Mit dem Legacy-Server verschwindet auch ein Stück WoW-Geschichte für immer
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Mit dem Legacy-Server verschwindet auch ein Stück WoW-Geschichte für immer

Die Betreiber Nostalrius hatten über ein Jahr lang die ursprüngliche World of Warcraft und das dazugehörige Spielerlebnis aufrechterhalten. Trotz Gaming-Protesten mussten sie nun ihren Dienst einstellen.
12.4.16

Letzte Woche hatten die Anwälte von Blizzard Entertainment die Betreiber von Nostalrius dazu aufgefordert, ihren privaten „Legacy"-Server abzuschalten. Auf diesem stellten sie bereits seit dem 28. Februar 2015 ihren Nutzern kostenlos eine World of Warcraft-Version von 2004/2005 zur Verfügung. Zwar wandten sich die Betreiber des Servers auf Change.org mit einer Petition, die über 55.000 Unterschriften sammeln konnte, an Blizzards CEO und Mitbegründer Michael Morhaime, um das Abschalten zu verhindern, doch eine Antwort blieb aus. So wurde der Serverbetrieb am Sonntagabend für immer eingestellt.

Natürlich befand sich Blizzard als Entwickler von World of Warcraft mit dieser Aktion eindeutig im Recht, da das Betreiben von Privatservern sowohl gegen die Endbenutzer-Lizenzvereinbarung (EULA) verstößt als auch Blizzards Rechte am geistigen Eigentum verletzt—zumal die offizielle Version von World of Warcraft noch immer sehr erfolgreich läuft. Die Abschaltung war also rechtlich nur eine Frage der Zeit—deswegen sind viele überrascht, dass Blizzard überhaupt so lange beide Augen zugedrückt hat.

Auf der anderen Seite kann man Blizzard aber trotz des rechtlich unanfechtbaren Vorgehens nicht ganz verzeihen, dass Nostalrius nun auf ewig verschwinden musste. MMOs wie World of Warcraft haben von Natur aus eine sehr hohe stetige Spielerzahl und entwickeln sich stets weiter; man kann also überspitzt sagen, dass Blizzard mit seiner Entscheidung auch ein lebendiges Museum seiner eigenen Geschichte zerstört hat. Die Admins von Nostalrius trugen mit ihrer Arbeit nicht zuletzt dazu bei, das sagenumworbene Erbe von World of Warcraft mittels pixeliger Grafiken und alter Geschichten aktiv weiterleben zu lassen.

Das Zocken auf den Servern von Nostalrius fühlte sich an wie eine kleine Zeitreise zu den Anfängen des Spiels

Denn das WoW das 2004 zum ersten Mal veröffentlicht wurde, ist natürlich ein ganz anderes Spiel als das WoW, das wir heute kennen. Das Zocken auf den Servern von Nostalrius fühlte sich also an wie eine kleine Zeitreise zu den Anfängen des Spiels. Damals legten die Spieler nicht so sehr den Fokus darauf, selbst zum „größten Helden der Welt" zu werden, sondern eher, in einer Gruppe gemeinsame Feinde zu besiegen.

In der WoW-Welt war es damals besonders wichtig, im Spiel Freunde zu finden, und oft entwickelten sich daraus auch Freundschaften im echten Leben. Dass die Server eine geschlossene Einheit darstellten, führte außerdem dazu, dass jeder Spieler sich mit seinem Verhalten während des Spiels erst einen Ruf erarbeiten musste. Wer sich also wie ein egoistischer Idiot verhielt, riskierte damit, am Ende ganz alleine gegen die Murlocs kämpfen zu müssen.

Die Welt an sich war damals tatsächlich einfach anders. Für die neue Version Cataclysm aus dem Jahr 2010 wurden beispielsweise ganze Landstriche geändert und der Schwierigkeitsgrad in den Anfangsgebieten massiv gesenkt. Die Story war noch immer gut und es wurde einem leichter gemacht, Gruppen zu finden, jetzt wo die Mehrheit bereits in die nächsten Erweiterungen gezogen war, doch gleichzeitig ging mit jeder Neuerung auch immer der schrittweise Verlust dessen einher, was WoW einst so einzigartig gemacht hatte.

„Wir glauben, dass [World of Warcraft] damals ganz anders gespielt wurde", teilte Nostalrius' Lead Designer „Daemon" Motherboard per Mail mit. „Der Fokus lag mehr auf der Gemeinschaft und darauf, Freundschaften und manchmal auch Konkurrenz unter den Spielern aufzubauen, auf die man unterwegs traf. Nach fünf Erweiterungen hat sich das Spiel stark verändert, und viele Spieler sehnen sich einfach nach der ursprünglichen Form des Spiels."

Mit jeder neuen Erweiterung verlieren wir ein bisschen mehr die Möglichkeit, das Spiel zu spielen, welches wir ursprünglich gekauft hatten.

Diese ursprüngliche Form, erinnert mich Daemon, war ein „kulturelles Phänomen", das den Charakter Leeroy Jenkins zur Legende werden ließ und mit einer eigenen berühmten Folge von South Park geehrt wurde. Mit seinem Team, das auf 30 freiwillige Mitarbeiter aus der ganzen Welt angewachsen war, hatte Daemon sich der Aufgabe gestellt, das Spiel in dieser Form zu erhalten und nachzubilden, da „Blizzard keinerlei Anstalten machte, dies zu tun."

Wie Daemon sagt, birgt die Erhaltung von MMOs aber ganz spezifische Probleme.

