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Tschüss, Unterdrückung: Wenn saudi-arabische Frauen auswandern

"Die meisten Menschen glauben noch immer, dass alle muslimischen Frauen unterdrückt und eingesperrt werden", sagt die Fotografin Wasma Mansour und zeigt mit ihrer Serie "Single Saudi Women", dass es anders geht.

von Hani Richter
06 April 2017, 11:06am

Saudi-Arabien ist wohl einer der letzten Orte, der einem in den Kopf kommt, wenn man über die "Freiheit von Frauen" spricht. Das liegt mitunter daran, dass saudi-arabische Frauen erst seit 2015 wählen dürfen und es ihnen nach wie vor verboten ist, Auto zu fahren. Was aber passiert, wenn saudi-arabische Frauen im Ausland leben?

Im Rahmen ihrer Fotoserie Single Saudi Women hat die Fotografin Wasma Mansour junge Frauen fotografiert, die genau wie sie aus dem Nahen Osten stammen und in Großbritannien leben. "Die meisten Frauen, die ich getroffen habe, sind wegen ihrer Ausbildung oder aus beruflichen Gründen umgezogen", sagt Mansour gegenüber Broadly. "Allein das widerspricht schon den stereotypen Vorstellungen, die wir von saudi-arabischen Frauen haben. Die meisten Menschen glauben noch immer, dass alle muslimischen Frauen unterdrückt und eingesperrt werden."

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Für die meisten saudi-arabischen Frauen ist es zunächst ein echter Kulturschock, wenn sie aus einem der religiösesten Ländern der Welt, in dem fünfmal am Tag zum Gebet gerufen wird, an die weitestgehend säkulare Küste Großbritanniens ziehen. Wenn man in einer Gesellschaft aufwächst, in der einer der führenden Geistlichen glaubt, dass Autofahren unfruchtbar machen würde, ist es ganz natürlich, dass man sich selbst ausleben möchte, wenn man fernab der Heimat lebt. Genau das wird auch in Mansours Fotos deutlich. Sie zeigen insbesondere, wie saudi-arabische Frauen ihre Individualität innerhalb ihrer eigenen vier Wände verwirklichen.

Mansour möchte mit ihren Bildern aber auch die grenzüberschreitende Normalität der weiblichen Existenz zum Ausdruck bringen. Denn letztendlich sehen die Schlafzimmer der Frauen genauso aus wie jedes andere Studentenzimmer auf der ganzen Welt: ein Audrey-Hepburn-Poster über der Kommode, provisorische Kleiderstangen an den Wänden und ein Seitenschläferkissen im Bett.

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"Ihnen geht es vor allem darum, die Möglichkeit zu haben, sich weiterzuentwickeln und sich selbst zu finden oder einfach nur sie selbst zu sein", sagt Mansour. Damit möchte sie auch sagen, dass das Stigma von der Unterdrückung muslimischer Frauen nur insofern existiert, als dass man ihnen ihre Individualität abspricht.

Gleichzeitig fängt sie mit ihren Fotos eine Form der Verwundbarkeit ein, die damit einhergeht, dass die Frauen allein in einem fremden Land leben – weit weg von ihren Familien. Sie alle teilen das Gefühl, das vermutlich jede junge Frau kennt, die schon mal allein im Ausland gelebt hat. "Wenn man sich die Umgebung der Frauen ansieht", erklärt sie, "bekommt man einen Eindruck davon, wer sie sind. Das Drumherum verrät sehr viel über ihre Persönlichkeit."

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Mit ihrer Fotoserie will sie die Leute zum Umdenken anregen. "In den meisten Auseinandersetzungen mit saudi-arabischen Frauen geht es darum, dass sie unterdrückt werden und befreit werden müssen", sagt Mansour. "Ich möchte damit nicht sagen, dass es nicht auch Frauen gibt, auf die das zutrifft – aber geht es letztendlich nicht allen Frauen so?"

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