Nach der Revolution: Raven in Kiews Industriebrachen
Tech

Nach der Revolution: Raven in Kiews Industriebrachen

Früher wollte sie weg, jetzt bleibt die ukrainische Jugend in Kiew und kämpft mit Techno weiter.
14.4.16

Die Sonne geht sanft über Kiews schroffem Stadtbild mit seinen düsteren Hochhäusern auf. Ich sitze mit meinem neuen Freund Roma auf einer halbfertigen Brücke über den Fluss Dnepr und blicke auf die Stadt. Die Nacht neigte sich dem Ende zu und wir hatten beschlossen nach dem Besuch beim CXEMA, dem führenden Underground-Techno-Rave der ukrainischen Hauptstadt, noch einen Spaziergang zu machen. Roma ist Teil der CXEMA-Crew. Zu ihrer ersten Party im Jahr 2014 kamen nur 100 Leute. Dieses Mal waren es 1000. Ich frage ihn, warum die Brücke, die schon Jahrzehnte alt sein mag, noch immer nicht fertiggestellt ist. Romas Antwort ist einfach: „Das ist die Ukraine."

Acht Stunden zuvor, zu Beginn der Nacht: Ich steige über stillgelegte Bahngleise am Rande des Bezirks Podil und werde vom massiven Dröhnen der aufstrebenden Techno-Pioniere Kiews angezogen. Frühere CXEMA-Raves fanden in einem leeren Bürogebäude, in einem Skatepark unter einer Brücke oder in stillgelegten Fabriken statt. Der heutige steigt im dritten und vierten Stock einer ehemaligen Schiffswerft.

Beim Betreten des Gebäudes erwartet mich eine recht passende Szenerie. Die harten elektronischen Soundscapes der ukrainischen DJs Voin Oruwu, Wulffius und des CXEMA-Residents Borys sind eine wahrscheinlich unabsichtliche, aber trotzdem passende Hommage an den ehemaligen Glanz der Location, an die Klänge und die Rhythmen der Arbeiter und ihrer Maschinen, die einst dort liefen.

Alle Fotos von Hunter Charlton

Bei CXEMA geht es zum Teil vermutlich auch darum, industrielle Orte zurückzuerobern. In einem Land, das von einem langanhaltenden ökonomischen Niedergang befallen ist, ergibt es Sinn, dass sich die Jugend für Antworten der produktiven industriellen Vergangenheit zuwendet. Aber CXEMA ist nicht nostalgisch, sondern vorwärtsdenkend. Es ist aus den politischen Unruhen von 2014 entstanden, die zu einer weitgehenden Stilllegung des Nachtlebens von Kiew führten. Der Gründer von CXEMA, Slava Lepsheev, erzählt mir, dass „die Nächte jetzt sogar noch besser sind als vor der Revolution. Durch das, was die jungen Leute tun, ändern sich die Dinge."

Slava legt seit 15 Jahren in der Ukraine auf. Er musste mitansehen, wie das Nachtleben durch die Revolution beinahe verschwand. Es gab keinen Ort zum Party machen mehr in Kiew. Sperrstunden seitens der Regierung und das offensichtliche Misstrauen, das die Behörden großen Gruppen junger Leute entgegenbrachten, erschwerten es der aufstrebenden Clubszene, eine regelmäßigen Rahmen für Raves zu finden. Aber junge Leute wollen immer Party machen, vielleicht noch mehr in Zeiten von Instabilität und einer unsicheren Zukunft. Deswegen erschuf Slava CXEMA.

Um die bürokratischen Hürden auszuhebeln, findet CXEMA jedes Mal in einer anderen Location abseits des Zentrums von Kiew statt. Dies umgeht auch die unerwünschte Aufmerksamkeit seitens der Drogenpolizei, die bekannt dafür ist, Nachtclubs im Zentrum der Stadt stillzulegen.

CXEMA hat mittlerweile an Bekanntheit gewonnen, doch wie Slava sagt, „geht es nicht darum, Geld zu verdienen." Wichtig sei, dass Kiews ungestüme und moderne Jugend zusammenkommt, um sich ausdrücken zu können. Sie finden in der Musik, in der 90er-Sportkleidung und den Pelzmänteln, die sie tragen, eine neue Identität.

