Studium

Wir haben Leute mit sinnlos klingenden Abschlüssen gefragt, ob sie ihre Entscheidungen bereuen

Johannes, 29, hat Rasenmanagement studiert und beschäftigt sich mit Gras und Erde: "Ich bekomme so viele Job-Angebote, dass man sich gar nicht bewerben muss."
27.3.17

Angewandte Numismatik, Byzantinische Geschichte, friesische Philologie – jeder weiß, dass Leute mit diesen Studiengängen sehr viel Sex haben. Ist ja auch klar: Was könnte heißer sein als jemand, der sich mit echter Passion echt tief in seine Wissensnische kniet? Eben.

Was aber die wenigsten wissen: Das Berufsleben ist für derart Spezialisierte nicht immer leicht. Es ist für diese Alpha-Studenten nämlich oft schwer, eine Verwendung für die gelernten Fertigkeiten zu finden. Auf den ersten Blick sieht es vielleicht so aus, als könne die Welt nie genug Numismatiker bekommen – aber überraschenderweise ist dem nicht so.

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Tatsächlich braucht sie sehr wenige. Viele der Alpha-Studenten sind deshalb gezwungen, im Marketing oder Online-Journalismus tätig zu werden. Vom Sexsymbol zum Arbeitnehmer: Das schmerzt. Schuld ist natürlich der Kapitalismus, aber die Erkenntnis hilft jetzt konkret auch niemandem weiter. Was aber hilft: drüber reden. Und darum haben wir uns mit einer ganzen Reihe von diesen Menschen getroffen und ihnen einfach mal zugehört.

Clara Oldenburg, 25
Freizeitwissenschaften an der Hochschule Bremen

Foto: mit freundlicher Genehmigung

VICE: Wie reagieren Leute, wenn du ihnen sagst, dass du Freizeitwissenschaften studiert hast?
Clara Oldenburg: Die häufigste Antwort ist: "Das studier ich doch auch!" Bis jetzt habe ich erst vier Menschen getroffen, die den Studiengang kannten. In meinem Auslandssemester in Istanbul haben meine Freunde sogar nach einem halben Jahr nachgefragt: "Aber, was studierst du jetzt eigentlich wirklich?"

Was sind Freizeitwissenschaften denn?
Das Studium deckt den ganzen Bereich rund um Freizeit und Tourismus ab. Man betrachtet also Freizeit im Zusammenhang mit Sozial-, Wirtschafts- und Naturwissenschaften. Anders als die klassischen Tourismus- und Eventmanagement-Studiengänge geht es auch um soziale und pädagogische Aspekte.

Wieso hast du das studiert?
Nach meinem Abitur habe ich ein Jahr im Bwindi-Nationalpark gearbeitet, wo die letzten Berggorillas leben. In dieser Zeit hatte ich zum ersten Mal Kontakt mit dem Thema Entwicklungsförderung. Dabei fragt man sich, wie man die Entwicklung von Gebieten durch Tourismus am besten voranbringt. Und das so nachhaltig wie möglich. Aber alles, was man mit Tourismus studieren kann, war sehr BWL-lastig. Freizeitwissenschaften hat ebendiesen Nachhaltigkeitsaspekt mit drin.

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Würdest du das nochmal studieren?
Ja auf jeden Fall! Die Möglichkeit, im Rahmen des Studiums ein Jahr im Ausland verbringen zu können, war toll und von den Vorlesungen habe ich viel mitnehmen können.

Was machst du jetzt?
Jetzt studiere ich Environmental Governance in Freiburg. Man kann es relativ schlecht auf Deutsch übersetzen. Es ist eine Mischung aus Politik und Umweltwissenschaften. Letztlich bereitet es einen auch auf das spätere Arbeiten in internationalen Organisationen vor, zum Beispiel bei der UN oder auch bei Nachhaltigkeitsabteilungen von Unternehmen.

Johannes Schüchen, 29
Rasenmanagement an der Hochschule Osnabrück

VICE: Wie sehr muss man sich denn für Gras begeistern, um sich drei Jahre lang nur damit zu beschäftigen?
Johannes Schüchen: Ich hatte vor dem Studium schon zehn Jahre Berufserfahrung im Gartenlandschaftsbau gesammelt. Dabei hatte ich zwar mit Rasen zu tun, aber im Landschaftsbau ist es nur ein Randthema. Da ich selbst auch seit Langem Fußball spiele, fand ich das Thema schon immer interessant. Es geht beim Rasenmanagement um mehr, als einfach nur ein bisschen Saat und Dünger hinzuschmeißen, und dann kommt das schon. Das Ziel ist es, einen Rasenplatz zu schaffen, der auch dauerhaft bespielbar und nutzbar ist.

