Hangover-News, 18. April 2017
Foto: imago | Sven Lambert
Die Nachrichten nach dem Kater

Hangover-News, 18. April 2017

Eine App soll Wahlbetrug in der Türkei aufdecken, Furby spricht auf YouTube seine letzten Worte, ein Dieb erbeutet über 100.000 Euro mit einem Kleiderbügel und deutsche Seenotretter geraten wegen zu vieler Flüchtlinge selbst in Seenot.
18.4.17

Na, nicht genug Eier gefunden an Ostern? Dann verteilen wir nochmal ein paar, Geiz soll uns keiner nachsagen. Bevor es allerdings am letzten Wochenende ans Süßigkeitensuchen ging, stand erstmal die vermaledeite Diskussion um das Tanzverbot an. Wie jedes Jahr wetteiferten in den Hauptrollen: Ignoranz, Toleranz und Akzeptanz. Das führt erwartungsgemäß zu Uneinigkeit:

Dass es deutlich größere Probleme auf dieser Welt gibt als das Tanzverbot, ist allen dann spätestens am Sonntagabend wieder eingefallen. Da haben wir das Ergebnis des Referendums in der Türkei erfahren: 51,4 Prozent der Türken haben für ein Präsidialsystem gestimmt und damit für mehr Macht für Präsident Erdoğan. Und Wahlbeobachter? Die sprechen von nicht nur einem faulen Ei bei der Wahl.

Außerdem am Wochenende passiert: Fast 500.000 gucken einem Furby beim Sterben zu, ein 31-jähriger Dieb erbeutet über 100.000 Euro mit einem Kleiderbügel, in Berlin fahren möglicherweise bald Busse ohne Fahrer und deutsche Flüchtlingsretter geraten in Seenot. Willkommen zu den Hangover-News.

Erdoğan-Gegner wollen Wahlbetrug durch App beweisen

Foto: imago | Depo Photos

Unter den Türken in Deutschland stimmten überdurchschnittlich viele Wähler dafür, dass Erdoğan die Macht bekommt, die er einfordert: Rund 63 Prozent der Stimmberechtigten in Deutschland sprachen sich für eine Verfassungsänderung aus. Da insgesamt die Mehrheit aber denkbar knapp war, fechten Opposition und Regierungsgegner das Ergebnis nun an. Der Hoffnungsträger: die Daten einer Handy-App. Mit der App "T3" will die Organisation Oy ve Ötesi (Wahl und mehr) beweisen, dass Erdoğans AKP an den Wahlergebnissen herumgeschraubt hat. Nach der Auszählung konnten Wahlbeobachter ein Foto des Auszählungsprotokolls machen und via App an ein Datenverarbeitungssystem schicken. Dieses vergleicht in den kommenden Tagen die Ergebnisse mit den Angaben der Wahlkommission – stimmen sie nicht überein, schlägt es Alarm. Das Problem: In umkämpften Kurdengebieten seien erst gar keine Wahlbeobachter vor Ort gewesen, berichtet zum Beispiel Mithat Sancar, Verfassungsrechtler und Abgeordneter der prokurdischen HDP. Immerhin rund 40.000 abfotografierte Wahlprotokolle sind bei den App-Betreibern eingegangen – das entspricht einem Viertel der Wahllokale. Während die Opposition darauf wartet, dass die Wahlkommission in einigen Tagen alle Zahlen veröffentlicht, wächst die Mängelliste der Wahlbeobachter von OSZE und Europarat an. Einigen Wahlbeobachtern wurde der Zutritt zu Wahllokalen untersagt. In ihrem Bericht kritisiert die OSZE außerdem, dass bis zu 500.000 vertriebene Kurden ohne neue Registrierung am derzeitigen Wohnort nicht wählen konnten. Ein undemokratisches Regierungssystem wurde durch eine zweifelhaft demokratische Wahl entschieden.

