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Wie ein Softwareentwickler von einer Armee K-Pop-Fans terrorisiert wird

"In den letzten Tagen habe ich 11,8 Millionen Accounts geblockt, zum Teil mehrere hundert pro Sekunde", sagt Lino, der so ähnlich heißt wie der K-Pop-Star Lee Know.
14 Juli 2020, 9:54am
Nachrichten an Lino, die seinen Usernamen verlangen, vor einer Collage aus Lee Knows Gesicht. Millionen Fans haben den Softwareentwickler kontaktiert
Bild: Nachrichten an Lino || Hintergrund:Wikimedia | CC BY 3.0 || Bearbeitung: Vice

Wer sich ein kleines bisschen mit K-Pop beschäftigt hat, weiß: Fans dieser Gruppen sprengen alle Dimensionen. Anhänger von Bands wie BTS, Exo oder Big Bang kommen zumeist in die Presse, weil sie aufsehenerregende Kollektivaktionen starten, bei denen sie Koreanisch-Nachhilfe geben oder Spenden für wenig betuchte Fans sammeln. Doch die Macht der Fangemeinde hat auch eine sehr hässliche Seite.

Das weiß Lino, ein 31 Jahre alter Softwareentwickler aus Berlin, nur zu gut. Lino ist ein Twitterpionier: 2007 hat er seinen Vornamen @lino als Nutzernamen registriert, also nur ein Jahr nachdem Twitter online gegangen war. Über ein Jahrzehnt später muss Lino feststellen, dass sein Account unbenutzbar ist. Denn Lino klingt so ähnlich wie Lee Know, der Tänzer der K-Pop-Superstars BTS war und jetzt bei der Gruppe Stray Kids singt und tanzt. Und Lee Knows viele Fans haben sich vorgenommen, den deutschen Lino so lange zu nerven, bis er seinen Nutzernamen aufgibt. Dass sie damit am Ende gar nichts anfangen könnten, weil Twitter keine Handles aus vier Buchstaben mehr erlaubt, geht komplett unter.

Um der Flut an übergriffigen Nachrichten irgendwie Herr zu werden, hat sich Lino kurzerhand einen Bot gebaut, der Millionen K-Pop-Fans automatisch blockiert – und sich damit nur noch mehr ins Gespräch gebracht, bis er in Südkorea sogar zu einem Meme wurde. Im Gespräch mit VICE erzählt Lino, wie es sich anfühlt, Millionen Fans gegen sich aufgewiegelt zu haben, und welchen Segen die Automatisierung für ihn bedeutet.

VICE: Hi Lino, welche ist deine liebste K-Pop-Band?
Lino: Auf diese Frage gibt es nur falsche Antworten! Selbst wenn ich eine hätte: Durch die Rivalitäten im K-Pop sind die Fans der Bands total verfeindet und methodisch radikalisiert. Das weiß ich mittlerweile. Und weil sich dieses Fandom zum größten Teil im Netz abspielt, kannst du wunderbar Leute mobilisieren. An einem Punkt konnte ich diesen Sommer keinen Satz mehr posten, ohne 600 Videos geschickt zu kriegen, und das macht das Medium für mich völlig unbenutzbar.

Wie hat das alles angefangen?
Im Prinzip kenne ich das Theater um meinen Usernamen @lino seit 2015. Eine Zeit lang gab's einen französischen Gangstarapper mit demselben Namen. Damals haben mir seine Fans Bilder mit Waffen geschickt, weil sie meinen Account haben wollten. Aber das waren völlig andere Dimensionen. Der hatte 2.000 Follower und als seine Tour vorüber war, flachte das alles wieder ab.

"Mein Feed sah aus wie ein Glücksspielautomat."