Aber es braucht doch mehr als Leidenschaft für Fußball, um das zu studieren?
Klar. Es geht um das Bild von einem gleichmäßigen Rasen, einer ebenen Fläche, dieses Teppichartige und auch, was man rausholen kann aus so einem Rasen. Das ist faszinierend.

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Studierst du noch?
Ich bin in den letzten Zügen, im sechsten Semester, und arbeite jetzt an meiner Bachelorarbeit. Seit September letzten Jahres arbeite ich schon in der Rasenbranche. Aktuell noch in Teilzeit, damit ich das Studium fertig machen kann. Sobald ich damit fertig bin, bin ich dort beruflich sicher untergekommen.

Ist das normal, dass man schon, bevor das Studium beendet ist, eine Stelle hat?
Ja. Im Ingenieurwesen im Landschaftsbau bekomme ich so viele Job-Angebote, dass ich mich gar nicht bewerben muss. Der Gartenlandschaftsbau und Sportplatzbau boomen. Wenn man mal überlegt, wie viele Sportplätze es gibt und wie viele Zuschauer jede Woche allein in der Bundesliga unterwegs sind, muss es ja jemanden geben, der sich mit Rasen auskennt.

Sind deine Nachbarn eifersüchtig, weil das Gras in deinem Garten wirklich grüner ist?
"Der Schuster hat die schlechtesten Schuhe" ist bei uns so ein bekanntes Stichwort. Was man bei sich zu Hause hat, kann man halt nicht vergleichen mit einem Profirasen, und dadurch, dass man immer unterwegs ist, bleibt der Rasen zu Hause ein bisschen hinten anstehend.

Thomas Feyerabend, 27
Eurythmie an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter bei Bonn

Foto: mit freundlicher Genehmigung

VICE: Was lernt man denn in Eurythmie?
Thomas Feyerabend: Eurythmie ist eine Bewegungskunst mit der Besonderheit, dass sie ganz speziell den Körper, die Seele und den Geist einschließt. Studiert wird deshalb in Kursen und nicht wie gewohnt in Vorlesungen. Es gibt viele Teilbereiche im Studium. Von speziell rhythmischen Kursen bis hin zu zeitgenössischem Tanz und Musiktheorie. Genauso gibt es eine Beschäftigung mit Sprache, und philosophische und pädagogische Seminare, in denen man lernt, wie man mit Kindern und Jugendlichen mit Eurythmie arbeitet.

Hast du dich schon immer für Tanz interessiert?
Nein. Das kam erst nach meinem Abitur, durch das ich als Musiker an einem Projekt teilgenommen habe und dann gefragt wurde, ob ich nicht Lust hätte, auch als Darsteller mitzuarbeiten. Das hatte damals auch gar nichts mit Eurythmie zu tun. Dadurch bin ich dann auf die Arbeit auf der Bühne aufmerksam geworden.

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Es gibt ja dieses Vorurteil, dass Eurythmie einfach "Namen tanzen" sei. Hörst du das oft?
Eigentlich nicht. Denn in dem Moment, in dem mich jemand tanzen gesehen hat, ist das keine Frage mehr. Natürlich gibt es dieses Vorurteil und es trifft auch den Kern der Eurythmie. Denn was Eurythmie noch vor anderen Tanzkünsten auszeichnet, ist, dass wir mit Sprache und Musik arbeiten. Wir arbeiten an einzelnen Lauten oder am Sprachrhythmus oder am Sinn des Satzes. Insofern gibt es sozusagen ein Alphabet, mit dem man dann auch seinen Namen tanzen kann. Wenn man das dann für Leute tut, die das nicht kennen, ist das häufig auch eine sehr berührende Begegnung.

Wo arbeitest du jetzt? 
Zurzeit arbeite ich als Darsteller in einer kleinen Kompanie in Hamburg, dem Eurythmietheater Orval, und bin auf Tournee mit verschiedenen Stücken. Dann arbeite ich noch an Jugendprojekten für internationales Publikum als Organisator und Choreograf.

