kampagne 'sommermärchen'

Bild und DFB: Gute Freunde kann niemand trennen

Sport-Bild-Chefredakteur Alfred Draxler will seine Reputation aufs Spiel setzen, um zu beweisen, dass der DFB im Korruptionsskandal um die WM-Vergabe unschuldig ist. Warum will er das sinkende Schiff nicht verlassen?

von Benedikt Niessen
23 Oktober 2015, 1:45pm

Foto: Imago

Es rumort ordentlich in der heilen deutschen Fußballwelt. Während schon der Weltverband Fifa mit dem Rücken zur Wand steht, gesellt sich nun auch endgültig der DFB dazu. Wir sind aktuell Zeuge von einem historischen Fall einer ganzen Traumwelt, die im Verborgenen wohl über Jahre so korrupt agierte wie die Mafia. Das so gefeierte Sommermärchen 2006 und das damit verbundene neue deutsche Einheitsgefühl scheint heute nicht mehr als ein Märchen zu sein.

Als DFB-Präsident Wolfgang Niersbach am Donnerstag in einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz vor die Kameras trat, wirkte er um Jahre gealtert. Der sonst so selbstbewusste und wortgewandte ehemalige Journalist stammelte nur so vor sich hin. Sein Blick wirkte hilflos und gebrochen, seine Augenringe waren Ausdruck von zahlreichen schlaflosen Nächten.

Am letzten Wochenende enthüllte das Nachrichtenmagazin Der Spiegel, dass sich das deutsche WM-Organisationskomitee 6,7 Millionen Euro im Vorfeld der WM 2006 vom damaligen Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus geliehen haben soll, der den Betrag an die Fifa überwies. Laut Spiegel eine „schwarze Kasse", mit dem das Sommermärchen nach Deutschland geholt werden konnte.

Niersbach stellte sich auf der PK, um die Vorwürfe abzuschmettern. Es folgte eine fast 40-minütige Erklärung, die jedoch noch mehr Fragen aufwarf als beantwortete.

Niersbach erklärte, dass Blatter den Deutschen einen Zuschuss von umgerechnet 170 Millionen Euro für die WM 2006 anbot. Einzige Gegenleistung: Zehn Millionen Franken. Die ominösen 6,7 Millionen Euro von Louis-Dreyfus mussten an die Finanzkommission der Fifa überwiesen werden. „Ich bin mit dem Thema nicht vertraut", ließ hingegen Blatter über einen Sprecher mitteilen. Auch die Fifa widersprach einer solchen finanziellen Vorleistung oder gar einem Zahlungseingang von Louis-Dreyfus. Niersbach beteuerte auf der PK derweil bei fast allen Fragen seine Unwissenheit.

Warum überhaupt ein Privatmann die Summe bezahlte und sich der größte nationale Fußballverband der Welt kein Geld von einer Bank lieh, konnte Niersbach ebenso wenig beantworten wie die Frage, warum man überhaupt die 6,7 Millionen zahlen muss, um Jahre später 170 Millionen zu erhalten.

Schon 35 Minuten vor der Pressekonferenz veröffentlichte Sport-Bild-Chefredakteur Alfred Draxler in seiner Kolumne „Nachgehakt": „So war es wirklich: Sommermärchen nicht gekauft!" Argumentation und Inhalt sind der von Niersbach erschreckend ähnlich—als ob der DFB-Präsident Draxlers Text einfach vorgelesen hätte.


Hier ein Vergleich:

Niersbach: „Es hat keine schwarzen Kassen gegeben, es hat keinen Stimmenkauf gegeben"
Draxler: „Und es gibt keine 'Schwarzen Kassen', mit denen Wahlmänner bestochen wurden."

Niersbach: „Jetzt kommt der zweite Teil,..."
Draxler: „So weit so gut, es beginnt der 2. Teil der Geschichte..."

Niersbach: „Der Überschuss von 150 Millionen Euro in etwa wurde aufgeteilt: 50 Millionen Steuern, 50 Millionen Fifa und 50 Millionen sind beim DFB geblieben, wo dann diverse Aktivitäten für den deutschen Fußball mitgestaltet worden sind."
Draxler: „Bei der WM 2006 wurden übrigens 150 Millionen Euro Gewinn erwirtschaftet. Rund 50 Millionen mussten an Steuern abgeführt werden, 50 Millionen gingen an die Fifa und 50 Millionen strömten über den DFB in den deutschen Fußball."

Niersbach: „Da soll es laut Spiegel einen Brief geben, wo es auch einen persönlichen Vermerk von mir geben soll, sofern es denn meine Handschrift ist... Ich kann mich daran nicht erinnern, kann es aber auch nicht ausschließen."
Draxler: „Der heutige DFB-Präsident Wolfgang Niersbach soll an den Rand eines Dokuments geschrieben haben. Das vereinbarte Honorar für RLD.' Also Robert Louis-Dreyfus. Niersbach sagt, er könne sich nicht mehr daran erinnern."

