Popkultur

'Halloween Kills' ist furchtbar dumm – leider nicht auf die gute Art

Der Film versucht sich an Gesellschaftskritik, aber kennt am Ende doch keine Antwort außer Gewalt und Gedärmen.
19.10.21
Ein maskierter Mann steht im Eingang eines brennenden Hauses. Still aus dem Film Halloween Kills.
Bild: IMAGO / Prod.DB

Gewalt ist geil. Darauf können sich wohl die meisten einigen, die sich einen Film anschauen, dessen Prämisse es ist, dass ein maskierter Killer durch eine Kleinstadt zieht und alle Menschen, denen er begegnet, möglichst brutal umbringt. Die blutgeilen Geister werden sich also dann erst scheiden wie eine Aorta durch das Messer des Michael Myers, wenn ein solcher Film unwahrscheinlich plump versucht, einen gesellschaftspolitischen Kommentar abzugeben.

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Es geht in Halloween Kills um Michael Myers, diesen einst gesichtslosen Killer in der weißen Maske und dem blauen Overall, der das Horror- und Slasher-Genre seit den späten 70ern begleitet. Im letzten Teil der neuen Halloween-Trilogie, die direkt anschließt an Halloween von 1978 und Halloween 2 von 1981, hatte es am Ende so ausgesehen, als sei Michael Myers besiegt. Aber: oh nein! Er hat überlebt! Aus dem Keller, der sein flammendes Grab werden sollte, kann er sich befreien, als ein paar Feuerwehrmänner zum Löscheinsatz anrücken und bald allerlei scharfe und spitze Werkzeuge in ihrem Fleisch wiederfinden. Hier beginnt auch schon der Kommentar.

Im Laufe des Films wird Michael Myers Feuerwehrleute, Polizisten und Menschen aus dem Gesundheitswesen umbringen. Er wird Kinder töten und Schwarze ermorden. Schwule erstechen und einer alten Frau eine Neonröhre in den Hals stecken. Michael Myers’ Amoklauf richtet sich gegen alle gesellschaftlichen Gruppen, die den Filmemachern gerade eingefallen zu sein scheinen – und deren Vertreter: das "System". An einer Stelle brüllt Laurie Strode –wie in den ersten Teilen gespielt von Jamie Lee Curtis – als klar wird, dass die Vertreter der Staatsgewalt den Schrecken nicht aufhalten können: "The system failed!"

Im Anschluss rottet sich eine wütende Menge zusammen, um dem System unter die Arme zu greifen. Ein Lynchmob mit dem Ziel, Michael Myers aufzuhalten. Sein Schlachtruf: "Evil dies tonight!" Eigentlich möchte der Mob das System auch ersetzen, denn der gemeinsame Feind rechtfertigt offenbar die Selbstjustiz.

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Still aus dem Film Halloween Kills. Eine Gruppe Menschen steht vor einem Auto, in der Mitte eine junge Frau mit einer Shotgun.

Der Mob soll es regeln | Bild: Universal Pictures

Viele Figuren des Films stammen aus dem ersten Teil von 1978. Damals waren sie Kinder und Jugendliche und haben das Schlachten des Michael Myers überlebt. Heute sind sie traumatisiert, aber befinden sich immerhin wohlbehütet in der Familie derjenigen, die überlebt haben. Die Familie ist hier der Kern der Gesellschaft und kann gemeinsam alles überstehen – oder? 

Nein, denn in Halloween Kills ist niemand sicher vor dem Messer des Michael Myers. Der Terror hat kein Erbarmen, keine Moral. Er tötet, was ihm vor die Klinge läuft – und schürt so die Angst vor ihm. Nun wissen wir, dass Angst zu Wut und Wut zu Hass führt und dass Hass der Weg auf die dunkle Seite ist. In diesem Fall ist es allerdings der furcht-, wut- und hasserfüllte der Mob, der selbst für Gerechtigkeit sorgen und die Angst besiegen soll, also Michael Myers. Die Gesellschaft soll sich selbst retten, indem sie das Böse an der Wurzel packt. "Evil dies tonight!"

Ob das klappt, soll hier nicht verraten werden. Aber schon bei der Veröffentlichung des letzten Teils wurde kommuniziert, dass die Geschichte als Trilogie angelegt ist, deren zentraler Bestandteil Michael Myers ist.

Warum ist das nun alles so dumm? Nun, zum einen ist es sehr plump. Wie hier von Szene zu Szene, Sequenz zu Sequenz weitere Repräsentanten von System und Gesellschaft dahingemetzelt werden, ist so vorhersehbar, dass es mitunter wirkt wie Malen-nach-Zahlen. Am Ende soll er dann da stehen: der Horrorfilm, der unsere Gesellschaft erklärt und den Finger in eine der zahlreichen triefenden Wunden legt, die er aufreißt.

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Nur tut er das eben nicht. Denn klar, da ist die Angst vor dem Terror, die zur Angst vor dem Fremden führt. Die wiederum vergiftet eine Gesellschaft und lässt sie zum faschistoiden System verkommen, in dem die Macht in die Hand des zunehmend radikalen Mobs gelegt wird. Über den verlieren selbst seine Anführer die Macht, wenn sie ihm nicht mehr aggressiv genug erscheinen. Aber während der Film das zwar zeigt, bricht er es nicht, er hinterfragt es nicht – oder höchstens kaum.

Das Publikum will ja, dass Michael Myers stirbt. Er ist der Böse, der Antagonist und sogar noch mehr: Er ist das Böse. Dass die Meute zwischendurch auch auf Unschuldige losgeht, vergisst der Film schnell wieder. Er hält nicht inne, lässt keinen Raum zur Reflexion. Die Gruppe zieht weiter, auf der Suche nach Myers. Evil soll tonight sterben. Und das ist auch in unserem Interesse, denn innerhalb des Mobs brüllen Figuren, die uns zuvor als Sympathieträger präsentiert wurden. Andere wurden bereits von Myers gemeuchelt, jetzt bringt das Böse endlich um, koste es, was es wolle. Kein Richter, keine Jury, der Typ verdient den Tod.

Das Fazit des Films ist also: Angst und der Kampf dagegen zerstört die Gesellschaft, wie wir sie kennen. Nur liefert er keine Lösung für das Dilemma. Er sagt nicht, was wir stattdessen mit unserer Angst machen sollen, wie man sie wirklich besiegen kann. Evil dies tonight – aber um welchen Preis? Das System erodiert vor unseren Augen, die Obrigkeiten verlieren ihre Macht, aber es entsteht keine Alternative, nur die Alternativlosigkeit des Mobs, dessen Mittel zwar fragwürdig, dessen Ziele und Mitglieder aber sympathisch und nachvollziehbar sind. 

So bleibt für das Publikum am Ende nur die Einsicht, dass Gewalt geil ist. Auge um Auge, Innerei um Innerei, das ist ein Konzept, das immer noch besser scheint, als darauf zu vertrauen, dass Polizei und Feuerwehr unsere Sicherheit garantieren. Dafür zahlt unsere Gesellschaft zwar womöglich mit ihrer Seele, aber ist ein seelenloses Leben nicht besser als kein Leben? Das ist einfach wahnsinnig dumm und gefährlich.

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