Henrik Schwarz spricht über das Unaussprechliche

„Menschen wollen nicht allein sein, deswegen gehen wir in Clubs.“

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17 April 2015, 2:20pm

Rene Passet

Der kleinste gemeinsame Dancefloor-Nenner war Henrik Schwarz schon immer zu plump. Seit mittlerweile fast zwei Jahrzehnten entwickelt der deutsche Produzent und DJ eine andere, ganz eigene Herangehensweise an deepen House mit einem Sinn für das Schnörkellose und Organische. Mit seiner neuesten Veröffentlichung Instruments hat er diese Haltung beinahe logisch weitergeführt und uns mit einer Reihe von orchestralen Neuinterpretationen älteren Materials beschenkt, das von einem japanischen Ensemble im Tempel Tsukiji Hongan-jiin Tokio eingespielt wurde. Dieses Material wurde dann vom klassisch ausgebildeten Musiker Johannes Brecht überarbeitet. Das Resultat ist eine Platte, die betörend und fesselnd ist.

Schwarz ist natürlich nicht der erste Produzent, der eigentlich im Club zuhause ist und den Glowstick gegen den Taktstock eingetauscht hat. Von der Recomposed-Reihe des legendären Labels Deutsche Grammophon—bei der Carl Craig sich Ravel gewidmet hat und Matthew Herbert Mahler—bis zu Kate Simkos neuester Single mit Tevo Howard: die Konzerthalle und der Nachtclub nähern sich immer mehr einander an.

Wir haben uns an einem sonnigen Nachmittag mit Schwarz in der Londoner City getroffen, um über die Kollision von Welten zu sprechen, während wir unsere Blicke über den Hyde Park streifen ließen.

THUMP: Was macht für dich als Hörer die Anziehungskraft von klassischer Musik aus?
Henrik Schwarz: Ich habe jahrelang versucht, einen Zugang zu klassischer Musik zu finden und ich fand es schwierig. Irgendjemand hat gesagt, dass Musik über die unaussprechlichen Aspekte des Lebens spricht und das mag ich. Wenn du Musik hörst, kannst du Antworten auf die Fragen bekommen, von denen du nicht wusstest, dass du sie hast und ich denke, dass klassische Musik dies ganz gut schafft. Wenn du heute in eine Konzerthalle gehst, dann ist das Problem, dass die Orchester hauptsächlich die Hits spielen. Selbst wenn sie versuchen, das Publikum herauszufordern, spielen sie einen Hit, dann etwas Schwieriges und dann einen weiteren Hit. Aus meiner Perspektive ist das nicht besonders angenehm. Ich hätte lieber drei „schwierige" Sachen hintereinander, von denen mir vielleicht nur eine gefällt, weil mir das eine neue Perspektive eröffnen würde.

Ich bin in Berlin regelmäßig in die Philharmonie gegangen, um zu sehen, ob ich dort neue Dinge entdecken kann. Und ich habe sie natürlich entdeckt. Ich habe ein paar verrückte Sachen gehört, aber du brauchst auch eine Menge Geduld, damit es sich dir erschließt und das ist für den durchschnittlichen Musikhörer vielleicht zu viel. Ich dagegen höre auch immer in meiner Rolle als Produzent zu. Selbst wenn mir die Musik nicht gefällt, kann ich es dann als Arbeit betrachten und der Abend ist für mich nicht ganz verloren.

Du hast das Word Geduld benutzt, was interessant ist. Denkst du generell, dass den meisten Leuten die Geduld fehlt, sich auf klassische Musik einzulassen?
Bei den jüngeren Leuten weiß ich nicht, ob sie überhaupt Geduld gelernt haben. Ich weiß, was es ist und es gefällt mir. Ich will tief in die Dinge eintauchen und das Unbekannte erforschen. Bei der Musik ist es so, dass wir mittlerweile alles hören können, was jemals aufgenommen wurde, dir aber niemand sagt, in welche Richtung du gehen sollst.

