aktivismus

Chai gegen die Unterdrückung: Wenn die Wut der Frauen hochkocht

In Pakistan wird der öffentliche Raum von Männern dominiert. Die Girls at Dhabas wollen das mit dem ersten Café in Frauenhand ändern.
16.3.16
Photo courtesy of Girls at Dhabas

Am 25. April diesen Jahres wurde in Pakistan eine Menschenrechtsaktivistin auf offener Straße erschossen. Sie ging gerade von einem Café in Karatschi, das sie gegründet hatte, nach Hause. Sieben Jahre zuvor sprach sie mit der pakistanischen Zeitung Dawn über ihren großen Traum: Sie wollte „die Welt zum Besseren verändern—mithilfe des Internets."

Sechs Monate nach dieser schrecklichen Tat interviewte ich die 24-jährige Sadia Khatri aus Karatschi über Skype: „Kennst du Sabeen Mahmud?", fragte sie mich. „Als sie getötet wurde, war ich gerade in einem Dhaba [die typischen Straßencafés in Pakistan und Indien] und habe eine Portion Dal gegessen." Den Anblick von Frauen im Café sind die Männer nicht gewohnt. Ihre Begleitung machte ein Foto von ihr und, neugierig wie sie war, stellte Sadia das Foto online mit dem Hashtag #GirlsAtDhabas. Sie wusste nicht, dass am anderen Ende der Stadt gerade ihre Freundin erschossen wurde. Mit ihrem Tod zerplatzte Sabeens großer Traum—doch Sadias Hashtag war ein neuer Hoffnungsschimmer.

Genauso wie Sabeen will auch Sadia die Welt mit Hilfe des Internets zum Besseren verändern. Seit ihrem Selfie-Post gibt es sogar einen eigenen Tumblr-Account. Dort können Desi-Frauen ihre Fotos posten, auf denen sie in den Dhabas einen Chai am Nachmittag oder ein Halwa poori zum Frühstück genießen. Wie die Männer eben. Sadia gründete die Bewegung „Girls at Dhabas": Frauen in ganz Südasien fotografieren sich, wie sie Chai trinken, Cricket auf den Straßen von Karatschi spielen, in Bangladesch Motoroller fahren oder mit rosaroten, feministischen Rikschas in Lahore umherfahren. Jedes Selfie ist ein Beitrag dazu, die traditionellen gesellschaftlichen Normen, die sie in ihrer Freiheit einschränken, auszureizen und neu zu definieren.

Die Girls at Dhabas sehen sich selbst as „Desi-Feministinnen und Desi-Frauen, die nach eigener Lust und Laune den öffentlichen Raum mitgestalten." Für Frauen wie Sadia ist ein Dhaba nicht nur ein Straßencafé, sondern ein Symbol für den gesellschaftlichen Stillstand. Wie Cafés in der westlichen Welt sind Dhabas soziale Treffpunkte, die in Pakistan aber traditionell den Männern vorbehalten sind. Es gibt zwar keine Schilder, die darauf hinweisen, aber die abschätzigen Blicke sprechen Bände.

Mich interessierten auch die Reaktionen der Männer, wenn Sadia in ein Dhaba geht: „Einige drehen sich um und starren dich an, eher verwirrt als alles andere. Das geht dann vielleicht ein oder zwei Minuten so." Sadia geht nicht einfach nur, wohin sie will, sie kleidet sich auch so, wie es ihr gefällt: kurze Haare, T-Shirt, Jeans. „Oft fragen mich wildfremde alte Männer auf der Straße: ,Bist du ein Junge oder ein Mädchen?' Ich bin offen für solche Unterhaltungen, ich setze mich gern mit ihnen hin und diskutiere", erzählt sie.

Im öffentlichen Raum in Pakistan, insbesondere in den Städten, herrscht eine strikte Geschlechtertrennung. Auf 50 Männer kommt vielleicht eine Frau.

Diese Einstellung ist aber nicht nur in den Dhabas präsent. In Pakistan, erklärt Sadia, sind Frauen an fast keinem öffentlichen Ort gern gesehen. Das legt ihrer eigenen Entwicklung und Entfaltung Steine in den Weg. Der Weltbank zufolge, waren 2014 49 Prozent der pakistanischen Bevölkerung Frauen, aber das war's dann auch mit der Gleichberechtigung. In den pakistanischen Metropolen, wie Karatschi und Lahore, sieht man auf den Straßen nur Männer—ihnen gehört die Stadt.

„Im öffentlichen Raum in Pakistan, insbesondere in den Städten, herrscht eine strikte Geschlechtertrennung", sagt Sadia. „Auf 50 Männer kommt vielleicht eine Frau. Das ist für mich echt verstörend. Wenn ich rausgehe, fühle ich mich regelrecht beengt. Und da bin ich nicht die Einzige, viele Frauen beschweren sich darüber."

