Anzeige
Tech

Kinox.to-Betreiber legt überraschend ein Teilgeständnis ab

Nachdem Verteidigung und Staatsanwalt sich auf einen Deal einigten, wurde gestern in Leipzig vorzeitig ein Urteil in einem der größten deutschen Streaming-Prozesse gesprochen.

von Alesia Harrer
15 Dezember 2015, 4:02pm

Bild: Martin Schöler

Der Prozess gegen einen der Betreiber des momentan größten illegalen Streaminganbieters Deutschlands ist gestern spektakulär zu Ende gegangen: Vollkommen überraschend legte Avit O., der als einer der Gründer und Administrator von Kinox.to angeklagt war, ein Teilgeständnis ab.

Avit O., der in Streaming-Kreisen unter dem Namen „Pedro" agierte, einigte sich mit dem Landgericht Leipzig auf einen Deal und wurde zu drei Jahren und vier Monaten Haft verurteilt.

Auf Grund der Komplexität des Verfahrens konzentrierte sich die Staatsanwaltschaft nur auf Os Straftaten gegen das Urheberrecht aus dem Jahr 2010 und 2011, wie ein Sprecher des Landgerichts Motherboard gegenüber erklärte. Im Gegenzug lies Avit O. ein Geständnis von seinem Verteidiger verlesen, was einige der wesentlichen Anklagepunkte bestätigte.

Der 29-jährige Avit O. wurde außerdem für seine Mitarbeit bei dem Vorläufer Kino.to verurteilt sowie aufgrund der Tatsache, dass er nur Stunden nach dem Ende des Portals eine Kopie der Kino.to-Datenbank angefertigte und im Gewand von Kinox.to neu hochgeladen hatte. O. soll weiterhin durch Sabotage die Plattformen von zwei Konkurrenzanbietern lahmgelegt sowie IP-Adressen und Domains manipuliert haben.

Lest hier die ganze Geschichte von „Pedro": Aufstieg und Fall eines Streaming-Millionärs

Noch zu Prozessbeginn hatte Avit O. eisern geschwiegen und nichts deutete für Prozessbeobachter darauf hin, dass eine Aussage zu erwarten sei—gerade weil für Os Arbeit bei Kinox.to ein großes Unterstützernetzwerk nötig gewesen sei. Das Geständnis kam nun so überraschend, dass im Gegensatz zu vorherigen Terminen am Montag keinerlei Pressevertreter im Gericht waren.

„Pedro" war nur die Nummer Drei bei Kinox.to. Als ehemaliger Gründer der Seite hatte er die Leitung schnell an die Selimi-Brüder abgegeben, wie die Nebenklage Motherboard gegenüber erklärte. Im Oktober vergangenen Jahres führten die Ermittler eine Razzia in Lübeck durch, um die zwei Brüder im Alter von damals 21 und 25 Jahren festzunehmen. Beide gelten als äußerst gewaltbereit, sollen Verbindungen zum organisierten Verbrechen haben und sind die Einzigen, die die Seite noch betreiben. Nach ihnen wird weiterhin mit Nachdruck per Haftbefehl gesucht.

Bild: Polizei Sachsen

Avit O. wollte sich während des Verfahrens nicht zu den beiden Brüder äußern. Wie Prozessbeobachter der Nebenklage vermuteten wohl aus Angst.

Die beiden Pflichtverteidiger von Avit. O bemängelten noch vor der Urteilsverkündung, dass Staatsanwaltschaft und Polizei in Gerichtsprozessen zur Piraterie oft keine Ahnung hätten. Diese Kritik richtet sich vor allem gegen die Unterstützung der Ermittler durch den privaten Interessenverband GVU. In der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU) organisieren sich unter anderem namenhafte Filmstudios wie Paramount Pictures oder Warner Bros Pictures. Laut den Anwälten von Avit O. würde sich dieser Verband wie „ein Trojaner in der Justiz" verhalten und Einfluss auf die Arbeit der Staatsanwaltschaft nehmen.

So geht die GVU gegen die Streaming-Anbieter vor

Die GVU sieht diese Vorwürfe gelassen und feierte den Erfolg in einer Pressemitteilung. Der Chef des Verbands, Dr. Matthias Leonardy, ließ es sich nehmen, persönlich in Leipzig vor Ort zu sein. „Der erfolgreiche Abschluss dieses Verfahrens durch Strafurteil zeigt einmal mehr, dass sich der Einsatz von Beharrlichkeit und Knowhow, die für eine fundierte Ermittlungsarbeit gegen Urheberrechts-Internetkriminelle unablässlich ist, durchaus auszahlt", bilanzierte er. Für die GVU ist das Urteil ein bedeutender Erfolg im Kampf gegen das illegale Streaming.

Laut Avit O. sei es ihm nie um Geld gegangen, sondern um technischen Fortschritt. Dennoch muss er eine Vermögensabschöpfung, in Höhe von 20.420 Euro an die Staatskasse über sich ergehen lassen. Ob Avit O. noch mehr Reichtümer vorliegen hat, kann das Gericht nicht abschätzen, wie ein Sprecher Motherboard gegenüber erklärte.

Nichtsdestotrotz ist Kinox.to weiterhin online. Ob das Geständnis zu weiteren Ermittlungserfolgen gegen die Streamer führen wird, ist noch nicht absehbar. Es wird vermutet, dass die beiden Selimi-Brüder weiterhin die Kontrolle über die Seite haben könnten. Sie sind seit inzwischen mindestens 14 Monaten flüchtig, ohne dass die Polizei bisher eine heiße Spur dingfest machen konnte.

Der 29-jährige Avit O, der 14 Monate in Untersuchungshaft saß, konnte das Landgericht zunächst auf freiem Fuß verlassen. Der Haftbefehl gegen ihn wurde aufgehoben. Gegen das Urteil können beide Seite noch Revision einlegen.

In einer ersten Version dieses Textes hieß es, dass O ein „umfängliches Geständnis" abgelegt habe. Tatsächlich zeigt eine Prüfung der verlesenen Erklärung im Vergleich zu den staatsanwaltschaftlichen Anschuldigungen, dass O lediglich ein Teilgeständnis abgelegt habe. Wir bedauern die Ungenauigkeit und haben den Text entsprechend aktualisiert.

Tagged:
Tech
Motherboard
urheberrecht
Leipzig
filme
Kultur
Gericht
motherboard show
Kinox.to
kino.to
GVU
Urteil gegen Streaming-Paten