In Kairo riskiert man für Brot sein Leben
Photos by Amir Makar.
Ägypten

In Kairo riskiert man für Brot sein Leben

Für die Ägypter bedeutet Brot Leben. Halsbrecherische Brottransporteure liefern es an die hungrige Metropole.
01 November 2016, 12:00pm

Aish baladi ist, genauso wie der Nil, eine Quelle des Lebens. Das handgemachte Brot ist in Ägypten ein Grundnahrungsmittel, einst existierten 82 verschiedene Arten. In Kairo bekommt man es überall, dafür sorgen die agalati, die Brotträger, mit ihrem riesigen Netzwerk. Sie liefern das Brot an Restaurants und an die Imbissstände, die ful und andere Köstlichkeiten in der Metropole verkaufen. Weizenkleie und -mehl machen das Brot so rau, dass es Staub und giftige Partikel magnetisch anzieht, trotzdem isst es jeder. Die Kunst der agalati besteht darin, auf ihren Köpfen große Tabletts mit Broten durch die wilden Straßen Kairos mit dem Fahrrad zu manövrieren—wie Verrückte, die geradewegs in einen Sturm hineinrudern.

Regala ist eine Bäckerei in der Innenstadt Kairos. Das einzige Licht spenden ein paar Neonröhren und der laufende Ofen, der Boden ist mit Weizenkleie bedeckt, die fast aussieht wie Sägespäne. Acht Männer arbeiten hier, einige barfuß. Sie ziehen sich gegenseitig auf und werden erst nach einigen Augenblicken auf mich aufmerksam. Andere, Mahmoud zum Beispiel, versuchen dem Gespräch zu folgen, aus ihren Kopfhörern dröhnt in voller Lautstärke _shaabi_-Musik.

Vor der Bäckerei Regala in Kairo. Fotos von Amir Makar

Ihren Teig behandeln sich wie das wertvollste Gut, gleichzeitig geht es hier aber auch so schnell zu wie in einem Fast-Food-Laden. Täglich werden hier 24.000 Brote gebacken aus insgesamt 1,5 Tonnen Mehl. Ali ist 24 und hat eigentlich ein technisches Studium absolviert. Er träumt davon, zu kündigen. Seine langen Wimpern sind mit Mehl bestäubt, als käme er selbst gerade aus dem Ofen. „Ich mag es nicht, die ganze Zeit zu stehen und keine Pausen zu haben", beschwert er sich, sein Kollege kniet gerade für ein schnelles zweiminütiges Gebet nieder.

„Das subventionierte Brot reicht nicht für alle", meint der Besitzer Ahmed. In Ägypten wird weltweit das meiste Brot gegessen und das Land ist der größte Weizenimporteur. Drei Milliarden Dollar gibt die Regierung in Kairo jährlich für das Subventionssystem aus, das seit den 60ern existiert, so sollte das Brot billig bleiben. Heute kostet ein subventioniertes aish baladi fünf Piaster [umgerechnet nicht einmal einen Cent], 50 Millionen Ägypter profitieren davon. Präsident Abd al-Fattah al-Sisi hat 2015 sogenannte Smartcards eingeführt, damit das System nachvollziehbarer wird und es gar nicht erst zu Bestechungen kommt.

Bevor der Teig in den Ofen geht, wird er mit Weizenkleie bestäubt

Für mehr als 80 Millionen Ägypter ist günstiges Brot ein Menschenrecht. „Brot, Freiheit und Gerechtigkeit" ist der Schlachtruf und der Nährboden für alle sozialen Unruhen in Ägypten in den letzten 50 Jahren, vonPresident Sadats Versuch, die Brotsubventionen 1977 zu streichen, bis hin zum Anstiegder Lebensmittelpreise 2007 und 2008 und dem Sturz des ehemaligen Präsidenten Hosni Mubarak. Wenn das Volk kein Brot bekommt, geht es auf die Straße.

Aish bedeutet nicht nur Brot, sondern auch Leben. Wenn Ägypter gestresst sind, sagen sie akl el aish murr, in etwa: Brot zu essen ist bitter. Eigentlich meint dieses Sprichwort: Die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Wirtschaft ist schwach, die Korruption blüht, Ehe und Essen sind teuer, der Verkehr ist unerträglich und so weiter. Aber ein Ägypter beschwert sich nicht.

