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Bayer über Bochumer: „Die Schickeria war auch auf dem Zeltplatz und es entwickelte sich eine Freundschaft"

Vor dem Pokalspiel zwischen Bochum und Bayern erzählen zwei Anhänger über die Fanfreundschaft beider Klubs. Ein langjähriges Schickeria-Mitglied spricht von einem Zeltplatz-Date unter Ultras, Ausflügen nach Dortmund und einer Pause der Harmonie.

von Benedikt Niessen
10 Februar 2016, 1:25pm

Foto: Imago

Wenn am heutigen Abend der VfL Bochum gegen den FC Bayern München spielt, ist alles ein bisschen anders. Das Pokalspiel ist nicht nur ein Treffen der grauen Maus aus dem Ruhrpott mit dem millionenschweren Rekordmeister—sondern auch eines von befreundeten Fanszenen. Seit den frühen 70ern pflegen die Fans aus Bochum und München die wohl längste und auch speziellste Fanfreundschaft in Deutschland.

Teil 1: Bochumer über Bayern: „Die Fanfreundschaft wird in Bochum sehr zwiespältig gesehen"

VICE Sports sprach in einer zweiteiligen Serie mit dem VFL-Fan und Autor Ben Redelings und einem langjährigen Münchner Ultra über die besondere Beziehung beider Fanszenen. Im zweiten Teil spricht Thomas*, langjähriges Mitglied der Ultraszene München, über das erste Kennenlernen der Ultras auf einem Berliner Zeltplatz, Ausflügen nach Dortmund und 90 ruhenden Freundschaftsminuten.

VICE Sports: Nach ein paar Jahren der Funkstille haben die Ultras die Fanfreundschaft von München und Bochum wiederbelebt. Wie kam es dazu?
Thomas*: Da es die Kontakte zwischen beiden Fanlagern seit den 70er-Jahren immer gegeben hat und man Geschichten von älteren Fans immer wieder gehört hat, gab es immer eine gewisse Sympathie und man begegnete sich sehr respektvoll. Von einer Freundschaft konnte aber bis zu einem lustigen Zufall nicht gesprochen werden.

Was für ein Zufall?
Es gibt seit Jahren immer vor dem Pokalfinale in Berlin ein Fanfinale für alle Fanprojekte Deutschlands. Wir sind 2003—so zur Anfangszeit der Ultrakultur—aus München mit einer buntgemischten Truppe hingefahren. Unser Zelt stand dort zufällig neben dem der Bochumer und wir haben uns sofort ganz gut verstanden. Für uns war das Turnier eher nebensächlich und während nachts der ganze Platz schon tot war, haben wir mit den Bochumern noch vorm Zelt ordentlich Radau gemacht—zur Unbeliebtheit aller anderen Fangruppen.

Wie wurde aus dieser feuchtfröhlichen Zeltplatznacht eine Freundschaft zwischen Schickeria München und Ultras Bochum?
Von der Schickeria waren damals auch welche auf diesem Zeltplatz und es hat sich über die Jahre durch Kontakte und Besuche eine enge Freundschaft entwickelt. Es gab dann auch andere Beziehungen zwischen Bochum und München: Ein Kumpel war früher lange Vorsänger der Ultras Bochum und wohnt mittlerweile zehn Jahre in München und ist mit einer von uns Münchnern verheiratet.

Wie kam es zu den gegenseitigen Kurvenbesuchen?
Ich erinnere mich da an einen Freitagabend irgendwann im Jahr 2005, als der VfL in der zweiten Liga ein Spiel bei Wacker Burghausen hatte. Wir sind dann aus München mit zehn Autos hingefahren und waren nach dem Spiel noch in Burghausen feiern. Das hat sich dann Stück für Stück gesteigert. Wir schauen immer, wie es gerade der Spielplan zulässt.

