Laxmi's daughter stands in the entrance of the goth that her mother and baby brother are sleeping in. All photos by Alice Carfrae

In Nepal werden Frauen während ihrer Menstruation verbannt

Offiziell ist der „Chaupadi”-Brauch, der menstruierenden und gebärenden Frauen untersagt, das Haus zu betreten, seit Jahren verboten. Doch in abgeschiedenen Regionen wie Humla bricht man nur selten mit alten Traditionen.

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02 Mai 2016, 9:20am

Laxmi's daughter stands in the entrance of the goth that her mother and baby brother are sleeping in. All photos by Alice Carfrae

Menstruationskrämpfe gehören für viele zu einer der ekligsten Arten von Schmerz, zu denen der menschliche Körper überhaupt in der Lage zu sein scheint. Tatsächlich könnte alles aber noch viel schlimmer sein.

In Simikot, einer Region im äußersten Nordwesten Nepals, werden Frauen von zuhause verbannt und dazu gezwungen, in Ställen oder Grotten zu leben, während sie ihre Periode haben oder wenn sie gerade ein Kind bekommen haben. Nach der Geburt müssen sie bis zu 20 Tage dort ausharren, je nachdem ob sie einen Jungen oder ein Mädchen bekommen haben. Dieser tief verankerte, kulturelle Brauch nennt sich Chaupadi.

Humla ist eine der höchstgelegensten und abgelegensten Regionen der Welt. Mit einem kleinen Allzweckflugzeug fliegen wir durch die schmalen, tiefen Täler zwischen den schneebedeckten Bergen. Mit einem bitteren Lächeln fliegt der Pilot eine beängstigende Schleife und landet auf der winzigen Ebene am Rand eines Berges. Diese Start- und Landebahn ist die einzige Verbindung zu der abgeschotteten Berggemeinde Simikot. Die nächste Straße ist einen mehrtätigen Fußmarsch weit entfernt. Die Menschen, die hier wohnen, leben von dem, was sie selbst anbauen und betreiben geringfügigen Handel mit Tibet. Die Isolation, die Armut und die raue Berglandschaft machen ihre Existenz zu einem täglichen Überlebenskampf.

Wenn die Sonne im Himalaya aufgeht, verwandelt sie den Schnee in braunen, schrecklich stinkenden Matsch—eine Mischung aus Exkrementen und Schmelzwasser. Wir trotten durch das Dorf auf der Suche nach einer Grotte. Als die Temperaturen sinken, wird der Matsch wieder zu Eis. Wir rutschen in Richtung des alten Dorfes, das von einer Gruppe von Dalit bewohnt wird—eine verarmte „niedere" Kaste, die sowohl hinduistische als auch lokale Gottheiten verehrt. Die geografische Abgelegenheit dieser Region hat auch zur Folge, dass man mit Traditionen nur äußerst selten bricht.

Dicker Rauch steigt aus einer der Grotten auf. Im Inneren ist es stockdunkel, abgesehen von ein paar hell erleuchteten Handybildschirmen. Eine Gruppe von zwölf Teenagern sitzt auf dem Boden, eingewickelt in dicke Decken. Es wirkt wie auf einer Übernachtungsparty. Die Mädchen lassen nepalesische Popmusik auf ihren Handys laufen, singen, schwatzen und tratschen. Ich war eigentlich in der Stadt, um eine Dokumentation über Nepal zu drehen. Als mein Tonmann die Musik aufdreht, fangen sie an zu kichern und neckisch mit ihm zu flirten, bis er dann gehen muss.

Romali ist 16 Jahre alt und ziemlich selbstbewusst. Sie sagt uns, dass wir gehen müssten und fängt daraufhin an, laut drauflos zu lachen—sie wollte uns nur auf den Arm nehmen. Sie sagt, die Grotte stünde jedem offen, der seine Tage hat—auf die Weise ist es sicherer. Missbrauch ist eine ernstzunehmende Gefahr für die jungen Frauen, die Chau praktizieren, da viele von ihnen allein und unbewacht schlafen müssen. Die Mädchen sitzen gedrängt um das Feuer herum. Wegen der schlechten Belüftung müssen sie oft husten. Romali sagt uns, wir sollten morgen wiederkommen und mit ihr zusammen Feuerholz sammeln gehen. Frauen dürfen das Haus, während sie ihre Periode haben, nicht betreten. Deshalb gehen sie oft harten Arbeiten im Freien nach.

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Um Feuerholz sammeln zu gehen, folgen wir einem fast senkrechten Abhang in die Schlucht hinunter. Die Gegend um Simikot wurde systematisch abgeholzt, sodass die Menschen gezwungen sind, weite Strecken zurückzulegen, um Brennstoff zu holen. Die Mädchen packen Unmengen an Feuerholz in die riesigen Körbe, die am Ende mindestens genauso schwer sind wie sie selbst. Diese Verhältnisse fordern ihren Tribut: Die Frauen sind sehr viel anfälliger für gesundheitliche Probleme wie Atemwegserkrankungen, Bandscheibenvorfälle und Wirbelsäulenverkrümmungen, die durch die schweren Lasten verursacht werden. Ihre durchschnittliche Lebenserwartung beträgt nur 53 Jahre.

Die 17-jährige Romali steht auf dem Dach der Grotte.