Das Phänomen begleitet dich also seit mehreren Jahren?
Ja, immer mal wieder, seit ich den Account 2007 registriert habe. Nach dem Rapper geriet ich in den Fokus von Fans eines italienischen Schauspielers namens Lino. Den himmeln viele ältere Damen an. Das war aber harmlos: Ich merke immer, wenn der einen neuen Film rausbringt – dann kriege ich plötzlich lauter Filmplakate und Hunderte Fotos von ihm auf Twitter, weil die Leute über ihn reden wollen, aber Twitter nicht so richtig verstehen und mein @-Handle dafür benutzen.

Der Run auf deinen Nutzernamen durch K-Pop-Fans hatte aber nochmal eine ganz andere Dimension. Was ist passiert?
Seit ungefähr 2017 schreiben mir vereinzelt Accounts aus dem K-Pop-Umfeld, dass sie meinen Usernamen haben wollen. Ich habe immer einfach "Nein" geantwortet und dann war's OK. Irgendwann wurde es aber mehr. Erst eine Nachricht am Tag, dann waren es auf einmal zehn. Die Leute sehen, dass ihre Freunde mich deswegen angehauen haben, und lassen auch nicht locker. Manche schreiben mir 200 Nachrichten.

Was gibt es da so für Nachrichten?
"Mein Hund heißt Lino und hat Krebs und hat nur noch zwei Wochen zu leben…". Oder ich sehe einen K-Pop-Fan-Account, der plötzlich behauptet: "Mein verstorbener Bruder heißt Lino, bitte hab ein Herz und gib mir deinen Usernamen." Andere werden ausfallend.

Also hab ich angefangen, das zu blocken. Erst händisch, dann automatisch. Das musste ich tun, wenn ich meinen Account nicht auf den Müll schmeißen will. Es gibt ein Browser-Plugin namens Blockchain, das das erledigt. Mit diesem Plugin kann ich einzelne Nutzer und ihre jeweiligen Follower blockieren. Das erschlägt das Problem ganz gut.

Dein Problem hat das aber offenbar nicht gelöst.
Nein, bei dem K-Pop-Kram ist alles anders, da funktioniert das nicht mehr, weil die Bubble so riesig ist. Das Plugin Blockchain kann nur bis zu 1.000 Follower blockieren, danach macht Twitter dicht. Am Anfang hat es noch geklappt, aber die K-Pop-Blase ist ein total eng zusammenhängendes Netz. Da muss nur einer schreiben: "Hey, wisst ihr noch, der Penner da? Antworte hier, wenn du auch von @lino geblockt wurdest." Und weil die alle eine Riesenreichweite haben, läuft bei mir dann alles heiß.

Was genau heißt das?
Mein Feed sah aus wie ein Glücksspielautomat. Nachrichten flogen rein und verschwanden sofort wieder, alles war durcheinandergewürfelt und ich hab nichts mehr benutzen können.


VICE-Video: Die schwierige Karriere der wohl kontroversesten K-Pop-Band der Welt


Kanntest du Lee Know, um den es geht?
Ich wusste von gar nichts. Ich dachte erst, Lee Know sei von BTS, aber er war wohl nur mal Tänzer dort und singt jetzt in einer Gruppe namens Stray Kids. Das mussten mir Leute erst erklären. Am ersten Juliwochenende ist es schlagartig eskaliert. Dann hab ich mir gesagt: Scheiß drauf, ich rüste jetzt auf.

"Mir ist völlig klar, dass solche Belästigungen vor allem Leuten passieren, die nicht der weiße Tech-Bro-Typ sind, der das Problem einfach mal nebenbei wegskripten kann."

Ich hab dann mit der Twitter-Programmierschnittstelle eine Anwendung gebaut. Jetzt kann ich Infos über die Accounts abrufen und unlimitiert viele Blocks raushauen. In den letzten Tagen habe ich 11,8 Millionen Accounts geblockt, zum Teil mehrere Hundert pro Sekunde.

