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Nacktwanderer—die Avatare der ursprünglichen Einfachheit

In Deutschland ist das Nacktwandern nicht mehr verboten und es gibt mittlerweile spezielle FKK-Wanderwege. Trotzdem kommt es immer wieder zu Konflikten, dabei wollen die Naturisten nur mit ihrer Umgebung verschmelzen.
27.10.15

Im Jahr 2013 sah sich ein 52 Jahre alter Mann vor dem Gericht von Périgueux, in der französischen Dordogne, dem Vorwurf des Exhibitionismus in einem nahegelegenen Wald ausgesetzt. Der Angeklagte behauptete hingegen, dass er nur leidenschaftlich FKK-Wandern würde. Das Gericht sprach ihn frei. Es glaubte ihm, dass er bei seinen Spaziergängen nicht beabsichtige seinen nackten Körper anderen Wanderern zu zeigen. Für die kleine Welt des Nacktwanderns war es ein großer Sieg.

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Offiziell erkannte der französische Gerichtshof an, dass die in Frankreich ziemlich zahlreichen Wanderfreunde und Anhänger der Freikörperkultur (FKK), sich trotz diverser Vorwürfe pervers zu sein, nicht bei jedem Aufeinandertreffen mit anderen Wandern in Brombeersträuchern verstecken müssen. Das nackte Wandern ist aber nicht nur das Vorrecht einiger Südfranzosen: Auch in Belgien, Österreich und Deutschland erfreuen sich immer mehr Wanderer und Naturisten an den kühlen Winden an der Haut und der richterlichen Erlaubnis Nacktwandern zu dürfen.

Da die Freunde der Freikörperkultur, die vor allem in Frankreich und im Nordosten Deutschlands zu finden sind, immer wieder auf Gegner und verdutzte Wanderer mit Klamotten treffen, können sie seit wenigen Jahren neben den schon lange etablierten FKK-Stränden auch auf offizielle Nacktwanderwegen ihre Lebenseinstellung frei ausleben. Zwei deutsche Nacktwanderwege gibt es schon, ein dritte in Brandenburg ist geplant. Neben dem 18 Kilometer langen „Harzer Naturistenstieg" , der sich zwischen Wippra und Dankerode in Sachsen-Anhalt befindet, rpckte ein anderer Wanderweg jedoch in die Schlagzeilen. Auf dem 10 Kilometer langen „Naturistenweg Undeloh" in der Nordheide in Niedersachsen gab es jedoch immer wieder Konfrontationen zwischen Naturisten und „Textilträgern". Nachdem diverse Schilder von Gegnern immer wieder abmontiert wurden, verirrten sich nackige Wanderer und sorgten bei Dorfbewohnern und Behörden für einige Irritationen.

Im Mittelpunkt des Nacktwanderns steht aber nicht das Nacktsein, sondern vielmehr das völlig freie und intensive Erlebnis mit der Natur.Daher ist Nacktwandern auch erlaubt und kein „öffentliches Ärgernis" wie das Strafgesetzbuch unter anderem Straftaten nennt, die eine sexuelle Handlungen in der Öffentlichkeit und Exhibitionismus betreffen. Laut Urteil des bayrischen Oberlandesgerichts liegt Exhibitionismus nur dann vor, wenn das Ziel der exhibitionistischen Handlung eine sexuelle Befriedigung ist. Die Naturisten wollen in erster Linie jedoch nur Wandern.

Eine Ordnungswidrigkeit kann ein nackter Wanderauftritt jedoch trotzdem sein. Dort geht es vor allem um den Ort des nackten Wanderns. So kommt es zu einer Ordnungswidrigkeit, „wenn das Scham- und Anstandsgefühl der ungewollt mit fremder Nacktheit konfrontierten Menschen nachhaltig tangiert wird, wie dies beim Präsentieren eines unbekleideten menschlichen Körpers auf öffentlichen Straßen und Plätzen grundsätzlich der Fall ist", wie das Oberlandesgericht in Karlsruhe im Jahr 2000 entschied.

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Die Wanderer genießen daher ihre eigenen Strecken, auf denen sie ihre Leidenschaft frei ausleben können und sich Textilträger nicht echauffieren. Ohne die schweißnassen und schweren Klamotten sind die Naturisten ein Teil des Waldes und ihrer Strecke. Eindrücke wie Wind, Regen, Sonnenstrahlen oder Laub wollen sie nackt intensiver erleben.

