Schlachten sieht auf Fotos immer brutaler aus, als es ist

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Schlachtung

Schlachten sieht auf Fotos immer brutaler aus, als es ist

Zusammen mit einer Handvoll Leute rund um Kavita Meelu aus der Markthalle 9 fuhr ich vor kurzem aufs Berliner Umland, um zwei Schweine zu schlachten und zu zerteilen. Klingt brutal, aber ist es das?
4.8.15

Wir haben uns so weit von unseren Lebensmitteln entfernt, dass wir nicht mehr wissen, woher sie kommen. Die meisten von uns haben keine Ahnung, wie es sich anfühlt, beim Schlachten dabei zu sein. Dass das verpackte Huhn im Supermarkt tatsächlich einmal lebendig rumgegackert ist und getötet werden musste, um von uns gegessen werden zu können, ist unangenehm.

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Die Tötung von Tieren zu zeigen, ist nicht normal und regt auf. Gerupft und zerteilt stört es uns nicht. Hendrik Haase, Berlins Wurstconnaisseur, der sich für artgerechte Tierhaltung, Slow Food und gute Wurst einsetzt, findet: ,,Wir essen viel zu oft Fleisch ohne zu wissen, wo es herkommt und wer es wie geschlachtet hat. Wir delegieren diesen Akt an die Industrie, die Menschen am Fließband ausbeutet und Tiere wie leblose Massenware behandelt, anstatt sie wertzuschätzen. Wir sollten wieder diejenigen besuchen und unterstützen, die noch in Würde schlachten und sich für uns im ehrlichen Metzgerhandwerk die Hände schmutzig machen."

Wir treffen uns also frühmorgens um 6:00 Uhr in Mitte. Jemand meint, er habe Berlin so früh noch nie nüchtern erlebt. Dann fahren wir bei Sonnenaufgang zum Gut Hirschaue nach Rietz-Neuendorf, wo der Betreiber Henrik Staar, sein Papa mit dem Gewehr und die zwei Fleischer Manuel und Martin auf uns warten. Es ist eiskalt und wir wandern zum riesigen, kargen Gehege, in dem die Schweine ökologisch und ganzjährig im Freien gehalten werden. Das 570 Hektar große Gut Hirschaue ist einer von 239 deutschen Demonstrationsbetrieben Ökologischer Landbau, einer Initiative, die uns degenerierten Konsumenten Landwirtschaft näher bringen will. Laut Hendrik Haase ein Angebot, das viel zu unbekannt ist. Aber braucht es das?

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,,Wenn verwackelte YouTube-Videos von gegen bestehendes Gesetz verstoßende Tierquälereien alles sind, was wir über das Schlachten wissen, haben wir ein Problem", erklärt Hendrik.

Papa Staar sitzt auf dem Traktor. Die zwei Metzger stehen auf den Seiten des Traktors, in Arbeitsmontur gekleidet, mit weißen Hosen und Gummistiefeln. Es ist neblig, die Felder sind matschig und braun. Wie in einem Horrorfilm. Die Drei fahren der Schweineherde entgegen, die sich vom Bauern mit der Büchse überhaupt nicht vom Fressen abhalten lässt und die Männer kaum wahrnimmt. Henrik züchtet Märkische Sattelschweine, eine Kreuzung aus Wildschwein und dem vom Aussterben bedrohten Deutschen Sattelschwein. Das Gut Hirschaue ist ein Pionier der ökologischen, fortschrittlichen Landwirtschaft.

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Papa Staar sucht ein Schwein aus, zieht das Laufwerk und schießt dem Tier in den Hals. Das Schwein fällt um, die anderen Schweine, außer zwei, laufen nicht etwa weg, sondern zum Schwein hin. Ganz neugierig umzingeln sie das Schwein, als wollten sie wissen: ,,Was ist denn hier los?". Die Prozedur wiederholt sich. Wieder hören wir aus der Ferne einen Schuss und sehen das Schwein zu Boden fallen. Wieder rennen die Schweine, außer zwei, neugierig hin. Das wars. Alles läuft ganz ruhig und friedlich ab, Papa Staar setzt sich routiniert wieder auf den Traktor, während die zwei Fleischer ein Hinterbein der Schweine auf Haken spießen. Den zwei Sattelschweinen wird die Kehle aufgeschnitten, um sie ausbluten zu lassen und dann werden sie kopfüber in die Fleischerei chauffiert. Wir gehen dem Traktor hinterher, auf die Erde tropft immer wieder Blut.

