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Psychologie

Wenn man krankhafte Angst vor Schwangerschaften hat

Was die Tokophobie zu einer besonders schwierigen Form der Angst macht ist, dass Kinderkriegen von vielen als essenzieller Teil der Identität einer Frau betrachtet wird. Wir haben mit Betroffenen und einem Arzt gesprochen.
22.4.16
Film still via 'Alien'

Kannst du dich daran erinnern, wie du das erste Mal gesehen hast, wie ein Kind zur Welt kommt? Ich war zwölf. Es war während dem Biologieunterricht. Während ich so da lag, mit meinem Kinn in meinen Händen, und auf den kleinen Fernsehbildschirm vor mir starrte, war ich vollkommen unvorbereitet auf das, was ich jeden Moment zu sehen bekommen sollte.

Manche versuchten Witze darüber zu machen, während wieder andere (wie ich) einfach nur verzweifelt an irgendetwas anderes denken wollten. Warum konnten Babies nicht tatsächlich einfach vom Storch gebracht werden? Diese Vorstellung schien weniger verrückt, als der Versuch, ein acht Pfund schweres Bündel aus Fleisch schreiend durch meine Vagina zu pressen.

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Auch mit zunehmendem Alter verspüre ich noch immer nicht die geringste Spur eines Kindeswunsches. Während meine wiederkehrenden Träume, ich wäre mit einem Alien aus Ridley Scotts Film schwanger, wenig hilfreich dabei sind, ist es weniger die Angst vor der Geburt, die mich davon abhält, Kinder haben zu wollen, als vielmehr das Gefühl, noch nicht für eine solche Verantwortung bereit zu sein. Für einige ist die Vorstellung, ein Kind auf die Welt zu bringen, jedoch so erschreckend, dass sich ebendieses Gefühl zu einem psychischen Extremzustand entwickeln kann. Dieser Zustand ist bekannt als Tokophobie und kann Depressionen, totalen Libidoverlust und Angstattacken zur Folge haben.

Kate* hat von dem Begriff Tokophobie erst im November 2015 gehört, nachdem sie bereits 45 Jahre lang unter der Angst gelitten hat. „Es ist eine Angststörung, eine spezifische Phobie und—zusammen mit einer anderen Phobie—ist es immer in mir, jede Stunde meines Lebens. Ich denke nicht immer daran, aber ich wenn ich in der Nähe von Frauen bin, die sich über Entbindungen unterhalten, kann das eine massive Angstattacke bei mir auslösen."

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2015 wurde ein Artikel veröffentlicht, der feststellte, dass die Schwangerschaftsphobie auf dem Vormarsch ist. Mittlerweile ist eine von zehn Frauen davon betroffen. Ausgelöst werden kann sie durch viele verschiedene Dinge, meistens sind jedoch traumatische Entbindungen, die Angst vor medizinischen Behandlungen oder explizite Videos und Bilder die Ursache.

Bei Kate sind eine Reihe von Ereignissen dafür verantwortlich, dass sie eine Angst vor Schwangerschaften und Geburten entwickelt hat. Zum Beispiel, dass sie von Leuten gehört hat, die während der Schwangerschaft sehr krank geworden oder sogar gestorben sind. All das begann sich zuzuspitzen, als sie mit 10 Jahren eine Dokumentation über Entbindungen im Fernsehen gesehen hat. „Meine Mutter hat die Sendung mit mir angesehen, aber kein Wort gesagt. Nach ein paar Minuten habe ich meine erste Angstattacke bekommen. Ich wusste nicht, was mit mir passiert, ich bin aber instinktiv ins Badezimmer gerannt und habe mir kaltes Wasser ins Gesicht gekippt, um nicht ohnmächtig zu werden."

Filme und Dokumentationen über Schwangerschaften und Geburten können bei Betroffenen Panikattacken auslösen. Screenshot aus dem Film „Rosemary's Baby" via Youtube

Tokophobie kann so extreme Ausmaße annehmen, dass manche Betroffene vollständig auf Sex verzichten oder Abtreibungen vornehmen lassen. 2012 hat ein besonderer Fall für Aufmerksamkeit gesorgt: Eine 24-jährige Frau hat ihre Schwangerschaft abgebrochen, nachdem sie eine Schwangerschaftsphobie ausgebildet hatte, weil sie ihr letztes Kind fünf Wochen vor dem Geburtstermin verloren hat.

Mary* war bereits im sechsten Monat schwanger, als die Tokophobie bei ihr auftrat. „Ich war wie gelähmt. Ich lag einfach nur im Bett und weinte. Aber nachdem ich schwanger war, übernahmen bald die guten alten ‚Mutterhormone' die Kontrolle und damit war die Sache gegessen. Ich bekam zwar immer noch ab und zu blitzartig Angst, aber nicht mehr so schlimm wie in dieser einen Woche der Angst, die unter den gegebenen Umständen einfach nur entsetzlich war. Ich kann mich immer noch daran erinnern wie ich dachte: ‚Was habe ich GETAN?! ICH HABE MEINE MEINUNG GEÄNDERT! ICH WILL DAS NICHT TUN!' Aber ich kam da nicht mehr raus."

