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Wie eine Himalaya-Gemeinde mit einem künstlichen Gletscher dem Klimawandel trotzt

Wie züchtet man einen Gletscher? Notorischer Wassermangel durch den Klimawandel brachte die Bewohner des Himalaya-Hochgebirges von Ladakh auf eine geniale Idee, die bald die dortige Eiswüste begrünen soll.

von Theresa Locker
04 März 2015, 11:00am

​Die Ice Stupa in ihrer Testversion. Alle Bilder: ​Ice Stupa Project

Die Einwohner von Ladakh haben ein Problem: Das Wetter in der wunderschönen, aber kargen Natur in der nordindischen Himalayawüste ist in den letzten Jahren massiv aus der Balance geraten: „Hier ist es viel zu warm. Wasser ist rar. Und wenn es regnen sollte, bleibt es trocken", erklären sie die Notwendigkeit für ihr kühnes Projekt, mit dem sie dem Klimawandel nun mit ökologischer Ingenieurskunst entgegentreten: Sie züchten sich kurzerhand ihre eigenen Gletscher.

Ladakh ist eine nordindische Gebirgswüste im Himalaya, an deren Hängen Dörfer auf 2700 bis 4000 m Höhe liegen. Im Winter wird es bitterkalt, bis zu minus 50 Grad Celsius. Lebensmittel wachsen in dieser Gegend nur, weil die Menschen gelernt haben, das Wasser aus den höherliegenden Gletscherströmen geschickt durch unzählige Kanäle in Richtung ihrer Dörfer im Hochgebirge zu leiten, wo sie unter anderem Hopfen, Weizen, Himbeeren, Erbsen und Aprikosen anbauen.

Doch inzwischen wird das Wasser gefährlich knapp. Der Grund: Die Gletscher des Himalaya schmelzen durch die steigenden Temperaturen viel zu schnell und den Bewohnern der Hochgebirge drohen Dürren.

Im Frühling, wenn die Felder bewässert werden müssten, rauscht das überschüssige Wasser viel zu schnell in Richtung Tal, ohne benutzt werden zu können. Dort leiden die Menschen unter Springfluten und Überschwemmungen. Mitte September werden inzwischen die Anbauten eingestellt Dann fließt nur noch ein spärliches kleines Bächlein im Winter an den Dörfern vorbei, doch das meiste Wasser verschwindet ungenutzt im Indus. Kurzum: Das landwirtschaftliche Leben ist auch in Ladakh kein Ponyhof.

Die ziemlich geniale, lokale Idee: Künstliche Gletscher können das Wasser im Winter speichern und die Bauern im Frühling versorgen.

Die Gletscher sind eine Idee, die in den späten 90er Jahren vom Ingenieur Chewang Norphel erfunden und schon in Pakistan eingesetzt wurde. Das Problem: Sie sind sehr mühsam zu bauen und wie stellt man sicher, dass das Eis durch April und Mai hält und nicht vorher schon abhaut? Der einheimische Ingenieur Sonam Wangchuk hat sich nach Beratung mit Norphel dafür eine ziemlich geniale Idee aus der Abteilung „Physik für Anfänger" zunutze gemacht:

Weil der Wasserspiegel immer konstant bleibt, sorgt ein System aus Pipelines dafür, dass das Wasser ganz ohne Elektrizität aus den Höhenlagen fließt und unten aus einer angelegten Quelle sprudelt, die wie eine Art Mobilfunkmast in die Höhe ragt. Das Wasser sprudelt ganz allein durch die Schwerkraft heraus und gefriert in der klirrenden Kälte dort sofort zu einer Art Kegel, der in der Form an die heiligen Stupas erinnert, die überall in Südasien verbreiteten Zylinder, die Buddha symbolisieren. Denn je spitzer die Form des Gletschers, so Wangchuks Überlegung, desto schlechter schmilzt das Eis. Eine Teststupa, die Wangchuks Studenten von der SEMCOL-Schule nach vielen Rückschlägen und mit viel Herzblut in bitterkalten Nächten gebaut haben, fror permanent auf die Höhe eines einstöckigen Hauses ein. Die Idee ging auf.

Um die Stupa zu segnen, wurde Seine Heiligkeit Drikung Kyabgon Chetsang Rinpochey eingeladen. Der tibetische Mönch, einer der höchsten Lamas nach dem Dalai Lama, kümmert sich schon seit vielen Jahren mit viel Einsatz um die Umweltprobleme im Hochgebirge und die Begrünung der kalten Wüsten. „Ich hab schon immer gedacht, schade um das schöne, klare Wasser in der Region—vielleicht könnte man einen Damm bauen, was aber sehr schwierig ist. Diese Idee ist natürlich viel besser!", freut er sich im Kampagnenvideo. Der Mönch motivierte einen Trupp Soldaten der indischen Armee dazu, beim Verlegen der Rohre in der steilen Bergregion zu helfen.

Jetzt haben die Ladakhis sich gerade eines weiteren künstlichen Gletscher ​crowdfunden lassen. Der Mönch motivierte einen Trupp Soldaten der indischen Armee dazu, beim Verlegen der Rohre in der steilen Bergregion zu helfen. Den Fortschritt der Ice Stupa kann man im Projektblog live verfolgen, und du kannst natürlich noch etwas dazugeben:

„Es würde mich besonders freuen, wenn du für deine Spende einer etwas ungesunderen Investition entsagst. Also vielleicht etwas gibst, statt das zwölfte Paar Schuhe zu kaufen oder dir einen Europaflug zugunsten einer Busreise sparst…", sagt Herr Wangchuk.

Parallel dazu haben die Bewohner Wasserreservoirs gebaut, um das saubere Wasser nahe den Dörfern auch zu speichern. Über ein Kanalsystem können die Felder der Bewohner im Frühling eins nach dem anderen bewässert werden, ohne dass die Gletscherschmelze zu Dürren führt.

Diesen Winter werden also in Ladakh ein ganzes Feld voller Eishüte in einem Tal entstehen. Damit wollen die Bewohner ihre kalte Wüste begrünen und fruchtbar machen. Mithilfe von Dutzenden Mini-Gletschern und einem ausgeklügelten Kanalsystem können sehr bald schon mehr als vier Quadratkilometer Land erschlossen werden.

Und wenn die Ladakhis schon mal dabei sind, gehen sie auch gleich andere essentiellen Zukunftsprobleme in einem Aufwasch an und bauen eine Hochschule:

Alle Spendenbeträge, die über das konstatierte Ziel des Gletscherbaus hinausgehen, werden in eine Universität im Himalaya investiert, die die einzige Hochschule im Umkreis wäre und spezifische Fachkräfte für die ökologischen Herausforderungen der Bergvölker ausbildet—damit die nächste Generation Ladakhis nicht zu einem Schicksal als Wanderarbeiter in verstopften Städten verdonnert wird, sondern zu Hause in Ruhe sauberes Gletscherwasser trinken kann. 

Titelbild auf der Homepage: Les Haines; ​FlickR / Lizenz: ​CC BY 2.0