Tschüss FurbKKKRRRRRZZZZKRRCHOUCH

Ein finnischer Fabrikbesitzer verschaffte mit seinem Video am Wochenende all jenen späte Genugtuung, die (wie die Autorin) als Kind kein Furby von ihren Eltern bekommen haben. EAT THIS, überbewertetes, sauteures Nervkuscheltier. Du Möchtegern-R2D2, du Billo-Gremlin-Kopie.

Auf seinem Hydraulic Press Channel zerquetscht der Finne Lauri Vuohensilta nicht nur Furbys, sondern alles, was ihm zwischen die 100-Tonnen Presse kommt: Osternester, Baumstämme, Barbies, Bowlingkugeln, Hockey-Pucks. Über 1,7 Millionen Abonnenten gucken sich seit zweieinhalb Jahren regelmäßig die Quetschzesse des Finnen an. Über seinen letzten haben wir uns besonders gefreut: Bye Bye seelenloses Plüsch-Tamagotchi.

Analoges EC-Karten-Phishing mit Kleiderbügel fliegt auf

Foto: imago | Schöning

115.000 Euro mal so eben nebenher verdienen? Wenn ihr kein Manager auf Boni-Jagd oder Fußballer mit Werbeverträgen seid, muss man sich dafür schon was einfallen lassen. Was Kriminelles hat sich ein 31-Jähriger ausgedacht: Der Autohändler hat sich jahrelang aus Briefkästen in München und Rostock bedient – und das mit einem Kleiderbügel. Im Visier des Diebes: EC-Karten. Auf gut Glück folgte der Mann Postboten, um dann in frisch gefüllten Briefkästen auf analoge Phishing-Tour zu gehen. Ertastete er im Brief am Haken eine EC-Karte, kam er ein paar Tage später zurück, um die dazugehörige Pin auch noch aus dem Kasten zu angeln. Am Geldautomat musste er dann nur noch den Wunschbetrag eingeben. Ein Hausmeister beobachtete das verdächtige Hinterhof-Geschleiche, Ermittler legten sich auf die Lauer und konnten den Dieb Anfang des Jahres fassen, wie die Polizei München jetzt erst bekannt gab.

Flüchtlingsretter geraten selbst wegen Überbelastung in Seenot

Gleich zweimal ging am Ostersonntag das Notsignal "Mayday" bei der Seenotrettungsstelle in Rom ein – abgesetzt von zwei Flüchtlingsrettern aus Deutschland. Die luventa der Berliner Organisation Jugend Rettet und die Sea-Eye aus Regensburg waren manövrierunfähig, weil sie insgesamt 600 Flüchtlinge aufgenommen hatten. Laut Pauline Schmidt, Pressesprecherin von Jugend Rettet, seien zunächst Schiffe von Lampedusa aus zur Rettung gestartet – doch mussten diese wieder umkehren, weil sie unterwegs so viele weitere Geflüchtete aufnahmen. Bei Twitter fand die Pressesprecherin klare Worte:

Am Montagnachmittag dann die gute Nachricht:

Auch die Crew der Sea-Eye und die aufgenommenen Geflüchteten wurden von einem italienischen Marineschiff gerettet, wie Michael Buschheuer, Gründer von Sea-Eye-e.V. gegenüber VICE am Telefon bestätigte.

Robo-Busse für Berliner Randbezirke

Busse, die ohne Fahrer durch die Stadt fahren. Unwahrscheinlich ist dieses Science-Fiction-Szenario nicht – das bestätigte am Wochenende Berlins S-Bahn-Chef Peter Buchner. "Ich bin ein großer Fan automatischer Zubringerbusse", sagte er der Deutschen Presseagentur. Konkret geht es um kleine, automatische Minibusse, die Menschen aus Randbezirken fahrerlos zur nächsten S-Bahn-Station bringen. Aktuell werden solche Automatik-Busse auf dem Euref-Forschungscampus in Berlin-Schöneberg getestet. Ganz so schnell auf der Straße landen die Busse dann allerdings doch nicht, so der S-Bahn-Chef: Man brauche einen Partner und Zeit, die Umsetzung könne also noch Jahre dauern. Jahre dauern – ein Gedanke, den alle Berliner-Ringbahn-Nutzer regelmäßig am Bahnsteig denken.

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