Feminisme

Wie es sich anfühlt, seine Mutter viel zu früh zu verlieren

„Wenn man seine Mutter früh verliert, dann fühlt sich das an, als würden die Stützräder deines Fahrrads abfallen, von denen du gar nicht wusstest, dass du sie hast. Man lernt das Fahrradfahren zwar trotzdem, aber man fragt sich immer, ob man vielleicht...
20.5.16
Author and her mother

Meine Mutter starb, als ich 20 war. Den Großteil unserer gemeinsamen Zeit über war ich ein Teenager und wie bei vielen in diesem Alter, war auch meine Beziehung zu meiner Mutter damals ziemlich nervenaufreibend. Es war mir peinlich, dass sie sich so sehr in mein Leben einmischte, wie damals, in meinem ersten Jahr auf der High School, als sie eine Szene machte, weil uns der Lehrer stark vereinfachte Versionen von literarischen Klassikern zu lesen gab. Heute weiß ich zu schätzen, was sie für mich getan hat.

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Sie wollte immer zur Maniküre und Pediküre mit mir gehen, aber mein Teenager-Ich konnte sich nicht ein einziges Mal überwinden. Ich habe ihr gesagt, es wäre einfach nicht mein Ding, obwohl es sie so glücklich gemacht hätte. Mittlerweile gehe ich regelmäßig zur Maniküre und Pediküre und wünschte, sie wäre dabei.

Nachdem sie gestorben ist, habe ich mich oft nach ihrem Einfluss gesehnt. Ich habe sie und ihre Liebe als Selbstverständlichkeit betrachtet. Ich weiß, wenn sie in meinen 20ern noch gelebt hätte, hätte sie in vielerlei Hinsicht eine wichtige Rolle in meinem Leben gespielt—vom Beruf bis zu hin zum Haarschnitt. Ich frage mich oft, wie sich unser Verhältnis wohl entwickelt hätte, wenn sie noch am Leben wäre.

Ich habe mit anderen Frauen gesprochen, die ihre Mütter ebenfalls früh verloren haben und habe sie gefragt, was sie am meisten an ihren Müttern schätzen, jetzt wo sie nicht mehr da sind.

Jena Cumbo war 19, als ihre Mutter starb. Ihre Mutter litt an einer bipolaren Störung und zwei verschiedenen Arten von Krebs. So lange sich Cumbo zurückerinnern kann, war ihre Mutter immer wieder im Krankenhaus. Auch, wenn sie noch immer krank war, wenn sie wieder nach Hause kam, schien es ihr danach immer irgendwie besser zu gehen.

„Ich glaube, mein Bruder und ich fanden es selbstverständlich, dass es ihr besser gehen würde. Ich bin immer davon ausgegangen, dass es ihr besser gehen würde. Ich wusste, dass es passieren könnte [der Tod der Mutter], aber ich habe nie gedacht, dass sie tatsächlich stirbt."

Cumbo fragt sich oft, ob sie die gleichen Entscheidungen im Leben getroffen hätte, wenn ihr Mutter noch am Leben gewesen wäre.

„Mein Vater war kein richtiger Vater für mich. Als ich nach Los Angeles gezogen bin, hatte er keine wirkliche Meinung dazu. Ich glaube, er weiß nicht einmal, womit ich mein Geld verdiene. Meine Mutter wäre stärker in mein Leben involviert gewesen. Ich denke, ich bin viele Risiken eingegangen, weil sie nicht da war, um ‚Nein' zu sagen. Wenn sie da gewesen wäre, hätte sie mir vielleicht das Gefühl gegeben, andere Entscheidungen treffen zu müssen—Entscheidungen, die sicherer gewesen wären als die, die ich getroffen habe."

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Immer, wenn Cumbo Beziehungsprobleme hat oder kurz vor einem Umzug steht, wünscht sie sich, sie könnte ihre Mutter anrufen.

Kristin Palardy war 23, als ihre Mutter starb. „Ich kannte sie als die verrückte Frau, die in der Küche herumtanzte und fast nur Long Island Ice Tea und Erdbeerwein getrunken hat. Sie liebte ihr Tigger-Sweatshirt, ihre Kinder, unsere beiden Bernhardiner und den Song ‚Without Me' von Eminem, den sie immer ‚two trailer park girls go round the outside' nannte. Sie ging auf Nutztiermärkte und kam meist erst um Mitternacht wieder nach Hause, roch nach Sägemehl und hatte Hühner oder Lämmchen für ihre Menagerie im Schlepptau. An Thanksgiving warf sie immer mit heißen Brötchen nach uns, wenn wir nicht aufpassten … Ihr liebevoller Spitzname für ihre Töchter war ‚Arschloch' und sie war ziemlich stolz auf ihr T-Shirt, auf dem ‚Die besten Brüste der Stadt' stand."

Palardy bereut, dass sie ihre Mutter nicht mehr zu ihrer Vergangenheit gefragt hat.

„Auf ihrer Beerdigung erzählte mein Onkel die Geschichte, wie meine Mutter ein paar Jungs verprügelte, von denen sie auf dem Weg zum Blumenladen ihres Onkels schikaniert wurden. Die Geschichte überraschte mich nicht, aber ich war traurig, dass sie sie mir nicht selbst erzählt hat. Ich habe nie gefragt."

