Die Stimmung im MMA erinnert an die alte Kantine. Foto: Tobias Raschbacher

Kann Wiens Technoszene etwas von München lernen?

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, habe ich im Namen des ernsten, investigativen Journalismus die angesagtesten Clubs beider Städte verglichen.

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Mai 12 2017, 3:26pm

Die Stimmung im MMA erinnert an die alte Kantine. Foto: Tobias Raschbacher

Als Münchner wird dir entweder beigebracht, dass München die beste Stadt der Welt ist und Münzen nichts in deinem Geldbeutel verloren haben – Scheine sind schließlich leichter und mehr wert. Oder aber du verabscheust alle Einwohner dieser Stadt. Ich gehöre eher zur zweiten Fraktion. München ist genauso spießig wie Wien – wenn nicht sogar noch spießiger. Stell dir das gesamte Publikum des Wiener Clubs Passage in der Münchner Innenstadt vor. Plus ihre Eltern. Und deren Eltern in allen teuren Cafés und auf allen Rolltreppen der Stadt - willkommen in München.

"Fuck friends, schaut, wie viel Geld von Papa ich schon wieder verbrenne."

Jeder will hier so dringend anders sein, das Abheben von der Masse wird zur Lebensaufgabe. Dass die selbsternannte Elite Bayerns deswegen vollkommen gleich aussieht, als hätte man sie direkt aus der Goldfisch-Zucht geholt, bemerkt niemand. Nicht nur die Menschen hier sind einheitlich arrogant und versnobbt. Die Clubkultur ist genauso verseucht. Frei nach dem Motto: "Sekt für die Nutten, Champagner für uns." Kein Witz, die Leute schreiben so einen Müll wirklich unter ihre Instagram-Posts.

Ob diese Leute allein oder mit Freunden feiern gehen, ist auf den Bildern oft nicht wirklich zu erkennen, weil die drei Liter Flasche Belvedere mit Beigetränken den meisten Platz der Bilder einnehmen müssen. Fuck friends, schaut, wie viel Geld von Papa ich schon wieder verbrenne. Haltet euch also von allen Clubs fern, vor denen Leute mit toten Tieren an der Jacke anstehen – ihr werdet es sonst bereuen. Außer ihr haltet "Thrift Shop" immer noch für einen aktuellen Song und Second Hand-Kleidung noch immer für den neuesten Modetrend.

MMA

Doch zwischen all diesen lächerlichen Versammlungen der Pseudo-Bourgeoise findet sich auch die ein oder andere Perle für Techno-Liebhaber. Und die hat es in sich. Eine dieser Perlen befindet sich am Königsplatz, im Stadtteil Maxvorstadt. Diese pompöse Aufmarschplattform aus der NS-Zeit erfüllt heute zum Glück einen weitaus pazifistischeren Zweck. Spontane Tango-Flashmobs am Abend werden abgelöst von erschöpften Partygästen am Morgen. Chillen kann man dort aber trotzdem ziemlich gut. Nur ein paar Meter an der Glyptothek vorbei und man landet vor dem MMA. Wie viele Stunden meines Lebens ich schon in diesem Himmelsreich verbracht habe – ich hab aufgehört, zu zählen. Die Bookings im MMA sind fast ausschließlich international bekannt, zu den Residents zählt unter anderem Obscure Shape. Aber auch Headliner wie Len Faki, Ben Klock, Nina Kraviz, Maceo Plex und etliche weitere legen immer wieder dort auf.

Nach dem Ausgehen ist Sonne fast so geil wie kaltes Wasser. Credits: Lisa Verhoeven

Eingenistet hat sich der Club in einem ehemaligen Heizkraftwerk, der klassische Fabrikstil erinnert ein bisschen an den alten Tresor in Berlin. Falls ihr also in München mal auf unbestimmte Zeit zwischen ewiger Dunkelheit und Industrial verschwimmen wollt, gern geschehen. Je nach Prestige des Events ändert sich auch die Raumaufteilung im Club – mal ist nur der Clubraum geöffnet, mal kommt noch die halbe Halle dazu und wenn die ganz großen Acts spielen, ist das gesamte Untergrundgelände geöffnet. Hier meine Freunde zu verlieren, zählt für mich zur Routine. Würde man tagsüber am MMA vorbeigehen, würde man nie auf den Gedanken kommen, dass hier ein riesiger Techno-Club jedes Wochenende seine Pforten in den Untergrund öffnet. Denn der Großteil des Clubs befindet sich circa zehn Meter unter der Erde. Die breiten, rostigen Treppenabgänge, deren Stufen hohle metallische Geräusche von sich geben, klingen beim Abstieg fast wie die Musik, die hier aufgelegt wird. Unten steht man dann vor weißen, hohen Stahltüren. Dahinter das Paradies.


