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Wie die moderne Physik beweisen will, dass wir in einem Multiversum leben

In physikalischen Theoriegebäuden leben unendlich viele Doppelgänger von uns in unendlich vielen gleichen Universen.

von Christine Kewitz
09 September 2015, 8:38am

Bild: pixabay, geralt | Public Domain

Wie oft hast du das Gefühl, dein Gegenüber scheint gerade in einer völlig anderen Welt zu weilen als du? Jeder kennt diese Situationen, wenn Freund, Bruder, Mutter oder die Frau in der Supermarkschlange mit dem vollen Einkaufswagen kurz wegdriften und nicht mehr ansprechbar sind. Wo befinden sich die Menschen in solchen Momenten?

Der salopp dahin gesagte Satz „der ist in einer anderen Welt" scheint gar nicht so fern der Wahrheit zu sein, denn multiple Universen sind in der Physik schon lange keine Unbekannten mehr. Es gibt zahlreiche Theorien, die darauf hinauslaufen, dass wir in einem Multiversum leben, einem Universum mit einer Vielzahl von Parallelwelten. Dabei existieren scheinbar Universen, die exakte Abbildungen des unseren sind, während andere nichts mit dem unseren gemein haben.

Diese Welten sind jedoch nicht unbedingt um die nächste Sternenecke gelegen, sondern wahrscheinlich viele Lichtjahre entfernt—und dort leben womöglich sogar unendlich viele Doppelgänger von uns persönlich. Der theoretische Physiker und Kosmologe Alexander Vilenkin schätzt die Distanz zu unserem nächsten Doppelgänger auf unvorstellbare '10 hoch 10 hoch 100' Lichtjahre und schreibt in seinem Buch „Kosmische Doppelgänger" von der permanenten Entstehung neuer Universen. Er ist überzeugt, dass wir uns deshalb auch von unserem Konzept der Einzigartigkeit des menschlichen Lebens verabschieden müssen.

Sah so die Entstehung des Universums aus? Bild: pixabay, geralt | Public Domain

Doch wie kommen die Wissenschaftler auf solche Annahmen? Eine Begründung findet sich in der Theorie über die Entstehung des Universums. Nach dem Urknall (wir gehen davon aus, dass es ihn gegeben hat), in dem Zeit, Raum und Materie aus der ursprünglichen Singularität entstanden, ergab sich eine Expansionsbewegung, die bis heute noch anhält. Dabei handelt es sich um die kosmische Inflation (Inflationstheorie), welche besagt, dass sich das Universum direkt nach dem Big Bang extrem schnell und stark aufgebläht hat. Deswegen sieht es in allen Richtungen fast gleich aus und die Beschaffenheit der Materie, wie auch die Temperatur ist überall nahezu homogen.

Die älteste je entdeckte Galaxie stellt die Entstehung des Universums auf den Kopf

Der Urknall als Doppelgängerexplosion

Allerdings ist es überaus wahrscheinlich, dass diese Inflation nie aufgehört hat und ewig anhalten wird. Während er sich also ausdehnt, bilden sich in diesem Raum (dem Universum) mit einem sich ständig weiter aufblähenden Energiefeld permanent kleine Bläschen. Diese unendliche Anzahl von Blasen sind nun wiederum eigenständige Urknalle—mit sich ebenfalls ausdehnenden, eigenen Universen unendlicher Anzahl—welche entweder komplett anders beschaffen sind und völlig fremdartige Naturgesetze beherbergen oder andererseits unserem eigenen sehr ähnlich sein können.

Die Theorie, warum es gleiche Universen und sogar Doppelgänger von uns geben soll, stützt sich darauf, dass es zwar eine unendliche Anzahl von Universen gibt, jedoch gleichzeitig nur eine endliche Anzahl möglicher Zustände, die Atome und Elementarteilchen annehmen können.

Die Variationen sind also begrenzt und die Wahrscheinlichkeit, Wesen in Millionen Lichtjahre entfernten Paralleluniversen anzutreffen, die in ihrer Zusammensetzung bis auf den letzten Spucketropfen und die letzte Wimper Peter, Jürgen oder Sophie gleichen, ist dabei eine konsequente Schlussfolgerung.

