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Wie andere Online-Dealer von Shiny Flakes' Ende profitieren wollen

Shiny Flakes war ein Superstar unter der Drogenwebshops im Darknet. Mehrere Nachahmer sind aber längst online—der Medienrummel um den einkassierten Marktführer könnte ihnen zugute kommen.
19.3.15
​Bild: Theresa Locker/Motherboard

Das Ende von Shiny Flakes hat ein Vakuum im Online-Drogenhandel geschaffen, das nur eine ​Woche nach der öffentlich bekannt gewordenen Verhaftung des 20-jährigen Betreibers ziemlich viele Menschen versuchen, irgendwie zu füllen.

Auf einem beliebten deutschen Diskussionsforum für kriminelle Aktivitäten, auf dem Shiny Flakes einen Exklusivdeal zur Vermarktung vieler Drogen hatte, hat der Administrator inzwischen das Monopol für das Angebot und die Bewerbung diverser illegaler Drogen wieder freigegeben:

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„Ab sofort ist es Usern wieder erlaubt folgende Dinge anzubieten
​Kokain, Meth, MDMA, XTC, HASCH, LSD, Speed etc
​Also alles, was unter Shiny-flakes Monopol galt.
​​Viel Erfolg."

Mit der Öffnung des Marktes sah sich auch der ein oder andere aufstrebende Dealer inspiriert, sein erfolgreiches Geschäftsmodell zu duplizieren und von den angeblich ja astronomischen Einnahmen eines Internet-Drogenhandels selbst zu profitieren. In China heißt es ja auch: Wer den Meister kopiert, ehrt ihn.

​Das Ende von Shiny Flakes: Der Aufstieg und Fall eines 20-jährigen Online Dealers

Nun ist Shiny Flakes nicht nur für viele Drogenhändler eben eine Art Guru des Online-Geschäfts, sondern auch längst zur Marke geworden. Kein Wunder, dass sich da viele bemüßigt sahen, ein hastig zusammengeschustertes Shopsystem ins Netz zu stellen, um den ein oder anderen verzweifelten Kunden abzugreifen.

Denn wie dieser Thread bei Gute-Frage.net verdeutlicht, gibt es durchaus Nachfrage (wenn auch, wer hätte es gedacht, keine sehr erhellenden Antworten—aber man kann's ja mal versuchen?):

Die Ratgeber-Website für richtig schlaue Leute. Bild: Screenshot Gute-Frage.net

Nun ist der Konkurrenzkampf um die Aufmerksamkeit des Kunden online natürlich viel höher als bei Straßenmärkten, daher müssen sich die potentiellen Händler auch viel mehr beweisen.

Schaut man sich die Übersicht der Shop-Versuche und Aktivitäten rund um Shiny Flakes an, wird zweierlei deutlich: Erstens, der Betreiber ist längst zur Legende geworden. Und zweitens, liebe Trittbrettfahrer: Da geht noch was.

SHINYFLAKES-ALTERNATIVE.TK

Hochseriös: „Ihr Ansprechpartner für blaues Meth—Max Heuwinkler" Bild: Screenshot shinyflakes-alternative.tk (archiviert)

Positiv fällt hier die ansprechende Gestaltung auf (die Fotos hat der Betreiber recht liberal von der ursprünglichen Seite geklaut). Als USP bietet dieser Shop angeblich „blaues Meth" an und führt ansonsten so ziemlich das gleiche Sortiment, wie es Shiny Flakes in seinem Leipziger Zimmer gehamstert hat.

Hat sich der Kunde in spe noch nicht von den Rechtschreibfehlern in der Kopfleiste irritieren lassen, könnte ihn möglicherweise das Impressum mit Standard-Blindtext etwas abschrecken.

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Immerhin: Bei Fragen kann man sich wie bei einem Handyprovider an einen „Ansprechpartner" wenden, der dort in einer kleinen Chatbox mit vollem Vor- und Zunamen seine Dienste anbot. Obwohl recht aggressiv beworben, existiert der Shop Shinyflakes-Alternative.tk nur eine Woche nach dem Ende von Shiny Flakes schon wieder nicht mehr.

Möglicherweise hat eine IT-Eliteeinheit der Polizei von der Möglichkeit zur einfachen Kontaktaufnahme Gebrauch gemacht und sich vertrauensvoll an den Drogenfachverkäufer zwecks einer möglichen Illegalität des Angebots für ein Beratungsgespräch gewandt.

DROGENVERSAND-DEUTSCHLAND.TK

Bild: Screenshot drogenversand-deutschland.tk

Auch diese Seite ist down und stellte somit nur eine weitere enorm kurzlebige Alternative dar; denkbar ist, dass sich die URL als ein klitzekleines bisschen zu offensichtlich erwies.

In die Kategorie der pragmatischen Holzhammer-URLs reiht sich auch die (gleichermaßen abgeschaltete) Domain www.weedshop-deutschland.tk ein. Deskriptiv, auf den Punkt, aber ein wenig mehr Subtilität könnte angesichts der nun erhöhten Aufmerksamkeit durchaus angebracht sein. Fame ist schön, aber nicht von allen Seiten.

