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Frauenfußball

Ihr macht euch über Frauenfußball lustig. Aber wart ihr schon mal bei einem Spiel?

Frauenfußball kannte ich bisher nur aus dem Fernsehen. Deswegen bin ich zum Champions-League-Finale der Frauen gegangen. Und ich wurde nicht enttäuscht.
15.5.15
Foto: Imago

Im letztjährigen Champions-League-Finale der Frauen spielten der 1. FFC Frankfurt und Paris St. Germain um den Henkelpott der Frauen. Frankfurt gewann im Berliner Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark mit 2:1 nach einem Tor in der zweiten Minute der Nachspielzeit und ist nun zum vierten Mal in der Vereingeschichte die beste Mannschaft Europas. Ich war auch im Stadion—das erste Mal beim Frauenfußball.

Es soll sich nicht zu klischeebehaftet anhören, doch Frauenfußball kannte ich bisher nur aus dem Fernsehen. Bei den Spielen der deutschen Frauennationalmannschaft habe ich aber auch meistens erst zum Finale eingeschaltet. Vielleicht liegt das an meiner Desinteresse, vielleicht auch an einer gewissen Ignoranz. Denn schließlich schaue ich mir auch mal gerne einen miesen Amateurkick an, wenn das Ambiente stimmt. So wie mir geht es vielen. Zwar ist der Frauenfußball in Deutschland wesentlich populärer als in anderen Ländern, jedoch ist die Aufmerksamkeit mit einer Randsportart zu vergleichen. Und das obwohl die heimische Bundesliga mit dem FFC Frankfurt, Turbine Potsdam oder den Frauenabteilungen von Bayern München und dem VfL Wolfsburg mit diversen Spitzenteams gespickt ist, von denen eigentlich fast jedes Jahr ein Team unter die Top 4 in der Champions League landet. Auch die deutsche Nationalmannschaft ist meistens bei Welt- und Europameisterschaften einer der Favoriten auf den Titel und Millionen Fans schauen wie ich die Liveübertragungen.

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Auf dem Weg zum Spiel ist ein Gefühl zu spüren, das jeder Fan an einem Stadionbesuch liebt. Würstchenduft zieht in die Nase und Getränke werden flott noch geleert. Es liegt Feiertagsstimmung in der Luft—nicht nur weil Christi Himmelfahrt ist. Menschenmassen drängen aus den Bahnwaggons und pilgern an Polizeikräften vorbei in Richtung Stadion. Doch das obligatorische Gebrülle ist nicht zu hören. Keine Gesänge, aber eben auch keine Anfeindungen. Stattdessen verkleidete Kinder auf Stälzen und Familien formiert in Radkolonnen. Hippe Kiezwelt trifft auf Straßenfest-Atmosphäre und Fußball-Vorfreude.
Im Vorfeld des Spiels wurden kaum die sportlichen Aspekte der Begegnung in den Medien thematisiert. Zu Wort kamen bei allen großen Medienhäusern nur enttäuschte Spielerinnen beider Mannschaften, die sich für ein Finale um Europas Krone eine angemessenere Bühne als den Jahn-Sportpark in Berlin vorgestellt hatten. „Wir kannten das Stadion nicht und waren etwas überrascht", erzählt auch die 23-jährige Kathrin Hendrich vom FFC Frankfurt. Das Stadion ist die Spielstätte vom BFC Dynamo und wurde seinerzeit von Stasi-Chef Erich Mielke für seinen Lieblingsverein gebaut. Das weite Rund wirkt mit seiner Laufbahn, den 18.000 bunten Sitzen und dem maroden Hauptgebäude eher wie die Heimspielstätte eines osteuropäischen Zweitligisten. Zwar renovierte die Stadt Berlin für über zwei Millionen Euro noch ein paar Fluchtwege und Innenräume, doch das änderte auch nicht viel. Von Funktionären und Spielerinnen war die Sprache von fehlendem Respekt und Enttäuschung, denn das Herrenfinale findet Anfang Juni im Berliner Olympiastadion statt, das wesentlich königlicher wirkt.

