Menschen

Schülerinnen und Schüler erzählen, wie schlecht sie aufs Abi vorbereitet sind

"Am schlimmsten finde ich, dass alles so wurstig ist." – Luise, 19
22.4.21
Luise, eine Abiturientin, hat kurze, rote Haare

Was Abiturientinnen dieses Jahr vergessen können: Abifahrt nach Malle, die Mottowoche durchmachen und dann verkatert in die Matheprüfung. Oder wenigstens ein letztes Mal hinter der Turnhalle rumknutschen. Die Pandemie hat ihnen ihre letzten wilden Monate als Fast-noch-Kinder geklaut.

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Dazu kommt, dass sie die übrige Zeit nicht einmal zum Lernen nutzen können. In die Schule dürfen sie nicht und ihre Ü-55-Physik-Leistungskurslehrer kommen mit dem Internet nicht klar.


Auch bei VICE: Ich habe ein Double zu meinem Klassentreffen geschickt


In diesen Tagen starten in den meisten Bundesländern die Abiturprüfungen. Und viele Abiturienten haben Angst.

Wir haben nachgefragt, wie ätzend es ist, wenn einem Corona den Schnitt versaut.

"Die Schulen hätten bei den hohen Infektionszahlen nicht öffnen sollen." – Laura-Loreen, 19, Nordrhein-Westfalen

Eine blonde Frau schaut in die Kamera, Laura-Loreen hat Sorge vor dem Abi

Foto: Privat

Vor vier Wochen kam ich in Quarantäne, nachdem ein Mitschüler positiv getestet wurde. Später infizierte sich mein Bruder in der Schule mit Corona. Unser gesamter Haushalt musste noch mal in Quarantäne. Die Schulen hätten bei den hohen Infektionszahlen nicht öffnen sollen. 

Durch die Ungewissheit habe ich mir sehr viele Sorgen gemacht, ob ich die Prüfungen mitschreiben kann. Mir fehlte zu dem Zeitpunkt noch eine Vorabiklausur, ohne die ich für die Prüfungen nicht zugelassen werden konnte. Die ständige Sorge lenkte mich sehr vom Lernen ab. Ich muss sagen, dass ich nicht so gut vorbereitet bin. 

Heute, vier Tage vor der ersten Abiturprüfung, endet meine Quarantäne und ich kann meine letzte Vorabiklausur schreiben. Dennoch hätte es mir einigen Stress erspart, wenn es eine Online-Prüfung geben würde – also die Möglichkeit, Prüfungen zu Hause zu schreiben. Die Abiprüfungen zu verschieben, bis die Infektionsgefahr nicht mehr ganz so hoch ist, wäre auch eine gute Alternative gewesen. 

"Ich habe mir da meine eigene Struktur reingebracht." – Robin, 24, Bayern

Robin trägt ein Batik-Shirt, er steht vor einer Schultafel

Foto: Privat

Seit dem letzten Halbjahr hatten wir fast nur Online-Unterricht. Es ist natürlich nicht wie im Präsenzunterricht, aber ich komme damit ganz gut zurecht. Ich fühle mich gut auf die Abiturprüfungen vorbereitet. 

Allerdings bin ich auch gut darin, selbstständig zu lernen. Anderen fehlt die gewohnte Struktur, sie haben Schwierigkeiten aufzustehen und bleiben länger im Bett liegen. Aber ich habe mir da meine eigene Struktur reingebracht. 

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Am meisten vermisse ich das soziale Umfeld in der Schule. Die Prüfungen werden wir alle schon irgendwie meistern.

"Der Online-Unterricht fühlte sich an wie Beschäftigungstherapie." – Samet, 18, Nordrhein-Westfalen

Samet steht auf einer Baustelle und trägt ein blaues Hemd. er macht sich Sorgen vor dem Abitur

Foto: Privat

Vor einigen Wochen habe ich mich mit Corona infiziert und ich habe immer noch Schwierigkeiten mit der Konzentration. Irgendwie fühle ich mich schon auf die Prüfungen vorbereitet, aber nicht so gut, wie ich es mir gewünscht hätte. 

Mein Durchschnitt, den ich mir in drei Jahren mit viel Mühe erarbeitet habe, könnte sich durch die Prüfungen verschlechtern. Eine gute Lösung für alle wäre vielleicht gewesen, die Prüfungen einfach um einige Wochen zu verschieben. Die Umstände der Prüfungsvorbereitung waren nämlich nicht optimal. Der Online-Unterricht fühlte sich wie eine Beschäftigungstherapie an. 

Das ist nicht die Schuld der Lehrer, die sind sehr engagiert, aber halt in ihren Möglichkeiten begrenzt. Zum Glück habe ich schon eine Zusage für ein duales Studium, das nimmt mir etwas die Zukunftsangst.

"Das ist schon ein bisschen unfair." – Antonia, 18, Baden-Württemberg

Auf einem Schwarz-weiß-Bild sieht man Antonia , sie sieht in die Kamera und trägt eine Jeansjacke

Foto: Privat

Im ersten Lockdown, im März 2020, waren wir einen ganzen Monat zu Hause. Sonst war der Präsenzunterricht ziemlich unregelmäßig. In diesem Jahr ist es ganz oft so gelaufen, dass es hieß: "Nächste Woche habt ihr keinen Präsenzunterricht" – dann aber auf einmal doch. Wir wissen nie, was in der nächsten Woche passiert. Und in sehr vielen Fächern fehlt uns der Unterrichtsstoff. 

Wir brauchen den Frontalunterricht und die Interaktion mit den anderen Schülern. Wir müssen Fragen stellen können und den Stoff erklärt bekommen. Wir haben alle auf eine Vereinfachung der Prüfungen gewartet und dann kam: „Ihr habt eine halbe Stunde mehr Zeit.“ Da fühlt man sich im Stich gelassen. Vom Themenumfang her sind die Prüfungen genauso wie in allen anderen Jahren. Das ist schon ein bisschen unfair. 

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Ich denke aber, dass nicht nur wir betroffen sind. Die Unterstufenschüler werden komplett vernachlässigt. Wir haben manchmal Schule, die anderen sind die ganze Zeit zu Hause. 

"Am schlimmsten finde ich, dass alles so wurstig ist." – Luise, 19, Hamburg

Luise trägt ein Van-Gogh-Shirt und schaut in die Kamera, im Hintergrund sieht man

Foto: Privat

Viele ältere Lehrer kamen mit dem Online-Unterricht nicht so gut klar. Der Fokus des Unterrichts war auch falsch gesetzt. In wichtigen Abiturfächern bekamen wir einfach einmal in der Woche Aufgaben zugeschickt, die Inhalte mussten wir uns komplett selbst beibringen. Die Aufgaben waren auch viel zu umfangreich, sodass man oft bis spät in die Nacht beschäftigt war. 

Letzte Woche hatte wir ein paar Tage Präsenzunterricht. Es war schön, die ganzen Leute wiederzusehen. Da haben wir dann immerhin auch unsere Mottowoche gemacht. Als Abiturvorbereitung hat es aber nicht viel gebracht.

Am schlimmsten finde ich, dass alles so wurstig ist. Ständig ändert sich etwas. Unser Abitur wird als "Corona Abitur" abgestempelt, das uns nachgeschmissen wurde. Deutschlands Politik wird für ältere Menschen gemacht und lässt die jüngeren komplett im Stich. Das betrifft ja nicht nur uns Abiturienten, sondern auch Studierende. 

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