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Es ist dunkel, wegen des Fotoverbots hat keiner sein Handy in der Hand, höchstens mal auf der Toilette. Manche Gäste reinigen ihre Handy-Bildschirme dort so gründlich, dass sie sogar mit der Zunge drüberlecken. Auf Hygiene wird hier großen Wert gelegt, aus jeder WC-Kabine hörst du jemanden, der sich die Nase putzt. Sich in der 21 Meter hohen Halle von links nach rechts schieben zu lassen und die leicht glimmenden Schweinwerfer zu verfolgen, sorgt bei mir jedes Mal aufs Neue für Gänsehaut. Vor mindestens acht Uhr morgens ist es im MMA normalerweise nie vorbei. Meistens geht das Ganze sogar eher bis elf, zwölf mittags. Falls es einen Anlass gibt, hat das MMA aber auch gerne mal 48 Stunden geöffnet.

Das kann Wien lernen: Genau diese langen Öffnungszeiten fehlen in Wien und das stört mich. Wenn man sich schon dauernd geile Acts in den Club holt, sollte der ganze Zauber nicht schon um sechs Uhr in der Früh wieder vorbei ist. Bei elektronischer Musik ist es nicht unüblich, dass die meisten Leute in diesen frühen Morgenstunden sogar mehr Energie und Tanzlust haben, als wenn sie den Club am späten Abend betreten. Ich versteh auch nicht, woher dieser ekstatische Elan kommt, keine Ahnung.

HARRY KLEIN

Wer keinen guten Orientierungssinn hat und gerne mal verloren geht, kann auch auf eine kleinere Club-Alternative ausweichen. Das Harry Klein ist schon seit Jahren eine internationale Größe und hat nach seinem Umzug in die Sonnenstraße nicht wirklich an Qualität verloren. Hier am Stachus, dem Dreh- und Angelpunkt der Münchner Innenstadt, prallen nachts alle möglichen Gesellschaftsschichten und Nationen aufeinander. Wenn diese Menschen dann um sechs Uhr morgens kollektiv ihr lauwarmes McMenu verschlingen, sind sie aber für einen kurzen Moment alle gleich, egal ob es ein Maximilian Theodor von Grafenstein ist oder ein Ibrahim Eloğlu.

"Liebe für Techno gibt es dort trotzdem zuhauf."

Der erste Eindruck beim Betreten des Harry Klein mag vielleicht kurz verwirren, es sind enge Gänge, Treppen führen nach oben wie unten und die Lightshow gibt direkt alles. Geht man ins obere Geschoss, landet man beim wirklichen Schmankerl dieses Clubs – der schalldichte Raum im Obergeschoss, der direkt neben dem kleinen Floor auf der Etage ist. Man kann sich hier also unterhalten, ohne dabei seinem Gegenüber ins Ohr brüllen zu müssen. Das Booking ist eigentlich so gut wie immer hochkarätig, DJs wie Stephan Bodzin und Oliver Koletzki gehören zum Standardinventar. Die Architektur und das Soundsystem sind extrem ausgeklügelt und holen aus der Location alles raus, was rauszuholen ist.

Persönlich bin ich kein großer Freund vom neuen Harry Klein, es ist mir zu ausgeleuchtet und auf die zwei Floors passen in Summe circa 17 Leute. Selbst wenn der beste Act auflegt, kann man sich einfach sehr schnell nicht mehr so bewegen, wie man es gerne würde. Und viel zu oft verirren sich Leute in den Club, die dem eigentlichen Klientel, das man sich wünschen würde, einfach überhaupt nicht entsprechen. Dafür kann niemand etwas, die zentrale Lage macht ein zufälliges "Darüberstolpern" unumgänglich. Das stört mich schon, aber macht euch selbst ein Bild. Liebe für Techno gibt es dort trotzdem zuhauf. Und was der Laden für die Münchner Techno-Szene geleistet hat, sollte an dieser Stelle auch kurz erwähnt werden. Danke.

