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Die amerikanische Scheinheiligkeit in der Diskussion um Colin Kaepernicks Protest

Die Vereinigten Staaten sprechen über den Sitzprotest von NFL-Quarterback Colin Kaepernick während der Nationalhymne. Unser amerikanischer Kollege erklärt die amerikanische Scheinheiligkeit bei diesem Thema.

von Sean Newell
30 August 2016, 1:19pm

Sean Newell ist US-Amerikaner und Redakteur für VICE Sports. Er analysiert die harte Kritik an dem NFL-Quarterback Colin Kaepernick, der in einem Vorbereitungsspiel bei der Nationalhymne sitzen blieb. Er wollte damit gegen die Polizeigewalt gegen Afroamerikaner protestieren.

Manchmal fühlt es sich an, als ob Patriotismus von organisierter Religion ersetzt wurde—mit dem Zweck der Steuerung und Beeinflussung der Öffentlichkeit. Die Tugend der verschiedenen Arme der amerikanischen Stärke—sportlich, wirtschaftlich, diplomatisch, militärisch, usw.—wird als etwas vorgelegt, das vollständig angenommen werden soll. Ohne genaue Untersuchung soll es wie die eine Wahrheit präsentiert werden, an die alle Amerikaner glauben müssen, weil sie ansonsten nicht an die Tugenden von Amerika im Ganzen glauben. Dass etwas Abstraktes wie ein „Land" unfehlbar sein kann—vor allem ein Land, das auf einem Verrat basiert—, ist schon eine sehr wackelige Prämisse. Und trotzdem glauben die US-Amerikaner daran. Sie glauben so stark daran, dass die Menschen ihren verdammten Verstand verloren haben, weil ein Footballspieler sich dazu entschied sich nicht während der Nationalhymne vor einem NFL-Vorbereitungsspiel hinzustellen.

Es geht um Quarterback Colin Kaepernick von den San Francisco 49ers, der seinen stillen Prostest damit begründete, dass er keinen Stolz für die Flagge eines Landes demonstrieren will, „das schwarze und farbige Menschen unterdrückt." Kaepernick bezog sich mit dem Protest auf die lange Liste der schwarzen Männer, Frauen und Kinder, die von Polizisten getötet wurden und auf den institutionellen Rassismus, der dies immer wieder und mit wenig Konsequenz ermöglicht. Kaepernick entschied sich also während der amerikanischen Nationalhymne nur zu sitzen, bevor die 49ers gegen die Green Bay Packers am Freitagabend in der NFL-Preseason gegeneinander spielten. Die Reaktionen kamen schnell und waren vorhersehbar. Die mildesten Kritiken—diejenigen, die nicht einfach auf einen reflexartigen Rassismus zurückgriffen—forderten, dass Kaepernick doch etwas sinnvolles tun sollte mit seinem Geld, seiner Zeit oder beidem, statt den einfachen Weg zu gehen, indem er einen Ein-Mann-Protest inszeniert. Handle, war das Argument. Mach nicht nur so eine leere Geste.

Die Ironie hinter einer solchen Behauptung haben die Kritiker leider nicht verstanden. In einem Land, das sich selbst für die Stärke und Gerechtigkeit der eigenen Institutionen und die Grundlage der Freiheiten rühmt, haben es die Bürger sicherlich schwer zu verarbeiten, wenn eine Bürgerbewegung die Polizei kritisiert, oder eben ein Quarterback auf einer Bank sitzt, während jemand ein Lied singt.

Wie kommt es dazu? Es ist Rassismus. Es gibt diese spezielle amerikanische Faszination für die Staatsgewalt. Aber es ist ein weiteres Element im Spiel. Sportligen haben sich von der Bequemlichkeit ergreifen lassen sich Patriotismus auszutragen: Riesige, Footballfeld-große amerikanische Flaggen gab es schon lang bevor das US-Außenministerium begann, Millionen Dollar an NFL-Teams zu zahlen, damit die ihre Werbung in den Stadien schalten können. Army Rangers landen mit Fallschirmen im Yankee-Stadion. Alle Arten von Flugzeugen flogen schon im ganzen Land über Stadien. College-Basketball-Spiele wurden auf Flugzeugträgern gespielt. Sport und Militär wurde Geschäftspartner—und die Fans haben es einfach gefressen.

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Wenn man den Diskurs zu diesen Themen beobachtet, würde man nicht glauben, dass es möglich ist, ein komplexes Thema zu beleuchten und eine differenzierte Meinung zu haben. Zum Beispiel: Es ist möglich, die Polizei zu unterstützen und anzuerkennen, welches Risiko diese Männer und Frauen im Dienst für ihre Gemeinden in Kauf nehmen, obwohl man mit der stetigen Militarisierung dieser Polizeiabteilungen in den USA nicht einverstanden ist, deren Handeln hinterfragt und man sich im Klaren ist, dass es einen ernsten und berechtigten Mangel an Vertrauen zwischen der Polizei und manchen Minderheiten gibt. Das ist nicht nur glaubwürdig, sondern auch besser als die Mentalität: Du bist entweder für uns oder gegen uns.

Eigentlich ist es nicht schwer zu verstehen, dass man in solch klaren Schubladen nicht denken sollten. Doch der rechtmäßige, gutartige Protest wie der von Kaepernick wird trotzdem als unpatriotisch gekennzeichnet und deshalb angegriffen. Das gilt vor allem im Football. Kaepernicks alter Trainer von den 49ers, Jim Harbaugh, ist ein gutes Beispiel. Harbaugh, jetzt in Michigan, wurde gebeten, sich zum Protest zu äußern. Der in der Regel zu schnell zu sprechende aber sorgfältig mit seinen Worten umgehende Trainer kam ins Stottern.

Er erklärte, dass „sein Recht anerkennt, das zu tun", aber er respektiere nicht die Motivation oder die Aktion selbst. Er versuchte differenziert zu sein, versuchte das grundlegende amerikanische Recht „anzuerkennen", was nett von ihm war, aber dann...konnte er nicht. Colin Kaepernick hat das Recht um gegen Polizeibrutalität zu protestieren, indem er während der Nationalhymne sitzt, aber er kann nicht einfach so gegen Polizeigewalt protestieren, indem er bei der Nationalhymne sitzt. Das ist das, was Jim Harbaugh sagte—auch nachdem er die Möglichkeit hatte, seine Worte zu überdenken. Die Idee eines achtsamen, zivilen Protests wurde durch ein patriotisches Symbol so tabu, dass sich intelligente Männer in einem Satz direkt widersprechen.

Dies ist ein Symptom eines größeren Problems: Die amerikanische Gesellschaft weiß Nachdenklichkeit nicht zu schätzen, und das findet sich vor allem in der Sportwelt wieder. Natürlich kann man eine durchdachte Antwort auf Kaepernicks Protest nicht steuern. Football-Mann Jim Harbaugh könnte „Colins Motivation unterstützen", aber er will nicht als unpatriotisch gelten. Seine fehlende Unterstützung fasst jeder als eklatante Missachtung von Kaepernick auf. Es ist weit einfacher sich für eine schmackhafte Sache zu entscheiden und den Rest einfach über Bord zu werfen. Du bist entweder mit uns oder gegen uns. In einem solchen Klima, gibt es wenig Raum für diejenigen, die die fatalen Fehler in einer Institution—oder einem Land—über ihr eigenes Wohlergehen setzen. Deshalb hat scheinbar jeder in der Sportwelt das Problem von Kaepernick: Dieser Protest war von Anfang an verloren—wegen dieser weitverbreiteten Unfähigkeit oder dem Unwillen die Gegenposition zu verstehen.


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