Drei junge Menschen, die keine Freunde haben und unter der Einsamkeit leiden. Sie haben sic
Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung der Interviewten
Menschen

Einsame Menschen erzählen, wie es ist, keine Freunde zu haben

"Wochenenden sind hart." – Olivia
25.11.20

Einsamkeit war schon lange vor der Pandemie ein großes Problem, der Lockdown hat es noch einmal verschärft. 2018 wurde in Großbritannien sogar das weltweit erste Ministerium für Einsamkeit ins Leben gerufen. In Deutschland fühlen sich laut Robert-Koch-Institut 4,2 Prozent der Elf- bis Siebzehnjährigen einsam.

Dabei sind Freundschaften und soziale Kontakte ein menschliches Grundbedürfnis. Es ist sogar wissenschaftlich erwiesen, dass Menschen zwischen 16 und 25 mental gesünder sind und besser mit Stress umgehen können, wenn sie enge Freunde haben. Aber die Realität sieht leider so aus, dass viele keine haben. Gesprochen wird darüber allerdings selten. Wer gibt schon gerne zu, keine Freunde zu haben?

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VICE hat mit einer niederländischen Organisation gesprochen, die junge Menschen zusammenbringt, die sich einsam fühlen. Miel, Emma und Olivia* haben uns erzählt, wie es ist, jung zu sein und keine Freunde zu haben – und warum es sich lohnt, Hilfe zu suchen.

Ein junger Mann mit hellblondem Kurzhaarschnitt

Miel

"Letztes Jahr bin ich 18 geworden und habe ein paar Mitschüler zum Feiern eingeladen. Niemand ist gekommen." – Miel, 19

Freunde zu finden ist echt hart. Niemand spricht darüber. Mir war das immer peinlich, vor allem in der Pubertät. Es ist superwichtig, wie du nach außen wirkst, und keine Freunde zu haben ist echt erbärmlich. Lange Zeit hatte ich das Gefühl, für Gleichaltrige irgendwie unsichtbar zu sein. Letztes Jahr bin ich 18 geworden – ich hatte gerade die Schule gewechselt und habe ein paar Mitschüler zum Feiern eingeladen. Niemand ist gekommen. Da habe ich erkannt: Entweder, ich tue etwas dagegen, oder ich werde für den Rest meines Lebens alleine sein.

Freunde zu finden war für mich schon immer schwer, wobei es in der Grundschule noch OK war. Ich bin in einer kleinen Stadt zur Schule gegangen, da konnte man nach dem Unterricht einfach noch zusammen rumhängen. Als ich acht wurde, kam ich auf eine spezielle Schule, weil bei mir atypische Autismus festgestellt wurde. Meine neue Schule war dann plötzlich 30 Kilometer entfernt. Und obwohl meine Mitschüler ähnliche Einschränkungen wie ich hatten, habe ich mich dort nicht wohlgefühlt. Also habe ich aufgehört, nach der Schule noch mit Mitschülern abzuhängen – vielleicht wegen der autistischen Störung, vielleicht auch einfach, weil mir soziale Kontakte sehr schwer fallen. Ich habe versucht, über Sport Freunde zu finden, aber ich mag überhaupt keinen Teamsport und besonders ehrgeizig bin ich auch nicht.

Mit Beginn der Pubertät habe ich echte Freundschaften dann richtig vermisst. Ich wollte rausgehen, in Bars abhängen, ich wollte Abenteuer. Ich hatte richtigen Drang, mich auszuleben, aber ich hatte niemanden, mit dem ich das zusammen machen konnte.

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Vor allem die Sommerferien waren hart. Ich hatte alle Zeit der Welt, um Dinge zu erleben, aber alleine habe ich mich nicht getraut. Deswegen saß ich dann oft doch nur alleine zuhause rum. Auch Schicksalsschläge haben mich härter getroffen, weil ich niemanden hatte, mit dem ich darüber reden konnte.

Social Media ist voll mit Fotos von glücklichen Cliquen. Solche Bilder machen mich neidisch. Oft frage ich mich, ob ich einfach schon zu alt bin, um noch Freunde zu finden. Manchmal fühlt es sich so an, als hätten alle schon ihre Freunde fürs Leben gefunden, nur ich nicht. Ja, ich weiß, wie dramatisch das klingt.

Nach meinem katastrophalen 18. Geburtstag habe ich mich bei einem Freundschaftsvermittler gemeldet. Gleich am ersten Abend habe ich mich mit einem richtigen gut verstanden. Seitdem sind noch mehr Leute dazu gekommen und wir haben eine tolle Zeit zusammen. Das hat mein Selbstbewusstsein extrem gepusht. Dieses Jahr habe ich zum ersten Mal in meinem Leben mit Freunden Geburtstag gefeiert.

Eine junge Frau mit blonden langen Haaren und Brille, sie trägt ein orangenes T-Shirt und Jeans

Emma

"Weil ich mich nach sozialen Kontakten sehnte, machte ich mich angreifbar." – Emma, 19

Warnung: Der folgende Bericht enthält Schilderungen sexueller Gewalt.

Ich hatte nie viele Freunde. In der Grundschule hatte ich eine Freundin und wir haben manchmal nach der Schule etwas zusammen gemacht. Damals war mir das egal, aber als ich dann auf die weiterführende Schule kam, wurde es schwierig für mich.