Früher haben die meisten Frauen auch ihre Kinder in den Grotten zur Welt gebracht, was zu einer hohen Säuglingssterblichkeit geführt hat. Doch Dank der neuen Regierung hat sich das geändert, erklärt uns die örtliche Hebamme Gita Lama. Jede Frau, die ihr Kind in einem örtlichen Krankenhaus zur Welt bringt, bekommt umgerechnet rund 12 Euro. Auch die 22-jährige Laxmi hat soeben ihr Kind einer örtlichen Klinik bekommen. Aber anstatt anschließend nach Hause zu gehen, wurde sie direkt in die Grotte geschickt. Laxmi erzählt uns: „Wenn man ein Mädchen zur Welt bringt, muss man länger in der Grotte bleiben. Jungs sind dagegen wichtiger, sodass man früher zurück ins Haus darf. Ich habe einen Jungen bekommen und darüber bin ich sehr froh."

Laxmi sitzt vor einem kleinen Feuer, um sich und ihr Baby zu wärmen.

Zusammen mit ihrem neugeborenen Baby lebt sie in absolut verwahrlosten Zuständen. Sie hockt auf dem dampfenden Boden, der voll frischem Eseldung ist. Sie kämpft damit, das Feuer zum Brennen zu bringen. Dabei entsteht so viel Rauch, dass unser Übersetzer fast erstickt. Mit tränenden Augen schimpft Laxmi: „Von dem Rauch kriege ich Kopfschmerzen und meine Kleider sind ständig schmutzig. Es ist wirklich unangenehm. "

Sie erzählt uns, dass ihr Mann nicht wollte, dass sie in der Grotte schlafen. Aber warum macht sie es dann? Ihre Antwort ist einfach: „Wenn wir unsere Religion nicht praktizieren, werden die Götter zornig. Ich habe keine andere Wahl, als sie anzubeten." Beiläufig greift Laxmi ein Messer, das unter ihrer Decke lag und hält es ans Feuer. Die Klinge glänzt im Licht der Flammen. „Das ist zum Schutz von meinem Baby und mir." Sie sieht ängstlich aus. „Es kommen böse Geister hierher, die meinem Kind etwas antun könnten."

Laxmis Sohn ist fünf Tage alt. Sowohl sie als auch ihr Baby werden noch weitere 15 Tage in der Grotte verbringen.

Frauen wie Laxmi müssen mit viel schlimmeren Gefahren als Geistern rechnen. Nepal ist eines der Länder mit der höchsten Säuglingssterblichkeit weltweit. „Jedes Jahr sterben zwei von drei Frauen bei oder kurz nach der Geburt ihres Kindes", sagt Gita Lama und klingt äußerst aufgebracht. „Wir raten Frauen, ins Krankenhaus zu gehen. Trotzdem entscheiden sich immer noch viele dafür, ihr Kind in der Grotte zu bekommen."

Vor fünf Tagen hat Laxmi zum ersten Mal nach der Geburt ihres Kindes ein Bad genommen. Sie musste sich draußen im Schnee waschen, außerhalb des Hauses, weil sie als unrein gilt. Sie sagt, sie wäre sich der gesundheitlichen Gefahren bewusst. „Wir überleben, auch wenn wir die Anweisungen der Ärzte nicht befolgen. Aber wenn wir Gott nicht gehorchen, wird Gott uns bestrafen. Gott ist mächtiger als die Menschen."

Das alte Simikot in Humla, Nepal.

Ich dachte, Chaupadi wäre der Auswuchs einer patriarchalen Gesellschaft mit dem Ziel, Frauen zu unterwerfen. In Wahrheit geht es bei diesem Brauch um Aberglaube—wobei man auch argumentieren könnte, dass Aberglaube das Resultat von Werten und Normen ist, die dazu dienen, Frauen zu unterdrücken. Gita Lama versichert mir, dass es auch von den Schwiegereltern abhängt: Sie entscheiden, wer draußen in der Kälte bleiben muss.

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Veränderungen setzen sich in Simikot nur langsam durch. Obwohl längst nicht alle Frauen Chaupadi praktizieren, wird die Kultur des Brauchs immer wieder durch Geschichten und Mythen bestärkt. Bis auf weiteres jedenfalls, werden die Frauen in Humla auch im 21. Jahrhundert weiterhin während ihrer Periode und nach der Geburt verbannt.

Ein Mädchen passt auf ihre jüngere Schwester auf.

Zum Schutz vor bösen Geistern wurde ein Tierschädel über die Tür gehängt.

Die Tochter eines Dorflehrers beim Spielen auf einem Dach.

Romali und ihre Freunde sammeln gemeinsam Feuerholz. Sie sind rund sieben Stunden lang unterwegs, da das Holz in der Gegend knapp ist.

Eine Gruppe von Frauen versammelt sich auf den Dächern der Häuser.

Den Frauen wird das Essen in die Grotte gebracht, da sie während ihrer Periode als unrein gelten und das Haus nicht betreten dürfen.

Laxmi erzählt uns, dass sie Angst vor bösen Geistern hat, die Nachts in die Grotte kommen.

Laxmis Tochter hilft der Familie, die Esel im Stall zu hüten.

Während einem Fest macht eine alte Frau eine bedeutungsvolle Geste mit ihren Händen.

Ein Mädchen steht am Eingang einer Grotte.