Becky Gollin war ebenfalls 23, als ihre Mutter starb. „Ich vermisse die dummen kleinen Dinge, all die Kleinigkeiten, die mich an ihr genervt haben, die mich aber auch zum Lachen brachten", sagt sie. „Sie hatte überhaupt keinen Sinn für Privatsphäre. Wenn ich in einem Laden in der Umkleidekabine stand, riss sie einfach die Tür auf und ich schrie: ‚Mama! Ich steh hier nur in Unterwäsche!'"

Gollin fuhr Taxi, als sie im College war. Sie kam oft erst spät nach Hause und ihre Mutter wollte jeden Morgen Gollins Trinkgeld zählen.

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„Sie weckte mich morgens und fragte mich, wie viel ich in der letzten Nacht verdient hätte. Sie wollte das Geld unbedingt zählen, um zu sehen, wie viel ich verdient hatte. Das war ziemlich süß. Selbst wenn ich das Geld schon gezählt hatte, sagte ich ihr nicht, wie viel es war, weil sie es so gern zählte", sagt sie.

Gollin sagt, dass sie sich manchmal wünscht, sie könnte ihre Mutter anrufen, um sie bei kleinen Dingen um Rat zu fragen, zum Beispiel beim Kochen.

„Natürlich gibt es das Internet und ich könnte auch andere Leute fragen, aber es gibt bestimmte Dinge, die man von seiner Mutter lernen sollte", sagt sie.

Jenny Millers Mutter starb, als sie 21 war. Heute ist sie 42 und selbst Mutter. Sie sagt, dass sie ihre Mutter noch stärker vermisst hat, als sie ihr erstes Kind bekommen hat. Sie hatte zwar auch Freundinnen, die schon Mütter waren, Tanten und eine Schwiegermutter, aber das war nicht dasselbe.

„Ich hatte trotz allem das Gefühl, komplett allein zu sein. Wie ein Puzzle, bei dem ein Teil fehlt", sagt sie.

„Wenn man seine Mutter früh verliert, dann fühlt sich das an, als würden die Stützräder deines Fahrrads abfallen, von denen du gar nicht wusstest, dass du sie hast", sagt Anne Walls, die ihre Mutter verloren hat, als sie 20 war. „Man lernt das Fahrradfahren zwar trotzdem, aber man fragt sich immer, ob man vielleicht besser geworden wäre, wenn man die zusätzlichen Räder noch etwas länger gehabt hätte."

Walls sagt, dass sie damals, als ihre Mutter starb, froh war, dass sie sie erst verloren hat, als sie schon „irgendwie" erwachsen war und sie nicht schon gestorben ist, als sie noch ein kleines Kind war.

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„Heute bin ich 37 und merke, wie jung ich damals noch war. Wie viel ich noch von ihr hätte lernen können. Und wie viel ich mir selbst beibringen musste. Aber weißt du was? Nachdem ich letztes Jahr geheiratet habe und jetzt mein erstes Kind erwarte, bin ich ziemlich glücklich, wie alles läuft."

Kaysie Breer hat ihre Mutter mit 18 verloren. Sie vermisst die Art, wie ihre Mutter Parfum aufgelegt hat: zwei Spritzer jeden Morgen, kurz bevor sie das Haus verlassen hat. Als Breer im College war, schickte ihre Mutter ihr jede Woche eine Karte, nur um „Hallo" zu sagen. Jede Karte endete mit dem Satz: „Vergiss nicht, sei immer freundlich." Nach dem College schickte sie ihr immer noch jede Woche eine Karte—obwohl sie sich fast jeden Tag sahen.

„Als ich jünger war, erzählte sie mir oft Geschichten von ihrer Mutter, die vor meiner Geburt gestorben war. Ich dachte oft: ‚Mama, ich hab die Geschichte schon hundertmal gehört, okay, sie ist weg.' Heute erzähle ich meinen Kindern auch ständig Geschichten von meiner Mutter und ich weiß, dass ich mich auch immer und immer wieder wiederhole. Ich bin sicher, dass (mein Sohn) Matthew sich dasselbe denkt, wie ich damals, aber ich will, dass sich meine Kinder vorstellen können, was für eine Frau sie war und vielleicht auch, warum ich so bin, wie ich bin und wie ich zu der Person geworden bin, die ich heute bin."

Beckie Shellenberger war 22, als ihre Mutter starb. „Ich vermisse ihre bedingungslose, unendliche Liebe. Es war ganz egal, was ich gemacht oder gesagt habe. Nichts auf der Welt hätte sie davon abhalten können, mich zu lieben", sagt sie. „Ich vermisse das Gefühl, nicht immer stark sein zu müssen. Ich vermisse das Gefühl, nicht allein zu sein. Ich vermisse diesen einen Menschen, der mich voll und ganz verstanden hat…Ich habe ein riesiges Loch an der Stelle in meinem Herzen, wo meine Mutter war und niemand wird diese Lücke jemals füllen können. Aber ich denke, das sollte auch niemand. Eine Mutter zu haben, ist ein unglaublicher Segen, den man immer zu schätzen wissen sollte. So wie sie mich geliebt hat wie niemand sonst, hab auch ich sie geliebt wie niemand sonst."