Niersbach: „Es ist bei der WM-Vergabe 2006 alles mit rechten Dingen zugegangen. (...) Das Sommermärchen war ein Sommermärchen und es bleibt ein Sommermärchen und ist nicht mit unlauteren Mitteln nach Deutschland gekommen."
Draxler: „Die alles entscheidende Frage aber ist, ob das Sommermärchen 2006 verkauft war. Nach meinen Recherchen war es das nicht!"

Mittels einer „Intensiv-Recherche" wollte Draxler beweisen, dass „eines der wichtigsten Ereignisse der deutschen Nachkriegsgeschichte" nicht dreckig gekauft wurde, wie er in seiner Einleitung schreibt. Der Recherche kam zugute, dass er „handelnde Personen wie Franz Beckenbauer, Wolfgang Niersbach, Günter Netzer, Fedor Radmann seit Jahren gut kenne, teilweise sogar sehr gut kenne". Daraus macht er in dem Text keinen Hehl, aber meint trotzdem objektiv urteilen zu können:

Ich sage dies, weil es teilweise bekannt ist, weil es Fotos gibt—und dass ich „Vetternwirtschaft" oder Beeinflussung bei dieser Recherche trotzdem komplett ausgeschlossen habe

Draxler geht bei vielen Funktionären ein und aus. Wolfgang Niersbach kennt er schon lange, Franz Beckenbauer war langjähriger Bild-Kolumnist. Er fühlte sich über das ramponierte neue Image seiner Crew scheinbar ebenfalls angegriffen. Er stellt sogar seine Reputation in Frage, in Großbuchstaben:

ICH BIN MIR BEWUSST, DASS ICH MIT DIESEM ARTIKEL MEINE REPUTATION ALS JOURNALIST UND REPORTER AUFS SPIEL SETZE.

Natürlich sind solche Sätze nur großer Pathos, der kaschieren soll. Die restliche Argumentation Draxlers sagt nichts aus. Er wiederholt bzw. nimmt vorweg, was Niersbach auf der Presskonferenz sagt. Er wirft dem Spiegel mangelnde Beweise vor, doch hat selbst keine. „Alfred Draxler postuliert. Er beruft sich einzig auf Aussagen der Beschuldigten und Involvierten", wie auch der BildBlog analysiert.

Dennoch stellt sich die Frage, warum Draxler und auch die Bild sich so vehement vor den DFB stellen?

Die Bild-Zeitung hat sich den gesamtdeutschen Fragen verschrieben. Es gibt kein Grau, sondern nur Schwarz oder Weiß. Was das Volk denkt, soll die Bild-Zeitung sagen—und anders herum. Die WM 2006 im eigenen Land spielt in Bezug auf das „neue" deutsche Nationalbewusstsein eine wichtige Rolle. Die Bild will dieses tolle Ereignis, ihr Sommermärchen, vor bösen Wörtern wie Korruption oder Bestechung bewahren. Auch, weil es viele Menschen nicht wahrhaben wollen.

Zudem lebt das Medium vom Fußball und vor allem vom DFB. Leute, die die Bild-Berichterstattung abstoßend finden, lesen trotzdem den Sport-Teil. Seit Jahren ist Bild-Sport und die Sport Bild tief in der Fußballwelt verankert. Die Redaktionen kriegen immer wieder Internas zugesteckt und haben vorzügliche Kontakte nach Frankfurt und zu diversen Bundesligisten.

Auch, weil Draxler die Funktionäre und Sportgrößen alle kennt. Und das scheint wohl neben der Bild-Linie und dem eigenen Ego der Hauptgrund für Draxler zu sein. Draxler kann seine Freunde jetzt nicht hängen lassen, er gehört mit zum System. Da wird er auch ganz untypisch für die Bild sehr persönlich und rechtfertigt sich, statt wie normal einfach eine These rauszuhauen.

Flüchtlingskrisen, Finanzkrisen und weitere Negativschlagzeilen beherrschen die Nachrichtenwelt. Das Sommermärchen soll den Deutschen nicht kaputt gemacht werden. Liest man sich auf Facebook die Kommentare unter den Korruptions-Posts über DFB und die WM 2006 durch, scheint die Bild-Linie genug Abnehmer zu finden. Die Illusion des Sommermärchens ist vielen Deutschen anscheinend sehr wichtig.

Draxler steht weiterhin loyal zu seinen DFB-Kumpels: „Bei Blatters Aussage kriege ich das Würgen", erklärte er bezogen auf die Stellungnahme des Schweizers. „Der DFB-Präsident Niersbach ist in diesem Spiel der ärmste Hund", so der Chefredakteur Sport Bild. In einem Video auf Bild.de erzählt er zu seiner „Intensiv-Recherche": „Ich bin auf viele Fragen gestoßen, die nicht beantwortet werden können. Aber eins ist sicher: Die WM ist nicht gekauft!" Antworten oder richtigen Journalismus brauchen Draxler oder der DFB scheinbar nicht, um ihre Kampagne weiterzuverfolgen. Dafür riskiert Draxler auch seine eigene Reputation als Journalist.

Im neuen Spiegel wartet schon die nächste Hiobsbotschaft für die treuen DFB-Jünger um Draxler: „Es ist eindeutig, dass es eine schwarze Kasse in der deutschen WM-Bewerbung gab", sagt Theo Zwanziger, DFB-Präsident von 2006 bis 2012.

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