Verstrahlte Vielfalt nach der String Theorie

Die Stringtheorie hingegen besagt, dass es weder Teilchen, noch Materie gibt und alles nur aus einer Art Strahlung besteht, die in einer bestimmten Frequenz schwingt. Diese Strahlung umfasst sogenannte Strings, eindimensionale Fäden, die anschaulich vergleichbar mit Wärmestrahlung oder Licht sind.

Abstrakte Darstellung der Stringtheorie. Bild: flickr, Bridget Coila | CC BY-SA 2.0

Die Stringtheorie erklärt zwar viele Phänomene wie die Gravitation, den Elektromagnetismus oder die Atomkraft, welche der Physik bisher Rätsel aufgaben, konnte bisher jedoch leider noch nicht bewiesen werden. Sollte sie jedoch wirklich Realität sein, gäbe es ganze zehn oder elf Dimensionen, die parallel zu unserer scheinbaren Wirklichkeit existieren.

Wie allgemein bekannt, nehmen wir armseligen Menschenkinder jedoch nur gerade einmal vier Dimensionen wahr: die räumlichen Höhe, Breite, Tiefe und die Zeit. Wo verstecken sich also die restlichen sechs bis sieben Wahrheiten? Möglicherweise sind sie so stark komprimiert, dass sie sich unserer Wahrnehmung entziehen und verstecken sich in unseren altbekannten Zeit- und Räumlichkeiten.

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Das (zusätzlich) Spannende an der Stringtheorie ist, dass es nahezu unendlich viele Möglichkeiten gibt, in welcher Form die Zusatzdimensionen versteckt bzw. komprimiert sein könnten. Und jede Variante resultiert ebenfalls wieder in einem Universum mit ganz unterschiedlichen physikalischen Gesetzen, wie beispielsweise unterschiedlichen Masseverhältnissen bei Elektronen oder unterschiedlichen Gravitationskonstanten.

Angenommen, diese Theorie stimmt, in welcher Universumsvariante fristen wir dann eigentlich selbst unser mittelmäßig harmonisches Dasein?

Unschärfe mit Heisenberg

Vielleicht liegt ein weiter Weg zu einer Antwort in der Heisenbergschen Unschärferelation, welcher zufolge Dinge erst dann entstehen, wenn wir ihnen Aufmerksamkeit schenken und sie ansonsten in einer sogenannten Unschärfe verweilen oder schlicht nicht existent ist. Diese von Werner Heisenberg bereits 1927 vorgenommene Gleichung ist eine quantenphysikalische Annahme und besagt, dass die Wellen bzw. Strings sobald wir uns ihnen zuwenden, sie betrachten oder messen sich plötzlich wie Teilchen verhalten.

Alles jenseits deines Blickwinkels liegt in der Unschärfe. Bild: Wikipedia, Thierry Dugnolle | Public Domain

In Folge dieser Annahme nehmen die Dinge also erst dann in dem jeweiligen Universum Gestalt an, sobald sie dort beobachtet werden. Nehmen wir eine Handlung vor, entsteht wiederum ein neues Universum oder eben eine weitere Variation des unsrigen. Es bedeutet aber auch, dass permanent neue Universen entstehen und wieder vergehen.

Die Kunst der Quantenphysik—erklärt mit einem Kung-Fu-Move

Die von der Inflations- und der Stringtheorie prophezeiten Universen existieren übrigens in ein und demselben physikalischen Raum und können kollidieren oder sich überschneiden. Gewissermaßen wäre es sogar schön, wenn sie zusammenstoßen und dabei charakteristische Merkmale (wie bei Matrix) hinterlassen, die wir daraufhin entdecken und untersuchen können.

Obwohl wir wohl niemals soweit reisen oder gucken werden, um unseren galaktischen Doppelgänger zu finden und die Frage noch lange nicht geklärt ist, in welcher Dimension der Stringtheorie wir gerade herumwabern, sind diese spektakulären Theorien mehr als pure Spinnerei. Wissenschaftler auf der ganzen Welt sind überzeugt von der Richtigkeit dieser Annahmen, da die Physik mit deutlichem Fingerzeig in die multiuniverselle Welt deutet—in jedem Fall ist die Welt nicht nur schlicht so, wie wir sie wahrzunehmen scheinen.

Stellt sich nur noch die Frage, in welchem Universum nun eigentlich Schrödingers Katze lebt.

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