Menschen

Weiße Eltern, Schwarzes Kind: Ines hielt sich für einen genetischen Zufall

Bis sie heimlich einen Schrank durchstöberte. Aus der unglaublichen Lüge machte sie einen Film.

von Thembi Wolf
17 April 2020, 7:02am

links: Ines als Kind (privat), rechts: Ines heute (IDFA - International Documentary Film Festival Amsterdam) | Collage: Philipp Sipos

Kapitel 1: Ines G.

"Wir haben es in der Familie ja auch nicht thematisiert, das Problem", sagt ein grauhaariger Mann zu Beginn eines Films. Er steht mit einer traurigen Frau in einem Park in Pankow. "Welches Problem jetzt? Also meine Existenz, meine Geburt?", fragt die Frau. "Ja, ja", sagt der Mann.

Die Mendelschen Gesetze besagen, dass zwei weiße Rinder ein schwarzes Kalb bekommen können. Als Ines ein Kind ist, kommt Michael, ihr Bruder, aus der Schule nach Hause, klappt sein Biologiebuch auf und zeigt es ihr.

Die beiden wohnen in einer großen Wohnung in Berlin Pankow, DDR. Der Vater und der Sohn sind blond. Die Mutter hat schöne, glatte Haare und ein Mannequin-Gesicht. Alle außer Ines haben lange, spitze Nasen. Ines hat kleine, krause Locken, hellbraune Haut und eine breite Stupsnase.

Einmal, im Sommer, läuft die Familie eine Straße entlang, der Vater hat kurze Hosen an. Ines sieht seine Beine, sie sind nicht wie die schönen Beine der Mutter. Eher kräftig, wie ihre eigenen. "Ich glaube, ich hab die gleichen Waden wie du", sagt Ines resigniert. "Überhaupt nicht! Gar nicht!", entgegnen die Eltern aufgeregt. Und Ines spürt, dass es nicht um Beine geht.

Manchmal verstecken sich Ines und Michael in der Schuhkammer und wälzen "das Problem". Sie erfinden wilde Theorien und spekulieren. Fragen die Geschwister auch die Eltern, heißt es, das komme schon mal vor, so ein braunes Kind. Das habe keine Bedeutung.

Der Tag, an dem Michael das Buch mitbringt, überzeugt Ines von der Lüge der Eltern. Sie ist wie das schwarze Kalb: ein Zufall.

Bei dir stimmt was nicht, sagen die anderen Schulkinder, immer wieder. Also prügelt sich Ines auf dem Schulhof: "aus Selbstverteidigung". Auf der Grabbeallee, bei den Botschaften, begegnet Ines manchmal Afrikanern. "Wo kommen deine Eltern her?", fragen die, und Ines wird wütend: aus der DDR. "Und dann habe ich mir angewöhnt, die Straßenseite zu wechseln, sobald ich irgendwo einen Afrikaner gesehen habe."

Gingen die Eltern zur Arbeit, waren die Räume in der großen Wohnung oft abgeschlossen, sagt Ines. Aber Michael hat einen Dietrich. Mit elf oder zwölf finden die Kinder beim Durchstöbern eines Schranks einen Ordner, alt und voller Papiere, in denen es um Ines geht. "Ablehnung des Antrags auf Erlaubnis einer Abtreibung" steht da auf einem Blatt. Auf einem anderen der Name des Vaters: Pierre-Lucien Kwao Johnson. Staatsangehörigkeit: Togo. Dazu sind seine Blutgruppe und die Namen von Luciens Eltern aufgeführt.

Sie nimmt sich vor, nie wieder mit ihren Eltern über ihre Gefühle zu sprechen.

Ines sucht im Lexikon nach dem Wort "Togo" und bekommt einen hysterischen Lachanfall. Ines sagt: "Ich wollte glauben, dass meine Eltern mir die Wahrheit sagten. Ich wollte glauben, dass ich ganz was Besonderes bin."


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In Büchern liest Ines, wie Kinder reagieren, wenn sie erfahren, dass sie adoptiert sind. Sie rasten aus und laufen weg. Aber Ines fühlt nichts davon. Stattdessen nimmt sie sich vor, nie wieder mit ihren Eltern über ihre Gefühle zu sprechen. Sie lernt, ihren Gefühlen einfach keine Beachtung zu schenken, sie abzuspalten. "In der Psychologie würde man vielleicht Dissoziation sagen", sagt Ines. Den Ordner legen die Kinder zurück ins Fach und schließen die Schranktür.

Erst viel später erfährt Ines, dass die Mutter während ihrer Arbeit in einer Gewerkschafts-Hochschule einen jungen Studenten kennengelernt hatte. Dass sie, als verheiratete Frau, von der Affäre schwanger wurde. Dass sie nach der Geburt das Kind, dem man seinen Vater ansah, für einige Zeit ins Heim gab. Und es später zurückholte. Und dass sie nie jemandem erklärte, warum es Schwarz war. Nicht ihrer Schwester, nicht den Freundinnen, nicht dem blonden Bruder. Jahrzehnte später erzählt Ines die Geschichte vom Mädchen aus der DDR, dem man sagte, sie sei Weiß, im Film Becoming Black. Der Film wird – nach der Corona-Krise – auf verschiedenen Festivals gezeigt und Ende des Jahres im ZDF ausgestrahlt.