Damit ein Wanderroute auch eine Nacktwanderstrecke werden darf, gibt es in Deutschland ganz genaue Regeln. Die Route darf nicht in der Nähe von Straßen liegen und braucht trotzdem einen Rast- oder Parkplatz auf dem sich die Naturisten an- und ausziehen können. Nachdem die Route von Forstverwaltung und Polizei bewilligt wurde, müssen zudem noch mögliche Grundstücksbesitzer entlang der Strecke ihre Einwilligung geben. Sofern sie den Nacktwanderweg nicht verlassen, müssen sich die Naturisten keine Sorge um mögliche Nackt-Gegner oder eine Ordnungswidrigkeit machen.

Pimmel, Titten und schwabbelnde Haut—Die Vorurteile überwiegen in ganz Europa und lassen die Naturisten immer wieder als Sexualstraftäter und Perverse dastehen. In Großbritannien und der Schweiz ist Nacktwandern anders als in Deutschland oder Frankreich zum Beispiel strafbar. Nacktwanderer müssen in dem Alpenland wegen „grob unanständigen Benehmens" schnell ein Bußgeld von über 80 Euro zahlen. Die Naturisten kämpfen seit Jahren gegen eine solche Handhabe. „Das Nacktwandern ist kein Exhibitionismus—es gibt keine Provokation", ärgert sich Jacques Frimon, Vizepräsident des französischen Vereins zur Förderung der Freikörperkultur (APNEL).

Um keinen Ärger zu machen haben Naturisten dennoch auf normalen Wanderwegen so ihre Tricks. Zu oft erschrecken sich Textilträger vor den nackten Menschen, die nur mit Wanderschuhen und einem Rucksack bekleidet sind. So haben sie in Frankreich auch Regenjacken dabei um sich kurzfristig zu bekleiden oder wechseln einfach kurzfristig den Weg. Sie wollen nicht als Sexualstraftäter gelten, sondern als moderne Avatare der ursprünglichen Einfachheit. „Wir haben Kundschafter mit Walkie-Talkie vor und hinter der Gruppe, die andere Wanderer im Blick haben, damit wir ihnen aus dem Weg gehen können", so Paul-Yves Depré, Gründer der ersten offiziellen belgischen FKK-Wanderungen. „Aber für uns ist es mittlerweile normal, dass wir eigentlich nirgendwo ignoriert werden. Aber wir werden toleriert und das ist ein großer Sieg für uns im Kampf um Anerkennung!"

Dennoch ist es schwer zu verstehen, warum manche Wanderer den Drang verspüren, nackt über die Wege zu spazieren. Verstärkt es das Gefühl von Freiheit? Ist es ein Bedürfnis nach Frische oder nur der Wunsch näher an der Natur sein? Oder verspricht man sich nur einen verrückten Tag, den man auf Snapchat präsentieren kann? „Die primäre Idee ist, ein Gefühl der Freiheit zu bekommen und sich von sozialen und gesellschaftlichen Regeln zu verabschieden", erklärt Jacques Frimon, der seit 35 Jahren FKK-Freund ist. Die Kleidung ist ihnen zu viel Mainstream. „Jeder sagt, es ist das körperliche Wohlbefinden, weil wir dann so sind wie alles um uns herum", erklärt Dominique Rigalleau, Mitglied der Naturisten-Vereinigung der Bretagne. Ob man auf dem Gipfel eines Berges, in der Mitte eines Waldes oder auf einem Küstenpfad unter der Sonne steht, der Geist Reise ist bei dir und man fühlt sich trotzdem immer wie zu Hause. Es ist nicht zu heiß, nicht zu kalt, sondern genau richtig.

Sylvie Fasol, Präsidentin des französischen Vereins zur Förderung der Freikörperkultur (APNEL), wusste nicht viel über das Nacktwandern. Auf der Suche nach Authentizität und innerer Gelassenheit hat sie es irgendwann ausprobiert und nie wieder damit aufgehört: „Das erste Mal sah ich die Menschen um mich herum und ich zog mich aus. Ich fühlte mich so, als ob mir jemand meine Schale raubt. Es war das erste Mal, dass ich meinen Körper vor Fremden zeigte", erzählt sie. „Aber ich sah, dass die Menschen mir keine misstrauischen Blick zuwarfen. Mein Körper hat Narben und die FKK-Wanderung war eine Art Therapie. Jetzt ist es eine Notwendigkeit." Die Nacktwanderer respektieren trotzdem immer die Empfindlichkeit der Textilträger. Vor allem Kinder werden vor möglichen Bildern von Geschlechtsteilen, die sie schockieren könnten, geschützt.

Nacktwandern kann eine Erfüllung für fast jeden Menschen sein. Man sollte es nur ausprobieren, sobald die ersten Frühlingsstrahlen den Frost des Winters verscheuchen. Vielleicht verzaubert dich das intensive Fühlen, oder doch das Gefühl der Befreiung, wie bei Dominique Rigalleau: „Es ist eine Freude nackt in der Natur zu sein. Während meiner ersten Wanderung musste ich erstmal alles herausschreien."