Carl Craig hat mir in Detroit eine Techno-Stadtführung gegeben

Ein intimer Einblick in jene Stadt, in der einst Techno geboren wurde.

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Aug. 1 2016, 4:05pm

Photos by Luis Nieto Dickens

Alle Fotos von Luis Nieto Dickens. Dieser Artikel ist zuerst bei THUMP US erschienen.

Carl Craig kennt jeden, den es in Detroit zu kennen gibt. Soviel ist klar, als ich an einem ungewöhnlich heißen Nachmittag im Mai mit dem 47-jährigen DJ und Produzenten unterwegs bin. Craig, der in einem engen schwarzen T-Shirt und einer Fliegerbrille auf seinem rasierten Kopf zu unserem Treffpunkt kommt, hatte mir etwas ganz Besonderes versprochen: Eine persönliche Führung zu den wichtigen Stationen, die für seine Karriere und die Geschichte der elektronischen Musik in Detroit von größter Bedeutung waren und immer noch sind.

Craig ist tief verwurzelt mit der Techno-Geschichte der Stadt. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum er jedes Mal, wenn wir aus dem Auto steigen, von Freunden und Fans umringt wird, mit denen er fröhlich Hände schüttelt oder—wie im Falle von Underground-Resistance-Mitbegründer „Mad" Mike Banks, den wir im Submerge trafen—für eine private und anscheinend ernste Unterhaltung kurz um die Ecke geht.

Es gibt nur wenige, die sich besser zum Techno-Tourguide eignen als Craig, der als einflussreiche Figur der zweiten Welle Elektro-Pioniere nach den Belleville Three gilt. Heutzutage ist er vor allem im Ausland gefragt. Sein Tourplan ist für den Sommer vollgepackt mit Auftritten in Ibiza und anderen europäischen Metropolen. Vor Kurzem hat er außerdem unter dem Pseudonym No Boundaries sein Modularsynthsizer-Album von 2010, Modular Pursuits, beim ARTE Concert Festival in Paris aufgeführt. Zusätzlich sind eine Compilation für Sven Väths Label Cocoon, sowie Remixe für die Pet Shop Boys und Nicole Moudabers Kollaborations-EP mit Skin in Arbeit.

Craig vor dem Submerge-Hauptquartier

Seinen Namen hatte sich Craig jedoch zuerst in seiner Heimatstadt gemacht, wo er auch immer noch als Held gefeiert wird. Nicht nur veröffentlichte er Musik von Leuten wie Kevin Saunderson und Moodyman auf seinem Label Planet E, das er 1991 gegründet hatte, sondern spielte 2000 auch eine zentrale Rolle bei der Gründung des Detroit Electronic Music Festival—das mittlerweile Movement heißt. Er ist immer noch stark in das Festival involviert und spielt dieses Jahr ein Headliner-Set auf THUMPs Made In Detroit-Bühne.

„Im Prinzip kennt hier jeder jeden", erklärt Craig in seinem samtweichen Bariton das komplizierte Ökosystem von Detroits eng verknüpfter Elektro-Community. „Am oberen Ende der Nahrungskette stehen Derrick [May], Kevin [Saunderson] und Juan [Atkins]. Wenn es Juan nicht gegeben hätte, hätte Derrick nicht das gemacht, was er gemacht hat. Wenn Derrick wiederum Kevin und Juan nicht einander vorgestellt hätte, würde Kevin nicht das machen, was er macht. Und wenn ich Derrick nicht kennengelernt hätte, würde ich nicht das machen, was ich mache. Es sickert so von oben nach unten durch."

Im Laufe des Nachmittags führt mich Craig an die unterschiedlichsten Orte—vom wundervollen DIY-Techno-Museum, über Moodymanns beeindruckenden Prince-Palast, bis hin zu dem Gebäude, in dem sich Juan Atkins Plattenlabel Metroplex noch heute befindet. Und dabei erzählt er voller Stolz und ohne Unterbrechung von den ganzen Menschen und Storys, die jede einzelne Station so besonders machten. Einige Orte gibt es noch, andere sind aber schon längst verschwunden und existieren nur noch in den Erinnerungen derjenigen, die das Glück hatten, dabei gewesen zu sein.

1. Metroplex/Transmat

Ich habe meine ganzen frühen Veröffentlichungen in diesem Gebäude gemacht. Unten war Juan [Atkins Plattenlabel] Metroplex; darüber [Derrick Mays Label] Transmat. Derrick lebt immer noch dort. Wir versuchen schon länger, die Straße in Techno Boulevard umzubenennen. Derrick redet bereits seit 30 Jahren darüber und als ich vor ein paar Jahren in der Entertainment Commission war, haben wir einen offiziellen Vorschlag gemacht. [Es ist wichtig für uns] als Anerkennung. Ich sage immer, dass die zwei Haupteigenschaften des Menschen Eifersucht und Gier sind. Wir sind immer eifersüchtig, dass jemand anderes [die Anerkennung bekommt], während wir unserer Meinung nach nicht genug bekommen. Ich glaube, dass selbst Michael Jordan zwischendurch der Meinung war, dass er nicht genug Anerkennung bekommt.

2. Planet Es apokalyptischer Sitz in den 90ern

Ich habe Planet E in diesem Wohnhaus gegründet. Ich war damals 22 oder 23 und hatte eine Freundin, die im achten Stock wohnte. Von der anderen Seite des Gebäudes aus kannst du nach Kanada gucken. Das war in den frühen 90ern, als Leute ständig Gebäude angezündet haben. Es war wie Blade Runner. Ich konnte [die Feuer] sehen, während ich an Tracks gearbeitet habe und Hubschrauber mit Suchscheinwerfern den Fluss abgesucht haben. Die haben Leute gesucht, die illegal die Grenze überqueren wollten. Ich liebe Feuer. Es war großartig.

