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Haudegen vs. Frei.Wild – Der Unterschied zwischen Proletariat und Deutschtümelei

Haudegen sagen Frei.Wild die Meinung, ziehen wieder zurück und hinterlassen schwer verunsicherte "Deutschrock"-Fans.

von Georg Bakunin
21 März 2017, 1:01pm

Fotos: Imago

Rap und Rock, das ist nicht immer gut gegangen. Ob nun das atemberaubend belastende Crossover-Album von Jay-Z und Linkin Park oder die Ausflüge diverser MCs ins Rockmilieu (Hallo, B-Tight) – oft endet das ganze in einem Desaster. Wenn Rapper plötzlich verkünden, "ernsthafte Musiker" zu werden und deepe Pressetexte veröffentlichen, ganz so als sei Rap keine richtige Musik, ist der Fremdschamfaktor meist immens hoch. (Never forget, Chakuza). 

Die Unterschiede der beiden Musikrichtungen treten jedoch am deutlichsten in der Streitkultur der Protagonisten zu Tage. Dass sich Mitglieder der Ärzte und der Toten Hosen einst im Vollsuff eine kleine Rauferei geliefert haben, erfuhr man circa 20 Jahre später in einer Retrospektive. Im Rap unvorstellbar. Wenn sich Rapper A kratzt, kann man sich sicher sein, dass Rapper B dazu einen Tweet verfasst. Jeder Streit ist potenzielle Promo. Das liegt aber auch in der Natur der Sache: Rap ist immer auch Battle, Ansage und Gegnerbezug.

Was passiert, wenn zwei ehemalige Rapper, die inzwischen erfolgreich im Rock-Milieu verortet sind, sich der Methoden ihrer alten musikalischen Heimat bedienen, konnte man nun am Beispiel Joe Rilla und Tyson Berlin beobachten. Die beiden Musiker, inzwischen lange unter ihren bürgerlichen Namen Hagen Stoll und Sven Gillert als Haudegen unterwegs, kotzten sich mal eben spontan auf Facebook aus und hielten mit ihrer Meinung sowie ihren Absichten bezüglich Frei.Wild nicht hinterm Berg. Der Grund dafür ist unbekannt. Inzwischen ist der Post wieder offline.

Screenshot von facebook.com/Haudegen

Was im Rap zu einer mittelschweren Twitter-Krise, mit anschließendem Versöhnungs-Blog führen und den Applaus unzähliger minderjähriger Fanboys nach sich ziehen würde, kam in der "Haudegen-Familie" zuerst nur mittelprächtig an. Einige monierten die Wortwahl, andere wollten unbedingt den Grund für den verbalen Ausfall erfahren. Verunsicherung allerorten. Die Reaktionen waren so extrem, dass die Band, die ihr neues Album Blut, Schweiss & Tränen genannt hat (Belastend, Mois!), sich genötigt fühlte, ein ausführliches Statement hinterher zu schicken. Und hier beginnt das eigentliche Problem.

Es ist kein Geheimnis, dass Haudegen nicht besonders beliebt ist, in den linken VoKüs und Diskussionszirkeln des Landes. Die betont maskuline Ästhetik, das martialische Auftreten, Songtitel wie "Großvater sagt" oder "Alles war besser" sorgen bei oberflächlicher Betrachtung ebenfalls nicht für Begeisterungsstürme bei Grünen-Wählern und Wohlfühllinken. Ob das daran liegt, dass sich die meisten linken Aktivisten längst kilometerweit vom Proletariat entfernt haben, ist ein anderes Thema. Jedenfalls unterliegen auch Haudegen immer wieder dem Verdacht der Deutschtümelei. Und zwar zu Unrecht. Ob man diese ewige "Kopf hoch, Rücken gerade"-Musik nun mag oder nicht, wer sich auch nur ein wenig mit der Geschichte der Bandmitglieder befasst, weiß um die eindeutige Distanz zu Rechtsradikalismus. Viele Fans scheinen das jedoch nie getan zu haben.

Das war früher nicht anders. Zeilen wie, "Ich bin ein Ostler, was könn'n Punks mir schon antun / Fragen meine Hooligans mit Quarzsandhandschuh'n" (Sido feat. Joe Rilla "Kanacks & Hools") sorgten für Irritationen in der Rap-Hörerschaft. Bei mir lief der Song in Dauerschleife.