Zum Heimspiel gegen 1860 München besuchten zahlreiche Bayern-Fans die Bochumer und unterstützten sie in der Ostkurve (Foto: Imago)

Kommt ihr da überhaupt an Karten—das ist in München ja gar nicht so leicht?
Ja, das stimmt, aber in der Bundesliga kann man das irgendwie immer regeln. In der Champions League ist das etwas schwerer. Die Bochumer kamen aber etwa auch 2012 zum Champions-League-Finale in München in einer großen Gruppe. Sie würden aber nie Tickets nehmen, wenn jemand von uns dann nicht ins Stadion käme. Aber egal, ob Heimspiel oder auswärts, sie stehen selbstverständlich mit bei uns im Block.

Wie ist das bei so hitzigen Partien wie etwa in Dortmund?
Natürlich sind sich Bochum und Dortmund nicht so ganz grün. Ich kann mich noch erinnern, dass vor ein paar Jahren die Bochumer zahlreich mit nach Dortmund in den Auswärtsblock kamen. Weil die Kartenlage aber ansonsten in Dortmund immer sehr schwierig ist, sind die Bochumer überwiegend mit unseren Stadionverbotlern in irgendeiner Dortmunder Kneipe und schauen das Spiel gemeinsam. Das ist mittlerweile normal, weil man nichts mehr ausmachen muss, sondern sie da sind, wenn wir spielen—und wir, wenn sie ein Spiel haben.

Im November gab es von Bayern-Fans einen Angriff auf Schalke-Anhänger und laut Medienberichten waren Bochumer Fans daran beteiligt. Ist diese übertragende Rivalität die negative Seite an solchen Freundschaften?
Davon weiß ich nichts und ich kann das auch nicht beantworten.

Wird die Freundschaft vom VfL und den Bayern von allen Fans getragen?
Ich würde nicht sagen, dass das eine Freundschaft ist, die über die komplette Kurve geht. Aber ich denke, dass vor allem die jüngeren Bayern-Fans diese Kontakte kennen und das ein Stück weit auch mittragen. Aber es ist grundsätzlich eine Ultra-Freundschaft, die aber in andere Bereiche ausstrahlt. In der Hool-Ecke kennt man sich ja auch und hat Kontakte.

Wenn ihr die Bochumer besucht, kommt ihr dann mit roten Fanutensilien an und singt auch Münchener Lieder?
Ultras tragen ja sowieso eher ihre eigenen und dezentere Schals und Klamotten, dennoch, es ist nicht irgendwie verboten, mit einem Bayern-Shirt zum VfL-Spiel zu kommen. Aber ist auch ganz klar, dass—wenn wir irgendwo mitfahren—der VfL Bochum und die Aufgabe der Ultras Bochum absolut im Vordergrund stehen—der FC Bayern ist in dem Moment dann ganz hinten angeordnet. Wenn überhaupt singt man gemeinsame Lieder und ansonsten gibt es da keine Bayern-Gesänge.

Erwartet uns heute Abend ein Schmusekurs auf den Rängen oder 90 Minuten ruhende Freundschaft?
Einen Schmusekurs wird es auf keinen Fall geben. Die Bochumer wollen ihre kleine Chance nutzen und das Beste rausholen. In den Whatsapp-Gruppen wurde im Vorfeld auf jeden Fall schon ordentlich geneckt. Wir wollen genau wie die Bochumer das Spiel gewinnen, doch man wird im Stadion bestimmt kein hasserfülltes „Scheiß FC Bayern" oder andere Anti-Gesänge hören.

Teil 1: Bochumer über Bayern: „Die Fanfreundschaft wird in Bochum sehr zwiespältig gesehen"

Und nachher kann man dann ja noch gemeinsam ins Bochumer Nachtleben ziehen...
Bestimmt—es sind auch schon viele einen Tag vorher angereist und haben eine Nacht im Bermuda-Dreieck schon hinter sich. Im Vorfeld des Spiels werden wir sicherlich auch noch was gemeinsam trinken. Danach ist es aber ein Spiel wie jedes andere auch und man will nur seine Mannschaft zum Sieg schreien.

*Name geändert

Das Interview führte Benedikt Niessen, folgt ihm bei Twitter: @BeneNie