Das sind schon ganze Staaten, die du da wegblockst.
Ja, mir tut das auch leid. Gerade, wenn die Leute jung sind. Das ist ja der Grund, warum du in so einer Fan-Bubble bist: Anerkennung und positive Feedback-Schleifen. Und wenn dich da einer kritisiert und zum ersten Mal blockt, ist das bestimmt gar nicht so einfach für die Leute. Deswegen diskutieren die jetzt auch noch viel mehr über mich.

Wie hast du deinen Bot gebaut?
Das kann man sich vorstellen wie eine Warteschlange. Und in die kippe ich automatisch User und ihre Follower rein, die mich belästigen. Ich hab das mehrschichtig aufgebaut. Die ersten Kriterien waren: Alle, die den Stray Kids folgen, sollen weg. Das ist aber mühselig, weil die allein schon knapp drei Millionen Follower haben. Parallel suche ich nach Schlagwörtern in meinen Nachrichten und filtere die Nutzer dazu raus.

Zum Beispiel "Can I have username"?
Genau, oder "Oppa". Das ist das koreanische Wort für Onkel. Wenn "Oppa" in einer Nachricht an mich vorkommt, das Wort "Block" oder die Anrede "Sir": tschüss.

Klappt das?
Erstaunlich gut. Mir ist aber völlig klar, dass solche Belästigungen vor allem Leuten passieren, die nicht der weiße Tech-Bro-Typ sind, der das Problem einfach mal nebenbei wegskripten kann. Für die ist dann Schluss. Die können vier, fünf Wochen lang ihren Account dichtmachen und werden wahrscheinlich auch nie wieder angstfrei ihre Timeline aufmachen. Wenn ich nicht diese Faszination aus persönlichem Interesse hätte, wäre ich auch raus.

Ich glaube immer noch, ein großer Anteil der K-Pop-Fans auf der ganzen Welt ist vernünftig. Aber nicht die Leute, die sich Stans nennen, also eine Mischung aus Stalker und Fan. Damit implizierst du ja in deiner Selbstbezeichnung schon diesen Ultra-Fanatismus, und dann geht die Radikalisierung auch leichter von der Hand. Viele haben auch keine richtigen Online-Identitäten, sondern zusammengewürfelte Nutzernamen. Das ist wie Sifftwitter. Da geht es weniger um Individuen, sondern um ein Schwarmverhalten.

Du bist sogar in Südkorea zum Meme geworden. Konntest du dem Ganzen etwas Lustiges abgewinnen oder war das alles eher aggressiv?
So ziemlich alles war übergriffig, aber teilweise auch richtig witzig. Zum Beispiel haben Leute Dutzende Fake-Accounts mit meinem Profilbild registriert. "realLino01" bis "realLino30" haben mich dann öffentlich vollgelabert und sich beschwert, dass ich ihnen den Usernamen weggehackt habe. Das ist ein bisschen wie eine Choreographie im Stadion – lustig, wenn man das Hirn komplett ausmacht.

Vielleicht ist das auch durch Corona alles so extrem, weil die Leute mehr zu Hause hängen. Ich habe jedenfalls nicht vor, das dauerhaft zu betreiben. Ich veröffentliche die Blocklisten auch nicht. Das ist eher eine temporäre Kunstinstallation, damit ich meine Ruhe habe.

Das heißt, du denkst darüber nach, die Blocklisten bald wieder zu öffnen?
Nee, so bald nicht! Technisch geht das natürlich. Aber dann habe ich die Leute sofort wieder am Hals. Ich weiß, dass es nicht professionell ist, aber mit manchen habe ich auch diskutiert. Die haben kein Recht, meine Lebenszeit zu beanspruchen, weil sie das irgendwie lustig finden. Das ist eine Umgebung, in der du durch das Posten von radikaler Scheiße mehr Feedback bekommst in Form von mehr Likes. Und wenn du Hunderttausende solcher Nachrichten bekommst, ist das schon belastend – egal, wie lustig ich mich jetzt darüber mache. Es gibt Leute, die nehmen es zu Recht sehr persönlich, wenn jemand droht, bei dir zu Hause vorbeizukommen und deine Kinder zu fressen.

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