Die anfängliche Kritik war jedoch unbegründet. Zwar fand das Champions League-Finale der Frauen im Jahr 2012 auch mal vor 50.000 Zuschauern im alten Münchner Olympiastadion statt, doch im Jahr 2014 kamen nicht mal 10.000 Fans nach Lissabon. Die UEFA entschied sich bewusst für ein kleines Stadion und sollte recht behalten. „Das war überragende Stimmung—Gänsehaut pur", schwärmt auch die Frankfurter Abwehrspielerin Hendrich. Ausverkauftes Haus wurde mit über 18.000 Zuschauern gemeldet. Kein Wunder bei einem Feiertag, regenfreiem Wetter und familienfreundlichen Ticketpreisen von sechs Euro. An der Einlasskontrolle für mich ein ungewohntes Gefühl. Männer konnten an den langen Schlangen wartender Frauen und Kinder vorbei und wurden durchgewunken. Die Masse bestand aus zahlreichen Mädchenmannschaften, die die Traingsanzüge ihrer Heimatvereine präsentierten. Dass der FFC Frankfurt auch Merchandise verkauft, wurde mir spätestens auf der Tribüne klar, wo zahlreiche Fans mit Trikots, Schals und anderen Fanutensilien neben mir saßen. Und das obwohl die Frankfurter Spielerinnen nicht mal ihr Vereinsemblem auf dem Trikot prangern haben—was bei diesem modernen und künstlerisch angehauchten aber auch extrem hässlichen Wappen irgendwie zu verstehen ist.

Gegenüber von Ehrengästen wie Kanzlerin Angela Merkel und UEFA-Präsident Michel Platini heizt der „1. Fanclub des 1. FFC Frankfurt" bestehend aus etwa vier Dutzend sympathisch aussehenden Ü-30-Mitgliedern die Kurve an. Ein Priese Ultra vermischt mit einem Hauch von Kegelclub-Ausflug. Die Laola einmal rund um den Platz wird schon vor der achten Spielminute eingeläutet. Wie bei den meisten Champions League-Partien gibt es nur alkoholfreies Bier und heute sogar ein Rauchverbot auf dem ganzen Stadiongelände. Hört sich für alteingesessene Fussballromantiker schlimm an—doch es passt ins Gesamtbild dieses Familienevents. Rasseln und Kuhglocken aus der Emotion heraus statt minutenlanger Ultraeinheitsbrei.

Erst seit 1970 ist es vom DFB nicht mehr verboten, dass Frauen Fußball spielen dürfen. Zudem fand erst im Jahr 1991 die erste WM in China statt und seit der Saison 2001/2002 richtet die UEFA die Champions-League für Frauen aus. Ein Vergleich zum Männerfußball hinkt. Trotz der inzwischen verbesserten Bedingungen für den Frauenfußball ist der Unterschied immer noch riesig. Allein die Anzahl der Mitglieder beim DFB mit rund 5,5 Millionen macht den Fußball der Männer zum unangefochtenen Nationalsport, der Frauenfußball scheint als Randsportart unterzugehen. Denn trotz regem Zuschauerinteresse bei Finalspielen und Großturnieren kehrt—anders als bei der in den Medien überpräsenten Männerbundesliga—wieder trostloser Ligaalltag ein, der öffentlich nur kaum wahrgenommen wird.

Die Gitter zum Innenraum, die sonst die Fans davon abhalten sollen, auf den Platz zu den Spielern oder gar zum gegenerischen Fanblock zu gelangen, sind im Jahn-Sportpark abgeschraubt. Stattdessen hüpfen nach Abpfiff und Pokalübergabe die Spielerinnen des FFC auf die Tribüne, umarmen Freunde und Verwandte und erfüllen jeden Selfie- oder Autogrammwunsch. Stars zum Anfassen, denen die ganze Aufmerksamkeit sichtlich gefällt. Man kennt sich von den Heimspielen in Frankfurt, wo oft nur 1000 Zuschauer kommen. Beim Finalspiel in Berlin war der Jahn-Sportpark sicher kein Hexenkessel, sondern glich eher einer friedlichen Party mit lauter Zauberinnen. Es wird nicht mein letztes Frauenfußballspiel gewesen sein, denn er ist anders als bei den Männern und das ist gut so.