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Pornhub gibt es jetzt auch für Blinde: Echter Fortschritt oder Marketing-Gag?

In einem speziellen Voice-Over erzählt eine freundliche Frauenstimme in der neuen Kategorie „Described Video“ das Geschehen nach. Das macht die Handlung zwar nicht besser, aber es ist immerhin ein Schritt zu mehr Barrierefreiheit.
17 Juni 2016, 11:10am
Bild: Screenshot Pornhub

„Das Video beginnt mit einer zierlichen Latina mit dunkelblondem Haar. Sie liegt mit dem Gesicht nach unten auf einem Massage-Tisch, nur ein winziges Handtuch bedeckt ihren Arsch", erzählt eine ruhige, freundliche Frauenstimme.

Es ist der jüngste Coup des Streamingriesen Pornhub: Das Unternehmen möchte Blinden Pornos zugänglich machen. „Wir haben Videos von unseren beliebtesten Filmen ausgewählt und eine zusätzliche Audiospur hinzugefügt", heißt es am Donnerstag in einem Blogpost auf Pornhub, „für den vollen Genuss".

In der neuen Kategorie „Described Video" gibt es jetzt bereits 50 Clips, darunter auch lesbischer, schwuler und Trans-Content sowie Pornofilme speziell für Frauen. Dort erklären professionelle Sprecher die Szenen in Voiceovers, während im Hintergrund die Original-Audiospur zu hören ist. Die hölzernen Handlungen werden durch die plastische Beschreibung zwar nicht unbedingt besser, aber das ist ja auch nicht Sinn der Sache.

Laut WHO sind weltweit 39 Millionen Menschen völlig blind und weitere 246 Millionen visuell sehr stark beeinträchtigt. Wie finden sie den für uns so selbstverständlichen und allgegenwärtigen Zugang zu Millionen von Pornofilmen für jeden Fetisch in jeder beliebigen Sprache, wenn die visuellen Reize teilweise oder vollständig wegfallen?

Geht es nach Pornhub, sind Pornoszenen mit detaillierter Beschreibung des Settings, der Darsteller und natürlich der Action schon mal ein Anfang. In einer Pressemail teilte Pornhub-Vize Cory Price staatsmännisch mit: „Bei Pornhub ist es unser Ziel, die Bedürfnisse unserer Nutzer zu befriedigen, und das beginnt damit, unseren Inhalt für alle Individuen zugänglich zu machen. Durch die Integration einer audio-fokussierten Kategorie können wir nun Inhalte speziell für visuell beeinträchtigte Personen anbieten."

Der nacherzählte Sex ist der jüngste Stunt in einer Reihe sehr exakt und medienfreundlich platzierter Marketingaktionen und Innovationen, mit denen sich Pornhub regelmäßig ins Gespräch bringt. Sei es VR-Sex, die Ankündigung, den ersten Porno im Weltraum („Sexploration") zu drehen oder die pünktlich zu Feiertagen und TV-Großereignissen präsentierten Nutzer-Statistiken zum Pornokonsum weltweit: Das Unternehmen weiß, wie es sein Image aufpoliert.

Ein Teil dieser ausgeklügelten Imagestrategie ist die „Philanthropie-Abteilung" PornhubCares, unter deren Flagge nun auch die beschriebenen Videos für Blinde gelauncht wurden. PornhubCares hatte zuvor auf ganz eigene Art und Weise auf Brustkrebs aufmerksam gemacht: Durch eine Spende im Centbereich an eine gemeinnützige Organisation für jeden Klick auf ein Video aus den Kategorien „Big Tits" und „Small Tits".

Die Nachfrage nach Pornos für Blinde ist riesig.

Wie auch immer: Eine überfällige Diskussion um die Integration anderer Nutzergruppen im Netz ist jedenfalls erfolgreich entfacht—und geht man nach den Kommentaren auf Pornhub und anderen Seiten, ist das Feedback eindeutig positiv. Cory Price fordert seine Amateur-Community auf, „mehr Videos unter Berücksichtigung körperlich eingeschränkter Nutzer" hochzuladen—nun fehlt nur noch die Rückmeldung der blinden Pornhub-Besucher. Den Zugang zu den Videos auf der Seite finden sie zum Beispiel durch Sprachsteuerungs-Plugins im Browser.

Langsam aber sicher wird Barrierefreiheit bei Online-Medienprodukten zu einem Thema, dem sich auch jugendfreie Dienste widmen: Nachdem Netflix im vergangenen Jahr beliebte Sendungen mit Audiobeschreibungen versehen hat, versuchen in diesem Jahr auch Twitter und Facebook, visuelle Inhalte durch Bilderfassungstechnik für Blinde zugänglich zu machen.

Wie der Guardian herausstellt, ist es übrigens nicht das erste Mal, dass eine Seite erfolgreich versucht, Pornos für Blinde zugänglich zu machen: Das 2006 gelaunchte Angebot pornfortheblind.org bat Freiwillige, beliebte Sexfilme nachzuerzählen und als mp3 zur Verfügung zu stellen. Die Nachfrage war riesig: Die Seite hatte zuletzt bis zu 150.000 Besucher im Monat.