Sex

Wie Sex-Bilder von mir und meinem Freund bei meinem Vater und der Polizei gelandet sind

"Meine Eltern haben gesagt, dass es nur eine Kamera gibt. Das war falsch. Da war noch eine zweite" – Ein anonymes Geständnis.

Anonym

Symbolfoto: imago | Pete Maclaine | bearbeitet

An meinem 31. Geburtstag bin ich mit meinem Freund in die Ferienhütte meiner Eltern gefahren. Sie liegt mitten im Wald, mitten im Nirgendwo. Rundherum nur Bäume, Gräser, Viecher, der nächste Nachbar wohnt einige Kilometer weit weg. Als ich Kind war, habe ich oft mit meiner Familie hier Urlaub gemacht – und jetzt bin ich mit meinem Freund wiedergekommen. Ein paar Tage Zeit für uns, für Sex, für gutes Essen, so unser Plan. Was will man hier auch sonst machen?

Als wir ankamen, haben wir erstmal die Überwachungskamera in der Hütte ausgemacht – mein Vater hatte mir noch gesagt, dass die den Eingangsbereich filmt und an einem Regal gegenüber von der Haustür angebracht ist. Die Kamera soll Einbrecher überführen, so sein Gedanke. Es war kein Problem, das Ding manuell zu entfernen, es war keine High-Tech-Kamera, sondern ein Basic-Teil, wie man es auch im Discounter bei den Sonderangeboten findet. Die Kamera filmt auch nicht durchgängig, sondern schießt alle paar Sekunden ein Bild, hatte mir mein Vater erklärt.

Weil es noch richtig heiß war, sind wir die ganze Zeit nackt rumgelaufen. Wir haben nackt gekocht, sind nackt durch die Hütte gerannt und saßen nackt in der Sonne. Am Nachmittag haben wir uns vor die Hütte gelegt, ich weiß noch, dass mir alles irgendwie wild und fruchtbar vorkam, ein bisschen wie auf einem anderen Planeten: der Wald, die Gräser, die Insekten auf meiner Haut. In dieser Atmosphäre fingen wir an rumzumachen. Es hat nicht lange gedauert, bis ich meinem Freund einen geblasen habe. Danach hatten wir Sex auf der Lichtung, später haben wir drinnen weitergemacht. An den nächsten beiden Tagen verliefen unsere Tage ähnlich, mit Essen und Sex.


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Als wir weg waren, kam mir immer wieder der unangenehme Gedanke, dass bestimmt doch noch irgendwo ein benutztes Kondom von uns rumliegt – so einen Willkommensgruß wollte ich meinen Eltern für ihren nächsten Urlaub auf keinen Fall hinterlassen. Weil ich es jetzt ohnehin nicht mehr kontrollieren konnte, schob ich den Gedanken beiseite.

Ein Kondom haben meine Eltern nicht in der Hütte gefunden, dafür aber etwas anderes. Einige Wochen nach dem Kurztrip wollte mein Vater wissen, wie es denn war in Oberitalien. Ich sagte so was in der Richtung: "Wir hatten eine gute Zeit." Das könne er sich denken, sagte er und grinste. "Der Polizei liegen jetzt übrigens die Kameraaufnahmen vor", meinte er dann unvermittelt und erklärte: "In die Hütte wurde eingebrochen."

MOMENT. Kamera? Hä? Die hatten wir doch abmontiert. "Ja, die drinnen schon", sagte mein Vater. "Aber nicht die im Wald." Oh. Mein. Gott. Ich konnte nicht glauben, was er da sagte. Wahrscheinlich hatte er nicht damit gerechnet, dass seine Tochter auch vor dem Haus freizügig unterwegs ist. Wo genau die Kamera war, habe ich meinen Vater nicht gefragt. Ich habe das Gespräch dann schnell beendet. Ich wollte gar nicht wissen, was er wie detailliert gesehen hat. Wir sind den unausgesprochenen Pakt eingegangen, die Kamera-Geschichte nicht weiter zu erwähnen. Was ich aus unserem ersten und einzigen Gespräch weiß: Kurz nach unserem Wochenende wurde in die Hütte eingebrochen. Mein Vater hatte das beim nächsten Urlaub bemerkt und die Kameraaufnahmen an die örtliche Polizei übergeben. Die wunderte sich dann über die zwei Menschen, die in der Sonne Sex hatten und offenbar nicht meine Eltern waren, und befragten meinen Vater dazu. Mehr will ich auch nicht wissen.

Laut einer britischen Studie von 2014 haben übrigens 21 Prozent aller Briten unter 40 Sex vor der Kamera – ein Fünftel. Im Netz haben sich schon 15 Prozent nackt gemacht – und fast doppelt so viele, rund 30 Prozent, haben schon mal ein Nacktbild von sich geschossen. Wie viele die Filme und Fotos bereuen, danach fragte die Studie nicht.

Ob die Polizei nun ein Sex-Daumenkino von mir und meinem Freund hat? Hoffentlich nicht. Ob die Aufnahmen irgendwann im Netz landen? Ich vertraue auf die Moral der Polizisten. Zwischendurch kommen mir immer wieder kleinere Horrorgedanken: Macht die Kamera auch Soundaufnahmen?

Mittlerweile versuche ich, mir zu denken: Warum sollte ich mich schämen? Meine Eltern werden ja nicht denken, dass ich mit meinem Freund in ihrer Hütte nur Händchen halten wollte. Die Münchner Sexualtherapeutin Heike Melzer gibt mir da Recht: "Sexualität ist etwas Exklusives, das man nicht nach außen trägt", sagt sie. "Wenn nun der Vater mit den Sexbildern seiner Tochter konfrontiert ist, wird dieser Exklusivitätspakt verletzt. Natürlich ist die ganze Situation extrem schambehaftet." Und wie damit umgehen? "Am Ende muss man es pragmatisch sehen: Shit happens, lesson learned", sagt sie.

Ich würde mit meinem Freund auch wieder auf die Hütte fahren. Den Sex würde ich aber dann nach drinnen verlegen.

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