Hattest du Mühe, Arbeit zu finden, nach dem Studium?
Nein überhaupt nicht. Das liegt auch daran, dass man es als Künstler nicht drauf anlegt, viel Geld zu verdienen.

Bist du noch zufrieden damit, Eurythmie studiert zu haben? 
Absolut, total. Das Studium eröffnet mir, projektweise künstlerisch zu arbeiten. So komme ich sehr herum und arbeite in verschiedenen Kontexten mit interessanten Leuten. Eine eigene Kompanie wäre mein Traum.

Henrik, 37
Holzwirtschaft an der Uni Hamburg

Foto: mit freundlicher Genehmigung

VICE: Warum hast du Holz studiert?
Henrik: Ich habe Tischler gelernt und im Studiengang Holzwirtschaft geht es halt darum, was man aus Holz alles machen kann. Also Papier, Tische, Häuser und alles, was in Richtung von Holzverarbeitung geht.

Würdest du das noch einmal studieren?
Nö. Aber nicht, weil es nicht interessant war, sondern weil ich gemerkt habe, dass, was man damit machen kann, einfach nichts für mich ist.

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Du arbeitest also nicht mehr in der Holzbranche?
Nein, ich bin jetzt Integrationsberater beim Integrationsfachdienst. Wenn jemand eine schwere Behinderung hat und einen Beruf ausübt, kann er sich bei uns melden, wenn es Probleme gibt. Mit meinem Studium hat das nichts mehr zu tun.

Wie kam das?
Als ich mein Studium beendet habe, wollte ich in Hamburg bleiben und habe deshalb meine Doktorarbeit angefangen. Nach zwei Jahren fehlte mir dann die Motivation, um das weiter zu machen, und ich habe eine ehrenamtliche Stelle in einer Werkstatt für Menschen mit psychischen Erkrankungen angenommen. Das hat mir so gut gefallen, dass ich geblieben bin.

Was würdest du deinem Ich von damals raten, bevor es anfängt zu studieren?
Mach dich schlau, als was du später damit arbeiten kannst. Es war zwar toll und spannend und ich habe viel über Bäume gelernt, aber am Ende wusste ich, dass ich nicht in einer großen Firma arbeiten und Produkte verkaufen möchte.

Shaked Spier, 31
Bibliotheks- und Informationswissenschaften an der Humboldt-Universität in Berlin

VICE: Ich kann mir gar nichts unter deinem Studium vorstellen. Was genau hast du dort gelernt?
Shaked Spier: Gute Frage. Es geht darum, wie man mit Informationen umgeht. Das heißt, wie man Information sammelt, strukturiert und wie sie zur Verfügung gestellt werden. Wenn man Bibliothekswissenschaften hört, denkt man automatisch an eine alte, verstaubte Bibliothek. Aber der Studiengang ist sehr technisch und digital.

Also du ordnest Wissen, sozusagen?
Ja. Wir könnten jetzt darauf eingehen, was eigentlich Wissen ist und ob man das ordnen kann, aber das würde ein wenig zu lange dauern.

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Es klingt schon sehr trocken. Wieso hast du dich für das Studium entschieden?
Ich bin in Israel geboren und aufgewachsen und dort gibt es eine Wehrpflicht von drei Jahren. Ich war dort als Wissensmanager in der israelischen Luftwaffe tätig. Das fand ich total spannend und deshalb wollte ich Informationswissenschaft studieren, weil das hat ja genau damit zu tun.

Was machst du jetzt?
Ich führe bei der Firma, die die elektronische Gesundheitskarte entwickelt hat, ein Dokumentenmanagementsystem ein. Ich ordne und koordiniere die Informationen innerhalb der Firma, sodass man sie auch wiederfindet.

Hast du dir während des Studiums Sorgen gemacht, etwas zu finden?
Ich persönlich nicht, weil ich vorher schon im Bereich tätig war. Deshalb hatte ich schon eine Vorstellung davon, was ich damit alles machen kann. Aber ich denke, viele von meinen Kommilitonen hatten doch Sorgen. So viele Bibliotheken gibt es auch wieder nicht.

Würdest du das wieder zu studieren?
Ja, auf jeden Fall.

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