Kapitel 2: Ines Spain

Mit 17 zieht Ines von zu Hause aus. Monatelang meldet sie sich nicht bei ihrer Familie. Sie zieht in eine besetzte Wohnung im Prenzlauer Berg und beginnt, als Model zu arbeiten. Sie trägt für die Zeitschrift Sibylle ausgefallene Kleider, die sich keine Frau der DDR leisten kann, und für das Label Exquisit Mode, mit der die DDR dem Westen imponieren will. Ines modelt nur ein paar Tage im Monat. "Ich hab so auf eine lockere Art und Weise Geld verdient. Man brauchte ja unheimlich wenig." Ihr Freund und dessen Freunde leben mit von dem Geld und trotzdem ist immer noch etwas übrig.

Eines Abends kommt ein Freund aus Westberlin mit einer Rose zu ihr.

Ab und zu kommen vorsichtig formulierte Postkarten von den Eltern: "Wir machen uns Sorgen. Wo bist du denn?" Die Fürsorge berührt Ines, sie fährt ab und zu zum Kaffeetrinken nach Pankow. Es ist ein schöner, vorsichtiger Neuanfang – "aber ohne je über das Tabu zu reden."

Abends hängt Ines mit Punkern und Intellektuellen in den Kneipen vom Prenzlauer Berg rum. Manchmal haben sie Besuch aus dem Westen. Eines Abends kommt ein Freund aus Westberlin zu Besuch: "Mit einer Rose in der Hand hat er zu mir gesagt: Wann auch immer ich die DDR verlassen will, er würde mich heiraten."

Der Punk erzählt von einer japanischen Groteske: Die Familie mit dem umgekehrten Düsenantrieb. Er erzählt sie von der ersten bis zur letzten Minute. Irre, denkt Ines. "Dass es überhaupt solche Filme gab, solche scheinbar sinnlosen Filme. Ich wollte in einem Land leben, wo man sowas machen kann."

Ines nimmt die Rose, heiratet und macht rüber. Später beantragt sie ihre Stasi-Akte und erfährt, dass man sie zu diesem Zeitpunkt eigentlich anwerben wollte. Drei oder vier IMs waren auf sie angesetzt, darunter eine Model-Kollegin. Darunter sei notiert gewesen: "Hat nicht zum Erfolg geführt. Heiratsantrag ins kapitalistische Ausland."

Ines wird zu Ines Spain. Die Ehe gibt es aber nur auf Papier. "Ich habe den Nachnamen behalten, weil das ein glücklicher Moment in meinem Leben war. Es hat mir Freiheit geschenkt." In Westberlin kommt Ines gut über die Runden. Sie sitzt zur Aufsicht in Kunstausstellungen, dann legt sie in einem Synchronstudio die 35mm-Schleifen an, darf James Bond vor allen anderen sehen. Ines beginnt zu studieren. Im riesigen Neubau, in dem die Philosophie-Vorlesungen stattfinden, schläft sie immer ein. Also wechselt sie in die kleine Villa der Religionswissenschaften.

Ines nimmt ihre Ersparnisse aus einem Kellnerinnen-Job zusammen, 900 Mark.

Im November 1989 sitzt Ines heulend in ihrem Zimmer im vierten Stock in Kreuzberg. Sie schaut auf den Kiosk unten und beobachtet, wie die Schlange davor immer länger wird. DDR-Bürger in Kunstlederjacken und Stonewash-Jeans. "Ich dachte: 'Alles, weshalb ich aus der DDR weggegangen bin, holt mich jetzt ein.'"

Ines nimmt ihre Ersparnisse aus einem Kellnerinnen-Job zusammen, 900 Mark. Sie marschiert in ein Reisebüro und bucht ein Ticket nach Togo. Drei Monate nach dem Mauerfall sitzt sie im Flieger. Irgendwo hat sie einen Reiseführer aufgetrieben, ein Hotel am Meer gefällt ihr. Auf dem Flug geht ihr Gepäck verloren, und Ines landet in Togo nur noch mit einem Stapel D-Mark, dem Reiseführer und ihrem Tagebuch, in dem sie alles notiert hat, was sie über Lucien Johnson weiß.

An ihrem ersten Morgen in Lomé wacht Ines auf und sieht das Meer. Draußen kurven die Motorradtaxis umher, am Strand machen Fischer ihre Boote bereit. Ines frühstückt unter den neugierigen Blicken einer Gruppe junger Männer an der Rezeption. Wer ist das helle Mädchen, das mitten in der Nacht allein und ohne Gepäck ankam?

"Ich warte auf Freunde", lügt Ines.

Die Wahrheit zu sagen, traut sie sich nicht. "Weil ich voller Vorurteile war. Und ganz sicher auch, weil ich nicht enttäuscht werden wollte. Dass man mir sagt: 'Vergiss es, deinen Vater findest du nicht.'" Aber die Jungs sind nett. Sie machen den dubiosen "Libanesen" ausfindig, der laut Ines' deutschem Reiseführer schwarz D-Mark in westafrikanische Franc tauscht. Sie kaufen mit ihr neue Kleidung auf dem Markt. Also gesteht Ines, warum sie hier ist.

