leiden, mitten in der Gesellschaft und müssen sich neben ihrem Problem auch mit ihrem sozialen Umfeld und der Verbinung von Krankheit und Alltag auseinandersetzen.

Schon als Kind hasste ich Essen. Es war mir lästig. Was folgte, war ein fast klassischer Verlauf: Zuerst Anorexie und später schlitterte ich dann in die Bulimie. Vor allem die Bulimie machte mein Leben zur Hölle. Ich hasste mich dafür, hasste meinen Lebensmittelverschleiß, hasste die ewige Kotzerei. Jede einzelne Träne, die vor körperlicher Anstrengung auf mein Erbrochenes tropfte, während ich meine Hand gegen meinen Darm drückte, und diese Millionen an Lügen, die ich um mich aufgebaut habe. Anfangs lebte ich noch ganz gut damit, auch, weil ich dachte, dass es nur eine Phase sei und ich in meine Welt, die aus einem Zwieback und einem Apfel am Tag bestand, zurückflüchten kann. Dem war aber nicht so.

Meine Attacken wurden schlimmer. Nachdem wir mit der Familie essen waren, habe ich heimlich in Plastiksäcke gekotzt, in Abflüsse und in Parks hinter den Busch, damit meine Eltern keinen Wind von dem Wahnsinn ihres Kindes bekommen. Nun, irgendwann haben sie es dann doch gemerkt und ich musste in eine Klinik. Obwohl ich einen Monat dort und danach lange Zeit in ambulanter Behandlung war, hat es nichts besser gemacht. Aber um diese Geschichte geht es in diesem Fall nicht.

Meine Tage waren damals ziemlich durchkoordiniert: Ich wusste, wann ich nach der Schule heimkam, wusste, wann ich Zeit für meine Ess-Brech-Sache hatte und wann ich wieder Zeit für Freunde hatte. Beispiel: Um 13:30 Uhr war ich zu Hause, um 14:30 Uhr war ich mit dem Fressen fertig und um 15:30 Uhr war schon alles vorbei. Ich musste nur noch versuchen, die Schwellung meiner Lymphknoten und Speicheldrüsen mit eiskaltem Wasser oder Eiswürfeln zu lindern. Dann sah man mir, abgesehen von geröteten Augen, kaum noch an, was noch vor ein paar Stunden passiert war. Das wäre auch das Letzte gewesen, was ich gewollt hätte. Das heißt also, meine Freizeit war zu einem Großteil meiner Kotzerei gewidmet und alles so geplant, dass es irgendwie mit meinem sozialen Leben kombinierbar war und ich nicht, so wie viele essgestörte Menschen, der Isolation verfiel.

Wenn es nicht geplant war, auszugehen und mich jemand spontan gefragt hat, ob wir „in die Stadt gehen" (wenn man nicht in Wien wohnt, nennt man das glaube ich weitläufig so, wenn man Fortgehen meint), war das in 90 Prozent der Fälle nicht möglich. Ich habe dann nicht geantwortet oder zurückgerufen. Das hat mir auch viele Debatten eingebracht und ich habe auf die Frage „Warum meldest du dich tagelang nicht?" viele Antworten gehabt, nur haben sie nie der Wahrheit entsprochen. Wenn ich so viel gegessen hatte, dass ich aussah wie eine Schwangere, war mein Tag so gut wie gelaufen. Kotzen, Schuldgefühle, Ekel und Rückzug waren meist das Resultat. Die Kraft für Spaß zu haben war schwer und irgendwie habe ich mich an solchen Tagen auch gegen Spaß gewehrt.

Zumeist war es so, dass ich es geschafft habe, meine Bulimie an den Wochentagen unterzubringen. Freitags habe ich dann nie gegessen, damit ich abends nicht geschwächt bin—ja, ich meine das genau so. Samstags hat es ähnlich ausgesehen und sonntags ließ ich dem großen Fressen wieder freien Lauf. Ich habe mich richtig auf Sonntag gefreut. Wie krank das alles ist, wird einem erst bewusst, wenn man aus dem Gröbsten draußen ist.

In meiner akuten Zeit hat dieser Plan gut funktioniert. Nur oft auch nicht—besonders nach dem Aufenthalt in der Klinik. Zu dieser Zeit wusste mein Umfeld—damit meine ich in erster Linie meine Familie—natürlich von meinem Problem und wenn ich einmal mit einem Teller Nudeln angefangen hatte, gab es nach dem dritten nur schwer die Möglichkeit, das unbemerkt rückgängig zu machen. Somit waren mein Tag und meine Pläne gelaufen. Abschied von Tagen zu nehmen, die viel versprachen, ist Teil dieses kranken Geschäfts, das du da mit deinem Körper eingehst.

Ich habe auf die Frage „Warum meldest du dich tagelang nicht?" viele Antworten gehabt, nur haben sie nie der Wahrheit entsprochen.