Einem Wiener Club ist ein ähnliches Schicksal wie dem Harry Klein widerfahren. Der große Unterschied ist, dass einer der beiden Clubs seine Seele dadurch nicht verloren hat, da er durch die gleichen Betreiber weitergeleitet wurde. Auch wenn es meinen persönlichen Vorlieben nicht unbedingt entspricht, hat sich am Image und der Agenda im Harry Klein nach dem Umzug und der Renovierung nichts verändert.

Das kann Wien lernen: Extreme Veränderungen an einer Club-Koryphäe vorzunehmen, muss gut durchdacht sein und das Harry hat seine Gäste größtenteils behalten. VIP-Areas mit eigenem Floor und DJ sind extrem unangebracht, genauso wie ein riesige leuchtende Bar, die allen den Platz wegnimmt und abgesehen davon nur scheiße aussieht.

BLITZ CLUB

Die große Hoffnung setzen momentan alle in den neu eröffneten Blitz Club, der irgendwie wie eine Miniaturversion vom Berghain aussieht. Beheimatet ist das Blitz im deutschen Museum im alten Kongresssaal. Nachts zum Ausgehen an den Ort zurückzukehren, an dem man beim Schulausflug als Kind Naturwissenschaften "spannend" vermittelt bekommen hat, ist dann schon ein bisschen lustig. Die Lage könnte einen erheblichen Teil zum Erfolg des Blitz beitragen, da er direkt an der Isar liegt, quasi das Münchner Pendant zur Donau. Und im Sommer aus der Forelle rauszukommen und seine Füße im kalten Wasser abzukühlen, hat noch niemandem geschadet.

"Als klares Pro wird der kristallklare Sound angegeben, genauso wie ein eigenes Raucher-Separee."

Das Opening hat vor Kurzem auf jeden Fall für Schlagzeilen gesorgt, da schon kurz nach Mitternacht die Polizei anrückte und die wartende Menge vor dem Club zwischenzeitlich auflösen musste. Da es die ganze Nacht Gratis-Drinks und Seth Troxler als Überraschungsgast gab, ist der Ansturm aber ziemlich verständlich.

Viel kann man über das Blitz noch nicht sagen, es steckt ja noch in den Babyschuhen. Da auch hier ein allgemeines Fotoverbot gilt, ist das Innenleben bisher eher sagenumwoben. Hohe Holzvertäfelungen und 3D-Kacheln erwecken in einem die Fantasie eines futuristischen Konzertsaals. Zu viel verraten möchte man nicht. Sascha Siebler und die Zenker Brothers als Resident DJs klingen aber schon mal nicht schlecht.

Auf der Facebook-Seite des Blitz reichen die Bewertungen von "sehr mies" bis "ganz großartig". Als klares Pro wird immer wieder der kristallklare Sound angegeben, genau wie ein eigenes Raucher-Separee – in München gibts das Rauchverbot schon seit 2010. Das Design wird auch immer wieder angepriesen.

Fazit: Generell wirkt es so, als würde München mehr Budget für die Clubszene nutzen und als sei die bürokratische Akzeptanz gegenüber neuen Clubs einfach höher. In Wien gibt es außer der Grellen Forelle keinen wirklich namenhaften Club – man muss von einem sehr kleinen Angebot zehren.

Die Abwechslung in der Münchner Clubszene ist dann doch noch ein kleines bisschen größer, aber keine Angst, wirklich besser ist es auch nicht. Denn in dieser konservativen Hochburg im Süden reagieren Polizisten auf ein paar Krümel Gras im Grinder wie auf einen tonnenschweren Kokainschmuggel von Pablo Escobar. Wenn ihr also in München mit irgendwelchen illegalen Substanzen unterwegs seid, dann packt euch das Zeug in die Unterhose oder als Frau mindestens in den BH – sofern ihr einen tragt. Wer denkt, ich übertreibe, kann sich gerne selbst vom Gegenteil überzeugen lassen, aber glaubt mir, ihr habt keinen Bock auf die Münchner Polizei.

Wenn man sonntagmorgens dann aber endlich wieder verschwitzt seinen Weg zurück in die Realität findet und unter der Sonne ein bisschen Photosynthese betreibt, dann liebe ich München für einen kurzen Moment wieder. Viel Vorsprung hat München vor seinem Nachbarn Wien allerdings nicht mehr.

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