Wenn eine Frau rausgeht, dann nur zusammen mit einer anderen Frau oder in Begleitung eines Mannes. Sollte sie doch einmal alleine umhergehen, dann nur weil sie arbeiten muss und deshalb hinaus muss. Neben der Geschlechtertrennung herrscht in Pakistan außerdem klare Klassentrennung, die die Frauen in ihrer Freiheit mindestens genauso eingeschränkt. Wenn sie zur Arbeit gehen, halten sich auch nicht lange auf, sondern gehen schnell zu ihrem Ziel. Sie bleiben nicht einfach stehen und schauen sich um. „Eine Frau aus der höheren Gesellschaftsschicht ist vielleicht im intellektuellen Sinne frei, aber letztendlich wird auch sie von ihrem Fahrer von A nach B gefahren", erzählt Sadia.

Doch Frauen bleiben auch zu Hause, weil sie Angst haben, auf offener Straße belästigt zu werden. „Die Leute in Südasien denken, dass Frauen nicht nach draußen gehören, weil es dort nicht sicher ist und sie vergewaltigt werden könnten", so Sadia. „Aber die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: Die meisten Übergriffe finden zu Hause oder im Bekanntenkreis statt, nicht durch Fremde auf offener Straße. Dennoch gelten die eigenen vier Wände für Frauen als sicherer Ort, obwohl sie in Wirklichkeit draußen viel sicherer sind."

Sadia Khatri trinkt Chai in deinem Dhaba. Foto mit freundlicher Genehmigung von Girls at Dhabas.

Eine Studie von Rutgers, eine Organisation, die sich für sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte einsetzt, fand 2012 heraus, dass 66 Prozent aller pakistanischen Frauen bereits Opfer von sexueller Gewalt waren. Human Rights Watch berichtete 2014, dass es in den letzten zehn Jahren tausende Ehrenmorde in Pakistan gab. Kein Wunder, dass Pakistan mit diesen Problemen im Global Gender Gap Report 2014 des World Economic Forum auf Platz 141 landete—von 142. Die Kriterien, nach denen die Länder in Bezug auf die Geschlechterunterschiede bewertet wurden, bezogen sich auf folgende Aspekte: wirtschaftliche Chancen, Zugang zu Bildung, politische Repräsentation und Lebenserwartung von Frauen und Männern.

Auch wenn die Frauen vielleicht draußen sicherer sind, heißt das nicht, dass auch da keine Gefahren lauern. „Ja natürlich, es gibt Belästigung und Übergriffe", bestätigt mich Sadia in meiner Vermutung. In Südasien nennt man das „die Eva necken"—scheinbar liebevoll gemeint, doch in Wirklichkeit ein umgangssprachlicher Begriff für eine erschreckende Vielzahl an Ausfälligkeiten: sie pfeifen dir hinterher, machen sexuelle Andeutungen, berühren dich unauffällig oder begrapschen dich. Trotzdem wehrt sich Sadia gegen Vorwürfe: „Wir ermutigen die Frauen nicht, sich in unsichere Situationen zu begeben. Wir sagen einfach nur: Das ist auch eure Stadt—ihr habt ein Recht darauf."

Niemand hindert dich physisch daran, rauszugehen. Das steckt einfach nur in den Köpfen der Menschen. Eine gesellschaftliche Norm, die man ändern kann.

In ihrer jüngsten Kampagne machen die Girls at Dhabas jedoch nicht beim Recht auf Freiheit halt. Sie sagen, dass sie „das Dhaba-Patriachat stürzen wollen"—nicht nur, indem sie einen Anspruch auf den öffentlichen Raum erheben, sondern indem sie ihn „sich zu eigen machen." Dafür gibt es auch den neuen Hashtag #dhabaforwomen sowie eine eigene Crowdfunding-Website. Ihr klares Ziel: im nächsten Jahr das erste Dhaba in Karatschi eröffnen, in dem nur Frauen arbeiten. Ein sicherer Ort der Inklusion und Gastfreundlichkeit für Frauen und andere Minderheiten. 10.000 Dollar brauchen sie dafür—innerhalb eines Monats hatten sie bereits über 2.000 Dollar gesammelt.

Inspiriert wurden die Girls at Dhabas von einem erfolgreichen Frauen-Dhaba in Hyderabad, einer Stadt in der südpakistanischen Provinz Sindh. Im Khanabadosch Writer's Café können Frauen an sozialen Aktivitäten teilnehmen, die für die meisten Männer in Pakistan ganz selbstverständlich sind, wie Filmabende oder Konzerte. Für Sadia ist es wichtig, dass so viele Frauen wie nur möglich endlich nach draußen gehen: „Sie wissen nicht einmal, dass sie rausgehen können, bis sie das erste Mal draußen waren."

Und genau darum geht es. Die Girls at Dhabas wollen, dass die Frauen aus ihrem Schneckenhaus—nämlich ihrem zu Hause—rauskommen und dass das ganze patriarchalische System infrage gestellt wird. „Niemand hindert dich physisch daran, rauszugehen. Das steckt einfach nur in den Köpfen der Menschen. Eine gesellschaftliche Norm, die man ändern kann", sagt Sadia. „Für mich bedeutet Freiheit, Tee trinken gehen zu können, für andere vielleicht auf eigene Faust nach Nordpakistan zu reisen. DPakisss dürfen Mädchen nicht."

„Wenn Frauen an öffentlichen Orten sichtbarer werden, dann sind sie vielleicht auch insgesamt sicherer, mutiger und fühlen sich wohler. Das ist die Idee dahinter. Eigentlich ganz einfach!", lacht Sadia.