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Warum Microsoft dem baden-württembergischen Büslingen Skype abdreht

Wir befinden uns im Jahr 2014 nach Christus. Die ganze Welt ist per Skype vernetzt… Nur ein kleines Dorf am Hochrhein leistet dem Eindringling Videotelefonie Widerstand.

von Theresa Locker
03 Dezember 2014, 9:29am

Sieht doch eigentlich ganz idyllisch aus. Nur mit der Kommunikation hapert es noch ein wenig. Bild: Wikimedia Commons, Prekario | Gemeinfrei. 

Wir befinden uns im Jahr 2014 nach Christus. Die ganze Welt ist per Skype vernetzt… Die ganze Welt? Nein! Ein kleines, von unbeugsamen Deutschen mit Schweizer Dialekt bevölkertes Dorf leistet dem Eindringling Videotelefonie Widerstand.

Laut einer gestrigen Erklärung von Microsoft scheint zumindest ab dem 1.1.2015 eine Skype-freie Zone in der deutschen Enklave Büsingen unumstößlich eingerichtet zu werden. Das zumindest geht aus den gestern aktualisierten Skype-Nutzungsbedingungen hervor:

„Wir haben zudem klargestellt, dass Skype-Produkte nicht für Benutzer in Büsingen und der Region Büsingen verfügbar sind."

Oh je, harte Tatsachen, die der Anbieter da so unter „Absatz 8.4 (Steuer)" klarstellt. Was ist denn da los am Hochrhein?


Ach Büsingen, du strubbeliger Bahnhofspunk unter den langweiligen Dorfgegenden. Bei dir ist aus Prinzip eben immer alles ein bisschen anders:

Du hast eine eigene Zeitzone „aus historischen Gründen" und Wikipedia verrät mir, dass deine Einwohner irgendwie auch sonst die Arschkarte gezogen haben: Deine überwiegend etwas älteren Bürger erhalten ihre Rente in Euro, müssen aber ihre Ausgaben in Schweizer Franken tätigen. Und bei jedem Mettwurst-Einkauf im grenznahen Discounter können sie sich zwar die Mehrwertsteuer erstatten lassen, müssen die Exportware dann aber wieder kurz hinter dem Parkplatz verzollen. Wie unfair ist das denn?

Kein Wunder, dass das für Verwirrung sorgt. Du bist irgendwie nicht deutsch, nicht schweizerisch und brauchst immer eine Extrawurst.

Und so bist du, Büsingen, die einizge Enklave Deutschlands—auf deinem gelben Ortsschild steht, dass du zum Landkreis Konstanz gehörst. Aber du und Konschtanz, wie die Eingeborenen sagen, ihr seid nach einem seltsamen Konfessionssterit vor über 300 Jahren schon lang getrennt.

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Immer eine Extrawurst: Büsingen. Bild: Wikimedia Commons, Ucc | CC0

Du kleine Diva, Büsingen, du hast seit 1967 sogar deinen eigenen Staatsvertrag! Mit dem du zum Beispiel fröhlich ins 700 Meter entfernte deutsche Mutterland herüberwinken kannst. Und dank deiner besonderen Lage hast du auch ein eigenes Nummernschild. Aber, Büsingen, was nützt dir schon der extragünstige Benzinpreis, wenn man von seinen Reisen nicht per Videochat nach Hause telefonieren kann?

Du hast zwei Postleitzahlen und es wird keine deutsche, sondern die Schweizer Mehrwertsteuer erhoben. Nur Banken, Kliniken und Versicherungen sparen dabei. Und dann noch diese Zuständigkeiten: Bauen, Sterben, Heiraten sind deutsche Angelegenheiten, um Drogendelikte kümmern sich wiederum die Schweizer.

Herrje, ist das alles kompliziert. Ich erhebe gar nicht den Anspruch, das alles zu verstehen. Nur eins ist vermutlich noch schlimmer, als ein Büsinger Internetnutzer mit Verwandten im Ausland zu sein: Ein Büsinger Steuerberater zu sein.

Und das dachten sich wohl auch die Zahlenjongleure von Skype, die euch einfach nicht den Mehrwertsteuervorteil genehmigen wollten. Keine Ausnahme, kein Skype. So bleibt dir nur, dich im traurigen Schulterschluss mit deinen Brüdern aus den anderen Sonderverwaltungszonen und Enklaven zu üben: Hallo Melilla, Helgoland, Ceuta, ihr seid nicht allein!

Da die Skype-Website Nutzern in diesen Gebieten die Inanspruchnahme dieser Mehrwertsteuerbefreiung nicht ermöglicht, werden die Produkte in diesen Gebieten nicht angeboten: Athos, Kanarische Inseln, Französische Überseedepartements, Åland-Inseln, Kanalinseln, Helgoland, Büsingen, Ceuta, Melilla, Livigno, Campione d'Italia und der zu Italien gehörende Teil des Luganer Sees.

Um beim gallischen Vergleich zu bleiben, muss sich eure Kommunikation eben ganz wie wie bei Asterix persönlich und rund um ein Lagerfeuer abspielen, um das ihr eng zusammenrückt, während ihr teuer verzolltes Raclette esst. Ist ja auch schön. Bei der Gelegenheit könnt ihr vielleicht euren lokalen Troubardix vom Baum losbinden und eine alte Weise anstimmen lassen—oder Filme streamen, bis das Glasfaserkabel glüht.

Hey Büsingen, du wirst vielleicht nie in den Genuss der wunderbaren Geräuschwelt der Videotelefonie kommen, die für uns alle hier selbstverständlich ist. Aber wir schaffen das, wir überbrücken den Digital Divide, zumindest bis Schaffhausen!

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