Der Euromaidan-Aufstand von 2014, bei dem über hundert Leute starben, als sie gegen die Regierung protestierten, spielt bei der Gestaltung von Kiews post-revolutionärer Identität ebenfalls eine Rolle. Einige Leute der CXEMA-Crew waren Teil des Euromaidans, auch einer der Organisatoren, Nazariy, der mir von den Auswirkungen erzählt, die dies auf die Jugendkultur hatte. „Der Euromaidan brachte Leute zusammen und erschuf eine Gemeinschaft, doch als es vorbei war, wollten wir diese aufrecht erhalten. Darum geht es bei CXEMA. Der Rave ist politisch, auch wenn Leute es selbst nicht realisieren. Es geht um die Gemeinschaft."

Im Laufe der Nacht spreche ich im Raucherbereich mit einer Menge von Kiews jungen Ravern. Es gibt viele gegensätzliche Meinungen bezüglich der ihrer Situation in der Ukraine und was in dieser Hinsicht unternommen werden kann. Was die Raver bei CXEMA jedoch gemeinsam haben, ist, dass sie momentan nirgendwo anders als in Kiew sein wollen.

Einige Leute von CXEMA sagen mir, dass sie vor 2014 in andere europäische Städte ziehen wollten. Aber trotz allem, was gerade in ihrem Land abgeht—ein Krieg im Osten der Ukraine, eine kollabierende Währung und politische Korruption—wollen sie in der Hauptstadt bleiben und Teil der aufstrebenden Jugendkultur sein, die CXEMA erschafft.

Bei CXEMA geht es natürlich auch darum, wirklich gute Techno-Musik zu präsentieren. Igor Glushko, einer der Residents der Party-Reihe, erzählt mir: „In der Ukraine sagen einige, dass die Leute Techno mögen, weil es eine Form von Eskapismus ist; ich denke, dass es einfach die praktischste Musik zum Tanzen ist. Das kannst du bei CXEMA sehen, das Publikum ist immer sehr empfänglich und enthusiastisch." Igor ist auch Teil von Rhythm Büro, einer Veranstaltung in Kiew, die mittlerweile internationale Künstler wie Steve Bicknell anzieht, der auf ihrer letzten Party im März gespielt hat.

Die DJs, die bei CXEMA spielen, stammen beinahe ausschließlich aus Kiew. Durch ihre Erfolge hat sich CXEMA auch in Sachen Produktion verbessert. Als ich den Hauptraum betrete, sehe ich an der Decke eine intensive Lichtshow, die zusammen mit den einheimischen Technoklängen und dem umfunktionierten Industriekomplex die Art von Rave-Erlebnis erschafft, das man von Kiews fortschrittlichster Nacht erwartet.

Am Montagabend nach der Veranstaltung nimmt mich die CXEMA-Crew mit zur Bestandsaufnahme in eine Kellerbar, welche ein Freund betreibt. Sie machen Witze darüber, dass sie jetzt an einem Ort trinken können, der keinem Oligarchen gehört. Sie sagen mir, dass es bei CXEMA und bei dem, was junge Leute in Kiew sonst so zur Zeit machen, auch darum geht, eine DIY-Kultur zu erschaffen. Noch bis tief in die Nacht hinein schwärmen sie von anderen Veranstaltungen, die in der Stadt organisiert werden, der wachsenden Wichtigkeit von Mode und visuellen Künsten sowie einem politischen Magazin, das von einem der Mitglieder der CXEMA-Crew gegründet wurde.

Nach der Nacht, die ich ravend bei CXEMA verbracht hatte, als ich über dem Fluss Dnepr saß, konnte ich drei nicht fertiggestellte Brücken sehen. Die, auf der ich saß, nicht mitgezählt. Die Jugend von Kiew ist frustriert von politischer Korruption und von Dingen, die nicht fertiggestellt werden. Letzteres war ein Grund, warum die Demonstranten Präsident Janukowytsch damals aus dem Amt gedrängt haben.

Roma sagt mir, dass er am Euromaidan teilnahm, weil es etwas Hoffnung gab. Er hat das Gefühl, dass sich nicht viel verändert hat. Aber anstatt darauf zu warten, dass Brücken fertiggestellt werden, baut Kiews Jugend jetzt ihre eigenen. Mithilfe von CXEMA, die eine Gemeinschaft aus Leuten erschafft, die Techno und Mode lieben, Party machen und die vergessenen Orte ihrer Stadt zurückerobern.

**

Folgt THUMP auf Facebook und Twitter.