„Heutzutage kann man viele Spiele nur noch online spielen und es gibt regelmäßig Erweiterungen, die neue Inhalte einführen, das Spielerlebnis verbessern und Fehler beheben", so Daemon. „Und doch verlieren wir damit jedes Mal ein bisschen mehr die Möglichkeit, das Spiel zu spielen, das wir ursprünglich gekauft hatten."

Um nachempfinden zu können, was World of Warcraft vor elf Jahren so außergewöhnlich gemacht hat, muss man nicht nur die Original-Version des Spiels laden, sondern auch den Server wieder mit tausenden von Gamern besiedeln. Das ursprüngliche Spiel kann eigentlich nur erhalten werden, wenn es neu geboren wird. Dazu muss man die Wirtschaftssysteme und die Gilden nachbilden, Leute im Trade Chat handeln lassen, die Auktionshäuser und Dungeons wiederbeleben, sich einen Ruf aufbauen und die fieberhaften Wettkämpfe reaktivieren, wer als erster einen Weltboss taggen kann. Alles andere wird dem ursprünglichen WoW nicht gerecht.

Ich bin der Überzeugung, dass es nie wieder solch ein MMO wie World of Warcraft geben wird. Unter anderem weil keine noch so geniale Nachbildung das Staunen und die Begeisterung hervorrufen kann, die wir damals empfunden haben, als das Internet und diese Art von Spielen eine Neuheit waren. Nostalrius aber war diesem nostalgischen Gefühl schon ziemlich nah gekommen.

Zu dem Zeitpunkt, als die Anwälte von Blizzard ihr Schreiben abschickten, gab es 800.000 angelegte Accounts auf dem Server, und die Betreiber konnten regelmäßig bis zu 10.000 Gamer gleichzeitig verzeichnen. Fünfzig Freiwillige leiteten dabei die Spiele und halfen, Probleme im Spiel zu lösen und Quälgeister wie beispielsweise Gold-Verkäufer fernzuhalten. Die Showrunner hielten sich im Grunde an die gleichen Patch-Zeitpläne wie Blizzard und führten nur wenige strukturelle Veränderungen ein.

„Es war eigentlich genau so wie Vanilla World of Warcraft damals gespielt wurde, mit einigen kleinen Anpassungen, die wir aufgrund der Höhe unserer Teilnehmerzahl vornehmen mussten", so Daemon. „Wir schätzen, dass wir fünf bis sechs Mal mehr Online-Spieler hatten als damals ein einziges offizielles Reich."

Einem Großteil der Gamer wird vor allem der Ort fehlen, an dem sie Freundschaften mit Menschen aus aller Welt geschlossen haben.

Nicht nur alte WoW-Hasen waren dabei von Nostalrius fasziniert. Ebenso Spieler der neueren Versionen wurden neugierig und blieben—vor allem, da es, anders als heute, nicht hauptsächlich um den einzelnen Spieler, sondern um Freundschaften und Teambuilding ging.

„Wenn man durch die Kommentare geht, die unsere Spieler hinterlassen haben, nachdem öffentlich wurde, dass wir unseren Server bald schließen müssen, wird klar, dass dem Großteil von ihnen vor allem der Ort fehlen wird, an dem sie Freundschaften mit Menschen aus aller Welt geschlossen haben."

In Daemons Augen hat Nostalrius aber nie eine Konkurrenz für Blizzard dargestellt; es sollte ein Tribut sein, ein parallel existierendes Spiel. Außerdem, so betont er, hat sein Team „mit Nostalrius niemals Gewinne eingenommen." Angebotene Spenden wurden kategorisch abgelehnt. Zudem versuchte niemand aus dem Team, seine Identität zu verheimlichen—der Server wurde von OVH, einem bekannten französischen Unternehmen, bereitgestellt, und als die schriftliche Rechtsordnung eintraf, taten sie alles, um den Forderungen zu genügen. Wenn sich also jemand in dieser Angelegenheit ehrenhaft und korrekt verhalten hat, dann war es Nostalrius.

World of Warcraft ist eines der besten Spiele aller Zeiten, und es kann diesen Status aufrecht erhalten, da Blizzard sich gekonnt den Bedürfnissen einer neuen Epoche angepasst hat, in der viele Spieler einfach weder die notwendige Zeit noch die Lust haben, Stunden in den Aufbau von Freundschaften und einer guten Reputation zu investieren—so wie es vor über einem Jahrzehnt in WoW noch üblich war. So sehr es auch wehtun mag, ist die heutige Version von Wolrd of Warcraft wahrscheinlich einfach das Spiel, das es sein muss.

Trotzdem war das, was Nostalrius erschaffen hatte, ein kleines Wunder. 10.000 Spieler, die gleichzeitig eingeloggt waren, können sich vielleicht nicht mit den Zahlen messen, die World of Warcraft trotz sinkender Spielerzahlen immernoch täglich verzeichnet; aber es ist den Betreibern gelungen, das einstige WoW für einen Moment aufleben zu lassen. Das Ende von Nostalrius ist auch das Ende einer Welt, in der das Internet noch einen Hauch von Magie hatte und die Möglichkeit, mit Leuten aus aller Welt zu reden und zu spielen, was Zigtausende von Spielern faszinierte. Blizzard hat mit seiner Entscheidung einen bedeutenden Teil seiner eigenen Geschichte ausgelöscht. Und da bisher kein anderer privater Server die Nachbildung des Original-WoW so selbstlos und gekonnt umsetzen konnte wie Nostalrius, schmerzt sein Ende die Fans umso mehr.

Die gesamte Gaming-Welt trauert.