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Sie hat schnell erkannt, dass es sich dabei nicht um das normale Nervenflattern vor der Geburt handeln konnte, nachdem die tiefgreifende Panik dazu führte, dass sie anfing, über extreme Lösungen nachzudenken. „Ich habe mehrfach darüber nachgedacht, die Schwangerschaft abzubrechen—das war ein einfacher Bewältigungsmechanismus. Nach der Geburt habe ich sogar nach einer Hysterektomie [Anm. d. Red.: einer operativen Entfernung der Gebärmutter] gefragt—sehr zur Verwunderung meines Arztes, weil diesbezüglich nichts falsch war mit mir."

Ich habe diese Angst ständig in mir. Ich fühle mich, als wäre ich keine richtige Ehefrau, weil ich meinem Mann keine Kinder schenken werde.

Auch wenn es nicht immer um lebensverändernde Operationen geht, bedeutet die Angststörung für viele betroffene Frauen jedoch, dass sie niemals in der Lage sein werden, Kinder zu kriegen. Kayleigh ist 29 und kommt aus Großbritannien. Auf den Begriff Tokophobie stieß sie zum ersten Mal, als sie „Angst vor Geburt" googelte.

„Ich habe diese Angst ständig in mir. Ich fühle mich, als wäre ich keine richtige Ehefrau, weil ich meinem Mann keine Kinder schenken werde." Wie man sich vorstellen kann, hat die Phobie ihre Beziehung besonders schwierig gemacht. „Es wurde zu einer echten Belastungsprobe für unsere Ehe, weil mein Mann Kinder haben wollte, ich es aber nicht kann. Ich würde zwar gerne, kann aber kein biologisches Kind zur Welt bringen, also adoptieren wir."

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Wie aber kann man diesen Zustand behandeln? Ich habe mit Trevor Turner gesprochen, dem ehrenamtlichen Facharzt für Psychiatrie des East London Foundation Trust. „Ich habe vier oder fünf solcher Fälle gehabt und die Behandlung erfordert ein Angstmanagement und eine kognitive Verhaltenstherapie. Wenn es sich dabei um die Primärerkrankung handelt (d.h. wenn die Frau vorher noch nie schwanger war), dann ist die Behandlung oft erfolgreich. Wenn die Tokophobie als Folge eines traumatischen Ereignisses auftritt (wie in Folge einer schwierigen Schwangerschaft oder Geburt, oder in Folge des Verlustes eines Babies), dann ist die Angst meist tiefer verwurzelt und unter Umständen nur schwer abzubauen."

Obwohl ich mich selbst nicht als Schwangerschaftsphobiker bezeichnen würde, verstören mich Geburten doch von Grund auf. Ich habe einfach so viele Horrorgeschichten gehört und womöglich einmal zu oft das Wort „Dammriss" gelesen. Nachdem unsere Generation länger damit wartet, Kinder zu kriegen, haben vielleicht auch die damit verbundenen Ängste mehr Zeit, sich zu entwickeln und zu reifen.

Dr. Turner sagt, dass wir vielleicht nicht einmal eine genaue Vorstellung davon haben, wie viele Betroffene es unter uns gibt—vielleicht merkst du nicht einmal, dass deine beste Freundin jedes Mal ins Badezimmer rennt, um in eine Papiertüte zu atmen, wenn jemand das Wort „Gebärwanne" in den Mund nimmt.

„Vermutlich ist es weiter verbreitet als angenommen, weil Menschen von Natur aus dazu neigen, Phobien zu verstecken und vielleicht auch weil sie sich schämen, so einen ‚abnormen und nicht-mütterlichen' Instinkt zu haben", erklärt er. „Aus diesem Grund ist es unmöglich festzustellen, ob die Zahl der Betroffenen zunimmt. Aber wie bei vielen anderen psychischen Problemen suchen Betroffene mittlerweile vermehrt Hilfe, da das Verständnis zugenommen hat und psychische Erkrankungen nicht mehr so stark stigmatisiert werden."

Was die Tokophobie zu einer besonders schwierigen Form der Angst macht ist, dass Kinderkriegen von vielen als essenzieller Teil der Identität einer Frau betrachtet wird. Selbst wenn wir uns sicher sind, dass wir keine Kinder kriegen wollen, nehmen wir doch diejenigen um uns herum wahr, die Kinder haben. Wenn die Tokophobie jedoch eine positive Sache mit sich bringt, dann ist es die Tatsache, dass sie uns zwingt, offener und verständnisvoller zu sein— gegenüber den Entscheidungen und der Wahrnehmung anderer, aber auch gegenüber ihrer immensen, angstgeladenen Panik vor Schwangerschaften.


* Namen wurden geändert