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Es gibt jetzt den allerersten Virtual Reality Club der Welt

Egal, wo du gerade bist: Mit einer VR Brille und einem Smartphone kannst du dank dieses neuen Projekts von Boiler Room und Google demnächst global feiern.
4.4.17

Die Welt hat ihren ersten Virtual Reality Club mit Tänzern und Musikern aus Fleisch und Blut. Anfassen kannst du die zwar noch nicht, aber du kannst dich in 3D auf ihrer Party umschauen und auch mittanzen. Boiler Room, Google und die VR-Spezialisten von Inception haben einen ersten "Boiler Room" kreiert, den du dir ab sofort in der virtuellen Realität ansehen kannst.

Präsentiert wurde "VR Dancefloors" Ende letzter Woche im Berliner Arena Club, wo das Projekt am 15. Februar auch gedreht wurde. Monatelange Gespräche, drei Wochen Vorproduktion, ein Dreh mit über 30 Beteiligten im Team von 4 Uhr morgens bis in den Abend hinein und dann mehr als ein Monat Postproduktion. FJAAK spielten live mitten auf der Tanzfläche, eine Chilloutarea und andere Räume wurden extra eingerichtet und 150 Statisten per Aufruf gecastet.

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Verfügbar ist der "Hybrid aus Musikvideo und Party", so Ibti Omer von Google, bislang nur über die "Inception: VR Videos" App auf der "Google Daydream" VR Plattform. Zum Anschauen, was du nun über von überall auf der Welt machen kannst, egal, wo du dich gerade befindest, brauchst du ein "Google Pixel" Smartphone und eine entsprechende "Daydream" Brille samt kleiner Fernbedienung sowie ein Paar Kopfhörer.

"Eine Experience schaffen"

Warum aber gerade nun Berlin und nicht zuerst Tokio, Rio de Janeiro oder London?

"Wegen der body politics der Tanzflächen hier", erklärt Steven Appleyard von Boiler Room bei der Präsentation. Heißt: In seinen Augen wird in Berlin anders gefeiert als anderswo: freier, gleicher, ausgelassener – so könnte man dieses Bild zusammen. Deshalb stehen laut Appleyard bei diesem Projekt auch die Clubgänger im Vordergrund.

Man wollte "etwas schaffen, zu dem man eine Verbindung hat", formuliert es Ibti Omer. Dabei überließ man für die Premiere allerdings wenig dem Zufall: Das Publikum für den Dreh wurde sehr genau aus den Bewerbungen zusammengestellt, um eine für Berlin "typische" Szenerie entstehen zu lassen.

Keinesfalls wolle man die lokale Clubkultur damit aber "demystifizieren", sagt Omer. Vielmehr gehe es um ein Verständnis und das schaffen einer neuen Form von "Experience".

Frei bewegen kannst du dich in dieser zwar nicht – das ist physikalisch nicht möglich –, durch 6 fest installierte 360° Kameras kannst du allerdings durch insgesamt 4 in VR interaktiv miteinander verknüpfte Räume wechseln und dabei deinen Blick in alle Richtungen schweifen lassen. Zoomen geht nicht, die Grafik ist wegen der Handybildschirme etwas pixelig, dafür ist aber auch der Sound in 3D. Schnell ist man mittendrin. Eine der Kameras wurde direkt zwischen den drei spielenden FJAAK-Jungs platziert, was schon ziemlich eindrucksvoll ist. Ein anderes Gerät richtete seine Linsen wiederum auf einen "Darkroom".

Die erste "Experience" hat allerdings nur eine Dauer von etwas weniger als einer Viertelstunde, wobei du dir allerdings natürlich auch alle Kamerapositionen in voller Länge nacheinander anschauen kannst.

Und schon nachdem dem ersten Test schwirrt einem der Kopf von Eindrücken und Zukunftsfragen.

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Wird es bald "richtige" Raves mit VR Brillen geben? Bei Google stellt man sich das so vor, dass du dir "VR Dancefloors" zu Hause gemeinsam mit Freunden anschaust. Wobei du dann deine Freunde wiederum aber nicht in der Virtual Reality siehst und sie auch nicht hörst, weil ja jede(r) eigene Kopfhörer trägt.

Welchen Einfluss wird diese Entwicklung auf Techno/Party-Tourismus haben? Swipest bzw. klickst du dich in Zukunft einfach durch ein paar VR Aufnahmen von Clubs und Raves aus aller Welt, um zu entscheiden, ob du nun endlich zum ersten Mal nach Ibiza fliegst oder doch nach Los Angeles?

Wie sieht es aus mit dem Voyeurismus? Wo bei einem normalen 2D Boiler Room-Stream für jede(n) klar ist, dass er vorne am Pult immer im Bild ist, und wo bei anderen Videostreams die Kamerabewegungen und Schnitte der Regie den Blick auf einzelne Personen beschränken, kann der Zuschauer bzw. die Zuschauerin durchweg auf einzelne Tänzer(innen) blicken.

Und wie und wo schaut man sich das Ganze an? Alleine oder mit Freunden? Im Bürooutfit, in Unterwäsche oder im Cluboutfit als Warm-up für die Nacht?

"'VR Dancefloors' ist kein Ersatz für eine Clubnacht"

Dass die "Experiences" dabei demnächst länger als 15 Minuten dauern werden, ist trotz des großen Produktionsaufwands schon jetzt abzusehen. Zu groß sind die Spielräume, die man hier aufgetan hat, zu sehr schmeckt das alles noch nach Appetithappen. Denn obwohl bei der Präsentation dann doch recht schnell zwischen den Räumen hin und her gezappt wird, würde man sich allgemein doch gerne noch mehr und länger in dem Ganzen verlieren können.

Ibti Omer sieht das ähnlich, ihrer Meinung nach ist hier etwas sehr eigenständiges entstanden. Nur der richtige begriffliche Rahmen dafür muss noch gefunden werden: "'VR Dancefloors' ist kein Ersatz (für eine Clubnacht). Und muss es überhaupt eine Erweiterung für diese sein?"

Man plane schon den nächsten Dreh.

Dieser Artikel ist zuerst bei THUMP erschienen.

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