"Schau mal, dein Onkel ist gerade gestorben."

Von welcher Familie sie sei, fragen die Jungs. Johnson, sagt Ines und schämt sich furchtbar. "Ich dachte: 'Weiß ich doch selber, dass es Millionen Johnsons gibt.'" Und tatsächlich, die Jungs lachen, sprechen untereinander kurz Mina, eine der togoischen Landessprachen. Einer habe gesagt: "Warte mal!" Und eine Zeitung gebracht.

Ines bei der Premiere ihres Films
Ines bei der Premiere ihres Films, Foto: IDFA - International Documentary Film Festival Amsterdam

"Schau mal, dein Onkel ist gerade gestorben." "Da war eine Anzeige: Gesundheitsminister Johnson ist verstorben", sagt Ines. Ines ist skeptisch. Doch, sagen die Jungs: Die Johnsons in Togo seien eine große, berühmte Familie. Jeder kenne die.

Sie führen Ines zum Familienoberhaupt, dann geht alles sehr schnell. Ines lernt eine Tante kennen, die eine große Villa mit vielen Zimmern hat. "Was willst du im Hotel? Komm zu mir", sagt die Tante. Ines bucht ihr Ticket zweimal um und bleibt sechs Wochen in Togo. Wenn sie Verwandte besucht, wird sie mit einem Chauffeur hingebracht. Manchmal schleicht sich Ines aber auch weg, spaziert durch die Straßen und Sandpisten von Lomé und versucht zu verstehen, was das alles heißt.

Und dann drückt ihr jemand ein Telefon in die Hand.

Kapitel 3: Ines Ekuavie Johnson-Spain

Im Film erzählt sie von der Szene.

- "Hallo, hier ist Ines", sagt Ines.
- "Hallo, entschuldigen Sie, aber welche Ines?", sagt Lucien Johnson aus Mülheim an der Ruhr.

Ines denkt, sie muss sterben.

- "Ines aus der DDR", sagt sie. "Ich bin die Tochter von Sigrid."
- "Entschuldigen Sie, aber welche Sigrid?"

Ines versteht, dass alles ein großes Missverständnis sein muss.

- "Sigrid aus Leipzig", sagt Ines.

Nach einer Pause sagt der Mann:

- "Aber das bedeutet ja, dass Sie meine Tochter sind?"

Immer wieder ruft der Vater in den kommenden Wochen in Togo an. Schickt Tanten und Cousins für Besuche vorbei. "Wie geht es dir?", fragt der Vater, wenn er anruft. Gut, sagt Ines, wie sie es immer tut. "Nein, aber: Wie geht es dir wirklich?", fragt Lucien.

Als sie wieder in Berlin landet, ist alles anders. "Ich hatte das Gefühl, mein Leben fängt neu an." Erst nach ein paar Monaten fährt sie mit ihrem kleinen Golf quer durch Deutschland nach Mühlheim, um an einem Einfamilienhaus zu klingeln. Lucien lächelt, trägt Boubou, ein typisch westafrikanisches Kleidungsstück, schaut sie von oben bis unten an und nimmt sie in die Arme.

Lucien kommt sie manchmal in Berlin besuchen und wohnt dann bei ihr.

Ines nennt ihn ihren Vater und sich selbst Ines Johnson-Spain. Sie lernt, dass der Vater des Vaters Widerstandskämpfer war. Und dass sie zehn Geschwister hat.

Lucien kommt sie manchmal in Berlin besuchen und wohnt dann bei ihr. Oft ruft er eine halbe Stunde vor Berlin an und sagt: "Bin gleich da, wollen wir essen gehen?" Manchmal steht er einfach vor der Tür: "Ruf mal deine Geschwister an und wir kochen!"

Drei Tage lang kommen sie dann meistens gut zurecht, danach streiten sie sich. "Ich wollte das auch austesten, sehen, dass das seinen Platz haben kann. Auf diese Weise lernten wir uns kennen und es war schön, dass danach trotzdem immer alles wieder gut war." Lucien gibt Ines ihren togoischen Namen: Ekuavie, die am Mittwoch Geborene. Er hatte den Namen schon bei Ines' Geburt ausgesucht.

Als sie in der riesigen Familien-WhatsApp-Gruppe mal 2000 verpasste Nachrichten hat, tritt sie wieder aus. Aber Ines fliegt oft nach Togo oder nach Benin, wo ein Teil der Familie lebt. Mindestens einmal im Jahr.

Vor sieben Jahren beginnt Ines Ekuavie Johnson-Spain, ihre Geschichte aufzuschreiben. Mit einer Kamera fährt sie zurück nach Pankow.

Becoming Black wir in diesem Jahr auf Festivals und in ausgewählten Kinos gezeigt. Im Dezember 2020 wird er im ZDF ausgestrahlt. Die genauen Daten gibt es hier.

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