Das inzwischen ebenfalls gelöschte Facebook-Statement der Band gegenüber Frei.Wild dürfte hingegen bei einigen kurz für ein Umdenken gesorgt haben. So hieß es dort unter anderem: "Was wisst ihr vom 'Land der Volliditoten', in dem WIR uns auf den Strassen Berlins rumgeschlagen haben mit rechtem Gesindel? Ihr wisst einen Scheiss über uns, denn ihr geht wahrscheinlich davon aus, dass alles was uns betrifft genau so 'erfunden' ist wie eure 'Deutschtümelei'. Ihr lasst aus Kalkül die rechte Tür einen Spalt weit offen um in Zeiten wie diesen 'massentauglich' zu sein. Ihr Nazis von gestern werdet heute zu Patrioten die keine sind, so sieht es mal aus!!!" 

Auch die Herkunft des Frei.Wild-Sängers Phillip Burger, der sich gerne als Opfer der Gesellschaft stilisiert, wurde von Haudegen aufs Korn genommen. "Was weisst du von Problemen der sozialen Unterschicht, du Sohn eines Schreiners mit mehreren Betrieben im schönen grünen Idyll Namens Brixen?" Ein Platten-Millionär aus einer gut behüteten Familie, der es sich zur Aufgaben gemacht hat, für die angeblich Unterdrückten zu singen, so lautet wohl der Vorwurf. Ob richtig oder nicht: Südtirol ist nicht Berlin-Marzahn, soviel ist klar.

Screenshot von facebook.com/Haudegen

Eine deutliche Ansage, die im Gegensatz zu den immer wieder eher fadenscheinig wirkenden Stellungnahmen der Südtiroler eine klare Abgrenzung ist. Der Grund für den Streit zwischen den beiden Bands ist, wie gesagt, unbekannt. Die Reaktion der Fans zeigt jedoch das alte Problem mit der "patriotischen" Klientel solcher Gruppen: So oft es geht, betont man in Fan-Kreisen, sich häufig genug von rechtsradikalem Gedankengut distanziert zu haben. Findet diese Distanzierung dann jedoch offensiv statt wie im Fall von Haudegen, ist der verschwurbelte Shitstorm groß. Plötzlich werden die abstrusesten Argumente ausgepackt, um zu erklären, warum eine solche Haltung nicht angebracht sei. Aus allen Rohren wird geschossen, man strampelt so doll es geht. Gegen Nazis, ja logo. Aber was ist eigentlich mit den anderen? Und warum bin ich ein Nazi, wenn ich mein Land über andere Länder stelle? Und wieso fallt ihr den armen Jungs von Frei.Wild in den Rücken? Und überhaupt.

Haudegen hingegen lassen sich nicht beirren. Ein Fan meckert unter dem Facebook-Post: "Ich bin Teil einer großen Familie und sah mich auch als Teil eurer Familie. Schade, dass ihr jetzt ein anderes Gesicht gezeigt habt. Ich denke ihr werdet dadurch viele Fans verlieren, die immer gern hinter euch gestanden haben und euch auch unterstützt haben und das nur weil ihr nicht nur die Band beleidigt habt, sondern auch die Fans dieser." Und die Band antwortet: "Welches Gesicht...??? […] Ich google den Typen und das erste was mir gezeigt wird ist wie er den Hitlergruß macht... Dir scheint dieses Gesicht besser zu gefallen."

Ob sich dieser Streit bald wieder beruhigen wird, ist im Moment noch nicht abzusehen, auch aufgrund der wieder gelöschten Haudegen-Posts. Und nach wie vor ist nicht bekannt, was überhaupt der Auslöser war. Die Folgen hingegen zeigen mal wieder: Der harmlose Patriotismus ist nur so lange harmlos, wie man ihn nicht als das kritisiert, was er eigentlich ist. Es riecht nach "Volksverrat" in den Kommentarspalten. Capslock und Ausrufezeichen inklusive.

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Update: Vor wenigen Minuten haben sich Haudegen mit einem neuen Post zurückgemeldet: 

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