Ich habe es manchmal einfach nicht geschafft, mich gegen eine Attacke zu wehren—es ging nicht, obwohl ich wusste, dass ich etwas mit Freunden vereinbart hatte. Das waren die schlimmsten Abende. Auf Absagen meinerseits reagierte mein Umfeld eben aus Erfahrung schon sehr sensibel. Deshalb bin ich dann doch immer mehr an meine körperlichen Grenzen gegangen: essen, kotzen, saufen. Es gibt immer einen Ort, an den du hinkotzen kannst, ohne dass deine Eltern es merken. Casual Bulimie-Learnings.

Mit der Zeit bekam ich immer öfter unaufhörliches Herzrasen, das mir einfach große Angst machte. Jeder Kater hatte doppeltes Gewicht, weil ich meinen Körper gleich durch zwei Höllen geschickt habe. Wenn ich an so einem Abend aus war, hat sich alles surreal angefühlt. Ich war wie in Watte gepackt. Ständig habe ich versucht, vor diesem Zustand zu flüchten—funktioniert hat das selten.

Beim Ausgehen ohnmächtig zu werden, kam dann irgendwann auch immer häufiger. Überhaupt waren Orte, an denen viele Menschen waren, ein Problem. Einen Körper, der dich hasst, herauszufordern, hat sich als sehr falsch herausgestellt. Aber ja, da bist du nun, mit deiner beschissenen Sucht und stehst zwischen „so normal wie möglich leben" und „Gratulation, Sie haben Ihren Platz im Abgrund akzeptiert".

Ab einem gewissen Punkt war es auch nicht mehr zu vermeiden, dass Leute mir ansehen konnten, dass nichts gut ist. Das war eine Phase, in der ich die Fressatacken wieder halbwegs im Griff hatte und somit so gut wie nichts und manchmal tatsächlich eine Woche lang tatsächlich nichts aß. Bei 174 Zentimetern wog ich um die 45 Kilo—manchmal mehr, manchmal weniger. In dieser Zeit sind immer wieder Leute, selbst die, die ich nicht gut kannte, auf mich zugekommen, nur um mir Dinge wie „Wenn du so weiter machst, wirst du noch draufgehen. Eine Bekannte von mir aus der Steiermark ist auch daran gestorben." zu sagen. Aha. Verpiss dich doch.

Weil wir heutzutage nicht nur Namen für Millionen an Subgenres brauchen, sondern wirklich alles labeln wollen, gibt es auch Drunkorexia. Du isst den ganzen Tag nichts, damit du Abends saufen kannst, ohne zuzunehmen. Alkohol hat viel, sehr viel Kalorien. Ein Problem, wenn du dich sogar davor anscheißt, ein Stück Ananas zu essen. Drunkorexia war sicher nicht mein Problem, aber es ist einfach sehr absurd, welche Ausmaße etwas im Grunde so einfaches wie Nahrungsaufnahme angenommen hat. Wir spinnen doch.

Jeder Kater hatte doppeltes Gewicht, weil ich meinen Körper gleich durch zwei Höllen geschickt habe. Beim Ausgehen ohnmächtig zu werden, kam dann irgendwann auch immer häufiger. Einen Körper, der dich hasst, herauszufordern, hat sich als sehr falsch herausgestellt.

Generell habe ich in dieser Zeit viel zu viel Alkohol getrunken, um nicht hungrig zu werden. Die meisten Menschen holen sich im Suff noch irgendwas beim Würstelstand und schlafen mit einer halben Käsekrainer im Mund ein. Beim Bier waren mir die Kalorien egal. Alles, was betäubt und vergessen lässt, war gut. Und somit ist man dem nächsten Teufelskreis schon nahe. Es ist auch nicht unbekannt, dass Essstörungen und Suchtverhalten oft Hand in Hand gehen. Wenn dir dein Körper erst einmal insofern egal ist, dass du ihn sowieso schon zerstörst, sind Drogen und Alkohol auch schon egal. Mir hat mal jemand gesagt, dass er den Exzess so sehr an mir mag. Das Schlimmste: Für mich war das wirklich ein Kompliment.

Nun, irgendwann bin ich dann aus einem kleinen Kaff nach Wien gezogen. Ich hab anfangen müssen, mich selbst zu erhalten. Den Luxus der Bulimie konnte ich mir immer weniger leisten. Nach ein paar Monaten ist auch mein Freund nach Wien gezogen und hat mir geholfen, mich wieder halbwegs herzustellen. Es ist nicht einfach, ganz von dieser lächerlichen Vergangenheit wegzukommen und noch immer passieren Rückfälle. Aber zumindest habe ich mich so sehr im Griff, dass ich normal aussehe, halbwegs normal esse und nicht mehr in Clubs umkippe.

Wenn du weder betroffen bist, noch jemanden kennst, der dieses Problem hat und diesen Text nicht verstehst: Lucky Bastard.

Mir wurde mit meiner Essstörung geholfen, deshalb konnte ich jetzt auch diesen Text darüber schreiben. Wenn ihr Hilfe braucht, dann findet ihr sie beispielsweise hier für Deutschland, hier für Österreich und hier für die Schweiz.

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