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Istanbuls Frühstücksparadies ist ein kurdisches Gelage

Bei Van Kahvalti Evi in Istanbul stehen die Kunden für das reichhaltige, kurdische Frühstück mit weißem Käse, Eiern, Honig, Tahini und vielem anderen Schlange. Das Frühstücksparadies auf Erden.

von Natasha Stallard
26 November 2015, 3:15pm

Samstags und sonntags in Istanbul eine lange Schlange vor Van Kahvalti Evi anzutreffen, ist keine Seltenheit. Kunden warten geduldig auf das kurdische kahvalti—ein Menü, bestehend aus kleinen Frühstückstellern mit salzigen, weißen Käsen, Spiegeleiern, frischem Brot, Tomaten, Gurken, Paprikapaste, Honig, Clotted Cream, Tahini und Melasse, schwarzen Oliven, Kirschmarmelade, zwei hart gekochten Eiern und Nutella.

Als Bewohnerin von Cihangir, eines hippen (a.k.a gentrifizierten) Viertels in der Nähe des Taksim-Platzes, war ich schon ungefähr 20 Mal bei Van Kahvalti Evi. Das Frühstück dort hat mich von einem dreitägigen Kater nach meiner 30. Geburtstagsparty gerettet und Leute, die Istanbul das erste Mal besuchen, bringe ich immer hierher.

Van Kahvalti Evis Frühstücksmenü ist inspiriert von den kurdischen „Frühstückssalons" von Van, einer östlichen Stadt nahe der iranischen Grenze, die dem Restaurant auch seinen Namen schenkte. Die Stadt ist für ihren uralten See, ihre Katzen mit zwei verschiedenen Augenfarben, herzhafte, ganztägige Frühstücks und eine Kurdisch sprechende Mehrheit bekannt.

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Ausgewählte Käsesorten, darunter otlu peyniri.

„Wenn Kurden am Restaurant vorbeilaufen und den Namen ‚Van' sehen, kommen sie herein. Oft in großen Gruppen", sagt Çiğdem Şimşek. Çiğdem, Studentin der griechischen Philologie und stolze Bürgerin von Van, die mit ihren sechs Brüdern im Van Kahvalti Evi arbeitet. Die Geschwister kümmern sich um den Familienbetrieb, während ihre Eltern Zeit im Haus ihrer Großmutter in der Nähe von Van verbringen.

„Die Kräuter werden gesammelt, sobald der erste Schnee von den Bergen in Van schmilzt", sagt Çiğdem, als sie otlu peyniri, einen salzigen, krümeligen weißen Käse mit den begehrten Kräutern, beschreibt. Otlu peyniri ist eine der vielen kurdischen Spezialitäten auf der Karte von Van Kahvalti Evi und die slow-food-artige Weise, wie auf jedes kleinste Detail geachtet wird, hat dafür gesorgt, dass die Tische seit der Eröffnung in Istanbul vor zehn Jahren immer belegt sind.

In Anbetracht des derzeitigen politischen Klimas in der Türkei ist der Name „Van" nicht für alle ansprechend. „Das ist ein extremes Beispiel, aber manche Leute sehen Van und wollen dann nicht hereinkommen. Das liegt an der politischen Lage und an der Mentalität", seufzt Çiğdem. Sie schreibt diese Reaktionen auf die anhaltenden Spannungen zwischen den türkischen Behörden und der kurdischen Bevölkerung zu, die sich im Sommer vor der Wiederwahl der regierenden AKP, durch die Präsident Erdoğan an der Macht blieb, zuspitzten.

A photo of one of Van's famous cats.

Ein Bild der berühmten Katzen aus Van.

Vergangenes Wochenende besuchte José „Pepe" Mujica das Lokal—der ehemalige Präsident von Uruguay, der auf einer kleinen Farm lebte und einen hohen Prozentsatz seines Gehalts spendete, was ihm den inoffiziellen Titel des „bescheidensten Präsidenten der Welt" einbrachte.

Sein zehntägiger Türkeibesuch, der von einer Oppositionspartei veranlasst wurde, überschnitt sich mit den Wahlen des Landes und zeichnete den Kontrast zwischen seinem Lebensstil und dem oftmals opulenten der derzeitigen Regierung.

„Mujica kam mit seinen Bodyguards zu uns und sie bestellten alle unser Frühstück", lächelt Çiğdem. „Er ist ein ehrbarer Mann und ihm schmeckte das Frühstück sehr—das konnte ich in seinem Gesicht erkennen."

Türkische Politiker, Soap-Stars und Fußballspieler gehören zu den Stammkunden von Kahvalti Evi, die ihr Frühstück neben verkaterten Journalisten einnehmen, die im Käse und in neugierigen Touristen Trost suchen.

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Ein Eier-Paprika-Gericht.

Der Service ist schnell. „Wir sind effizient, weil wir eine Familie sind. Wir wollen die Warteschlange zu kurz wie möglich halten, deshalb helfen wir uns gegenseitig", sagt Çiğdem. Am Wochenende ist mit Abstand am meisten los und 30 Angestellte arbeiten fleißig, um den Gästen hunderte Gerichte und unzählige Runden starker, türkischer Tee zu servieren. Familienfotos und Postkarten aus Van hängen hinter der Theke, zusammen mit einem Foto von einer der berühmten weißen Katzen aus Van.

Van Kahvalti Evis Erfolg hat eine Reihe weiterer kurdischer Frühstückslokale in der Gegend inspiriert—ein Boom, der mit Istanbuls immer größer werdenden kurdischen Bevölkerung sowie dem Wunsch der Bewohner und Besucher von Cihangir, kurdisches Essen zu probieren, einhergeht.

Neben dem Kräuterkäse werden in dem Restaurant noch weitere kurdische Spezialitäten serviert, wie kavut—„eine Art gerösteter Weizen, wir machen es mit Honig und Walnuss"—und murtuga, Rührei mit Butter und Mehl. „Ohne Eier ist es kein Frühstück!", lacht Çiğdem, als sie für uns ihr Lieblingsgericht bestellt: eine Kupferpfanne mit Rührei und zartem Rinderbraten. „Wir schmoren unser Rindfleisch selbst", zwinkert sie.

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Kaymak auf Brot.

Van Kahvalti Evis eigenartigstes, aber gleichzeitig beliebtestes Frühstücksgericht ist ein kleiner Teller mit sehr dickem Rahm, das als kaymak bekannt ist. „Es ist ein sehr besonderes Gericht in Van. Es wird in den Dörfern produziert, das dauert fast vier Stunden—man muss es stark und schnell rühren. Deshalb isst man es nicht ständig", erzählt sie.

Dem Aussehen nach könnte man das Gericht mit Frischkäse verwechseln, die Konsistenz ist seidig, weich und luftig. Ideal passt Van Kahvalti Evis leicht süßliches, kurdisches Brot und Honig dazu. „Manchmal beobachten wir Gäste, die es das erste Mal probieren. Sie wissen nicht genau, wie man es isst. Mit Brot? Mit Eiern? Dann nehmen sie ihren ersten Bissen und ihr Gesicht strahlt vor Glück", lacht Çiğdem. „Das macht uns sehr glücklich."