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Auch wenn es den Anschein einer Trauerfeier hatte, war es nicht wirklich traurig. Ich war verwundert, wie wenig dramatisch das Ganze ablief.

Der Anblick der hängenden und durchbohrten, blutenden Tiere war kurz verstörend, aber dann gewöhnte man sich daran. Es lag nichts Fatales in der Luft, kein schlechtes Gewissen. Es hatte etwas von Gemüseernte. Mal kurz aufs Feld und die reifen Früchte ernten.

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In der Fleischerei müssen die Borsten vom Schwein entfernt werden. Mit einem kegelförmigen Metallteil werden sie abgeschabt. Ich weiß nicht warum, aber beim Zusehen tun mir die Zähne weh. Wie wenn jemand mit den Nägeln über die Tafel kratzt. Für den brasilianischen Touch wird der Schweineschwarte anschließend mit einem Bunsenbrenner noch der letzte Schliff verpasst.

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Dann werden den Schweinen die Hufe und die Augen entfernt. Manuel und Martin hängen die über 200 kg schweren Tiere auf, schneiden ihnen den Bauch auf und nehmen die Gedärme und Innereien aus.

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Die Lunge und das Herz sind knallrot, sie sehen aus wie Skulpturen.

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Der Tierarzt kommt, um die Tiere auf Krankheiten zu untersuchen. Dann macht er ein paar schweinische Witze, gibt sein OK und die Tiere werden in Stücke geschnitten.

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Es ist eine riesige Sauerei. Die zwei Schweineschwänze liegen auf einer Schneidemaschine. Überall ist Blut, auf dem Boden, den Messern, und vor allem auf den Fleischern.

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Soll man sich eine Schlachtung wirklich ansehen?

,,Der Vorgang des Schlachtens sieht auf Fotos immer brutaler aus, als in der Realität. Von allen Schlachtungen, bei denen ich bis jetzt dabei war, blieb mir vor allem Ruhe und bedachtsames Arbeiten in Erinnerung", sagt Hendrik Haase. Auch Kavita sagte, sie empfand es irgendwie als beruhigend und sehr human.

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In der industriellen Tierhaltung werden die Schweine zusammengepfercht zum oftmals weit entfernten Schlachthof gefahren. Die Schweine vom Gut Hirschaue müssen diese Tortur nicht durchmachen. Sie haben keine Angst, sie sind sofort tot, was die Qualität des Fleisches erhöht, da keine Stresshormone ausgeschüttet werden.

Da sie sich von frischem Gras, Nüssen und Getreide ernähren, schmeckt das Fleisch besser und ist durch die Kreuzung mit Wildschwein und durch die Freilandhaltung auch fetter mit einer Marmorierung, die man sonst nur von gut durchzogenem Rindfleisch kennt. Auch werden die Säue nicht wie in 99% der deutschen Schweinebetriebe künstlich besamt; nein, die Damen dürfen sich ab und zu mit Schweinsteiger vergnügen. So heißt der mittlerweile in die Jahre gekommene Eber, der bald in den Ruhestand geht und durch Neuer ersetzt wird, erklärt Metzger Manuel. Schwein gehabt.

Zusammen mit Mr. Susan, Lode & Stijn, Simon the Sausage Man organisiert Kavita Meelu, MUNCHIES-Host und Koryphäe der Berliner Food-Szene vierteljährlich ein Schlachtfest, bei dem ein Tier zerteilt und dann später in der Markthalle 9 verarbeitet wird. Für das nächste Schlachtfest muss ein Lamm dran glauben. Voraussichtlicher Termin ist der 13.06.2015.

Mehr Info unter: schlachtfestberlin.com

Fotos: Hendrik Haase