3. The Majestic, einer der ersten Technoclubs überhaupt

The Majestic war einer der ersten Orte, in denen ich als Technokünstler aufgetreten bin. Das muss 1989 oder 1990 gewesen sein. Es war ein ziemlich großer Laden, der vielleicht 1200 Menschen fasste. Damals gab es kein großes schwarzes Publikum für Techno. Für Schwarze war elektronische Musik in den 80ern wichtiger gewesen, mit dem DJ Kollektiv Charivari zum Beispiel. Aber es gab hier im Majestic ein paar schwarze DJs wie Blake Baxter. Blake war ein sehr dunkelhäutiger Typ, der ständig Röcke getragen hat aber total hetero war. Er stand darauf, Goth-Mädchen zu vögeln. Blake Baxter ist einfach unvergesslich. Dann gab es noch die Belleville Three—Derrick [May], Juan [Atkins] und Kevin [Saunderson]—und dann noch Eddie Fowlkes, der eigentlich das vierte Mitglied war, an den sich aber kaum einer erinnert. Blake Baxter eine Art Schützling von Derrick und Kevin.

4. Submerge

Hast du jemals Silicon Valley geguckt? Nun, Submerge ist der Inkubator. [Underground Resistance Mitbegründer] „Mad" Mike Banks lässt andere Leute Studios in seinem Gebäude eröffnen. Sie müssen es aber wirklich ernst meinen. Wenn sie es nicht ernst meinen, dann will er nichts mit ihnen zu tun haben. Submerge war eine gewisse Zeit lang vor allem ein Vertrieb und fast jeder, der in den 90ern Platten gemacht hat, hatte einen Vertriebsvertrag mit Submerge. 430 West, Happy Records ... Submerge spielte eine wichtige Rolle dabei, diesen Labels Starthilfe zu geben. Und die produzierten dann auch eine Menge Platten.

5. Chene Park Amphitheater

Das ist ein Amphitheater direkt am Wasser, in dem Derrick May ein Orchesterstück mit dem Detroit Symphony Orchestra aufgeführt hat. Ich habe dort ein paar mal für Concert of Colors gespielt. Das ist ein Festival der Diversität mit afrikanischer, libanesischer ... einfach Musik aus der ganzen Welt. Chene Park gibt es seit den späten 70ern oder frühen 80ern. Besonders cool ist, wenn du hier auftrittst, dass du Kanada sehen kannst. Du siehst, wie Menschen mit ihren Booten anfahren und vom Wasser aus zugucken. [Als The Gap Band hier gespielt haben], bestand das Publikum nur aus herausgeputzten Pimps und Prostituierten. Das war verrückt.

6. Straßen, auf denen in den 80ern Spontanpartys stiegen

In den 80ern war das hier der Ort, an dem es abging. Jeden Freitag und Samstag im Sommer konntest du beobachten, wie Autos die Straße vom Hart Plaza bis durch nach Belle Isle entlang gecruist sind. Wenn sie in Belle Isle angekommen waren, haben sie ihre Autos geparkt, den Kofferraum geöffnet und die Anlage aufgedreht. Ein paar Mädels haben getanzt und die Jungs abgehangen und geraucht. Die Energie war einfach unglaublich. [Diese Partys] waren wirklich wichtig für die Musik hier in Detroit. Du hast dort nämlich gehört, was die Leute auf ihren Tape-Decks abgespielt haben: [Parliament] Funkadelic, Kraftwerk, B52's, Cybotron—einfach alles, was damals angesagt war. Diese Partys waren umso wichtiger für dich, wenn du noch zu jung warst, um in Clubs zu gehen.

7. WGPR and the Electrifying Mojo

Wenn [der einflussreiche Radio DJ The Electrifying] Mojo was Cooles [auf WGPR] gespielt hat, haben die normalen Tagesradio das aufgegriffen. Wenn Mojo deinen Song gespielt hat, warst du anerkannt. Viele Leute sind auf dem Weg zu den Spontanpartys am Sender vorbeigekommen. Mojo sagte dann so was wie: „Wenn du zu Hause bist, dann flackere mit dem Licht. Wenn du auf der Jefferson bist, dann drück auf die Hupe." Und du konntest im Hintergrund Leute hupen hören. Es war unglaublich. Er hatte über mindestens zehn Jahre den Finger am Puls der Stadt.

8. Die aktuelle Heimat von Planet E

Mir gehört dieses Haus jetzt seit 10 Jahren. Wir sind gerade erst mit Planet E hier hingezogen. Uns gibt es jetzt seit 25 Jahren. Wir hatten davor ein Gebäude, das nur einen Block von Mike [Banks] und Kevin [Suanderson] entfernt war, aber es hat uns einfach nicht mehr gefallen. Wir arbeiten jetzt gerade an neuen Distribution Deals und das Versus Album, eine symphonische Arbeit, ist fast fertig—ein gemeinsames Projekt mit dem französischen Label Infiniti. Das ist die größte Veröffentlichung, auf die wir momentan hinarbeiten. Francesco Tristiano und Moritz von Oswald sind ebenfalls darauf zu hören.

Michelle Lhooq ist bei Twitter, THUMP natürlich auch.

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