Die Tabletts mit den Teiglingen warten darauf, endlich in den Ofen zu kommen

Für Ahmed, der sein Brot zum Marktpreis verkauft, hat es auch einen bitteren Beigeschmack: „Ich mache circa zehn Prozent Gewinn", erzählt er. „Gas und Mehl sind einfach zu teuer." Ein Sack subventioniertes Mehl mit acht Kilo kostet acht Ägyptische Pfund, aber für Ahmed 162. Eine Gasflasche, größer als Ahmeds jüngster Angesteller, der 13-jährige Mustafa, kostet zwischen 80 und 90 Pfund.

Faran, einer der Bäcker

Abends um sieben haben die Männer viel zu tun, das Abendgebet ist gerade vorbei, die Nachfrage nach Brot ist hoch, die Kairoer besorgen sich ihr Abendessen. Vor der Bäckerei sammeln sich die Kunden, halten ein Pfund hin und verschwinden dann mit ihren Broten. Ein Taxifahrer hält vor der Bäckerei, zahl 25 Piaster und schnappt sich seine Brote.Der Motor lief die ganze Zeit.

Mahmoud, 22, legt die Teiglinge in den Ofen

„Man surft durch ein Meer des Todes", meint der 22-jährige Mahmoud, einer der agalati, die den Brothunger der Kairoer stillen. Die Lieferanten transportieren das Brot durch den berühmten Verkehr der Metropole, durch massenweise Fußgänger und durch die engen Straßen der ägyptischen Hauptstadt. Das Tablett ist bis zu 2,5 Meter lang und wiegt zwischen 30 und 35 Kilo. Sie balancieren es auf ihrem Kopf: Ein Arm hält es fest, mit dem anderen lenken sie ihr Fahrrad.

Mustafa, 13, packt das frisch gebackene Brot auf die Gitter und stellt sie vor die Bäckerei

Ohne die Arbeit der agalati läuft nichts: Ohne sie gäbe es nicht überall und and jedem Imbissstand Brot. Sie haben zu kämpfen, das Gleichgewicht zu halten und sich zwischen all den anderen Fahrzeugen zu behaupten. „Autofahrer haben keinen Respekt", erzählt Ahmed, der mit seinen 39 Jahren immer noch Brot ausliefert. Das Risiko, dass sie nie ankommen, schwingt immer mit, aber der Tod ist seine geringste Sorge. Ahmed ist sich sicher, dass die agalati versuchen, vorsichtig zu sein, „weil sie wissen, dass Brot alles ist, was wir haben", wie er mit einem Hauch Selbstzufriedenheit meint.

Ali verkauft das Brot an die Kunden

„Wir gucken anderen beim Fahren zu, so lernen wir es", erklärt er mir. Das trifft auf jeden in der Bäckerei zu, egal als was er arbeitet. „Alles hängt von deinen Augen und deinem Kopf ab", meint er.

Das Ausliefern der Brote ist ein riskantes Geschicklichkeitsspiel. Als ich ihn frage, wie lange man braucht, um das zu lernen, fragt er mich verachtend zurück:„Na was glaubst du, wie lange das dauert?" Schrittweise arbeitet sich ein agalati bis zum „Doppelstock-Tablett" hoch, das 30 Kilo wiegt. Ein schlaksiger Jugendlicher braucht dafür vielleicht ein Jahr—mit unzähligen Stürzen, nach denen er den Staub vom Brot abklopft und es wieder auf das Tablett legt.

Um das Tablett auszubalancieren und seinen Kopf zu schützen, trägt Ramadan einen zusammengerollten Schal auf dem Kopf

Die agalati haben ganz bestimmte Routen und liefern pro Tag durchschnittlich zwischen 50 und 80 Mal Brot aus. Eine Tour dauert zwischen zehn und dreißig Minuten, danach folgt gleich die nächste. „Das Tragen tut schon weh", meint Ahmed und deutet auf einen anderen Arbeiter, Ramadan, um zu zeigen, wie der Schmerz die Wirbelsäule runterläuft. Aber jemand muss es machen.

Mit Alis Hilfe hievt Ramadan das Doppelstock-Tablett auf seinen Kopf

Für Ahmed und die agalati hat sich seit der Revolution nur wenig verändert. „Wer früher gestohlen hat, stiehlt auch heute noch. Wer sich früher bestechen lassen hat, tut es auch heute noch. Alles beim Alten", meint Ahmed.

„Brot ist immer noch die Grundlage des Lebens in Ägypten", meint er weiter. „Selbst wenn du kein Geld hast, isst du Brot."