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Held der Woche: Dieser Chatbot-Anwalt hat bereits 160.000 Knöllchen anulliert

Ein 19-Jähriger demonstriert, dass sich Künstliche Intelligenz und die Blockchain nicht nur für kommerzielle Anwendungen nutzen lassen, sondern auch, um sozial Schwachen einen Anwalt zur Seite zu stellen, der für sie kämpft.

von Theresa Locker
29 Juni 2016, 1:08pm

Bild: imago

Kurz nach seinem 18. Geburtstag durfte Joshua Browder gleich ein weiteres Jubiläum im Kalender markieren: Den 30. kassierten Strafzettel. Ärgerlich, denn in Zeiten klammer städtischer Kassen werden viele davon auch mal unrechtmäßig ausgestellt. Häufig kommt das jedoch erst heraus, wenn man die richtigen Tricks kennt und das Durchhaltevermögen besitzt, um das Knöllchen anzufechten.

Denn wer einem Strafzettel widersprechen will, läuft nicht selten gegen eine Bürokratie-Wand Sturm und liefert sich ein giftiges Briefgefecht mit irgendeiner übermächtigen, herzlosen Inkassofirma oder dem Ordnungsamt. Und ein Anwalt kostet schnell mehr als die Gebühren—so presst die Stadt Geld aus ihren Bürgern. „Diese Menschen wollen das Gesetz nicht brechen", erklärt Browder kämpferisch gegenüber Forbes, „ich glaube, ihre kommunale Regierung missbraucht sie als Einnahmequelle."

Bild: imago

Gegen diese Ungerechtigkeit zog der Stanford-Student mit Code ins Feld. Im vergangenen Sommer programmierte der 19-jährige innerhalb von drei Monaten einen Chatbot zusammen, der Lücken im Gesetz erkennt und automatisch eine Beanstandung kompiliert. Als „erster Roboteranwalt der Welt" fragt dich DoNotPay über Details des Vorfalls aus: War das Schild schwierig zu lesen? Wie klein war die Parklücke? Hast du nur mal kurz angehalten?

Eigentlich als Sommerprojekt für Freunde und Familie konzipiert, stieß der Chatbot schnell auf riesige Resonanz außerhalb seines Bekanntenkreises. Innerhalb von Tagen klagten tausende von Leuten dem kostenlosen Advokaten ihr Leid. Die lästige Korrespondenz mit Parkplatzhaien übernimmt der automatische Anwalt gleich mit. Momentan bearbeitet der Bot Einsprüche gegen 250.000 Strafzettel. 160.000 Knöllchen sind bereits jetzt Geschichte. Das entspricht einem gesparten Wert von über drei Millionen Euro.

DoNotPay fragt dich systematisch nach Angriffspunkten für einen Einspruch gegen den Strafzettel | Bild: Screenshot DoNotPay

Browder, der sich das Coden autodidaktisch durch YouTube-Videos beigebracht hat, kann durch frühere Jobs auf ein Netzwerk an Menschenrechtsanwälten zurückgreifen, die ihm wertvolle Tipps für die erfolgreiche Anfechtung der Strafzettel und die exakte Formulierung der Briefe gaben.

Ganz besonders freut den KI-Revoluzzer, dass Chatbots eben nicht nur hakelige kommerzielle Anwendungen „zum Blumen und Pizza bestellen" sein können, sondern soziale Dienstleistungen erbringen können, erklärte er dem Gründer-Magazin VentureBeat.

Wenn der Bot-Anwalt genug Infos gesammelt hat, kompiliert er ein Formular, in das du nur noch deine Daten eintragen musst | Bild: Screenshot DoNotPay


Abgesehen von Marken, die mit dir in Kontakt über ihre Produkte treten wollen, profitieren von den vielgepriesenen Chatbots auf Facebook schließlich die Wenigsten; Microsofts Millennial-Chatbot Tay wurde berüchtigterweise von Trollen entführt und binnen weniger Tage zum Nazi konvertiert, und Googles Chatbot Allo will zwar für dich antworten, spioniert dann aber auch deine Ende-zu-Ende-verschlüsselten Nachrichten aus. Sehr hilfreich ist das alles für den Nutzer nicht. DoNotPay spart Menschen bares Geld und hat sich weiterhin darauf spezialisiert, Reisenden zu helfen, eine Entschädigung für ihren verspäteten Zug zu beantragen.

Bislang ist der Bot nur für Kunden in London oder New York nutzbar, und komplizierte Rechtsfälle vor einem Gericht kann er natürlich nicht für dich ausfechten. Doch für einfache Bagatellvergehen, die allzu oft ohne Grundlage ausgeschrieben wurden und die Schwächsten der Gesellschaft treffen, sind Bots perfekt. In Zukunft könnten immer mehr alltägliche Kanzlei-Aufgaben von KIs übernommen werden und menschliche Anwälte entlasten.

Nicht nur KIs, sondern auch Anwendungen der FinTech können für Menschen arbeiten. In einem Interview bei der Veranstaltung TechCrunch Innovate 2016 in San Francisco erläuterte Browder, wie er mit der Blockchain HIV-positiven Menschen zu ihren Rechten verhelfen will: In vielen Staaten ist es nämlich illegal, seine Sexualpartner nicht über seine Krankheit zu unterrichten. Im Gegenteil zu beweisen, dass man seinen positiven HIV-Status bereits mitgeteilt hat, kann im Nachhinein schwierig sein—häufig trudeln Schadensersatzansprüche erst 20 oder 30 Jahre später ein und beruhen auf Missverständnissen. Mit einer Funktion auf DoNotPay kann jeder ohne technische Vorkenntnisse auf der Blockchain einen öffentlich einsehbaren, permantenten Beweis über seinen HIV-Status einschreiben. „Dauert 30 Sekunden", so Browder.

Als nächstes geht Browder weitere Baustellen der sozialen Gerechtigkeit an. Das nächste Projekt des Studenten ist ein Chatbot, der auf IBM Watson läuft. Der Bot soll Arabisch verstehen und englische Dokumente ausspucken, mit denen Flüchtlinge automatisiert Asylanträge stellen können.

Ein klassisches Start-up will Browder übrigens trotz des begeisterten Zuspruchs auf Gründerfestivals und von Nutzern gar nicht aufbauen. DoNotPay soll immer kostenlos bleiben.