DER AGORA-SPAM

Auch unter unserem ​Artikel zum Aufstieg und Fall von Shiny Flakes finden sich einmal mehr herrlich konstruktive Kommentare:

„drogen online kaufen auf shiny flakes ist geschichte wechselt jetzt ins darknet wo ihr einfach und zuverlässig alle drogen speed mdma extacy pillen teile gras hasch kaufen könne. lest unsere anleitung http://… auf Agora findet ihr alle Drogen die es gibt!"

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Aus werbestrategischer Sicht ist diese Anzeige vielleicht etwas übermotiviert. Der Push-Faktor durch die häufige Wiederholung von Worten ist durchaus gegeben (das permanente Einhämmern von Botschaften hat ja schließlich auch bei anderen Produkten funktioniert—man denke an Persil), doch auch wenn manche Kunden branchenbedingt ein gewisses Aufmerksamkeitsdefizit zu Tage legen, reicht es doch, jedes Produkt einmal zu nennen.

Der Duktus kommt leider ebenfalls etwas schlampig daher. Zudem ist die fehlende Interpunktion für die Lesbarkeit der wichtigen Informationen nicht unbedingt förderlich. Eine Anzeige, die schon klingt wie eine Landing Page, schafft weniger Vertrauen als plötzlich auftretende bleierne Müdigkeit angesichts des monotonen Grundrauschens aus Reizwörtern.

Die Darknet-Klassik-Anleitung für Idioten​

Shiny Flakes ist im Internet längst zur Marke geworden. Auf ebenfalls recht zweifelhaft aussehenden Websites, die legale Drogen zum Verkauf anbieten, übertrumpfen sich die Kommentatoren mit Werbung und Links. Darunter befindet sich ein Vimeo- und Dailymotion-Video, das den detaillierten Gebrauch des Marktplatzes Agora wortlos beschreibt. Der Account-Name des Uploaders: ShinyFlakesNews.

Unterlegt von getragen-dramatischer klassischer Klaviermusik browst eine ​unsichtbare Hand minutenlang durch die Kategorien der Website über Produkte wie „250X BLUE MONSTER PILLS" und fügt als netten Kundendienst in der Beschreibung des Videos gleich den Onion-Einladungslink zur Registrierung auf dem Schwarzmarkt ein, mit dessen Händlerwerbungen auch wir unter unseren Artikeln zugespammt werden. Was das Video genau bezwecken soll, ist nicht ganz offensichtlich, aber es entspannt—eine Art Let's Play für Darknet-Schüchterne.

Shiny Flakes-Videokorrespondenten

Abgesehen von der Fernsehberichterstattung über den Bust gibt es auch originäres Internet-Material, das dem Clearnet-Handel ein Denkmal setzt. Auf ​Youtube erzählt zum Beispiel ein junger Reporter in aufgeregtem Ton vor der Kamera topaktuell über den Shiny Flakes-Bust und verlost im Zuge dessen gleich noch einen schicken Vaporizer.

„Allein für diese Operation wurden wieder tausende Euro Steuergeld verschwendet!", schimpft er (ganz ehrlich: Es waren bei über einem Jahr Ermittlungen wohl ein paar Euro mehr). Und, an die Ermittlungsbehörden gewandt: „Weigert euch, diese menschenrechtsverletzenden Gesetze durchzusetzen."

BRINGT IHN ZURÜCK!

Bild: Screenshot change.org

Die vielleicht schönste Form des Aktionismus ist diese rührende ​Petition auf Change.org zur Freilassung von Shiny Flakes—er habe doch niemanden verletzt. Die Petition hat immerhin 116 Unterzeichner, für die benötigten 200 Unterstützer fehlt es also noch etwas an Verve in der Bewegung.

Liegt vielleicht auch an etwas wirren Sätzen wie diesem: „(…) generell ist es an diesem Punkt in jederlei Hinsicht moralisch verwerflich, aufgrund eines "Kapitalverbrechens" einem Mann die Freiheit zu nehmen".

Fragen, die der engagierte Text der Petition aufwirft: Darf man einer Frau die Freiheit nehmen? Was war nochmal ein Kapitalverbrechen? Ergibt sich möglicherweise eine Straffreiheit aus „der Freiheiten beider Parteien, die mit dem als für sich richtig empfinden Denken gehandelt haben, ohne andere Teilnehmer zu gefährden" (sic)?

Und noch viel wichtiger: Wann taucht der erste lizensierte Shiny-Flakes-Merchandising-Shop auf Etsy auf?

Unterdessen wartet der 20-jährige hinter Shiny Flakes in Leipzig in seiner Zelle auf die Anklageerhebung. Wir sind uns sicher, dass er sich derweil auch in der JVA Leipzig seinem kurzen, aber beeindruckenden Ruhm sonnen kann.