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In der Grundschule wurde ich gemobbt und hatte danach lange mit meinem Selbstbewusstsein zu kämpfen. Die Mobberei hörte zwar auf, als ich auf die weiterführende Schule kam, aber ich habe trotzdem keine Freunde gefunden. Ein paar mal musste ich außerdem die Schule wechseln, das hat es noch schwerer gemacht. Es gab immer wieder Phasen, in denen ich dachte: "Hey, du hast es geschafft, du bist beliebt", und dann wurde ich wieder nicht zu der coolen Party eingeladen. Wenn ich gezielt Leute gefragt habe, ob wir uns mal nach der Schule treffen wollen, wollten die entweder nicht oder hatten keine Zeit. Irgendwann wurde mir das einfach super peinlich und ich habe aufgegeben.


VICE-Video: LARPing hat mir das Leben gerettet


Zu meinen Geburtstagen habe ich immer mindestens zehn Leute eingeladen. Wenn ich Glück hatte, sind drei aufgetaucht. Lange Zeit war ich sehr traurig darüber, dass ich keine Freunde hatte. Ich habe mich selbst dafür gehasst und mich dumm und unzulänglich gefühlt. Ich habe nicht verstanden, warum andere das schaffen und ich nicht.

Als Teenagerin bemerkte ich dann, dass Jungs mit mir abhängen wollten. Weil ich mich so sehr nach sozialen Kontakten sehnte, machte ich mich angreifbar. Einmal wurde ein Junge bei einem Treffen sexuell übergriffig. Ich bekam Suizidgedanken und kam in eine Therapie. Dort wurde bei mir eine Posttraumatische Belastungsstörung und eine Depression diagnostiziert. Während der Therapie konnte ich zu Hause wohnen und weiter zur Schule gehen, wurde aber streng überwacht. Ich durfte nichts mehr alleine unternehmen.

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Seit ein paar Monaten ist meine Therapie abgeschlossen und ich habe viel über mich gelernt. Ich weiß jetzt, dass ich mein Selbstbewusstsein stärken muss.

Eine junge Frau mit langen Haaren in T-Shirt und kurzer Hose auf einem Pferd

Olivia

"Freitags mache ich mir einen Wein auf und versuche, alleine etwas Spaß zu haben." – Olivia*, 25

Ich war immer sehr sozial. In der Schule hatte ich viele Freunde und alle wollten gerne Zeit mit mir verbringen. Als ich mit der Schule fertig war, änderte sich das allerdings.

Ich bin schnell überreizt und brauche viel Zeit für mich. Die Schulfreundschaften waren irgendwie natürlich entstanden, aber als wir unsere Abschlüsse hatten und uns nicht mehr täglich sahen, gingen sie kaputt. Plötzlich war es richtige Arbeit, neue Menschen kennenzulernen. Bis heute ist das so – zumindest in den Niederlanden. Ich fliege öfter über die Ferien nach Aruba und dort fällt es mir komischerweise leichter. Wahrscheinlich, weil ich im Urlaub entspannter bin.

Ich habe oft Lust, mich mit jemandem in der Stadt zu treffen und Kaffee zu trinken oder spazieren zu gehen, aber ich weiß gar nicht, wen ich da fragen könnte. Freitags mache ich mir einen Wein auf und versuche, alleine etwas Spaß zu haben. Wochenenden sind generell hart. Ich bin oft selbst erstaunt: Ich bin eine soziale Person und ich will, aber warum kann ich nicht?

Im Sommer ist Instagram voll mit Fotos von Gruppen, die zusammen auf Festivals abhängen oder was trinken gehen. Das macht mich neidisch. Ich muss mich dann jedes Mal selbst wieder beruhigen und mir sagen: Das ist Social Media, nicht das echte Leben. Ich bin wirklich dankbar für die Pandemie. Die Festivals sind abgesagt und ich muss die glücklichen Bilder nicht sehen. Andererseits macht es die Quarantäne natürlich noch schwerer, Leute zu treffen. Ich nehme die Corona-Regeln sehr ernst und habe monatelang niemanden gesehen. Vor ein paar Monaten habe ich dann irgendwann gemerkt, dass ich das hier nicht mehr packe, wenn ich jetzt nicht bald Leute treffe. Da habe ich mich dann bei einem Freundschaftsvermittler angemeldet.

Bisher habe ich nur Leute per Zoom getroffen, aber selbst das tut mir schon gut. Außerdem habe ich gelernt, dass man sich fürs Alleinsein nicht schämen muss. Ich habe lange geglaubt, dass irgendwas mit mir nicht stimmt, aber mittlerweile habe ich so viele junge Leute kennengelernt, denen es ähnlich geht, und die sind alle so lustig, nett und umgänglich. Da habe ich gemerkt, dass das wohl ganz normal ist.

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*Name geändert.

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Notrufnummern für Suizidgefährdete bieten Hilfe für Personen, die an Suizid denken – oder sich Sorgen um einen nahestehenden Menschen machen. Die Nummer der Telefonseelsorge in Deutschland ist: 0800 111 0 111. Hier gibt es auch einen Chat. Trauernde Angehörige von Menschen, die Suizid begangen haben, finden bei Organisationen wie Agus Hilfe. 

Die Nummer der Telefonseelsorge in der Schweiz ist: 143. Hier gibt es auch einen Chat. In dieser Liste sind weitere Anlaufstellen für Menschen mit psychischen Erkrankungen in der Schweiz aufgeführt. 

Die Nummer der Telefonseelsorge in Österreich ist: 142. Auch hier gibt es einen Chat. Trauernde Angehörige von Menschen, die Suizid begangen haben, finden in Österreich bei Organisationen wie SUPRA Hilfe.