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Eine KI hat gerade einen erfahrenen Kampfpiloten abgeschossen

Die Künstliche Intelligenz „ALPHA“ zeigt im Flugsimulator, wie schnell Maschinen lernen und könnte in Zukunft die Kampfpiloten-Anwärter der US Air Force zur Verzweiflung treiben.
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Die Künstliche Intelligenz „ALPHA“ während eines simulierten Kampfeinsatzes. | Bild: Psibernetix. Inc.

Der Fortschritt der Künstlichen Intelligenz schreitet weiterhin unaufhaltsam voran: KI-Systeme können längst so vielfältige Aufgaben erledigen, wie Menschen in extrem komplexen Brettspielen besiegen, biologische Attraktivität akkurat bewerten oder der Archäologie dabei helfen, jahrhundertealte ungelöste Geheimnisse zu entschlüsseln. Nun aber hat sich eine KI einer anderen Aufgabe von großer Komplexität gewidmet: Dem Luftkampf gegen den Menschen.

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Für den Menschen ging die Schlacht nicht gut aus—in stundenlangen Luftkämpfen ist es dem ehemaligen Kampfpiloten und erfahrenen Ausbilder Gene Lee kein einziges Mal gelungen, seinen Gegner „ALPHA" abzuschiessen. „ALPHA" sei "die aggressivste, reaktionsfreudigste, dynamischste und glaubwürdigste KI, die ich bisher gesehen habe", urteilte Lee anschließend.

Die siegreiche Piloten-KI „ALPHA" wurde von Nick Ernest entwickelt, einem Doktoranden der Universität von Cincinnati innerhalb des von ihm gegeründeten Unternehmens Psibernetix, Inc.. „ALPHA" soll primär in der Pilotenausbildung eingesetzt werden, um das Zusammenspiel zwischen bemannten und unbenannten Kampfflugzeugen innerhalb einer Simulation zu erforschen und zu verbessern. Die neuesten Forschungsergebnisse wurden kürzlich im Journal of Defense Management veröffentlicht.

„ALPHA" unterscheidet sich zur bisher in der Air Force üblichen Simulationssoftware insbesondere in der Programmierung: „ALPHA" verwendet eine sprachbasierte Programmierung mit Wenn-dann-Szenarien und lernt durch ein „genetic fuzzy system" beständig dazu. Hierbei lassen die Macher der Software „ALPHA" eine Vielzahl an Simulationen fliegen, wobei immer nur die Erkenntnisse erfolgreicher Simulationen in das Programm eingespeist werden. Der Code der Künstlichen Intelligenz erweitert und verbessert sich durch seine Erfolgserlebnisse aufgrund des selbstlernenden Systems von selbst, da die Codezeilen der erfolgreich durchgeführten Flugmanöver ihren Weg in die aktuelle Programmierung von „ALPHA" finden.

Der pensionierte United States Air Force Oberst Gene Lee in der Kampfsimulation gegen „ALPHA" | Bild: Psibernetix. Inc.

Dass „ALPHA" nicht nur gemeinsam mit dem Menschen, sondern auch völlig alleine simulierte Kampfeinsätze erfolgreich fliegen kann, wurde gerade eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Die erstaunliche Funktionsweise verblüffte auch den erfahrenen Kampfpiloten-Ausbilder Lee: „Ich war überrascht, wie aufmerksam und reaktionsschnell „ALPHA" war. Es schien zu wissen, was ich vorhabe und hat sich direkt auf mein Flugverhalten und meine Waffenauswahl eingestellt. Es wusste genau, wie es meine Schüsse verteidigen kann und wechselte sofort zwischen defensiven und aggressiven Manövern, je nach Bedarf und Situation."

Bemerkenswert an „ALPHA" ist zudem, dass es keinerlei Supercomputer benötigt, um berechnet zu werden. Die Version, die Gene Lee zur Verzweiflung brachte lief auf einem 35 US-Dollar Raspberry Computer. Auch die zahlreichen Simulationen, die zur aktuellen Version von „ALPHA" geführt haben, wurden auf einem 500 US-Dollar PC durchgeführt.

Ursprünglich wurde „ALPHA" erdacht, um Piloten im Kampf zu unterstützen und taktische Vorschläge zu geben, wie im Ernstfall reagiert werden sollte. Bei zukünftiger Verbesserung und Weiterentwicklung wäre aber auch eine militärische Verwendung in unbemannten Kampfflugzeugen denkbar. Diese hätten gegenüber menschlichen Piloten einige Vorteile, wie eine schnellere Reaktionszeit. Zudem wäre es möglich, schnellere Flugzeuge zu bauen, da die Stärke der G-Kräfte, die ein Mensch aushalten kann, begrenzt sind. Und eine KI im Cockpit hätte noch weitere Vorteile: Ohne Menschen an Board könnten kleinere, leichtere Flugzeuge gebaut werden, da man weder Schleudersitz noch Pilotenkabine bräuchte.

Auch wenn „ALPHA" von Psibernetix, einem Vertragspartner des United States Air Force Research Laboratory entwickelt wurde, gibt es noch keine konkreten Pläne, die Software in autonomen Kampfflugzeugen einzusetzen. Auch ob und wie die Software zukünftig in die Ausbildung von Kampfflugzeugpiloten integriert werden soll oder ob der Kampf von Lee ein einmaliger Show-Kampf bleibt, ist ebenfalls noch offen.

Herobild Kampfjet: Wikipedia |U.S. Air Force photo by Staff Sgt. Tony R. Tolley | Gemeinfrei