Was sagen die „Hits" der klassischen Musik heute aus und wie unterscheidet sich das von dem Moment ihrer Erschaffung?
Die Sache ist, dass es fantastische Stücke sind, ich sie aber schon hunderte Male gehört habe. Mit meiner Plattensammlung ist es dasselbe. Ich habe großartige Sachen, aber im Moment höre ich bestimmte Platten einfach nicht, weil sie mich nicht verändern. Wenn ich in der Konzerthalle etwas höre, was ich schon zehn Mal gehört habe, dann verändert mich das nicht. Das hat keine Wirkung. Ich weiß nicht, ob diese Hits im Jahr 2015 einen Bezug zum alltäglichen Leben haben.

Ist einer der ultimativen Zwecke von Musik, das eigene Selbst zu ändern?
Für mich persönlich ja. Wenn du als sehr ignorante Person in einen Club gehst und dir dort dämliche Musik anhörst, und dann spielt ein DJ vielleicht etwas, das dir eine neue Perspektive vermittelt, wodurch du vielleicht als neue Person rausgehst ... Du hast nicht danach gesucht, aber es ist passiert, das ist wichtig. Das macht die Welt zu einem besseren Ort.

Was du heutzutage tun musst, ist mutig genug zu sein, innezuhalten, zu denken und dich nicht von dem ganzen Lärm stören zu lassen. Mir wurde letztes Jahr klar, dass ich Zeit zum für meine Produktionen benötige. Du musst weniger spielen. Das ist eine Entscheidung, die bedeutet, dass ich weniger verdiene, was bedeutet, dass ich weniger investieren kann. Aber ich will neue Dinge ausprobieren. Ich muss das einfach machen. Ich will nicht nur Party machen. Das reicht mir nicht. Es gibt so viel mehr in der elektronischen Musik als Party. Vor ein paar Wochen hat mir ein Freund gesagt, dass er sich von der Clubmusik abgewandt hat, aber nicht wegen der Musik—die Party hat überhand genommen und Musik ist nur Hintergrundgeräusch. Er hat nicht unrecht.

Lass uns über die Beziehung von Musikalität und Dance-Musik sprechen. Viele Produzenten haben nur mit Software zu tun. Schadet das der Dance-Musik?
Das glaube ich nicht. Es ist eine andere Zeit. Als ich angefangen habe, hatten wir Drumcomputer und 303er und wir konnten keine Tasteninstrumente bedienen. Wir mussten darüber nachdenken, wie wir das machen konnten, wie wir etwas erschaffen konnten, das etwas bedeutet. Das ist noch immer so. Mittlerweile kann jeder mit einem Laptop zum Produzenten werden, aber das Meiste, was sie produzieren, ist nur Krach. Vor 20 Jahren musstest du dich hinsetzen und dir Gedanken machen, wie du herausstichst. Das ist immer noch so. Du brauchst immer noch diese eine besondere Idee.

War es befreiend, sich von der 4/4-Bassdrum zu lösen?
Bei der ersten Version der Platte gab es Drums, Percussion und Beats und es hörte sich für mich falsch an. Das musste weg. Ich habe drei Jahre gebraucht, um herauszufinden, warum ich mich so gefühlt habe. Mittlerweile habe ich eine Theorie und ich weiß nicht, ob es stimmt, aber aus irgendeinem Grund denke ich, dass die klassischen Instrumente die Musik zeitlos machen. Wenn du Beats hast, kannst du die Sachen zeitlich einordnen, den Zeitraum herausfinden. Es hat sich radikal angefühlt, das wegzunehmen. Es hat alles andere befreit. Es ist aber trotzdem noch in deinem Kopf.

Wirkt die 4/4-Bassdrum auf elementare Weise auf die Leute?
Ich glaube, es ist nicht nur die 4/4. Es ist der Groove allgemein. Ob es das Tanzen um ein Feuer oder das Tanzen zu einem Drumbeat ist, es ist sehr menschlich und es bringt uns zusammen und ist seit 20.000 Jahren in uns drin.

Menschen wollen nicht allein sein, deswegen gehen wir in Clubs.

Instruments ist gerade bei Sony Classical erschienen.

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