Popkultur

'Promis unter Palmen': Muss man sich darüber noch aufregen?

Trash-TV muss trashig sein. Homofeindlichkeit und Fat-Shaming gehören aber nicht dort hin.
14.4.21
Die Kandiatinnen und Kandiaten von Promis unter Palmen sind am STran
Foto: Sat.1

Die Sendung, um die es hier gehen soll, gibt es nicht mehr. Der Sender Sat.1 hat sie aus seiner Mediathek gelöscht. Das ändert nichts daran, dass er sich nicht dafür zu schade war, homofeindlichen Männern eine Bühne zu bieten. Marcus Prinz von Anhalt, Bordellbesitzer, richtete am Samstag in der ersten Folge von Promis unter Palmen diskriminierende Aussagen gegen Katy Bähm, eine Drag-Queen und Unternehmerin, die durch die ProSieben-Show Queen of Drags bekannt wurde. 

Anzeige

Für Promis unter Palmen schickt Sat.1 Deutschlands nervigste Promis, hauptsächlich bekannt aus anderen Reality-Formaten, nach Thailand. Dort können sie Geld gewinnen, insofern die anderen Kandidaten sie nicht rauswählen . Der Eklat kündigte sich schon früh in der Folge an, abzulesen an der Menge Alkohol, den die Promis becherten: 

Die Sonne scheint in Phuket. Die Köpfe glühen von Hitze und Prosecco. Die Kandidatinnen und Kandidaten stellen sich einander vor. Prinz Marcus nennt eine Konkurrentin "fette Sau" und fällt sonst mit Rumgeprotze und fast schon gruselig gebleachten Zähnen auf. Als die Sonne über der Andamanensee untergeht, sinkt auch das Niveau noch tiefer. "Es ist eklig, wenn zwei Männer sich küssen", sagt  von Anhalt und: "Wenn ich sage, schwul sein ist scheiße, dann ist das so für mich". Katy Bähm kommen im Einzelinterview fast die Tränen und ich ekle mich nicht das erste Mal in dieser Episode vor mir selbst, dass ich mir so was überhaupt anschaue.


Auch bei VICE: Warum die deutsche Drogenpolitik so eine Katastrophe ist


Trash-TV-Formate müssen trashig sein. Leute kotzen sich voll, knutschen besoffen im Pool oder übertreffen sich gegenseitig mit dem Rot-Ton ihrer Sonnenbrände. Sich mit gespieltem Schock darüber aufzuregen, ist elitär. So als behauptete man – um sich über andere zu erheben – nur Theremin-Cover von Radiohead-Songs zu hören, während man heimlich Popmusik liebt. Aber muss man sich überhaupt noch über Reality-TV-Formate aufregen? Und ist das nicht genau das, wozu uns diese Formate animieren sollen? 

Klar, Reality-TV lebt von banalen, fast schon alltäglichen Konflikten, die durch das Gefangensein in einem Haus mit denselben Leuten nochmal verstärkt werden. Reality-TV funktioniert für uns als Publikum unter anderem, weil wir uns aus unserem Alltag in das Leben und den Exzess anderer flüchten und mit Problemen befassen können, die uns banal erscheinen. Jemand nimmt das falsche Handtuch zum Pool mit oder knutscht mit einem Typen, mit dem eine andere auch gerne geknutscht hätte, und tritt damit einen Streit los, der in seiner Ernsthaftigkeit dem eigentlich harmlosen Sachverhalt nicht mehr gerecht wird. Das ist unterhaltsam. Prinz Marcus überschreitet allerdings eine Grenze. Hier geht es nicht um eine banale Auseinandersetzung. Dadurch, dass Sat.1 die Episode, ohne die homophoben Aussagen rauszuschneiden, unkommentiert ausgestrahlt hat, stellt der Sender Prinz Marcus' menschenverachtenden Ausbruch  auf eine Ebene mit wesentlich harmloseren Reality-TV-Konflikten. Dort gehören Homofeindlichkeit und Fat-Shaming jedoch nicht hin.

Wer trotzdem denkt, sowas ist nicht überraschend, nimmt ein Genre nicht ernst genug, das im Deutschen Fernsehen eine Menge Geld und Quoten generiert. Dieses Format lebt von Auseinandersetzungen und Überspitzung, dass soll jedoch kein Grund sein, die herablassenden Äußerungen Promis unter Palmen als bloßes Symptom des Genres abzutun.

Solche Äußerungen zu klären, darf man nicht allein den Kandidatinnen und Kandidaten überlassen, indem sie die Person rauswählen.. Der Sender muss sie selbst ahnden und kommentieren, und das nicht erst im Nachgang auf Twitter. Sat.1 postete dort: "Wir möchten klarstellen, dass wir die homophoben Aussagen von Prinz Marcus von Anhalt nicht teilen. Für uns gilt: Alle Menschen sind gleich." Es bleibt der Eindruck, dass sich der Sender der Wirkung der Diskriminierung sehr wohl bewusst war und darin weniger einen Fehltritt sieht, den es zu verurteilen gilt, sondern eine Möglichkeit, zu Lasten anderer Quote zu machen.  

Promis unter Palmen hält nicht was es verspricht. Wer Alltagsflucht, Sonnenverbrannte Promis und andere harmlose Probleme sucht, die nicht die eigenen sind, bekommt hier nur Wut.


Folge VICE auf FacebookInstagramYouTube und Snapchat.